Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
Historiker und Buchautor

 

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Freiheit und soziale Verantwortung

Zwei Ideologien sind gescheitert. Der Spekulationskapitalismus ist gescheitert, weil er unternehmerische Werte nicht nachhaltig gemehrt, sondern des kurzfristigen Gewinns wegen zerstört hat. Er ist ebenso gescheitert wie der Sozialismus. Beide fußen auf einem falschen Menschenbild.

Besinnen wir uns in der Krise auf das, was trägt und sich über Jahrzehnte bewährt hat:

Unsere Soziale Marktwirtschaft war und ist eine Wirtschaftsordnung, die nachhaltig materielle Werte, sozialen Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt schafft. Wir wollen eine Renaissance der Sozialen Marktwirtschaft. Dafür stehe ich persönlich mit meiner Regierung.

In der Sozialen Marktwirtschaft geht es nicht nur um Marktwert, sondern auch um Menschenwürde. Aus der Wertschätzung des Einzelnen erwächst die Wertschöpfung für das Ganze.

Soziale Marktwirtschaft bedeutet Überwindung klassenkämpferischer Ideologie durch soziale Partnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Tarifpartner haben gerade in letzter Zeit ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung in hohem Maße wahrgenommen. Dafür möchte ich Arbeitgebern wie Gewerkschaften herzlich danken. Diese Verantwortung brauchen wir gerade jetzt in der Krise besonders.

Der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer in seiner Regierungserklärung vom 10.12.2008

 

 

 

Stefan Winckler

Wo bleibt der Mittelstand? Journalisten und Soziale Marktwirtschaft

 

Der Journalismus, der ja zum Teil gleichbedeutend ist mit "Kritik als Beruf", ist selbst immer wieder Gegenstand von "Kritik am Beruf" geworden. Dies trifft gerade auch auf den Wirtschaftsjournalismus zu. Diese Kritik wird nicht nur von Unternehmern ausgesprochen, deren PR-Maßnahmen ins Leere laufen und die deshalb die Sündenböcke unter den Journalisten ausmachen. So wusste der Romanautor Gustav Freytag ("Soll und Haben") schon im 19. Jahrhundert: "Die Welt klagt über den Journalismus, und jedermann möchte ihn für sich gebrauchen". Konkreter ist der Hinweis Hans-Peter Stihls (DIHT-Präsident von 1989 bis 2001), "dass Wirtschaftsthemen immer häufiger in den Redaktionen von Journalisten behandelt werden, die im allgemeinen nicht wie Wirtschaftsjournalisten über die notwendigen Sachkenntnisse verfügen". Sie seien "weder willens noch kompetent, Meldungen zu recherchieren und fachlich zu bewerten", außerdem mache die Zeitknappheit den Dialog mit der Wirtschaftsredaktion zunichte (1). Dem wäre noch hinzuzufügen: So manche Recherche dient dem Journalisten auch zur Bestätigung des eigenen (Vor-)Urteils.

Im Grund genommen kann sich die ökonomische Kompetenz der Wirtschaftsredakteure (die im übrigen fast alle ein Studium absolviert haben), sehen lassen: Eine publizistikwissenschaftliche Untersuchung ergab, "dass über die Hälfte der befragten Wirtschaftsjournalisten Wirtschaftswissenschaften studierte" und knapp zwei Fünftel einmal "im Bereich Handel und Finanzen gearbeitet" haben (2). 

 

Allerdings klaffen die politischen Einstellungen von Wirtschaftsjournalisten und dem Mittelstand auseinander: Während letzterer eher rechts der Mitte steht, stuften sich 1989 50 Prozent der im Rahmen einer weiteren Magisterarbeit befragten 155 Wirtschaftsredakteure „links“, 26 Prozent in der „Mitte“ und 24 Prozent „rechts“ ein. Insgesamt entsprecht dies einer Einstellung etwas links der Mitte: dem Wert 41,3 auf einer Skala von 0 (äußerst links) bis 100 (äußerst rechts).

 

Das Gegenargument, in den Wirtschaftsredaktionen der FAZ oder der „Welt“ seien „Linke“ wohl nur schwer anzutreffen, ist durchaus zutreffend: die „Linken“ sind tatsächlich weit häufiger bei den regionalen (56 Prozent) als bei den überregionalen Medien (34 Prozent) beschäftigt (3).

 

Andreas ausgedrückt: Während die überregional arbeitenden Journalisten für „Zurückhaltung des Staates“ plädieren, (73 vs. 27 Prozent) setzen ihre Kollegen aus den Regionalblättern stärker auf staatliche Intervention zugunsten von „Ausgleich“ und „sozialer Gerechtigkeit“ (69 vs. 31 Prozent) (4). Eine Linksverschiebung ist mit dem Zugang junger Journalisten in den 1980er Jahren nachgewiesen (5), sie dürfte sich auch in den 1990er Jahren fortgesetzt haben: Die Journalisten, die in der DDR ausgebildet wurden, blieben mehrheitlich in ihrem Beruf und fühlten sich eher dem Ideal der Gleichheit als der Freiheit verbunden.

 

Da Medienbeiträge über Wirtschaft (einschließlich Wirtschafts- und Sozialpolitik) nicht nur von den Fachredakteuren, sondern auch von Redakteuren aus anderen Ressorts verfasst werden, sollten wir auch jene in unsere Betrachtung einbeziehen – zumal sich Wirtschaftsredakteure bei der gemeinsamen Arbeit mit Kollegen aus der Politikredaktion eher deren Auffassungen anpassen als umgekehrt. Laut der jüngsten repräsentativen Befragung (6) politischer Journalisten ergaben sich folgende Parteipräferenzen:

 

 

Keine Partei   36,1

 

Grüne              26,9

 

SPD                 15,5

 

CDU/CSU         9

 

FDP                  7,4

 

Linke               4,2

 

Sonstige          0,9

 

Diese Ergebnisse bestätigen den Trend, der seit Mitte der 1970er Jahre von Publizistikwissenschaflern unterschiedlicher Institute gemessen wurde. 

 

Mit dieser relativ starken rot-grünen Orientierung positionieren sich Journalisten deutlich weiter links als ihr Publikum, das sie nicht nur informieren, sondern auch beeinflussen. Konsequenzen sind die bereits in den 1970er Jahren in Westdeutschland nachgewiesenen Unterschiede im Problembewusstsein und die Prioritätensetzung. Zwar kann und soll keinesfalls eine völlige Übereinstimmung der „veröffentlichten“ mit der öffentlichen Meinung verlangt werden. Doch die Mainzer Publizistikwissenschaftler um Elisabeth Noelle-Neumann fragten aus guten Grund bereits in den 1970er Jahren nach der Legitimation der Journalisten angesichts ihrer Einflussmöglichkeiten, nach den Folgen der vergleichsweise starken Übereinstimmung der Journalistenmeinungen untereinander und ihrem Widerspruch zu den Ansichten der Bevölkerung. Über 30 Jahre sind seitdem vergangen, das Problem hat sich unter dem Vorzeichen der „politischen Korrektheit“ noch verschärft. Ein Beispiel aus den 1990er Jahren:   Die mittelstandsfreundliche Einstellung des Bundes freier Bürger und dessen klar erkennbarer Orientierung an der Sozialen Marktwirtschaft blieb in den Massenmedien weitgehend unerwähnt, während weniger wichtige Inhalte dieser bürgerlichen Partei – wie die Haltung des Vorsitzenden Manfred Brunner zu Jörg Haider und zu den Republikanern – berichtet wurden. Gründe für das Beschweigen dieser sogar sehr werbefreudigen Partei sind aber nicht nur im politischen Wertekanon vieler einflussreicher Journalisten zu suchen, sondern auch in der seinerzeitigen Macht Helmut Kohls: Zu den Spezialkenntnissen der politischen Klasse gehört auch die Bekämpfung des parteipolitischen Konkurrenten.

 

Zwar kann aus all diesen Daten nicht geschlossen werden, dass Journalisten Tag für Tag, Woche für Woche ihre politisch-gesellschaftlichen Einstellungen in Medieninhalte umsetzen. Vielmehr gilt die Trennung von Bericht und Kommentar als hohes Gut, und unzählige Journalisten sind Tag für Tag unter erheblichem Zeitdruck darum bemüht, möglichst sachlich und präzise zu informieren. Aber es ist nachgewiesen, dass Werte, Einstellungen und Meinungen der Journalisten durchaus einen Einfluss auf ihre Nachrichtenauswahl haben, ohne dass dies den jeweiligen Medienpraktikern immer bewusst ist. Zwar haben vor allem Wirtschaftsjournalisten eine recht gute Meinung von Pressemitteilungen (ca. 50 Prozent: "sind zuverlässig, sparen Zeit beim Recherchieren, bieten Anregungen für neue Themen, stellen notwendige Informationen bereit" (7). Dies PR-Material fließt in Alltag stark in die Berichterstattung mit ein. Aber was ist, wenn ein Unternehmen in Verruf gerät, die Umwelt oder die Verbraucher geschädigt zu haben? Dann haben wir einen "publizistischen Konflikt" vorliegen, der vor einem Publikum mittels Informationen durch die Massenmedien zwischen mehreren Kontrahenten ausgetragen wird. Journalisten aus anderen Ressorts nehmen sich ebenfalls des Themas an. Sie sind dann aufgefordert, die sich oft widersprechenden Informationen des Unternehmens, von Umwelt- und Verbraucherverbänden, den örtlichen politischen Parteien usw. in der Berichterstattung zu gewichten. Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungeen ergaben, dass die Journalisten dann bevorzugt jene Stellungnahmen veröffentlichen, die ihre eigene Sichtweise stützen, und andere Aussagen herunterspielen. Die oben skizzierte Neigung von Journalisten zu linken Positionen kommt so zum Ausdruck: Dem Unternehmen, das am modernen medialen "Pranger" steht, gelingt es oft nur unzureichend, seine Argumente der Öffentlichkeit zu unterbreiten, wenn rote oder grüne Kontrahenten ebenfalls ihre PR-Maßnahmen entfalten und die CDU/CSU einknickt. Ein Beispiel ist die Berichterstattung über die Firma "Müller-Milch" 1991, als die "Augsburger Zeitung" dem Unternehmen illegale Machenschaften vorwarf, die tatsächlich aber im Konsens mit der zuständigen Kommune geschehen waren und sich zum grössten Teil als unwahr herausstellten.

 

Mit dieser Neigung verknüpft ist die Berufsrolle, zu der sich ein Journalist bekennt: Die deutschen Journalisten insgesamt und auch die Wirtschaftsjournalisten sehen sich nicht nur als "neutrale Berichterstatter", sondern auch als Kritiker an Missständen (8). Diese gesellschaftskritische Tendenz (die zu einer rapiden Zunahme der Berichterstattung über Schäden und Risiken seit etwa 1970 führte, obwohl gleichzeitig der Naturschutz immer größere Fortschritte machte), ist auf die Studentenrevolte von 1967 bis 1969 zurückzuführen: Bezeichnete sich zuvor ein Journalist als "kritisch", dann schrieb er sich eine besonders genaue Prüfung der Quellen ("Sind sie glaubwürdig, stimmen diese Meldungen wirklich?) zu. Seitdem hat sich der Begriff "kritisch" im Sinne von "gesellschaftskritisch" sowie "kritische Theorie" durchgesetzt und seine Bedeutung völlig verwandelt.  So können wir von der These ausgehen, dass "schlechte" und zugleich einfach zu verstehende Nachrichten über Entlassungen, Konkurse, Wirtschaftskriminalität, "neue Armut" oder Umweltverschmutzung eher veröffentlicht werden als mikroökonomische Erfolgsbilanzen, die nicht auf den ersten Blick zu begreifen sind. Beispielsweise war es für den Zuschauer und Zeitungsleser nach 1990 sehr viel leichter, näheres über die vermeintlich schlimmen Folgen der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion mit der untergehenden DDR aus den Medien zu erfahren, als über die begrüßenswerten Zeichen einer marktwirtschaftlichen Entwicklung: Gewerbeanmeldungen, Privatisierungen, Niederlassungen und Unternehmensgründungen. Ein Mittelstand begann, sich trotz mancher Schwierigkeiten der Transformation zu formieren. Während Umfragen ergaben, fass die Neu-Bundesbürger die Wiedervereinigung sehr viel stärker positiv als negativ sahen (per Saldo geht es ihnen demnach besser als zuvor), erfuhren wir aus den auflagenstarken Massenmedien (zum Teil denselben, die zuvor ohne große Bedenken Stasi-Material verwendeten, wenn es ihnen ins Konzept passte) viel von "Ossi-Wessi"-Konflikten, neuer Armut, Enttäuschung und Verbitterung, nicht gehaltenen Investitionszusagen und Unzulänglichkeiten der Treuhandanstalt - als ob die Menschen nicht durch Sozialismus und Sowjet-Kolonisierung, sondern durch Kohl und die Soziale Marktwirtschafts ins Elend gestürzt worden wären. So klafften Realität und Medienrealität auseinander. 

 

Immer wieder ist von Risiken für den Konsumenten durch einzelne weithin bekannte Produkte zu lesen. So ging die Meldung von einer Massenvergiftung belgischer Schüler nach dem Genuss von Coca-Cola im Juni 1999 durch die Medien. Die wenigsten Menschen dürften aber von dem offiziellen Untersuchungsbericht erfahren haben, der Monate später die Ursache auf eine Massenpsychose der Betroffenen angesichts von Prüfungsstress und Verunsicherung durch die Rinderwahn-Debatte und ähnliches zurückführte (9). Offenbar war keiner der Journalisten während des "Sommerlochs" auf die Idee gekommen, außer dem Unternehmen auch die betroffenen Konsumenten und ihre Befindlichkeiten einer kritischen Fragestellung zu unterziehen. 

 

In Deutschland geriet nicht nur die A-Klasse aus dem Hause Mercedes, sondern auch der Sportwagen TT von Audi ins Gerede, der nach Aussage von Fahrern nach dem Abbremsen bei Tempo 170 allzu oft in der Leitplanke landete. Glaubte man den Journalisten, lag die Schuld bei Audi. 1100 Einzeltests, durchgeführt vom sicherlich neutralen TÜV Süddeutschland, belegten keinen einzigen technischen Fehler. Stattdessen erinnerte die TÜV-Studie die Fahrer daran, dass gerade bei hohen Geschwindigkeiten schon aus Gründen der Physik eine gewisse Vorsicht angebracht sei (10). Folgen einer solch einseitigen Berichterstattung (die zuweilen auf medienträchtigen Aktionen von Greenpeace mit aktionsreichen Fotos und Fernsehbildern beruht) sind Rückgang des Verbrauchervertrauens, Umsatzeinbußen unter Umständen bei ganzen Branchen, Entlassungen, Störungen der Kommunikation von Wirtschaft und Medien. Was für Coca-Cola sicher keine bleibende Katastrophe ist, kann sich für ein mittelständisches Unternehmen verheerend auswirken.  

 

Doch nicht  nur die Konsumenten, sondern auch die Umwelt (früher schlicht und ergreifend "Natur" genannt) ist, glaubt man vielen Journalisten, von der Wirtschaft potenziell bedroht. Denn nachdem der alt-linke Klassenkampfgedanke in der Sozialen Marktwirtschaft an Zugkraft verlor, entdeckten neu-linke Intellektuelle die Umwelt als "neues Proletariat", das der Ausbeutung und Zerstörung durch Kapitalisten ("die Chemiekonzerne", die "Plutoniumwirtschaft" usw.) preisgegeben sei. Im Zuge eines gar nicht so beschwerlichen "Marsches durch die Institutionen" gelang es auch vielen Journalisten vor allem in den öffentlich-rechtlichen Anstalten speziell in den 1970er und 1980er Jahren, Unternehmer negativ zu charakterisieren. Es geht aber auch subtiler: Immer wieder vertrauen Journalisten in den publizistischen Konflikten jenen Wissenschaftlern, die von der Wirtschaft "unabhängig" seien, aber die Auffassungen der Medienpraktiker teilen: etwa in Bezug auf den Treibhauseffekt. Dass diese Wissenschaftler aber in ihrem Fach oft wenig Ansehen genießen, steht auf einem anderen Blatt. Deren Sichtweisen haben aber wegen ihrer Einfachheit bessere Chancen, an die Öffentlichkeit transportiert zu werden als differenzierte Sachverhalte, die sich nicht in wenigen Minuten der Masse erklären lassen. 

 

Im übrigen ist die Neigung zum mitunter moralinsauren Meinungsjournalismus eine alte deutsche Spezialität: Während sich in Großbritannien Journalisten weit eher als "Spürhunde denn als "Missionare" (Renate Köcher) begreifen, gibt es in Deutschland seit langer Zeit die Tradition des Weltanschauungsjournalismus und der Parteizeitungen, die erst nach 1945 zugunsten der neutralen Berichterstattung und der Generalanzeiger-Presse an Boden verlor. Dennoch überlappen sich hierzulande die Rollen des recherchierenden und des kommentierenden Journalisten weit stärker als in den angelsächsischen Ländern sowie in Schweden, und auch die Freude am Kommentieren, Glossieren und Belehren bis hin zum Anspruch "intellektuell" zu sein, ist hierzulande viel stärker ausgeprägt. 

 

Wirtschaftsmagazine und Verbraucher-Infosendungen

 

Nicht zu vergessen sind im Zusammenhang mit Journalismus und Wirtschaft die Verbraucherinformationen, die beispielsweise in der Sendereihe WiSo des ZDF großen Raum einnehmen und sich an die Masse richten: Versicherungstips, Steuersparen, Geldanlage. Der langjährige Redakteur für Versicherungsthemen der "Börsen-Zeitung", Gerhard Schanz, sieht seine Kollegen sehr kritisch: 

"Im Versicherungsjournalismus zeigt sich mitunter ganz stark die eigene Neigung, die in der Wirtschaftspublizistik sonst kaum vorkommt: Die Werturteile sind stark moralisch geprägt. Auffällig ist das besonders bei Verbrauchersendungen, die für ihre Klientel "kämpfen", oder bei einschlägigen Artikeln. Die Recherche von wirklich oder scheinbar schlecht bearbeiteten Schadensfällen ist oft sehr einseitig. Moderator(inn)en ohne Sachkunde versuchen sich an schwierigen Haftpflichtfällen, die sich häufig nicht in der verfügbaren Zeit juristisch korrekt darstellen lassen, so dass ein falsches Bild entsteht. Versicherer vorzuführen, sollte aber einem ,Aufklärer' als journalistisches Ziel nicht genügen" (11).

Der "gierig-geizige" Versicherungskonzern passt eben in ein antikapitalistisches Schema, das dann modisch-knapp bedient wird. Alles in allem bringen diese Sendungen dem zuschauer wohl die eine oder andere nützliche Information, aber was lernt er darin über die Leistung eines Selbständigen, eine Handwerkers, eines Kleinunternehmers in der Sozialen Marktwirtschaft? So gut wie nichts. Der Mittelstand ist viel zu wenig sichtbar. Doch gerade dazu, und auch zu den "großen Themen" wie Fusionen und die Mechanismen des Wertpapierhandels (einschließlich der Risiken) sind verständliche Hintergrundinformationen wünschenswert, wobei kontroverse Sichtweisen- etwa durch zwei ausgewiesene Experten mit unterschiedlichen Sichtweisen - am dienlichsten erscheinen.

 

Börse für die Masse

 

Ab Mitte der 1990er Jahre nahm der Wertpapierbesitz gerade auch jener Schichten zu, deren Geldanlage sich bislang auf Sparbuch und Lebensversicherung beschränkte. Schon in den späten 1980er Jahren entwickelte sich zunächst bei den privaten Fernsehanbietern eine neue Programmsparte: das Börsenfernsehen, das nachfolgend auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern seinen Platz fand. Desweiteren fanden sich im Zuge der Aktien-Euphorie sogar in den in den Zeitungsauslagen zahlreicher Supermärkte die bunten Blätter wie "Focus Money", "Euro am Sonntag", "Börse online" usw. die ebenfalls jene schillernde Oberfläche ds Wertpapierhandels widerspiegeln: "Jetzt günstig einsteigen! Der nächste Boom kommt!" - solche Parolen waren nach dem Absturz des "Neuen Marktes" zu lesen. damit ist das Thema Geldanlage, welches nicht nur Kompetenz, sondern auch Verantworungsbewusstsein der Journalisten erfordert, innerhalb kurzer Zeit in einen sehr heftigen Quoten- und Auflagenwettbewerb hineingezogen worden. Selbst der Finanzteil der "Welt" zeigte sich, um die zahlungskräftige "Generation Internet" zu gewinnen, nach jedem Dax-Anstieg 2000 in Champagnerlaune, während sich die fachkundigen technischen Analysen in der FAZ gleichzeitig zurückhaltend-kritisch gaben. Was sich gegenüber 1995/96 geändert hatte, war die sprunghaft angestiegene Zahl von Stellungnahmen der Analysten mit ihren Einschätzungen und Empfehlungen zu den Einzelwerten. Einerseits als kompetente, speziell ausgebildete und außerordentlich gut informierte Experten ausgewiesen, sind sie gleichwohl nicht neutral, denn die Banken als ihre Arbeitgeber leben nicht unwesentlich vom Wertpapierhandel und sind daher an möglichst großen Kaufaufträgen des Publikums interessiert: Die Banken im Emissionskonsortium (die eine Kapitalgesellschaft an die Börse bringen) werden schon aus Eigeninteresse alles un, um die Bewertung günstig und die Kaufaufträge hoch zu halten. Insofern ist auch zur Quelle "Analyst" (die im übrigen nicht alles preisgeben kann, was sie weiß) eine kritische Distanz angebracht, um so mehr, wenn schlechte Unternehmensnachrichten die Stimmung umschlagen lassen und die Analysten scharenweise und kurzfristig auf "Verkauf" setzen. So traten die weiterhin eher optimistischen Kursprognosen und Kaufempfehlungen seit dem März 2000 selten ein, dem Crash an den Börsen folgte ein Auflagenrückgang dieser Zeitschriften. Bei allem Verständnis für die Anleger, die sich selbst gerne bestätigt sehen und (gerade als Neulinge) die präzise Kaufempfehlung der ausführlichen Erörterung vorziehen: Neben "Wasserstandsmeldungen" und von den Veränderungen der Indizes und der Einzelwerte wären weit mehr genaue, möglichst unabhängige Analyse gerade der neuen Aktiengesellschaften mit aussagekräftigen betriebswirtschaftlichen Kennziffern ("fundamentale Daten") nötig gewesen, um vor Überbewertungen zu warnen. Denn vielen nur mit einer vagen Vision auf langfristige Gewinne ausgestatteten Aktiengesellschaften am Neuen Markt stand ein Aktienkapital zur Verfügung, das eher zu einem etablierten Großunternehmen passte. Die Journalisten der 3Sat-Börse beanspruchen wohl, ein gutes Beispiel zu geben: "Wir haken kritisch nach, wenn eine Aktie umjubelt wird, obwohl es auch weniger begeisternde Nachrichtenmeldungen dazu gibt. Wir möchten vor allem piksen" (12). Dem wäre hinzuzufügen, dass sich heute mit Hilfe des Internets und durch die größere Auskunftsfreudigkeit vor allem der großen Unternehmen erheblich leichter recherchieren lässt als in den 1980er Jahren. 

Da ein Finanzjournalist vom neutralen Berichterstatter zum Akteur werden kann (indem er Aktien, die er selbst besitzt, zum Kauf empfiehlt), erscheinen Vorkehrungen wünschenswert. Sie können redaktionsintern festgelegt werden, wie etwa bei der "Washington Post": "Jeder Reporter und Redakteur muss seinem Ressortleiter jeden finanziellen Zusammenhang offenbaren, der beim Schreiben oder Redigieren wirkliche oder scheinbare Konflikte schaffen könnte". Sie können auch durch externe Prüfer erfolgen (13).

 

Desweiteren hätte der traditionsreiche, vor langer Zeit schon hochwertige deutsche Börsenjournalismus so vieler englischer Fachausdrücke nicht bedurf. Denn einerseits erwarten Leser von ihrem Medium ein hohes Maß an Verständlichkeit. Andererseits waren laut einer Untersuchung so gut wie alle befragten Journalisten (100 Prozent) der Ansicht, Klarheit und Verständlichkeit sollten den Vorrang vor differenzierter, aber "fachchinesischer" Ausdrucksweise genießen (14). 

 

Die Konzentration der Medieninhalte auf das Steigen und Fallen der Aktienkurse speziell der New Economy verdeckte vollkommen die Bedeutung der kleinen und mittleren Betriebe, des Handwerks, der Selbständigen und der freien Berufe, mit anderen Worten: Der Mittelstand, ohnehin schon von der Politik vernachlässigt, , kam auch in den Medien, verglichen mit seiner Rolle als Ausbilder und Steuerzahler, zu kurz. Dabei hätten sich angesichts der Steuerreform-Debatte und dem Diskurs um das Betriebsverfassungsgesetz 2001 Gelegenheiten ergeben, umfassend auf Anregungen und Erwartungen der Selbständigen, der freien Berufe und der Handwerksmeister einzugehen, und zwar durch Gastbeiträge von Experten beispielsweise des Mittelstandsinstituts Hannover sowie durch Umfragen in den genannten Berufsgruppen - ohne deshalb gleich zum Sprachrohr der Lobbyisten zu werden. Das Mittelstandsforum der Tageszeitung "Die Welt" am 19. Februar 2001 bot zwar ein Posium für Mittelstandsfunktionäre und ihre Forderungen an die Politik: viel Stoff, um am nächsten Tag ausführlich darüber zu schreiben. Aber die "Welt"-Redakteure Wolfram Weimer und Carl Graf Hohenthal fragten nicht, was die Mittelständler von den Medien erwarten, und was die "Welt" besser machen könnte. Eine verpasste Gelegenheit. Und ein weiteres Beispiel für ein mangelhaftes Interesee der Medien an ihrem Publikum. 

 

Lässt sich die Qualität des Wirtschaftsjournalismus messen? 

 

Die Antwort einschließlich sämtlicher Daten basiert auf einem Kapitel des Buches "Kampa" über die Bundestagswahlkampagne der SPD 1998, verfasst von dem Publizistikwissenschaftler Wolfgang Donsbach (15). 

Der Journalismus - gleichgültig, um welches Ressort es geht - beansprucht, die Realität abzubilden. Was den Wirtschaftsjournalismus betrifft, so können relevante wirtschaftliche Kennziffern als ein Maßstab dienen, der an die Berichterstattung angelegt wird. Ein einfaches Beispiel: Im letzten Quartal vor dem Sieg Bill Clintons bei der amerikanischen Präsidentenwahl 1992 "machten 96 Prozent aller zum Thema Wirtschaft im (US-)Fernsehen zitierten oder interviewten Quellen negative Aussagen". So schlecht konnte es um das Wirtschaftswachstum aber nicht bestellt sein, denn es hatte sich binnen Jahresfrist von minus 0,9 auf plus 3,5 Prozent erholt. Ein besserer Journalismus hätte den seinerzeit erfolgten Anstieg des Bruttosozialprodukts wiedergegeben, was im Verhältnis positiver zu negativen Aussagen messbar gewesen wäre. Sehr viel höher schien die Qualität des deutschen Wirtschaftsjournalismus: "Über die Entwicklung der aktuellen wirtschaftlichen Lage berichteten die deutschen Medien vor der Wahl überwiegend positiv. Sie gaben damit in der generellen Tendenz das wieder, was die volkswirtschaftlichen Indikatoren aussagten. Die Prognosen waren sogar noch positiver als die Gegenwartsbeschreibung (...) Die Medien gaben also die herrschende und prognostizierte wirtschaftliche Lage korrekt wieder" (S. 58).

Hierzulande sahen Bevölkerung, Politiker, Wissenschaft und Wirtschaft die Beschäftigungslage als besonders wichtig an. Die Arbeitslosigkeit sank von August 1997 bis August 1998 um 15 Prozent, die Zahl der offenen Stellen stieg um 38 Prozent und damit ungewöhnlich stark, und die Wirtschaftsforschungsinstitute äußerten sich vorsichtig optimistisch. Wie wurde diese Situation in den Medien gewertet (Basis: 15564 Beiträge insgesamt im Fernsehen und der Presse, Untersuchungszeitraum 2.3.1998 bis 26.9.1998)? Auf die Arbeitsmarktlage entfielen 786 negative und 215 positive Aussagen. Die Prognose war günstiger: 305 pessimistische gegenüber 461 optimistischen Aussagen. In 1244 Beiträgen über die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt wurden deren Ursachen nur am Rande (in zwei Prozent der beiträge als ein Hauptthema) behandelt. Wichtige Ursachen wie Wettbewerbsfähigkeit, Qualität von Universitäten, Verlagerung von Investitionen und Arbeitsplätze ins Ausland, Spitzensteuersatz und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wurden insgesamt nur in elf Beiträgen (von 1244) aufgeführt. Am häufigsten wurde noch die aktuelle Wirtschaftslage (nicht aber die falschen Ansätze in den 1970er Jahren) genannt (153 mal). Ein Blick auf die Pressemitteilungen der großen Parteien zum Bundestagswahlkampf lohnt in diesem Zusammenhang. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wurde in 85 Prozent der diesbezüglichen CDU/CSU-Pressemitteilungen positiv, in 15 Prozent negativ dargestellt, während zwei Prozent der SPD-Pressemitteilungen zu diesem Thema eine positive, 93 Prozent eine negative Einschätzung enthielten. Die SPD-Öffentlichkeitsarbeit verband nur selten das Thema Arbeitsmarkt mit der wirtschaftlichen Lage und nur in 30 Prozent der Erwähnungen mit dem Standort Deutschland, während die Unionsparteien in diesem Zusammenhang doppelt bzw. sechsmal so häufig die Verknüpfung mit Standort- bzw. Wirtschaftslage vornahm. Insofern gab es eine tendenzielle Ähnlichkeit der sozialdemokratischen PR mit den überwiegend negativen, auf Ursachenforschung zum großen Teil verzichtenden Medieninhalten zum Thema Arbeitslosigkeit.   

 

Was zeichnet einen guten Wirtschaftsjournalisten aus? 

 

  • Ökonomisches Fachwissen, Kenntnis wirtschaftlicher und finanzieller Zusammenhänge, Ursachen und Wirkungen sowohl auf volks- wie auf betriebswirtschaftlicher Ebene

  • Fähigkeit, Folgen politischer Entscheidungen und von Notenbankbeschlüssen gerade für den einzelnen Steuerzahler und Sparer aufzuzeigen

  • Abschätzung der Folgen wissenschaftlicher und technischer Innovationen für Betriebs- und Volkswirtschaft

  • Kontakte zu Verbänden, Ämtern, Unternehmern, Gewerkschaften, um an Informationen zu gelangen, aber auch die Begabung, diese richtig zu gewichten und zu verwenden, sowie Unbestechlichkeit im Umgang mit den Quellen

  • Fachausdrücke mögen nur so weit wie nötig verwendet werden.  

 

Wie ließe sich die Qualität des Wirtschaftsjournalismus steigern? 

 

Beschreibung und Erklärung verschiedener Charakteristika des Wirtschaftsjournalismus mögen den Leser anregen, sich Gedanken um eine Verbesserung der gegebenen Zustände zu machen. Unsere Vorschläge basieren auf dem Anspruch, die Freiheit des Berufszugangs zu erhalten. Anstatt immer mehr gesetzlich zu regeln und mit Vorschriften die wirtschaftliche Initiative zu ersticken, ist nach unserer Meinung gerade in Deutschland mehr Mut zur Kreativität und Selbständigkeit nötig. Wir sehen eine Chance im Zugang von wirtschaftlich erfahrenen Persönlichkeiten ("Seiteneinsteiger") in den Journalismus. Damit meinen wir diejenigen, die bereits in der freien Wirtschaft tätig waren, oder diejenigen, die such an einer Universität oder Fachhochschule theoretische Kenntnisse über Ökonomie erworben haben und darin geprüft worden sind: kompetente Persönlichkeiten nach dem Maßstab der Berufssoziologie. 

 

Die journalistischen Fähigkeiten für Ökonomen lassen sich am ehesten in einem höchstens zweijährigen Volontariat erlernen oder weiterentwickeln - Erfahrungen als freier Mitarbeiter oder Praktikant sollte der Bewerber möglichst schon gesammelt haben. Im Volontariat sollen "journalistische Tätigkeiten (Recherchieren, Schreiben, Redigieren, Auswählen und Bewerten)", "Darstellungsformen (Nachricht, Bericht, Interview, Reportage, Bild, Feature, Glosse und Kommentar)", Layout- und Umbruchtechnik, Arbeit in der Redaktion, Einführung in Verlag und Zeitungsherstellung gelehrt, desweiteren ein Blick in das einschlägige Recht geboten werden kann (16). 

 

Wer keinen Volontärsplatz bekommt, kann im Aufbaustudiengang Journalistik (Mainz, Stuttgart-Hohenheim u.a.) durch namhafte Journalisten mit den journalistischen Berufsnormen und der Berufsethik, dem redaktionellen Handwerk und nicht zuletzt mit der Folgeabschätzung journalistischer Berichterstattung vertraut gemacht werden.

 

Zusammenfassung

 

Der Wirtschaftsjournalismus wird nicht nur von marktwirtschaftlich orientierten und kompetenten Wirtschaftsredakteuren verantwortet, sondern auch von Redakteuren aus dem Ressort Politik, die ein sozial- oder geisteswissenschaftliches Studium absolviert haben (teilweise ohne Abschluss). Die Kritik an wirklichen oder vermeinlichen Missständen, eine politisch eher linke Orientierung vor allem bei Regionaljournalisten und bei Politikredakteuren hat Journalisten vom Mittelstand entfremdet. Im Konfliktfall setzen sich eher die PR-Bemühungen der Parteien oder Naturschützer durch als die ansonsten erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit eines Unternehmens, zum Schaden nicht zuletzt der Beschäftigten. Insofern trifft das Wort vom "Verlautbarungsjournalismus" bei weitem nicht immer zu.

Die in den späteren 1990er Jahren immer häufiger gewordenen Börsenzeitschriften sprühten selbst dann noch vor Optimismus, als in Wahrheit eher die "Bärenstimmung" angesagt war.   Sie brachten ebenso wie verbraucherorientierte Magazine wie WiSo im ZDF wenig Substanzielles über den Mittelstand und das Funktionieren der Sozialen Marktwirtschaft. Vielmehr nährten die bunten Blätter die Hoffnung auf schnellen Reichtum. Im Fernsehen wäre hingegen eine Reihe "Wie mache ich mich selbständig?" von Nutzen. 

Die Qualität des Wirtschaftsjournalismus lässt sich messen: Inwieweit bildet er die Realität entsprechend der statistischen Daten ("Kennziffern") wie BSP, Arbeitslosigkeit, offene Stellen, Geldwertstabilität ab? Ein Beispiel für schlechten Wirtschaftsjournalismus wäre die Veröffentlichung mehrheitlich pessimistischer Aussagen zur Wirtschaftsentwicklung während eines Aufschwungs. Eine Gesamtbewertung des deutschen Wirtschaftsjournalismus wäre ein sehr aufwendiges, gleichwohl wünschenswertes kommunikationswissenschaftliches Projekt, über dessen Ergebnis zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber noch nicht spekuliert werden kann.

Guter Wirtschaftsjournalismus beinhaltet die Beherrschung der journalistischen Fähigkeiten des Recherchierens, Gewichtens und Schreibens auf der Grundlage ökonomischer Kompetenz. Verantwortungsbewusstsein und Sorgfalt spielen hier eine besonders große Rolle. Dies alles kann bei entsprechendem Talent am ehesten durch ein Fachstudium wie BWL und ein Volontariat, alternativ: einem Aufbaustudiengang Journalismus erlernt und gefördert werden.

 

 

1        Hans-Peter Stihl: Meinung geht vor Sachlichkeit. Kritikpunkte aus der Sicht des DIHT. In:   Gero Kalt (Hrsg.): Wirtschaft in den Medien. Frankfurt 1990, S. 13-30, dort S. 21. 

 

 2       Karin Gallmann: Wirtschaftspolitische Vorstellungen von Journalisten – ein Vergleich           von Wirtschafts- und Politikredakteuren bei Tageszeitungen. Unveröffentlichte    Magisterarbeit im Fach Publizistikwissenschaft. Mainz 1998, S. 36f.

 

3        Annette Uhlenhut: Wirtschaftsredakteure deutscher Tageszeitungen: Kritiker oder Vermittler? Unveröffentlichte Magisterarbeit im Fach Publizistikwissenschaft, Mainz 1990, S. 198.

 

4        Ebd., S. 89

 

5        Uhlenhut, S. 199.

 

6        de.statista.com/umfrage/parteipraeferenz-von-politikjournalisten-in-deutschland/

Diese Orientierungen sind sehr stabil, d.h. sie stimmen in der Tendenz mit anderen Umfrageergebnissen überein. Vgl.: Siegfried Weischenberg/Martin Löffelholz/Armin Scholl:

Journalismus in Deutschland. In: Media Perspektiven 4 / 1994, S. 154-167.

 

7        Siegfried Weischenberg: Journalistik, Bd. 2: Medientechnik, Medienfunktionen, Medienakteure. Opladen 1995, S. 214.

 

8        Uhlenhut, S. 61ff. 

 

9        Udo Ulfkotte: So lügen Journalisten. München 2001, S. 143.

 

10      Ebd., S. 140f. 

 

11      Gerhard Schanz: Erkundungen in terra incognita: Versicherungsjournalismus heute. In: Mittler der Märkte. Wirtschaftsjournalisten zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Frankfurt 2000, S. 41-49, dort S. 46.  

 

12      Peter Nemec: Das magische Interessenviereck der Journalisten - am Beispiel der 3Sat-Börse. In: Lothar Rolke/Volker Wolff (Hrsg.): Finanzkommunikation. Frankfurt 2000, S. 112-117, dort S. 115.

 

13      Volker Wolff: Garanten des Vertrauens? Die besondere Verantwortung von Finanzjournalisten. In: Finanzkommunikation 2000, S. 96-105, dort S. 104. 

 

14     Uhlenhut, S. 186.

 

15      Wolfgang Donsbach (mit Olaf Jandura und Antje Stehfest): Sieg der Illusion. Wirtschaft und Arbeitsmarkt in der Wirklichkeit und in den Medien. In: Elisabeth Noelle-Neumann/Hans Mathias Kepplinger/ Wolfgang Donsbach: Kampa. Meinungsklima und Medienwirkung im

Bundestagswahlkampf 1998. Freiburg 1999, S. 40-77. 

 

16      Walter von La Roche: Einführung in den praktischen Journalismus. München, 15. Auflage 1999, S. 173-229, dort S. 175.

 

 

 

Stefan Winckler

Der Beitrag von Götz Briefs zur Grundlegung der Sozialen Marktwirtschaft

 

Wenn von der Sozialen Marktwirtschaft die Rede ist, dann werden vorzugsweise die Namen von Ludwig Erhard, Alfred Müller-Armack, Wilhelm Röpke und Walter Eucken aufgeführt. Ein weiterer Theoretiker wird meist außen vor gelassen: Goetz Briefs. In einer Dissertation hat sich Arnd Klein-Zirbes mit einer Biografie dieses Gelehrten und vor allem mit seinem „Beitrag zur Grundlegung der Sozialen Marktwirtschaft“ auseinandergesetzt.

 

1889 in Eschweiler bei Aachen geboren, machte sich Briefs als Professor für Volkswirtschaft in Freiburg und ab 1926 in Berlin einen Namen. 1934 vor den Nationalsozialisten geflohen, lehrte er fortan in Washington und starb 1974 in Rom. Schon in den 1920er Jahren, vor der Enzyklika „Quadragesimo Anno“ von Papst Pius XI. unterzog er sowohl Marxismus wie Liberalismus einer grundsätzlichen Kritik. Ihnen setzte Briefs, dem als Sohn eines Fabrikarbeiters eine höchst bemerkenswerte Karriere gelungen war, eine christliche Auffassung von Wirtschaft und Gesellschaft entgegen. In jener Zeit begründete er die deutsche Betriebssoziologie. Nach dem Krieg fühlte sich Briefs stärker dem Ordoliberalismus verpflichtet, ohne die christliche Soziallehre zu vernachlässigen. In diesem Sinne bemängelte er 1952 an den deutschen Gewerkschaften, sie seien geistig im Frühkapitalismus stehen geblieben, anstatt das völlig veränderte wirtschaftliche System zu bejahen und eine konstruktive Rolle zu spielen. 

All das beschreibt Arnd Klein-Zirbes in einer aufschlussreichen Schrift, die sich von zahlreichen anderen Dissertationen im Fach Soziologie durch den Verzicht auf unnötige Fachbegriffe und eine Beschränkung auf das Wesentliche (159 Seiten einschließlich Register) unterscheidet. Sechs Kapitel, an deren Ende jeweils eine Zusammenfassung steht, und ein Schlusswort, machen das Buch übersichtlich und damit leicht lesbar. So ist es einem breiten Publikum zugänglich und zugleich von hohem wissenschaftlichem Wert.

 

 

Arnd Klein-Zirbes: Der Beitrag von Goetz Briefs zur Grundlegung der Sozialen Marktwirtschaft. Frankfurt 2004.

 

 

  

Stefan Winckler

Reich werden durch Kapitalismuskritik. Ein Sachbuch (verfasst 2000)

 

Das Vertrauen in die deutschen Unternehmer und Manager hält sich in Grenzen. So sahen nach einer Allensbach-Umfrage vom Oktober 1996 nur 24 Prozent der Befragten „meist fähige Leute“ an der Spitze, während 65 Prozent Zweifel daran anmeldeten. Dem Vorwurf, „viele Unternehmen sind nur deshalb in Schwierigkeiten, weil sie von Schönwetterkapitänen geführt werden, die mit den Problemen nicht fertig werden“, stimmten 47 Prozent der Befragten zu. Viele negative und natürlich auch positive Charakterisierungen ließen sich zitieren. Wie kommen die Menschen zu diesen Urteilen? Mit Unternehmern sind ja nicht allzu viele Bürger persönlich bekannt, jedenfalls nicht gut genug, um über sie zu urteilen. Offenbar sind Kenntnisse aus zweiter Hand ausschlaggebend. Schulbücher (dazu haben Joachim Schäfer und Klaus Groth 1999 eine Studie verfasst), Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehbeiträge sowie Literatur und Film sind mögliche Quellen. Der promovierte Soziologe Holger Rust, zugleich Wirtschaftsjournalist und Unternehmensberater, hat sich auf knapp 300 Seiten seines Buches „Und die Moral von der Geschicht‘“ diese Frage angenommen und die erzählende Literatur, desweiteren Film, Fernsehen sowie Theater untersucht. Keineswegs nur die kapitalismuskritischen Schriften der „Achtundsechziger“ und ihrer geistigen Väter, sondern höchst unterschiedliche Autoren fast aller Epochen  hätten – so das Ergebnis – Kritik am Zustandekommen großer Vermögen geübt. Überall machten sie Habgier und Korruption oder gar schlimmere Verbrechen aus, wo sich großer wirtschaftlicher Erfolg einstellte. Von der Bibel über den Comic „Tim und Struppi“ bis John Grisham – das Thema „Geld und Macht“ muss wirklich sehr anziehend sein, ungeachtet Raum und Zeit. So wurden einige Motive über Jahrzehnte und Jahrhunderte lediglich „neu verpackt“. Wer aber will bezweifeln, dass gerade auch Schreiber, deren Herz nicht nur im anatomische Sinne links schlägt, an eigenen, ja grösstmöglichen Einnahmen aus ihrer „kapitalismuskritischen“ Literatur interessiert sind? Diese Doppelmoral vieler Bestsellerautoren hat Rust leider viel zu wenig aufgegriffen. Dabei gibt es nicht nur den politischen Autor Oskar Lafontaine, sondern auch den ehemaligen sozialdemokratischen Bundesminister Horst Ehmke, der innerhalb kurzer Zeit zwei Kriminalromane über Devisenspekulation verfasste – und beide medienwirksam im Fernsehen präsentierte. Vielmehr beschreibt Rust die Bedingungen, unter denen eine „wirtschaftsfeindliche“ Tendenz verstärkt die Kassen klingeln lässt: Es kommt auch darauf an, dass ein Buch oder ein Film genau den „Nerv der Zeit“ trifft. Beispielsweise fand die Fernsehserie „Dallas“ nach einem starken Anstieg der Ölpreise (und sich verschlechternder wirtschaftlicher Indikatoren) auf ein sensibilisiertes Publikum. Auswirkungen auf die Leserschaft der genannten Literatur kann Rust freilich nicht nachweisen, sondern nur nahelegen. An der Notwendigkeit seiner Fragestellungen kann aber schlecht gezweifelt werden: Junge fähige Leute werden einerseits zum Schritt in die Selbständigkeit aufgefordert, andererseits sind vage Klischeevorstellungen von den Unternehmern als „kalt“, „nur profitorientiert“, die gerade auch durch Romane und Filme genährt werden, verbreitet.

 

Im ganzen hat Rust gezeigt, dass ein sehr ernstes Thema durchaus gewitzt und unterhaltsam, auch ohne Zahlenkolonnen und sozialwissenschaftlichen Fachjargon aufbereitet werden kann, so dass es eine vergnügliche Feierabendlektüre abgibt, insbesondere für diejenigen, die sich ein wenig mit Literatur und Film auskennen. Mit anderen Worten: Der Soziologe tritt hier ganz hinter dem Journalisten zurück, der anhand zahlreicher kleiner Beispiele und 33 ausführlicher Exkurse zu einzelnen Büchern in ein Thema einführt, das eine umfassende Untersuchung verdient: Unternehmer, Manager, Selbständige und ihr Bild in der Literatur.

 

Holger Rust: Und die Moral von der Geschicht‘… Fabrikanten, Bosse und Manager in Literatur und Unterhaltung. Wien Frankfurt 1999.

 

 

 

Stefan Winckler

Zeitkritische Gedanken einer Unternehmerin. Ein persönliches Buch

 

Eselsohren – damit markierte die Autorin seit ihrer Kindheit die wichtigsten Stellen ihrer Bücher. Im übertragenen Sinne meint sie: Das Wesentliche. Unter diesem Titel setzt sie sich mit politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen mit Hilfe ihres Co-Autors Stephan Nuding auseinander- „Gedanken einer ganz normalen Frau“ (Untertitel) sind das freilich nicht – Birgitta Jaeggle leitet die Unternehmensgruppe „Domicil“ und wurde 1998 von einer hochkarätigen  Jury zur Unternehmerin des Jahres 1998 gewählt. Mit „normal“ will sie ausdrücken, dass sie nicht zur „politischen Klasse“ gehört, nicht einmal parteipolitisch engagiert ist, sondern „lediglich“ eine kritische, politisch interessierte Staatsbürgerin ist. 1997, als die Steuerreform ausblieb und die Politik fast stillzustehen schien, schrieb sie gleichlautende Briefe an die 672 Bundestagsabgeordneten. Die Politik kümmere sich nicht im Leistungsträger – damit meinte sie alle, die arbeiten, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abliefern und damit letztlich Wirtschaft, Gesellschaft, Behörden und Parlament funktionsfähig halten. Stattdessen würden leider diejenigen alimentiert, die gar nicht arbeiten wollen, aber bedenkenlos die Leistungen der Gemeinschaft in Anspruch nehmen, also die Solidarität ausnutzen. Dieser Brief ist ebenso wie eine fast schon unverschämte Antwort eines linken Parlamentariers und Frau Jaeggles Erwiderung wörtlich wiedergegeben. Bemerkenswert daran ist erstens, dass sich die Verfasserin als „Anwältin“ der Leistungsträger (das heißt der „normalen“, arbeitenden Menschen) von allen Parteien gleichermaßen wenig vertreten fühlt, so dass sie ihre Briefe auch nicht variierte. Dies wirft auf die politische Klasse ein denkbar schlechtes Licht: Waren es nicht CDU, CSU und FDP, die sich ihrerseits als Vertreter der „Leistungsträger“ proklamieren, vor allem im Wahlkampf und in „Sonntagsreden“? Von den Linken wurde es ja weniger erwartet… Die Autorin mahnt seitenlang offene Fragen an, die sie (und viele Bürger) von der Politik nicht oder zumindest nicht ausreichend beantwortet sieht. Frau Jaeggles Credo lautet: Kreativität, Leistungsbereitschaft, Freude an der oft harten, Selbstdisziplin voraussetzenden Arbeit. In der Tat sind es ja diese Eigenschaften, und nicht das Verwalten oder gar Verteilen, die für das Blühen der Wirtschaft ausschlaggebend sind, und in den vergangenen Jahrzehnten durch mehrere Zeitgeistwellen zusammen mit den hier angemahnten „deutschen Tugenden“ Ehrlichkeit und Anstand unterspült worden sind. Wer sich selbst und andere begeistern kann, wird die Arbeit nicht als „Job“, sondern als Berufung empfinden. Wer auf diese Weise sein Leben gestaltet, im Zusammenwirken statt in „Ellenbogen-Mentalität“, habe auch die Kraft zur Solidarität  mit leistungswilligen Menschen, die aber der Hilfe bedürfen.  „Leben“ ist für sie aber auch Genuss in der Freizeit. Das heißt, Austausch mit interessanten Menschen, Konzentration auf einen schönen Moment abseits der Massen, zum Beispiel im eigenen Garten, oder beim Sonnenuntergang am Meer.  Stets spricht die Autorin aus eigener Erfahrung, denn sie hat sich und anderen etwas bewiesen. Das gibt dem Buch eine wohltuende Wahrhaftigkeit, die ein politisch korrekter, kleinlicher „Gutmensch“ selten anbieten kann.

Frau Jaeggle spricht sehr vielen Menschen, vor allem den Selbständigen, mit ihrer direkten, erfrischend einfachen Sprache aus dem Herzen. Mal gelassen, mal eindringlich, immer aber selbstsicher erscheint das, was sie dank ihrer Lebensleistung kompetent vertritt. Inhaltliche Tabus gibt es nicht. Gerade deshalb sollte das Buch auf den Schreibtischen der Volksvertreter liegen (oder wenigstens im Regal stehen). Natürlich handelt es sich auch um eine Sympathiewerbung für die Unternehmensgruppe „Domicil“ – aber das zu rügen, wäre beckmesserisch. Denn die wesentlichen Inhalte harren einer Debatte, nicht ihre Verpackung.

 

Birgitta Jaeggle: „Eselsohren“. Gedanken einer ganz normalen Frau. Bergisch Gladbach 1998. 

 

  

 © Dr. Stefan Winckler