Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Lernen für die Zukunft aus den Erfahrungen der Vergangenheit vom Achten bis zum 20. Jahrhundert

Kaiser Karl der Große

1., Frankenreich

 

 

Stefan Winckler

Zum 1200. Todestage Karls des Großen

 

Karl der Große ist im Gespräch. Viel wird gegenwärtig über ihn veröffentlicht. Erwähnenswert sind die umfangreichen Biografien der Historiker Stefan Weinfurter (Karl der Große. Der heilige Barbar. München: Piper, 2013) und Johannes Fried (Karl der Große. Gewalt und Glaube. München: C.H. Beck, 2013). Die Anfangskapitel des letztgenannten Werks sind unter books.google im Internet durch die Eingabe von Autorenname und Buchtitel rasch aufzurufen. Ein Sammelband, als Spiegel-Edition von Dietmar Piper und Johannes Salzwedel herausgegeben, bietet einen Einstig in das Thema. Die Literaturliste ließe sich fortsetzen.

Eine Ausstellung im Frankfurter Haus am Dom ist nach vier Wochen im Februar zu Ende gegangen. Vor uns liegen drei Ausstellungen in Aachen: "Orte der Macht", "Karls Kunst" und "Verborgene Schätze". Sie sind vom 20. Juni bis 21. September 2014 geöffnet. An weiteren Veranstaltungen und Beiträgen in den Medien mangelt es nicht. 

 

Karl hat das Kaisertum in Westeuropa wieder zum Leben erweckt. Er sah sich als "Augustus Imperator Renovati Imperii Romani" ("Kaiser des erneuerten Römischen Reiches"). Zwar existierte das Oströmische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel, das den alleinigen Anspruch auf die Nachfolge des Imperium Romanum erhob. Aber zum einen befand sich dieses in der Defensive gegen die unterschiedlichsten Regionalmächte, zum anderen war es durch interne Konflikte geschwächt. Der Streit zwischen Bilderverehrern und Bilderstürmern war zu Blutvergießen ausgeartet, und selbst innerhalb der herrschenden byzantinischen Dynastien war das Verstümmeln oder Töten beim Kampf um den Kaiserthron keine Seltenheit. Die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung von Konstantinopel war legendär, aber dieses Byzanz war kein politisches Leuchtfeuer - umso weniger, da die Frau auf dem Kaiserthron, Irene, bei weitem nicht ausreichend anerkannt war. Das Amt des Papstes in dem zur Kleinstadt geschrumpften Rom war Spielball des örtlichen Adels. Mit der Kaiserkrönung an Weihnachten 800 in Rom verschob Karl den politischen Schwerpunkt in Europa weit nach Westen. Seine Nachfolger in den späteren westdeutschen Landen, Frankreich und Norditalien bauten darauf auf. Karl förderte das Christentum, liquidierte das Heidentum - freilich mit den Methoden seiner Zeit. dass er nach den an Dokumenten und sonstigen Quellen so armen Jahren nach dem Ende der Antike Gelehrte aus dem ganzen christlichen Westeuropa heranzog, die eine "karolingische Renovatio" ermöglichten. Man denke an die Bauwerke in Aachen und Ingelheim, an die Förderung der lateinischen Sprache (die er selbst gut beherrschte), die als Karolingische Minuskeln bekannte Schrift, das Sammeln antiker Literatur und an die Geistesgrößen selbst - Alkuin, Hrabanus Maurus, sein Biograf Einhard und andere - ist ihm sehr hoch anzurechnen. So ist von Carolus Magnus auch viel mehr überliefert als von seinen Vorgängern im Frankenreich. 

 

Das Gedenken an Karl beschränkt sich nicht auf das Jubiläumsjahr. In Frankfurt (er ist der Stadtpatron) und Aachen wird alljährlich am letzten Samstag im Januar zu seinen Ehren das Karlsamt gefeiert. Es ist eine besondere Heilige Messe mit latenischen Gesängen aus dem Mittelalter zu Ehren des Kaisers. Im Dom zu Frankfurt wird gesungen: 

"Francfordensis urbs regalis regni sedes principalis, prima regum curia, regi regum pange laudes, quae de magni regis gaudes Karoli praesentia" - "Frankfurt, du königliche Stadt, des Reiches Fürstensitz, erster Versammlungsort der Könige, dem König der Könige singe Lob, die du dich freust am Festtage des großen Königs Karl!"

(...) 

"Hic est magnus Imperator, boni fructus bonus sator et prudens agricola. Infideles hic convertit, fana, deos hic evertit et confringit idola" - "Er ist der große Herrscher, der Sämann der guten Frucht und der kluge Landmann. Er bekehrt die Ungläubigen, beseitigt die Tempel der Heidengötter und zerbricht die Götzenbilder". 

"Hic superbos domat reges, hic regnare sacras leges facit cum iustitia, quam tuetur eo fine, ut et iustus sed nec sine sit misericordia" - "Er bezwingt die hochmütigen Könige und er lässt herrschen die heiligen Gesetze mit Gerechtigkeit, deren Schützer er ist, dass er gerecht ist, voll Barmherzigkeit". 

(...)  (...)

 

Nach dieser Karlssequenz, dem zwölften Jahrhundert entstammend, folgen die Kaiserlaudes aus dem neunten Jahrhundert, Gesänge unter anderem mit der Bitte "Exaudi, Christe! Populo Germanorum et omnibus hominibus bonae voluntatis pax et vita!" - "Erhöre uns, Christus! Dem Volke der Deutschen und allen Menschen, die guten Willens sind, Friede und Leben!"

 

Hauptzelebrant ist ein auswärtiger Bischof oder Erzbischof, um die verschiedenen Länder West- und Mitteleuropas mit Karl in Beziehung zu setzen. Die Messe zieht jedes Jahr etwa tausend Gläubige an. Ausschnitte sind unter youtube, Suchbegriff: Karlsamt, zu hören.  

 

Das nächste Karlsamt findet am 28.1.2017, 18.00 Uhr im Dom zu Frankfurt statt.

 

 

 

2., Heiliges Römisches Reich 

 

 

Stefan Winckler

Stupor Mundi oder Antichrist? Kaiser Friedrich II., Re Federico

 

Es gibt keine geschichtliche Persönlichkeit, die Italiener und Deutsche so stark verbindet wie Kaiser Friedrich II., der in Italien als Federico Secondo bekannt ist. Aufgewachsen in Palermo und bevorzugt in Apulien lebend, ist er sogar eher ein Italiener, ein Sizilianer vor allem, der als König ebendort Maßstäbe setze.  

Immer wieder hat Friedrich/Federico die Fantasie der Menschen beflügelt. Ja, noch Jahrzehnte nach seinem Tod gelang es Betrügern, als angeblicher Kaiser in Deutschland erfolgreich aufzutreten. Unterschiedlichste Autoren haben über ihn gearbeitet – sei es schwärmerisch wie Ernst Kantorowicz, oder betont sachlich, ja überkritisch wie David Abulafia. Für Stefan George war er gar der „grösste Friedrich“, wie er in seinem Gedicht "Die Gräber von Speyer" schreibt.  

Den Mann, der Jerusalem durch einen Vertrag unblutig für die Christen zurückgewann, der die Berufe des Arztes und des Apothekers trennte, der ein Pionier der Umweltschutzgesetzgebung war und der Sizilien zum modernsten Königreich Europas formte (sich freilich auf die Tradition seiner Ahnen mütterlicherseits, den normannischen Königen, stützte) beschrieb der Stuttgarter Historiker Wolfgang Stürner sehr präzise und mit äußerster Sachlichkeit. Hervorzuheben ist dabei nicht zuletzt das Kapitel "Der Kaiser und sein Hof. Friedrich und sein Gelehrtenkreis, seine künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen" (S. 342-456). Stürners opus magnum von 1991 (erster Band) und 2000 (zweiter Band) ist 2009 unter dem schlichten Titel Friedrich II. als tausendseitige Monografie zu dem sehr günstigen Preis von 24,90 Euro erschienen. Wer sich zur Prüfungsvorbereitung oder bei der Abfassung einer akademischen Arbeit mit Friedrich befassen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. 

 

Wolfgang Stürner: Friedrich II. 1194-1250. Darmstadt 2009

 

 

 

Stefan Winckler  

Vor 700 Jahren: Kaiser Heinrich VII., der Hoffnungsträger Dantes, gestorben

 

Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg,

Historiker und Schriftsteller, gewidmet.

 

 

"Dem allerheiligsten Triumphator und einigen Herrn, Herrn Heinrich, durch Gottes

Gnaden Könige der Römer, allezeit Mehrer des Reiches, küssen die Füße

alleruntertänigst Dante Alighieri, der Unschuldig Verbannte, und alle den Landfrieden

liebenden Tuskier insgesamt". (1)

 

Mit diesen Worten vom 16. April 1311 beginnt der große Florentiner Dichter seine  Huldigung an den römischen (deutschen) König Heinrich VII. Erstmals seit dem Staufer Friedrich II. 1220 war wieder ein König aus den deutschen Landen nach Italien aufgebrochen, um vom Papst die Kaiserkrone zu erhalten und die universale, übernationale Reichsherrschaft südlich der Alpen wiederherzustellen (renovatio imperii). Nicht nur für Dante und die kaisertreuen Ghibellinen, sondern auch für viele papsttreue Guelfen war der Italienzug Heinrichs gleichbedeutend mit der Hoffnung auf Frieden und Recht - zumal der Papst Italien in Richtung Avignon verlassen und sich selbst als Machtfaktor reduziert hatte.

 

Wer war dieser Heinrich, der im Gegensatz zu seinen habsburgischen Vorgängern Rudolf und Albrecht //den beschwerlichen Weg nach Reichsitalien unternahm?

 

Heinrich stammte aus der Dynastie der Luxemburger. Diese waren während des Hochmittelalters eine nur regional bedeutsame und daher wenig beachtete Dynastie. Selbst das Geburtsjahr Heinrich ist unklar: es wird überwiegend 1278/79 angenommen. Im niederlothringischen Valenciennes geboren, zeitweise in Paris erzogen und als ein französischer Muttersprachler befand er sich tatsächlich im Gegensatz zu seinen königlichen Vorgängern, und Nachfolgern. Ab 1294 regierte er als Graf. Dank seines Bruders Balduin, Bischof von Trier, und des Mainzer Erzbischofs Peter von Aspelt gelang es Heinrich 1308, von den Fürsten zum König gewählt zu werden - der Vorgänger Albrecht war von seinem eigenen Neffen ermordet worden. Damit setzte er sich gegen den Bruder des französischen Königs Philipp des Schönen, Karl von Valois, durch. Zunächst erfüllte Heinrich den Anspruch, Frieden und Recht in den deutschen Landen zu festigen. Eine Anlehnung an Frankreich (unter dem Liquidator des Templerordens, Philipp) gab es nicht, vielmehr betrachtete Heinrich das Vordringen der Franzosen gegen den Westen des Heiligen Römischen Reiches mit Sorge. Für seinen Sohn Johann gewann Heinrich eine weitere Hausmacht im Osten des Reiches: Böhmen, was v.a. unter dem Enkel Karl IV. als Zentrum luxemburgischer Herrschaft erblühen sollte. Anschließend, 1310, begann Heinrich seinen Italienzug mit nur 5000 Mann (daraus entnehmen wir, dass er keine kriegerischen Absichten hatte bzw. nicht mit Feinden rechnete). Im Januar 1311 nahm er die Eiserne Krone als König (Reichs-)Italiens in Mailand entgegen. Sollte dieses Ereignis ein gutes Omen für die Wiederherstellung der kaiserlichen Herrschaft in Norditalien sein? Immerhin wollte er  seine aus den deutschen Landen erprobte Rolle des weisen, neutralen Schiedsrichters weiterführen; ja, selbst die Gegner waren darauf bedacht, dass er ihre Privilegien und Besitzungen bestätige. Der Schein trog. Sehr bald hatte er heftige Kämpfe zu überstehen, in denen sein Bruder zu Tode kam. Heinrich verzettelte sich ungewollt in Querelen, die Dante bereits zweifeln ließen, ob Heinrich überhaupt seinen Auftrag als christlicher Herrscher auch in der Toskana erfüllen wolle. Zu allem Unglück verstarb Heinrichs Ehefrau Margarete von Brabant. Gleichzeitig stellte sich Neapels König Robert von Anjou, dessen Großvater Karl einst die Staufer bis zur physischen Auslöschung bekämpft hatte, Heinrich entgegen. Zwar hatte Clemens Heinrich zum Italienzug aufgefordert, doch hatte das Kirchenoberhaupt inzwischen die Fronten gewechselt. So konnte Heinrich nicht wie vorgesehen aus dem Händen des Papstes Clemens V. die Kaiserkrone empfangen, sondern erhielt sie lediglich von Kardinälen im Lateran (abgesehen davon, dass Clemens in Abhängigkeit des französische Königs befand und gerade den Tempelritterorden aufgehoben hatte). Zudem musste Heinrich ein Kreuzzugsgelübde abgeben. Während Heinrich einen Feldzug gegen Robert vorbereitete, erkrankte er an Malaria und verstarb am 24. August 1313. Im Dom zu Pisa ist er bestattet.

 

Was bleibt? Heinrich VII. erscheint als der letzte Herrscher des Hochmittelalters, der über eine mehr oder weniger ich-bezogene Hausmachtpolitik hinaus unter großer persönlicher Anstrengung den christlichen Anspruch umzusetzen gedachte, dass der Kaiser den Willen Gottes durchsetzen muss. So schreibt Dante in Anschluss an die oben zitierten Worte: "Als Zeugnis seiner unendlichen Liebe hat uns Gott das Erbe des Friedens hinterlassen, damit in seiner wundersamen Milde die Mühsale des Krieges sich sänftigen und wir in den Genuss desselben der Freuden des triumphierenden Vaterlandes würdig würden". Doch der Friede ging zu Ende. "Daher haben wir schon lange über die Fluten der Verwirrung Tränen vergossen und flehten die Schirmherrschaft des gerechten Königs unverzüglich an, damit er die Trabantenschar des grausamen Tyrannen zerstreue und uns in unsre alten Rechte einsetze". (2) Dante spricht in diesem Zusammenhang den König (und kommenden Kaiser) Heinrich als den neuen Caesar und Augustus an, dessen Friedens- und Gerechtigkeitsauftrag keine geographischen Grenzen kenne. Außerdem war in einer Zeit, in der Pfründenwirtschaft und Nepotismus in der Kirche überhand genommen hatten, der Ordnungsauftrag des christlichen Kaisers umso mehr erforderlich. Auch nach Heinrichs Tod kam Dante auf ihn zurück: die Göttliche Komödie erwähnt Heinrich im siebzehnten Gesang des Paradieses als tragischen Helden, vom Papste betrogen. Im gleichen monumentalen Werk verbleiben Rudolf von Habsburg und dessen Sohn Albrecht (it.: Alberto) auf dem Läuterungsberg, sprich: Fegefeuer hängen, egoistisch Hausmachtskriege führend (insb. Kriege gegen den böhmischen König). Dante verflucht sie:

 

"O deutscher Albert, ungezähmt und wild

Ward es, davon du dich pflegst zu entfernen,

Wo in den Sattel sich's zu schwingen gilt!

 

Gerechtes Urteil falle von den Sternen

Auf dein Geschlecht, so klar und unerhört,

Auf daß dein Erbe mag die Furcht draus lernen!

 

Dich und den Vater hat es nicht gestört,

Da euch die Habsucht drüben festgehalten,

Daß man des Reiches Garten hat zerstört". (3)

 

 

Heinrichs Tod ließ Dante nicht von seiner Überzeugung abrücken, dass der Kaiser einen göttlichen Ordnungsauftrag für Frieden und Gerechtigkeit innehabe. Die Aufhebung des Templerordens durch Clemens, von Dante gerügt, mag ihm zugleich die letzten Hoffnungen auf politische Weisheit des Papstes im gequälten Italien zerstört haben.

 

Reichsitalien zersplitterte, weitab von der kaiserlichen Herrschaft, mehr und mehr (wiederum Dante: "Ach Magd Italien, großen Leids Kastell! Schiff ohne Steuermann im Wehn der Winde! Nicht Herrin von Provinzen, nein, Bordell!") (4). Familien bekämpften sich gegenseitig, Städte bekriegten andere Kommunen. Mit dem Tode Heinrichs - auch  von einem Giftmord wurde gemunkelt - starb zugleich die Hoffnung auf stabilere politische Verhältnisse.

 

 

Anmerkungen

 

(1) Dante Alighieri: An den Kaiser Heinrich VII. In: Albert Ritter (Hrsg.): Die unbekannten Meister - Dantes Werke, Berlin 1922, S. 223-228. Online im Internet unter:

de.wikisource.org/wiki/An_den_Kaiser_Heinrich_VII.

Tuskier waren die Bewohner der Toscana.

(2) ebd.

(3) Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Aus dem Italienischen von Wilhelm G. Hertz.

München 2012, S. 183.

Die ältere Übersetzung von Friedrich von Falkenhausen (1937) ebenfalls lesenswert:

 "Albrecht, du Deutscher! Ach du läßt ihn springen,/ der so unbändig rast in blinder Wut,/ statt

 dich in seines Sattels Bug zu schwingen!/ Gerecht Gerichte fall auf all dein Blut/Neu,

 unerhört, von hoher Sterne Warten,/ Weit sichtbar schrecken deines Folgers Mut!/Du und

 Dein Vater, weh, die euer harrten/Ließt ihr im Stich in eurer Ländergier,/Bis zur Wüste ward

 des Reiches Garten". Italien wird als "Renner", als wildes Pferd angesehen, das einen

 strengen Reiter benötigt. A.a.O., S. 182 f.  

(4) ebd.

 

Falkenhausen schreibt: "Herberg des Jammers, mein geknechtet Land! / Schiff ohne

Steuermann in Sturm und Wogen,/Nicht Herrin mehr der Völker: Haus der Schand", a.a.O., S. 182.

 

Übersicht über die Inhalte der Urkunden zu Heinrich VII. zwischen 1285 und 1309:

www.regesta-imperii.de/regesten/6-4-1-heinrich-vii.html

 

 

Literaturauswahl

 

Hubertus Prinz zu Löwenstein: Deutsche Geschichte. München 1976.

Karl Robert Wenck: Heinrich VII. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 11 (1880), S. 443-449, abrufbar unter: de.wikisource.org/wiki/ADB:Heinrich_VII._(Kaiser)

de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_VII._(HRR)

 

 

 

Stefan Winckler

Ein kaiserlicher Versuch, die Konfessionsspaltung zu überwinden

 

Zugegeben, den Bekanntheitsgrad seines Bruders und Vorgängers Karl V. hat Kaiser Ferdinand I. (1503-1564) trotz bedeutender Leistungen nicht erreicht. Dies mag daran liegen, dass es nicht nur auf den geschichtlichen Akteur und seine Taten ankommt, sondern auch, wer die Geschichte schreibt.

Ferdinand vertrat den abwesenden Kaiser Karl auf der Ebene des Reiches, einte die habsburgischen Erblande Österreich, Böhmen-Mähren und (West-)Ungarn durch eine (bis 1848 gültige) Verwaltungsreform und handelte 1555 den Augsburger Religionsfrieden aus, der den protestantischen Ständen im Reich die volle Religionsfreiheit und Gleichberechtigung gegenüber den Katholiken einbrachte. Wieviel seelische Kraft mag ihn, der in Spanien erzogen war, dieser Kompromiss gekostet haben? Denn Ferdinand sah deutlicher als der allmählich verbrauchte, kranke Karl V., dass eine Gegenreformation nicht gewaltsam, sondern eher mit den Mitteln der Erziehung und Bildung durchzuführen war. Ausgehend von seinem Wahlspruch „Gerechtigkeit muss sein, oder die Welt geht zugrunde“ forderte Ferdinand, persönlich ein frommer Katholik, die päpstliche Kirche möge sich verändern, damit die Konfessionen wieder zusammenfinden. Im Einzelnen unterbreitete er dem Konzil von Trient folgenden Katalog („Reformationslibell“ von 1563): Kurienreform, Verbot der Pfründenanhäufung, Volkssprache beim Gottesdienst, Unentgeltlichkeit der Sakramente, Kommunion unter beiden Gestalten, Aufteilung der großen Bistümer, Priesterehe. Das Konzil dämmte manche Missstände ein („Tridentinische Erneuerung“), lehnte allerdings Ferdinands weiter reichende Forderungen ab. Der Kaiser starb bald darauf. Seine Nachkommen bildeten die österreichische Linie des Hauses Habsburg, während Karl die spanische Linie begründete. Im Mittelschiff des Prager Veitsdoms ist Ferdinand als böhmischer König neben seinem Nachfolger Maximilian und unweit von seinem Enkel Rudolf II. bestattet.

 

 

Literatur

 

 

Theodor Bruno Kassowitz: Die Reformvorschläge Kaiser Ferdinand I. auf dem Konzil von Trient. Würzburg 1906.

 

Richard Reifenscheid: Kaiser Ferdinand I. In: Gerhard Hartmann/Karl Schnith (Hrsg.): Die Kaiser. 1200 Jahre europäische Geschichte. Wiesbaden 2006, S. 510-520. 

 

 

 

Stefan Winckler

Vor 400 Jahren: Kaiser Rudolf II. verstorben

 

Nein, er war kein großer Staatsmann. Rudolf II. (1552-1612) musste andere  Qualitäten haben, die ihn auch heute noch, 400 Jahre nach seinem Tode, zu einem der bekannteren römisch-deutschen Kaiser machen, um nicht zu sagen: zur Legende. Es gab offensichtlich Eigenheiten, die ihn aus der Gruppe der anderen gekrönten Häupter aufragen lassen (wer kann heute überhaupt etwas über spätere Habsburger wie Ferdinand  II.  sagen?). Der Erzbischof von Prag zelebrierte am 20. Januar 2012 ein Requiem zu seinem Andenken, die tschechische Nationalbank brachte eine Gedenkmünze für Rudolf heraus, die Wochenzeitung „Die Zeit“[1] (sonst wenig an der frühen Neuzeit interessiert) veröffentlichte dem gelungenen Artikel. Schon vor sieben Jahren wählte ihn das tschechische Fernsehpublikum in die Liste der hundert größten Böhmen (an die Spitze: Kaiser Karl IV.), und auch in deutschen Veröffentlichungen ist stets ein Hinweis auf die sehr große Begabung Rudolfs vorhanden.  Dass eine überregional erfolgreiche Brauerei, 1583 von ihm gekauft, sich seit etwa 20 Jahren auf ihn beruft (Krušovice „ Imperial“) und auch ein edles Restaurant nahe Pilsen  nach ihm benannt ist, zeigt auf, dass sein Ruf alles andere als schlecht ist, und seine posthume Wirkung größer ist als der seiner Nachfolger.

Rudolf trug den Namen des Königs Rudolf von Habsburg. Sein Vater war Maximilian II., ein interessanter und viel zu wenig beachteter Regent, der sich um eine Kirchenreform bis hin zur Versöhnung von Katholizismus und Protestantismus stark machte. Dessen verständnisvolle Einstellung gegenüber den Lutheranern bewog seine Ehefrau, Rudolfs Mutter, die Söhne Rudolf und Ernst in das katholische Spanien zu entsenden, um sie reformatorischem Einfluss zu entziehen (es handelte sich um Maria, Cousine ihres Ehemanns Max, aus der spanischen Linie der Habsburger stammend). Der Madrid-Aufenthalt, von dem fast nichts überliefert ist, datiert von 1563  bis 1571. Diese Jugenderlebnisse, bis hin zu Inquisition und Cousin Don Carlos‘ rätselhaftem Tod, mögen Rudolf wesentlich geprägt haben. 1575 erhielt er die Krone Böhmens (vier Millionen Einwohner, mehrheitlich deutsch sprechend), im gleichen Jahr war er römisch-deutscher König und 1576 deutscher Kaiser (seine ungarische Königkrone können wir hier vernachlässigen, weil Ungarn größtenteils unter türkischer Herrschaft stand).

Wesentlich für sein weiteres Leben war die Entscheidung 1583 die Residenz von seinem Geburtsort Wien nach Prag zu verlegen. Nicht abwegig, schließlich war er böhmischer König. Aber auch Konflikte am Hof und vor allem die nahe Grenze zum Osmanischen Reich können ihn bewogen haben, von der Donau an die Moldau zu ziehen. Ein Kaiser konnte in jener Zeit ohnehin nur sehr wenig im Heiligen Römischen Reich bewegen (Rudolf versuchte einiges in den ersten Jahren seiner Herrschaft) – es kam vielmehr auf die Hausmacht an. Allerdings war in jener vorabsolutistischen Epoche auf die Stände Rücksicht zu nehmen.

Von 1591 bis 1606 entbrannten erneut die Türkenkriege. Rudolf hatte die Idee, sich mit Russland und Persien zu verbünden, um das Osmanische Reich von Osten her unter Druck zu setzen. Kaum eine rein militärische Tat Rudolfs ist nachgewiesen.

Einen Namen machte sich Rudolf, die europäischen Monarchen an Bildung weit übertreffend,  dagegen als Förderer der Wissenschaften und der Künste – Welten, in die er geradezu flüchtete.  So fühlte er sich von den Geisteswissenschaften und der Dichtung, mehr aber noch von den Naturwissenschaften angezogen. Die Astronomie, in jener Zeit noch mit der Astrologie verknüpft, faszinierte ihn sehr (daher auch sein Wahlspruch: es leuchtet des Kaisers Gestirn). Er holte die besten Astronomen nach Prag: Tycho Brahe und Johannes Kepler. Nicht ohne Grund benannte Kepler seine Tabellen über die Bewegung der Planeten „Rudolfinische Tafeln“. Der Kaiser hielt sich selbst viele Stunden in Labor und Sternwarte auf.   Es war eine vor-rationalistische Epoche, in der nicht nur Horoskope hoch in Kurs standen (auch Zeitgenosse Shakespeare schrieb hier und da von Einflüssen der Planeten auf den Menschen), sondern auch die Alchemie. Hieran war Rudolf stark interessiert, zumal die Umwandlung von Blei in Gold die Erwartungen beflügelte.  

Rabbi Löw war ein Gesprächspartner – eine Zusammenkunft ist nachgewiesen. Mit wem der wissbegierige, mehrere Sprachen fließend beherrschende Rudolf zusammenkam, und wie oft dies geschah, wurde nicht immer dokumentiert: amtliche Akte haben seit jeher Vorrang in den Kanzleien.  

Rudolf wandte sich auch der kunstgewerblichen Arbeit, insbesondere dem Goldschmiedehandwerk zu; mancher gefertigte Gegenstand geht auf seinen Entwurf zurück. Künstler wie Giuseppe Arcimboldo (berühmt durch sein Gemälde, das des Kaisers Gesicht aus einer Anzahl Früchten zusammengesetzt erscheinen lässt), Hans van Aachen und gerade auch viele Niederländer wirkten an seinem Hof. Kuriositäten und wertvolle Sammelstücke, Münzen und Handschriften erwarb er in großen Mengen. Ein Teil dieser Sammlungen, die europäische Spitzenklasse bedeuteten, wurde im Dreißigjährigen Krieg durch Sachsen und Schweden verschleppt. Erhebliche Bestände sind im Kunsthistorischen Museum zu Wien zu besichtigen. In seinen Gärten tummelte sich manches exotische Getier, blühten Pflanzen fremder Herkunft.

Es war dieses unablässige Sammeln und das übergroße Interesse, das zum Stocken der Staatsgeschäfte führte. Mochte das Interesse an Kunst und Kuriositäten manische Züge angenommen haben, so wirkte Rudolfs Rückzug von der Politik gerade als Hinweis auf Depressionen. In späteren Jahren, speziell nach 1598, mussten Diplomaten auf eine Audienz warten, und nur mit größter Mühe waren Unterschriften von ihm zu erlangen (dies förderte die Macht der Kammerdiener, die den Zugang zu Rudolf kontrollierten). So vieles lag ihm am Herzen: um Fischteiche anzulegen, ließ er einen Kanal über eine Strecke von zweieinhalb Kilometer unter einem Hügel graben (im 19. Jahrhundert noch gut genug für die Wasserversorgung Prags). Würden wir heute nicht von Verzettelung reden?

Im Zusammenhang mit Rudolf wird in der Regel über Krankheit gesprochen. Stets in spanischer Hoftracht schwarz gekleidet, anfangs freundlich und milde, später zunehmend distanziert, schweigsam und zurückgezogen, von größter Empfindlichkeit gegenüber allem Ungewohnten, belastete er speziell in seinen letzten Lebensjahren seine Umgebung durch Tobsucht. Begründetes Misstrauen steigerte sich in Verfolgungswahn. Als Kind von Cousin und Cousine, die auch über andere Herkunftslinien möglicherweise zusätzlich miteinander verwandt waren, waren seine Erbanlagen nicht die besten. Eindeutig geisteskrank war Sohn Julius von Österreich, der in Český Krumlov/ Böhmisch Krumau einen bestialischen Mord an einer von ihm begehrten Frau beging. Die Nachricht darüber und der bald folgende Tod dieses Nachkommen dürften die geistige Gesundheit Rudolfs endgültig ruiniert haben. Es ist aber gleichzeitig zu bedenken, dass Gerüchte über Wahn und Regierungsunfähigkeit gezielt von seinen Feinden, nicht zuletzt seinem farblosen Bruder Mathias aus Gründen des Machtgewinns gestreut wurden. Franz Grillparzer hat den Kampf in seinem Drama „Ein Bruderzwist im Hause Habsburg“ verewigt.

Rudolf II. verstarb am 20. Januar 1612.  Er ist im Veitsdom zu Prag begraben, wo er auch seine Eltern und Großeltern bestatten ließ. Einer arrangierten Ehe mit einer Cousine ging er aus dem Weg, er blieb vielmehr unverheiratet. Rudolf hinterließ mehrere uneheliche Kinder.

 

Literatur:

 

Felix Stieve: Rudolf II. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 29, Leipzig 1889, S. 493-515.

http://www.bgzehnwn.ac.at/rudolf/

 

[1] Peter Rawert: Ein Traum aus Kunst und Magie. In: Die Zeit, 20.1.2012.

Berthold Seewald: Für eine Erotik-Sammlung gab er ein Kaiserreich. In: Die Welt, 20.1.2012.

 

 

 

Stefan Winckler

Vor 200 Jahren legte Kaiser Franz II. die Krone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nieder

 

1., Das Dokument

 

Am Morgen des 6. August 1806 verlas der Herold des Reiches vor der Kirche zu den neun Engeln in Wien einen Urkundentext, der im Namen von Kaiser Franz II. die formalrechtliche Konsequenz aus den Friedensbestimmungen von Pressburg und dem übertritt maßgeblicher Fürsten zu Napoleons „Rheinbund“ am 12. Juli d. J. zog:

 

„(…) Bei der hierdurch vollendeten Überzeugung von der gänzlichen Unmöglichkeit, die Pflichten Unseres kaiserlichen Amtes länger zu erfüllen, sind Wir es Unseren Grundsätzen und Unserer Würde schuldig, auf eine Krone zu verzichten, welche nur so lange Werth in Unseren Augen haben konnte, als Wir dem, von Kurfürsten, Fürsten und Ständen und den übrigen Angehörigen des deutschen Reiches Uns bezeigten Zutrauen zu entsprechen, und dem übernommenen Obliegenheiten ein Genüge zu leisten im Stande waren. Wir erklären demnach durch Gegenwärtiges, dass Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reiches gebunden hat, als gelöst ansehen, daß Wir das reichsoberhauptliche Amt und Würde (…) als erloschen und Uns dadurch von allen übernommenen Pflichten gegen das Deutsche Reich losgezählt betrachten und die wegen desselben bis jetzt getragene Kaiserkrone und geführte kaiserliche Regierung, wie hiermit geschieht, niederlegen. Wir entbinden zugleich Kurfürsten, Fürsten, und Stände  und alle Reichsangehörigen insbesondere auch die Mitglieder der höchsten Reichsgerichte und die übrige Reichsdienerschaft von ihren Pflichten womit sie an Uns, als das gesetzliche Oberhaupt des Reiches, durch die Constitution gebunden waren (…)  (1)

Diese Sterbeurkunde des alten Reiches hatte Graf Stadion entworfen, nachdem Napoleon Franz II. unter Androhung militärischer Gewalt zur Niederlegung der römisch-deutschen Kaiserkrone gezwungen hatte.

Vorausgegangen war 1803 die Säkularisierung der geistlichen Fürstentümer und die Aufhebung der Klöster. Reichsunmittelbare Städte verloren ihre Selbständigkeit (Mediatisierung) und sanken zu Landgemeinden mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen herab, die viel Aufträge der bisherigen Residenten entbehren mussten. So verstaubt und zukunftsunfähig die Vielzahl an Territorien („Flickenteppich“) auch war, so bedeutete die Säkularisierung oft eine Verschleuderung kirchlichen Eigentums durch die neue Obrigkeit, eine mangende Pflege von Kunstgegenständen und nicht zuletzt Probleme, den neuen Untertanen die Schulbildung zu vermitteln, die der Klerus seit Jahrhunderten in seiner Hand hatte.

Die Bedeutung des Reichs wurde 1804 mit der Krönung Napoleons zum Kaiser der Franzosen und der Proklamation des Kaisertums Österreichs (Franz versuchte, mit Napoleon gleichrangig zu bleiben) weiter untergraben. Der Tod des Reiches wartete eigentlich nur noch darauf, amtlich bekundet zu werden.

 

2., Begrifflichkeit und Wesen des Reiches

 

Zwar war die Bezeichnung „deutsches Königreich“ bzw. „Königreich der Deutschen“ (regnum teutoni[or]um) 925 erstmals aufgetreten. Doch war mit der Kaiserkrönung Otto des Großen 962  („Imperator Romanorum“ in seiner Urkunde von 976) durch papst Johannes XXII. Ein übernationaler Aspekt hinzugetreten: der Charakter des Reiches als Universalmonarchie in Nachfolge des Imperium Romanum und in Fortsetzung des Kaisertums Karls des Großen (Translatio Imperii) als höchste weltliche Macht auf Erden. Das bedeutete auch, dass sich der Kaiser als gleichrangig mit dem Papst, der höchsten geistlichen Instanz, erachtete, dass sein Reich gottesunmittelbar und erhaben war. So war 1157 erstmals in einer Urkunde Friedrich Barbarossas von „Sacrum Imperii“ („Geheiligtes Reich“) die Rede. 1243 wurde „Sacrum Imperium Romanum“ offiziell. Man beachte: „sacrum“, nicht „sanctum“ („heilig“) im Original. Der Zusatz „nationis germaniae“ („deutscher Nation“) ist erstmals 1486 in einem Reichsgesetz nachgewiesen und wurde seit dem 16. Jahrhundert offiziell. Zweck des Reiches war nicht Ausdehnung und Machtstreben, sondern Schutz des Rechts und Bewahrung des Friedens. So war das Alte Reich auch praktisch zum Angriff unfähig, denn die dafür erforderlichen Massenheere sind ein Mittel der Nationalstaaten mit allgemeiner Wehrpflicht – Stichwort Französische Revolution und Napoleon. Vielmehr sollte das reich die Machtgier eindämmen, die Untertanen vor Fürstenwillkür, die kleinen Reichsstände vor den großen Ständen schützen. Ein christlicher Ansatz! Doch weil es ein Himmelreich auf Erden nicht geben kann (denn wer es anstrebt, schafft meist eine Hölle), waren die hehren Ansprüche oft nur ungenügend verwirklicht worden. Vom stolzen Kaisertum entwickelte es sich zum Verbund aus Kaiser und Reichsständen, nachdem schon der „Apulier“ Friedrich II. 1220 Zugeständnisse an die Fürsten machen musste, damit sie ihn (bzw. seinen Sohn) zum König wählen.

Eine Verbindung aus englischen Verfassungsgrundzügen und dem Wesen des Reiches strebte Freiherr vom und zum Stein im frühen 19. Jahrhundert an, ohne sich gegen die auf ihrer Souveränität bestehenden „35 kleinen Despoten“ der Landesfürsten durchsetzen zu können.  

 

3., Vergangenheit und Gegenwart

 

 

Einige Bücher über das Alte Reich sind 2006 neu erschienen. Vor allem war das Reich durch ausschließlich ihm gewidmete, große Doppel-Ausstellung in Magdeburg und in Berlin von August bis Dezember 2008 ins Gespräch gekommen:  Wikipedia schrieb von 440 000 Besuchern, so dass dies die erfolgreiche Ausstellung über Geschichte seit der Preußen-Ausstellung von 1981 war.

Die Kenntnis – nicht die Idealisierung durch die Romantik – des Heiligen Römischen Reiches hilft, neben der Geschichte der deutschen Lande auch die Vergangenheit der benachbarten mitteleuropäischen Regionen im Westen, Süden und Osten zu verstehen. Dort haben Deutsche und andere Völker meist gemeinsam, mit den gleichen christlichen Werten, Kultur- und Wirtschaftsgut geschaffen. Völkerverständigung ergibt sich demnach nicht aus der Umsetzung von EU-Richtlinien, sondern aus verbindender geschichtlicher Vergangenheit – wie es aus dem Wirken der geistlichen Ritterorden oder dem kaisertreuen Ghibellinen und weißen Guelfen – allen voran Dante – ersichtlich ist.

 

 

1      1   Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke: Geschichte in Quellen. Bd.4: Amerikanische und Französische Revolution. München 1981, S. 550f.

 

 

Literaturhinweise 

 

Karl Otmar von Aretin: Heiliges Römisches Reich 1776-1806. Reichsverfassung und Staatssouveränität. Zugl.: Habilitationsschrift. Wiesbaden 1967.

Klaus Herbus/Helmut Neuhaus: Das Heilige Römische Reich – Schauplatz einer tausendjährigen Geschichte (843-1806): Köln, Weimar: Böhlau 2005.

Hubertus Prinz zu Löwenstein: Deutsche Geschichte. München: F.A, Herbig, 1976

Mathias Puhle/Claus-Peter Hasse: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962-1806. Von Otto de, Großen bis zum Ausgang des Mittelalters. Katalog- und Essayband zur 29. Ausstellung des Europarates. Dresden 2006.  

Bernd Schneidmüller (Hrsg.): Heilig – Römisch - Deutsch: das Reich im mittelalterlichen Europa. Dresden 2006

Barbara Stollberg-Rilinger: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Vom Ende des Mittelalters bis 1806. München 1806.

http://de.wikipedia.org/wiki/Heiliges_Römisches_Reich

http://de.wikipedia.org/wiki/Ausstellung_Heiliges_Römisches_Reich_Deutscher_Nation

 

 

3. Beiträge zur neuen und neuesten Geschichte

 

 

Stefan Winckler

Auf den Spuren Metternichs. Eine Exkursion in Tschechien

 

Der große deutsche Staatsmann Europas im 19. Jahrhundert war Clemens Wenzel Lothar von Metternich-Winneburg. Auch wenn sein Leben gut erforscht ist (zuletzt: Wolfram Siemann: Metternich. Staatsmann zwischen Restauration und Moderne. München 2010) ist der Ort seines Grabes auch Professoren der Neueren Geschichte unbekannt (üblicherweise tippen sie auf Schloß Johannisberg im Rheingau oder auf Wien).   Doch Metternich ist auf seinem einstigen Besitz Plass/Plasy 23 Kilometer nördlich von Pilsen in Böhmen bestattet. Sein Grab war das Ziel einer Reise des Verfassers mit Professor Helmut Grieser im Juni 2010. Hier ist der Bericht.

Zuerst waren wir in der kleinen, aber gepflegten Kurstadt Marienbad/Marianske Lazne.  Die meisten Häuser in der Hauptstraße wirken wie Grand Hotels aus der späten Kaiserzeit. Überhaupt ist die Bausubstanz in einem nahezu einwandfreien Zustand. Denkmäler erinnern an die beiden deutschen Stadtgründer ebenso wie an den Kurgast Goethe, nach dem auch ein Platz und weitere Monumente benannt sind. Eine Befangenheit gegenüber der deutschen Vergangenheit war nirgendwo zu spüren (auch sonst wird in Tschechien der deutschen Personen der jeweiligen Lokalgeschichte ohne Vorbehalte gedacht, so z.B. in Trescht/Trest Joseph Schumpeter in einem kleinen Museum, oder Gustav Mahler in Iglau/Jihlava). Für den Historiker ist das Schloß Königswart/Kynzvart wenige Kilometer weiter, dicht an der Grenze zu Bayern, mindestens ebenso eine Reise wert. Es liegt etwa auf der Höhe von Waldsassen (ebenfalls sehenswert) und Marktredwitz. Metternich weilte recht oft in diesem Schloss, das er im Stile des Empire umgestalten ließ, z.B. während der Pariser Julirevolution, wo er sich mit dem befreundeten Wahl-Wiener Friedrich von Gentz traf, und wo er 1835 auch den neuen österreichischen Kaiser Ferdinand empfing.  Wenn möglich steigt der Besucher im Schlosshotel Metternich ab – ja, dieser Name steht in deutscher Sprache gleich zweimal auf der Fassade, ebenso der tschechische. Auch an der Rezeption kann der Reisende geradezu selbstverständlich auf Deutsch bedient werden. Eigentlich handelt es sich bei diesem Bau um die umgebauten Wirtschaftsgebäude (sprich: Ställe und Lagerhäuser) des Schlosses. Noch vor wenigen Jahren war er in einem furchtbaren Zustand, da die Kommunisten nach dem Motto „Ruinen schaffen ohne Waffen“ geherrscht hatten. Das Schlossrestaurant (auch auf deutsch angeschrieben!) bietet eine vorzügliche tschechische Küche und das entsprechende Pilsner Urquell von Fass. Selbstverständlich ist in den besseren Restaurants jenes Landes, dass es eine Speisekarte in deutscher Sprache gibt, und das Personal deutsch spricht. Das Schloss selbst enthält eine riesige Bibliothek von 25000 Bänden bis hin zur den Anfängen des Buchdrucks, ein Kuriositätenkabinett mit Gegenständen historischer Persönlichkeiten (u.a. Metternichs Brille) sowie die Gemälde, Schusswaffen u.ä., die ganz einfach erwartet werden können.

Metternich ließ in Plass/Plasy eine Kapelle für sich, seine drei verstorbenen Ehefrauen und fünf seiner Kinder im klassizistischen Stil umbauen. Sie ist abgeschlossen, doch kann der Schlüssel im Rathaus der kleinen Stadt geholt werden. Warum hat sich der Staatskanzler für dieses Nest weitab von Wien und fern seiner mittelrheinischen Heimat entschieden? Metternich war ab 1826 im Besitz eines riesigen barocken Klosterareals, das heute wieder besichtigt werden kann. Es war für ihn und seine Familie von wirtschaftlicher Bedeutung, zumal er dort Gewerbebetriebe wie etwa eine Gießerei ansiedelte. Hier bröckelt der Putz zwar noch gewaltig, doch ist die Renovierung in Angriff genommen. Eine Führung durch die wichtigsten Räume nimmt 50 Minuten in Anspruch, wobei vor allem eine barocke Wendeltreppe auffällt. Im Zuge von Flucht und Enteignung ist die Innenausstattung allerdings weitgehend verschwunden.

Im gleichen Ort befindet sich ein Gasthof, der nach dem hochbegabten, aber politisch schwachen Kaiser Rudolf II. (1576-1612) benannt ist. Das Restaurant ist wie ein Jagdschlösschen eingerichtet, die Speisen und Getränke hätten auch einen Metternich oder Bismarck nicht enttäuscht.  Hausspezialitäten werden nach mittelalterlichen Rezepten gekocht.

Was lernen wir aus alldem? Nicht nur, wo Metternich sich des Öfteren aufhielt. Sondern: welches Glück es ist, dass es den Eisernen Vorhang mitsamt seiner Sperrgebiete nicht mehr gibt, so dass wir ohne jede staatliche Behinderung historische Exkursionen vornehmen und Menschen treffen können, und all dies noch in deutscher Sprache genießen können. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg ist von Vorbehalten gegenüber Deutschen nichts mehr zu spüren. Wir sollten die unabänderlichen dunklen Kapitel der Vergangenheit hinter uns lassen (es sei denn, sie werden wissenschaftlich seriös erforscht) und stattdessen das Gemeinsame in Geschichte und Gegenwart wahrnehmen. Es gibt so viel davon. Und anders lässt sich die Zukunft nicht gestalten.

 

Weiterführende Texte und Fotos:

 

www.kynzvart.cz (auch auf deutsch)

www.klaster-plasy.cz (auch auf deutsch)

www.rudolf-II.cz/index.php?stranka =Einleitungsseite (auch auf deutsch)

 

 

 

Stefan Winckler

Vor 150 Jahren: Friedrich Wilhelm IV. von Preußen gestorben

 

Friedrich Wilhelm IV. war der Sohn von Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise. Er wurde am 15. Oktober 1795 geboren, zwei Jahre vor seinem Bruder Wilhelm I. Verheiratet war er mit Elisabeth, einer katholischen Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach, die nach der Hochzeit zum Protestantismus übertrat. Die Ehe blieb kinderlos.

In jungen Jahren war er eher ein Künstler als ein Kronprinz: Schon als Kind entpuppte er sich als ein begabter Zeichner (Humor und Ironie werden deutlich anhand einiger Selbstkarikaturen), später war er ein bedeutender Bauherr, von dem mehr als tausend Entwürfe, gerade auch für Sakralbauten, stammten. Ihm ist es zu verdanken, dass der Kölner Dom nach 1842 fertig gebaut wurde, und dass die „Kölner Wirren“, also die Auseinandersetzung zwischen katholischer Kirche und preußischem Staat, gleichzeitig ein Ende fanden.

Vor allem aber war der Hochbegabte, mit den führenden Geistesgrößen Preußens wie Karl Friedrich Schinkel und Alexander von Humboldt verkehrende Friedrich Wilhelm IV. ein sehr gläubiger Christ. 1840 bestieg er den Thron, und sprach anlässlich seiner Huldigungsfeier: „Wenn von Ihnen nun der Sinn nicht nach einer sogenannten glorreichen Regierung steht, die mit Geschützesdonner und Posaunenton die Nachwelt ruhmvoll erfüllt, sondern wer sich begnügen lassen will mit einer einfachen, väterlichen, echt deutschen und christlichen Regierung, der fasse Vertrauen zu Mir. (…) Ich will (…) Friede halten zu Meiner Zeit (…)“.

Friedrich Wilhelm IV., der im Vergleich zu anderen Monarchen ungewöhnlich häufig Ansprachen hielt, blieb konsequent: Zum Unwillen Frankreichs und Englands auf der einen, Russlands auf der anderen Seite beteiligte sich Preußen nicht am Krimkrieg 1853-1856. Dadurch war dieser Waffengang auf das Schwarze Meer beschränkt, Mitteleuropa blieb verschont. Ein anderer Grund war allerdings auch die Schwäche des preußischen Heeres, das erst unter Bismarck zu einer (wieder) schlagkräftigen Armee wurde – Stichwort: Heeresreform 1860ff.

Zugleich fühlte Friedrich Wilhelm, auch darin ein Romantiker, zutiefst „teutsch“ (wie auch Ludwig I. von Bayern, sein Schwager).  Doch wollte er, der Romantik entsprechend, die Deutsche Einheit nicht durch die Abgeordneten der Paulskirche (oder gar nur durch einen Teil von ihnen) verwirklicht sehen, sondern durch sich und seinesgleichen, die Fürsten des Deutschen Bundes. Für diese Einstellung verzichtete er auf die deutsche Kaiserkrone, die seiner Überzeugung nach dem österreichischen Monarchen gebühren sollte. Der Versuch einer deutschen Einigung „von oben“ scheiterte jedoch 1850 (Punktation von Olmütz).

In Preußen wehrte sich Friedrich Wilhelm gegen eine moderne, liberale  Verfassungsgebung, wie sie beispielsweise in Baden und Bayern existierte. Er fühlte sich als König von Gottes Gnaden, der nur dem Schöpfer Rechenschaft schuldig sei („Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen“) und in diesem Sinne sein Volk unter Mitwirkung der Stände liebevoll-väterlich regiere. Wäre da, so Friedrich Wilhelm, eine seine Rechte einschränkende Verfassung nicht ein Akt des Misstrauens, ja eine Gotteslästerung, weil sie die „organische“, gottgewollte Ordnung umzugestalten versucht? Doch machte er unmissverständlich deutlich, was sein Selbstverständnis als Herrscher war:

„Es drängt mich zu der feierlichen Erklärung, daß es keiner Macht der Erde je gelingen soll, mich zu bewegen, das natürliche, gerade bei uns durch seine innere Wahrheit so mächtig machende Verhältnis zwischen Fürst und Volk in ein konventionelles und konstitutionelles zu wandeln, und daß ich es nie und nimmermehr zugeben werde, daß sich zwischen unseren Herrgott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt gleichsam als eine zweite Vorsehung eindränge, um uns mit seinen Paragraphen zu regieren und durch sie die alte, heilige Treue zu ersetzen. Zwischen uns sei Wahrheit. Von einer Schwäche weiß ich mich gänzlich frei. Ich strebe nicht nach eitler Volksgunst (Und wer könnte das, der sich durch die Geschichte hat belehren lassen?). Ich strebe allein danach, meine Pflicht nach bestem Wissen und nach meinem Gewissen zu erfüllen und den Dank meines Volke zu verdienen, sollte er mir auch nimmer zuteil werden…“. 

Nur nach schwerstem Inneren Ringen legte er dennoch seinen Eid auf die oktroyierte Verfassung 1848 und die revidierte Verfassung 1850 ab. Damit war Preußen eine konstitutionelle Monarchie.

Auch Friedrich Wilhelm IV., über den es noch viel zu sagen gäbe, war kein idealer Herrscher. Seine symbolische Politik nach 1840 machte den Liberalen Hoffnungen, die der König bald wieder enttäuschte: Zwar begnadigte er unter anderem den „Turnvater“ Jahn und setzte noch in seinem Krönungsjahr Ernst Moritz Arndt wieder auf seinen Lehrstuhl in Bonn, aber dies tat er aus dem christlichen Motiv der Versöhnung. Im Revolutionsjahr 1848 blieb Friedrich Wilhelm IV. monatelang in der Defensive (man könnte auch sagen: er war verunsichert) – ein Zustand, der Otto von Bismarck rasend vor Ungeduld und Wut machte. Auf die soziale Frage, die ihm Bettina von Arnim nahezubringen versuchte, fand er keine Antwort. 

Friedrich Wilhelm IV. starb nach mehreren Schlaganfällen am 2. Januar 1861. Er ist in der Friedenskirche von Potsdam begraben.  Mit ihm trat die Generation Preußens, die die Befreiungskriege, das Erweckungschristentum und die Romantik bewusst, ja prägend erlebt hatte, ab: Es war das Todesjahr Friedrich Carl von Savignys, Friedrich Julius Stahls und Leopold von Gerlachs. Die nächsten 30 Jahre standen im Zeichen von Bismarcks Realpolitik.

 

Literaturhinweise:

 

Friedrich Wilhelm IV. ist gut erforscht. Eine Quellensammlung erschien bereits 1855 („Reden und Trinksprüche Friedrich Wilhelms IV.“). Aufschlüsse geben  gerade auch die Schriften seines Freundes und Beraters Radowitz und seines Ministerpräsidenten Otto von Manteuffel. Kein Historiker der preußischen Geschichte des 19. Jahrhunderts wie z.B. Leopold von Ranke konnte das Thema vernachlässigen. Doch wurde Friedrich Wilhelm IV. im Deutschen Kaiserreich eher ungünstig beurteilt, weil er kein Tatmensch war, ihm die deutsche Einheit nicht gelang, und er völlig in Bismarcks Schatten geraten war. In den letzten Jahren erschienen folgende Bücher: David E. Barklay: Anarchie und guter Wille. Berlin 1995; Dirk Blasius: Friedrich Wilhelm IV: Psychopathologie und Geschichte, Göttingen 1992; Walter Bußmann: Zwischen Preußen und Deutschland: Friedrich Wilhelm IV., Berlin 1990; Frank-Lothar Kroll: Friedrich Wilhelm IV. und das Staatsdenken der deutschen Romantik. Berlin 1990; Peter Krüger: Der verkannte Monarch: Friedrich Wilhelm IV. in seiner Zeit, Potsdam 1997. Darüber hinaus existiert ein Katalog zu der Ausstellung Friedrich Wilhelm IV., Künstler und König, die 1995 in der neuen Orangerie im Park von Sanssouci stattfand. 

 

 

 

Stefan Winckler

Ein konservativer Gegner Bismarcks: Ernst Ludwig von Gerlach

 

Otto von Bismarck hatte in seiner Zeit als Reichskanzler auch im konservativen Lager (und nicht nur bei den Ultramontanen) Gegner von hohem intellektuellem Niveau. Einer war Ernst Ludwig von Gerlach, Jurist, Publizist und Politiker. Der Historiker Hans-Christof Kraus hat sich 1994 seiner Biographie und seiner Aussagen in zwei umfangreichen Bänden angenommen. Der gleiche Wissenschaftler vereinte kürzlich drei Texte Gerlachs in einem Buch: „Gottesgnadentum und Freiheit“ (Reihe: Bibliothek der Reaction), Wien, Leipzig: Karolinger, 2011.

Anstelle der drei abgedruckten Texte soll hier nur der erste „Christentum und Königtum von Gottes Gnaden im Verhältnis zu den Fortschritten des Jahrhunderts“ (S. 7-44) erörtert werden. Es fällt im Übrigen auf, dass Gerlach in dieser Ansprache keinen Bezug auf Otto von Bismarck trotz dessen zentraler Stellung in dem gleichzeitig auf seinen Höhepunkt zulaufenden Heeres- und Verfassungskonflikt nimmt, zumal er lange Bismarcks politischer Ziehvater gewesen war.

Konzipiert als Vortrag vor dem Evangelischen Verein  in Berlin, favorisiert Gerlach die Herkunft aller Herrschaft und des Rechts aus der Allmacht Gottes. Dabei begegnet dem Leser eine sehr pauschal erscheinende Zeitkritik, insbesondere am Liberalismus: „Denn weit und breit verleugnet und erschüttert diese Zeit alle Autorität, göttliche und menschliche. Tief hinein dringt freche Impietät in jede Stadt, in jedes Dorf, in unzählige Häuser. Pantheismus: ,die Welt ist Gott‘ – Atheismus: ,es ist kein Gott‘ – erheben keck und öffentlich ihr Haupt“ (S.8).  Getragen von der Philosophie der Aufklärung (die Gerlach nicht direkt erwähnt) wolle der Mensch von sich aus herrschen – was aber nicht möglich sei. Vielmehr sei doch „die Obrigkeit nichts ohne Gott, der sie eingesetzt hat und in ihr waltet“ (S. 9). Der Angriff auf die Verweltlichung des politischen Herrschaftsanspruchs, gegen die Liberalen, mag zu jenem Zeitpunkt nicht überraschen, denn die liberale Mehrheit des Abgeordnetenhauses, gestützt auf die öffentliche Meinung im Bürgertum, stand gegen die Politik König Wilhelms und Bismarcks. An diesem Thema konnte ein Jurist wie Gerlach in der geistigen Nachfolge des hochkonservativen Friedrich Julius von Stahl in Berlin gar nicht vorbeikommen. Hier sei der Konservatismus gefordert, ohne freilich in die geistigen Strömungen vormoderner Zeit zurückzufallen: „Ich habe oft bemerkt, daß man unsrerseits das Königtum von Gottes Gnaden nur schwach und unklar zu verteidigen wußte, wenn man überging aus dem bloßen aufgeregten Pietätsgefühl auf das Gebiet ruhiger durchsichtiger Erörterung, und daß man, wenn man es versuchte, oft in den entgegengesetzten Irrtum geriet, nämlich in den Irrtum des Absolutismus, dessen Extrem ich als Verwandlung des Königtums in ein Götzentum bezeichnen muß“ (S. 9). Damit befand er sich im Einklang mit dem 1861 verstorbenen König Friedrich Wilhelm IV., der als christlicher Monarch ganz bewusst zusammen mit den Ständen und eben nicht absolut regieren wollte. Gott, so Gerlach, sei „unser Vater und unser König“, „König aller Völker, König aller Könige“. Die weltlichen Könige seien seine „Abbilder“ (S. 10). Daher liege es nahe, im König als Landesherrscher entsprechend einer ewigen, natürlichen Ordnung etwas Ähnliches zu sehen wie einen Vater, der das Familienoberhaupt ist. Wie in einer Familie sind König und Untertanen durch die Treue zueinander verbunden.  

Überraschend kommt Gerlach im Anschluss an diese eher einem Prediger als einem Juristen entsprechende Herleitung der christlichen Monarchie auf die Republiken wie etwa die Vereinigten Staaten und die Niederlande zu sprechen, die ebenso rechtmäßig seien wie die Monarchien, insbesondere, wenn sich ein solcher Staat neu konstituiert oder die herrschende Dynastie erlischt. Auch eine parlamentarische Monarchie verdammt Gerlach nicht in Bausch und Bogen – schließlich kann ein Monarch von schwächlicher Herrschernatur sein und des Parlaments bedürfen. Freilich, die ursprüngliche, natürliche und damit auch stabilste Staatsform sei die Monarchie. Geschickt nennt Gerlach hier die Schwächen bestehender Republiken (amerikanischer Bürgerkrieg!). Selbst auf Revolutionen folgten rasch wieder Monarchien (Frankreich!). Ebenso wie die politische Romantik und mit ihr König Friedrich Wilhelm IV. weiß Gerlach das politische System Englands als organisch gewachsen und gefestigt zu schätzen: „Das heutige England zeigt uns Autorität und Freiheit zur intimsten Einheit verbunden durch seine festen, Recht und Freiheit atmenden Institutionen, die ihre Kraft ziehen aus dem Christentume, welches dieses  Volk, wie wohl kein anderes Volk, durchdringt und Grund und Bestandteil seines Rechts ist – part and parcel of the law – und durch die wunderbare Rechtskontinuität, die seit vielen Jahrhunderten alle seine Zustände beseelt (…). Die englischen Institutionen dagegen sind erwachsen aus dem Schoß der Kirche, monarchisch durch all ihre Gliederungen, uralt und doch frisch und jung, mit einem Worte: nach Geist und Inhalt grundverschieden, ja! Entgegengesetzt den Ideen von 1789. Kein Thron steht heut zu Tage fester als der englische Thron; keiner Krone wird willigerer und treuerer gehorsam geleistet als der Krone auf dem Haupte einer Frau, einer Witwe. (…)“ [Queen Victoria] (S. 23).

Gerlach begnügt sich nicht mit einer trivialen Verurteilung der Revolutionen seit 1789, sondern macht den Absolutismus für ihre durchschlagende Wirkung verantwortlich. Dieser habe die echten „Rechts- und Freiheitselemente“ getilgt, „die allein feste Schutzwehr gegen die Revolutionen sind“. Das Selbstverständnis des Absolutismus sei unglaubwürdig. „Will der Absolutismus seine maß- und schrankenlose Königsgewalt durch Hinweisung auf der Könige Rechenschaft vor Gott rechtfertigen, so reißt er auseinander, was zusammengehört, Wesen und Erscheinung“ (S. 24). Der Absolutismus sei ein recht neues Phänomen mit wenig Tradition, dagegen kennen Kirche und Staat das Recht der Untertanen an, auch gegen ihre Obrigkeiten Recht geltend zu machen.  Ungewollt habe der Absolutismus erst die Revolutionen durch seine Pervertierung des Herrschaftsanspruchs verursacht („eine grundverderbliche Wirkung (…) er hat die Wahrheit weit und breit verdunkelt, deren Karikatur er ist. Die rechten Titel und legitimen Überschriften dieser Wahrheit hat er zu Gegenständen des Hasses und des Abscheus gemacht und als Reaktion dagegen das revolutionäre Wesen hervorgerufen (…)“, S. 26). Die Abneigung der öffentlichen Meinung gegen den Absolutismus habe auch auf das gottgestiftete Königtum übergegriffen.

 

Hans Christof Kraus‘  Auswahl der Reden Gerlachs zeigt, dass es sich bei den protestantischen, entschieden königstreuen Konservativen Preußens, ja West- und Mitteleuropas nicht um geistlose Finsterlinge handelte, wie es die liberale Geschichtslegende suggeriert. Vielmehr wird die Herleitung des konservativen Ideenkerns leicht sichtbar. Allerdings lassen sich zur politischen Gegenwart im 21. Jahrhundert kaum Bezüge entwickeln. 

Gerlach vermochte es in den darauf folgenden Jahren nicht, sich Bismarck anzuschließen. Hier mag neben seinen politischen Einstellungen auch sein höheres Alter (20 Jahre alter als Bismarck) entscheidend gewesen sein. Dieser Gegensatz war spätestens mit dem Deutschen Krieg zutage getreten, als Gerlach die „Hinausdrängung Österreichs“ und die preußischen Annexionen vor allem von Hannover als gegen die fürstliche Legitimität gerichtet verurteilte. Der preußische Kulturkampf veranlasste ihn sogar, sich (als Protestant!) der  Zentrumsfraktion im Reichstag als Hospitant anzuschließen. Ernst Ludwig von Gerlach verstarb 1877, fast 82jährig, an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Vgl. dazu in gewohnter Ausführlichkeit: Gerlach, Ludwig von. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 9 (1879), S. 9-14, sowie: Hans Christof Kraus: Nachwort. In: Ludwig von Gerlach: Gottesgnadentum und Freiheit, S. 127-141. 

 

 

 

Stefan Winckler

Bismarck und die öffentliche Meinung seiner Zeit

 

Obwohl Bismarck zu den besterforschten Persönlichkeiten der neueren europäischen Geschichte zählt, wurde die Frage nach Bismarcks Haltung zur Meinung des Volkes kaum gestellt. So findet sich nichts darüber in dem an sich so wertvollen, konservativ gefärbten Sammelband „Revision des Bismarckbildes“ von Herausgeber Hans Hallmann.

Bismarck war kein Nationaler und kein Liberaler. Schließlich war 1871 nicht die Nation souverän, vielmehr waren die Fürsten zusammen als ewiger Bund mit den freien und Hansestädten souverän, und Bismarck war ein Mann des preußischen Staates und der Hohenzollern. Seine Farben waren nicht diejenigen der Nationalbewegung, nicht die der 48er Revolution: eben nicht schwarz-rot-gold. Muss ein solcher Konservativer sich unbedingt nach der Meinung des Volkes erkundigen oder sich gar daran orientieren? Wohl nicht. Oder interessierte sich Bismarck, der gewiefte Taktiker, doch für die öffentliche Meinung, weil er im beginnenden Zeitalter der Massen die Volksmeinung für seine Zwecke auszunutzen gedachte?

Ließ sich Bismarck gar von nationaler Euphorie und liberalem Überschwang mitreißen? Oder gelang es ihm, wichtige Teile des Volkes gezielt zu überzeugen und diese Meinungen für seine Politik zu nutzen?  Hatte er überhaupt Interesse an der öffentlichen Meinung, hat er diesen Begriff wortwörtlich in seinen Schriften aufgeführt? Ich möchte davon ausgehen, dass Bismarck die öffentliche Meinung weder als Vox Dei (Stimme Gottes) noch als Vox Rindvieh ansah. Auf derart einfache Alternativen ließ er sich vermutlich nicht ein. Als Grundherr und Konservativer dürfte er aber niemals der öffentlichen Meinung blind gefolgt sein, zumal er sich als Diener der Hohenzollern-Dynastie und des preußischen, später deutschen Staates sah.

 

Was ist öffentliche Meinung, warum ist sie hier ein Thema, und was schrieb Bismarck darüber?

 

Bismarck verwendete immer wieder den Begriff „öffentliche Meinung“. Er schrieb in einem Telegramm am 13. Juli 1870:  

„Angesichts der steigenden Entrüstung der öffentlichen Meinung gegen die Anmaßungen Frankreichs, von der mir aus den verschiedensten Theilen Deutschlands die Symptome zugehn, halte ich es für geboten, daß wir eine Aufforderung an Frankreich richten, sich über seine Intentionen gegen Deutschland zu erklären“. Dies ist zugleich ein Musterbeispiel zur Rechtfertigung einer außenpolitischen Maßnahme durch eine nachgewiesene öffentliche Meinung, die er selbst durch die Veröffentlichung der verschärften Emser Depesche erzeugt hatte. Nur einen Tag später heißt es in einem weiteren Telegramm: Zitat „unsre Stellung als Minister würde der öffentlichen Meinung gegenüber nicht haltbar bleiben, wenn der König [Wilhelm I.] [den französischen Botschafter] Benedetti in Ems nochmals empfängt“.[1] 

Oder auch in einer Denkschrift vom 30. August 1871:

„Wir können mit Sicherheit damit rechnen, daß bei dem jetzigen Stande der öffentlichen Meinung in Frankreich jede Konzession (…) nur einer politischen Besorgnis (…) zugeschrieben werden wird (…)“.[2]

Als der Abschluss des Zweibundes mit Österreich-Ungarn 1879 bevorstand, schrieb Bismarck: „Es ist für eine große Regierung kaum möglich, die Kraft ihres Landes für ein andres befreundetes voll einzusetzen, wenn die Überzeugung des Volkes es mißbilligt“. So groß erschien ihm die Macht der öffentlichen Meinung. Aber wenn sie auch mächtig sei, müsse sie doch in bestimmten Fällen überwunden werden. Bismarck  über den Zweibund:  

„Mir erschienen die Gründe, die in der politischen Situation uns auf ein österreichisches Bündnis hinwiesen, so zwingender Natur, daß ich nach einem solchen auch gegen den Widerstand unserer öffentlichen Meinung gestrebt haben würde“. [3]

Umgekehrt mobilisierte er mindestens einmal die öffentliche Meinung, um den König zu beeinflussen. 1879 lehnte Wilhelm I. den Zweibund ab. Daraufhin organisierte Bismarck eine Flut von Briefen an den König. Deren Inhalt: Das Bündnis mit Österreich-Ungarn möge zustande kommen.  Tatsächlich konnte sich der Reichskanzler durchsetzen.

Für Bismarck kam eine Absolutierung der öffentlichen Meinung nicht in Frage. So erklärte er am 12. Juni 1882 im Reichstag:

 „Die Popularität einer Sache macht mich viel eher zweifelhaft und nötigt mich, mein Gewissen noch einmal zu fragen: Ist sie auch wirklich vernünftig?“

Mit diesem Hinterfragen und Widerstehen der öffentlichen Meinung haben wir ein wichtiges Beispiel für Persönlichkeitsstärke, und zugleich eine Antwort auf die Frage: „Was können die heutigen Politiker, was können wir von Bismarck lernen?“

Auch auf ausländische Zeitungen, etwa die britische und die ungarische Presse, versuchte Bismarck einzuwirken. Doch dies ist ein zu eigenständiges Thema, ja ein weites Feld, um an dieser Stelle dargestellt zu werden.

 

Bekannt ist die Popularität Bismarcks bei den Deutschen in seiner Zeit als Reichskanzler und danach. Doch was zuvor war, ist schwieriger zu konstruieren. Es gibt geschichtswissenschaftliche Arbeiten, die den Begriff „öffentliche Meinung“ im Titel aufführen, doch sind sie alt oder auf bestimmte Regionen und Ereignisse bezogen. In der vielversprechend betitelten Dissertation „Das erste Jahr des Ministeriums Bismarck und die öffentliche Meinung“ von 1908 untersucht der Autor Otto Nirrnheim fast ausschließlich die veröffentlichte Meinung, also die Aussagen der politischen Zeitungen von großdeutsch-katholisch über konservativ-preußisch bis hin zu den liberalen Blättern. Heutige Forschungen würden sich davon deutlich unterscheiden.

Öffentliche Meinung beschreibt meiner Ansicht nach die wesentlichen Übereinstimmungen der Menschen an Werten, Einstellungen und Meinungen. Es ist das, was die Menschen aussprechen, das was nicht nur eine Zeitung schreibt, sondern das, was der Medientenor ist, der sich in den Köpfen der Leser festgesetzt hat,  im Zweifelsfall hartnäckig verteidigt wird und durch Gespräche untereinander zusätzlich publik und gefestigt ist. Wer eine andere Einstellung oder Meinung hat, schweigt nicht selten, er zieht sich zurück, weil er sich nicht isolieren will. Das ermutigt wiederum die wirklich oder vermeintlich stärkere Gruppe, sich selbstbewusst zu Wort zu melden. Beispielsweise im Wahlkampf 1972: das Lager der CDU/CSU war ungefähr so stark wie das sozialliberale, eher linke Lager. Zu hören waren aber weit mehr die Fürsprecher Willy Brandts und nicht die Anhänger von Rainer Barzel. Diesen Begriff der Isolationsfurcht der einen und des Auftrumpfens der anderen Seite nennt Noelle-Neumann „Schweigespirale“.

Was Bismarck angeht, so fragt man sich unwillkürlich, inwieweit seinerzeit eine öffentliche politische Meinung nachweisbar war.  In der Tat gab es nicht wenige politisch interessierte Bürger, es gab politische Vereine und Parteien, und selbstverständlich politische Zeitungen. Zweifellos gab es Unterschiede zwischen der Landbevölkerung und der Stadt, zwischen arm und reich, zwischen Nord und Süd. Anhaltspunkte für die öffentliche Meinung gibt es in Hülle und Fülle. Ein Indiz sind die Wahlen, v.a. die Reichstagswahlen. So stieg die Wahlbeteiligung von 51 Prozent 1871 auf über 70 Prozent im Jahre 1890. Schon 1874 schrieb die Zeitschrift „Gartenlaube“:  die Bildungsbürger geben sich mit Berichten über die Ergebnisse von Reichstagssitzungen nicht mehr zufrieden, sondern wollten genau wissen, wie ihr Abgeordneter abgestimmt hat.

Tatsächlich weitete sich die Parlamentsberichterstattung der Zeitungen aus. Das politische Interesse lässt sich ferner daran ablesen, wie stark die Zuschauertribünen des Reichstags anlässlich der parlamentarischen Debatten besetzt waren. Vor allem, wenn Bismarck als Redner zu erwarten war, reichten die Plätze häufig nicht aus – und es entstand eine Art Schwarzmarkt, auf dem Preise von 50, 100 oder sogar 500 Mark für Einlasskarten bezahlt wurden. [4]

Das „Zeitalter der Massen“ (Gustave Le Bon) war also bereits in Ansätzen angebrochen. Bismarck hatte ein Interesse, die öffentliche Meinung zu erfahren. Gerade deswegen lehnte er das Dreiklassenwahlrecht ab: völlig ungleich und nicht geheim, wie es war, konnte es den Willen der Preußen gar nicht anzeigen. Aus gutem Grund favorisierte er ein allgemeines, gleiches Wahlrecht der Männer über 25 Jahren, das anzeigte, wie das Volk dachte (und das er 1867 im Norddeutschen Bund und vier Jahre später im Reich durchsetzte). Er fühlte sich auch mehr mit dem preußischen Volk als solchem verbunden als mit den durch seine Vermögen begünstigten Besitzbürgern, die den Liberalismus favorisierten.

 

Die öffentliche Meinung zu Beginn der Ministerpräsidentschaft

 

Bismarck zögerte nicht, im Heereskonflikt nach 1862 gegen die öffentliche Meinung in Preußen zu regieren. Er nahm einen heftigen, langwierigen Konflikt mit dem Landtag und den allermeisten Zeitungen in Kauf. Dabei konnte er sich nur auf den König stützen, dem er sich als adeliger Konservativer verpflichtet fühlte, und nicht auf die Öffentlichkeit. Aufgrund der Preßordonannz 1863 konnten Zeitungen alleine schon wegen ihrer sogenannten „Gesamttendenz“ verboten werden. Die Auflage der liberalen Presse übertraf seinerzeit diejenige der Konservativen um das Fünffache.[5] In dieser Anfangszeit als  preußischer Ministerpräsident stieß Bismarck auf Ablehnung: „Die überwiegende Mehrzahl des Volkes verharrt in schärfster Opposition gegen ihn“, so zitiert ihn der Historiker Ernst Engelberg.[6] Bismarck ließ sich nicht von seinem Weg abbringen. Er verfolgte, seinem konstruktiven Denken entsprechend, eine andere Strategie, um die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen: nämlich die Annäherung an Ferdinand Lassalle[7], dessen Haltung gegen das Besitzbürgertum außer Frage stand.

 

 

Die öffentliche Meinung zu Bismarck im dänischen und im deutschen Krieg

 

Für die nachfolgenden Jahre liegt eine Regionalstudie als Dissertation vor, die eine Frau (eine Seltenheit in der Monarchie!) 1915 vorgelegt hatte: „Die öffentliche Meinung in Hamburg in ihrer Haltung zu Bismarck 1864-66“. Zunächst war die Stimmung in der Freien und Hansestadt anti-preußisch, vor allem gegen Bismarck wegen dessen autoritärer Haltung im Verfassungskonflikt, und weil Preußen im schwelenden Streit um Holstein passiv blieb (der Einsatz für den Augustenburger gegen Dänemark war ein Herzensanliegen der Hamburger). Nicht mit Kriegsbeginn, sondern erst mit der Erstürmung der Düppeler Schanzen wendete sich das Blatt nur teilweise: „Was mit Preußen versöhnte, waren seine militärischen Erfolge, nicht seine Politik“. Wilhelm I. wurde jubelnd empfangen, nicht aber Bismarck, der Symbolfigur des „Junkerstaates“.[8] Derweil wuchs die nationale Stimmung. Mit Abschluss des Friedens wurde Bismarck geachtet, aber noch nicht geliebt (wegen des politischen Gegensatzes des liberalen Hamburgs zum konservativen Preußen). „Kein Wort mehr von Frivolität, Puerilität, Intrige, Gewissenlosigkeit in der Presse. Von ihr rückschließend auf die öffentliche Meinung dürfen wir annehmen, daß das Publikum nicht mehr verlangte, Vorwürfe gegen Bismarck zu hören“.[9]   Das politische Interesse der Menschen wuchs, der Krieg, an dessen Ausbruch noch Anfang Juni 1866 kaum jemand glaubte, war  unpopulärer als anderswo in den deutschen Landen.  Friedensliebe, Angst vor einer Hegemonie oder gar Einverleibung durch Preußen und Sympathie für Österreich mögen die Ursache dafür gewesen sein. Und doch gab es keine Proteste gegen den militärischen Anschluss der Hansestadt an Preußen:

„Mit vollkommener Ruhe und teilweiser Billigung nahm Hamburg sein neues, ihm selbst noch so ungewisses Schicksal hin. [Die Öffentlichkeit] glaubte, daß die Selbständigkeit gewahrt bliebe, und so war man politisch gebildet genug, um [das Bündnis mit] Preußen als einen Akt der Notwendigkeit und Klugheit zugleich zu erkennen“.[10]

Und so war eine recht große Preußenfreundlichkeit gegeben, gerade auch wegen der fortschrittlicheren Politik Preußens. Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ließ in diesem Sinne verlauten:

„Da die nationale Einheit und ein deutsches Parlament auf Grundlage gleicher, direkter und unbeschränkter Wahlen nur durch Preußen zu erreichen ist, so gebietet augenblicklich die Pflicht, Preußen mit allen Mitteln zu unterstützen“.[11]

Unmittelbar nach dem deutschen Krieg von 1866 begann der Kult um Bismarck, jedoch nicht unbedingt überall. In der ehemals selbständigen Stadt Frankfurt am Main fand der Anschluss an Preußen so gut wie keinen Beifall. Wir wissen auch von dem Widerwillen in den bislang welfischen Gebieten, sich nach Preußen einzugliedern. Und 1871 wollten die Elsässer, gleichwohl dem deutschen Kulturkreis verbunden, nicht im Deutschen Reich aufgehen, was den deutschen Eliten bekannt war.

 

Die öffentliche Meinung zur Annexion des Elsass

 

Bleiben wir beim Thema Elsass und betrachten dazu die Stimmung des deutschen Volkes: 

Forderte die öffentliche Meinung 1870/71 die Annexion Elsass-Lothringens? Wenn ja, folgte Bismarck möglicherweise widerwillig einem Volkswillen? Oder folgte er aus militärisch-sachlichen Gründen der Generalität? Sah er den Zugewinn Elsass-Lothringens als notwendig und wünschenswert an? Der Historiker Walter Lipgens[12]  antwortet auf diese häufig erörterte Frage, dass es zwar der Wille der öffentlichen Meinung seit September 1870 war, Elsass-Lothringen in Besitz zu nehmen. In den Jahren zuvor waren aus den deutschen Landen kaum Stimmen zu vernehmen, wonach wenigstens das Elsass zurückzugewinnen sei. Offenbar hatte Bismarck diese Überlegungen „wenige Tage nach Kriegsausbruch“ gefasst, und zwar im Juli 1870, und nachweislich im August 1870 unter anderem gegenüber Kronprinz Albert von Sachsen ausgesprochen.[13]

Am 7. September 1870 hatte der bayerische Militärbevollmächtigte im Hauptquartier vernommen, dass Bismarck seine Friedensbedingungen längst ausgearbeitet habe, nämlich die Annexion des Elsass und eines Teils von Lothringen.[14] Wenn Frankreich schon unterliege, müsse es das Elsass an Deutschland abgeben, nicht wegen der Bevölkerung, sondern weil aus geographischen Gründen kaum etwas anderes angeschlossen werden könne. Er wies Mitte September alle Botschafter und Gesandten des Norddeutschen Bundes an, die Annexion als „unabdingbar beschlossene Friedensbedingung den anderen Staaten offiziell mitzuteilen. [15] Zwar kamen im August/September 1870 nationalliberal gefärbte Forderungen in Zeitungen und Flugblättern nach der Annexion des Elsass auf (die wohl auf Presseanweisungen Bismarcks zurückgehen, und daher nicht aus der Mitte des Volkes kamen), doch können diese nicht als öffentliche Meinung deklariert werden, weil es zahlreiche Stimmen dagegen gab, etwa von der Frankfurter Zeitung, der Berliner Volkszeitung, den Landeszeitungen aus dem Rheinland und Baden usw.

Im Gegensatz zu Bismarcks Vorstellungen entwickelte sich die öffentliche Meinung erst im September in Richtung der Annexion.  

 

Spätere Jahre

 

Nach 1871, in Personalunion als Reichskanzler und Preußischer Ministerpräsident,  konnte sich Bismarck noch stärker in der Verehrung durch die öffentliche Meinung sonnen, abgesehen freilich vom Milieu der sog. Reichsfeinde, die er bekämpfte. Während die Sozialdemokratie ihn auch nach 1890 entschieden ablehnte, fand er mit seinem Tod beim Zentrum ein angemesenes Gedenken. Die Anerkennung durch das Zentrum ist sicher Papst Leo XIII. zu verdanken, der Bismarck als einzigem Protestanten 1887 den Christusorden des Vatikans verlieh!

Überhaupt war Bismarck nach seinem Abschied eine kultisch verehrte Persönlichkeit: was nicht selbstverständlich ist, denn die Öffentlichkeit vergisst große Leistungen mitunter schnell. Ja, mehr noch: die Verehrung wuchs, gerade auch angesichts der Schwächen seiner Nachfolger. Dies ist auf Bismarcks Leistungen zurückzuführen, ganz klar, aber war auch Ausdruck einer kritisch-ablehnenden  Haltung gegenüber Wilhelm II.  Bismarck erhielt unzählige Briefe seiner Anhänger – doch welche Gruppen und Schichten waren das? Überproportional waren es protestantische Bürger. Genauer: Offiziere, Handwerker, Lehrer, Professoren, Studenten, Schulkinder. Und jetzt zur geographischen Herkunft: „Die Mehrheit der Telegramme und Briefe kam nicht (…) aus Preußen, sondern aus Süddeutschland, insbesondere aus Württemberg-Hohenzollern und dem evangelischen Teil Frankens.[16] Dementsprechend könnten auch protestantische Rheinländer vertreten sein: solche, die eine besonders stark ausgeprägte preußische Identität aufwiesen.

Die 300 Bismarck-Gesellschaften Deutschlands umfassten ungefähr 300 000 Mitglieder insgesamt, die zumeist dem gehobenen Mittelstand zuzurechnen waren.[17]

Bismarck in seiner persönlichen Zurückhaltung behagte die Begeisterung wenig: „Wenn ich von allen Seiten gelobt werde, dann beginne ich darüber nachzudenken, wo ich einen Fehler gemacht habe“.

Auch hier spürt der Leser die Distanz, ja das Misstrauen zur öffentlichen Meinung. 

Wer denkt, in der Weimarer Republik habe allein die politische Rechte, zumal in Preußen, die Bismarck-Verehrung gepflegt, greift zu kurz. Der englische Historiker Robert Gerwarth stellt vielmehr eine erhebliche Bedeutung Bismarcks auch mehr als 20 Jahre nach seinem Tod in der öffentlichen Meinung fest:

„Es war zwischen 1918 und 1933 unmöglich, eine deutsche Schule zu besuchen, eine Zeitung zu lesen oder Anteil am politischen Leben Deutschlands zu nehmen, ohne irgendwann mit dem Bismarck-Mythos konfrontiert zu werden“.[18] In diesem Meinungsklima war es sicher nur in den randständigen Milieus der radikalen Linken möglich, Bismarck voll und ganz in öffentlichen Äußerungen abzulehnen.

 

Schlussbemerkung

 

Bismarck hätte wohl nicht den Satz des schottischen Philosophen David Hume unterschrieben: „Jede Regierung beruht auf Meinung“.

Keinesfalls hätte er dem Satz des Theologen Petrus von Blois aus dem 12. Jahrhundert zugestimmt: „Es steht geschrieben, die Meinung des Volkes ist die Meinung Gottes“.  

Ich bin mir sicher, sinngemäß hätte er gesagt: „Jede Regierung Preußens und des Reiches beruht auf der Treue zur Dynastie und zum Monarchen, unterstützt von der öffentlichen Meinung, um die zu werben und die zu nutzen ist“.

Bismarck regierte gegen die öffentliche Meinung, wenn er es für notwendig hielt, und wenn er sich der Rückendeckung durch seinen König gewiss sein konnte. Dies war aber – auf ganz Preußen bezogen – nur 1862/63 während des Heeres- und Verfassungskonfliktes der Fall. Anschließend nutzte Bismarck immer wieder die Volksmeinung in seinem Sinne. Ab dem deutschen Krieg 1866 regierte Bismarck in weitgehendem Einklang mit der öffentlichen Meinung in Preußen, nicht weil er ihr nachgelaufen wäre, sondern weil er sie überzeugt hatte, sie weiterhin überzeugte und sie ihm treu blieb.

Und heute? In der Bundesrepublik Deutschland gab es selbstverständlich Staatsmänner, die sich durch eine ungünstige öffentliche Meinung nicht von ihren Zielen abbringen ließen. Das war der wertkonservative Konrad Adenauer in mehreren Phasen seiner Kanzlerschaft, und auch Ludwig Erhard in den Jahren 1950 bis ungefähr 1952. Sie waren zeitweise unbeliebt, sie fanden anfangs keine Mehrheiten mit ihren Konzepten. Sie hatten allerdings feste Prinzipien, die sich auf Dauer als erfolgreich erwiesen, und ließen sich von Großdemonstrationen und gegnerischen Medien nicht beeindrucken. Genau wie Franz Josef Strauß.  

Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Hans Dietrich Genscher setzten trotz Massendemonstrationen und einer feindlichen Stimmung den NATO-Doppelbeschluss um, zusammen mit den prinzipienstarken Abgeordneten ihrer Fraktionen. Gerhard Schröder und Wolfgang Clement kümmerten sich nicht um die Meinung ihrer Partei in Sachen Wirtschaft und Soziales, auch wenn sie mit dem Verlust ihrer Mehrheit rechnen mussten.

 


[1] Bismarck in: Werke in Auswahl, Bd.4. Die Reichsgründung. Zweiter Teil: 1866-1871. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1968, S.479.

[2] Bismarck in: Werke in Auswahl, Bd. 5: Reichsgestaltung und europäische Friedenswahrung. Erster Teil: 1871-1876. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1973, S. 102.

[3] Otto Pflanze: Bismarck. Der Reichskanzler, S. 230.

[4] Ebd., S. 38.

[5] Ernst Engelberg: Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer. Berlin 1985, S. 534f.

[6] Otto Nirrnheim: Das erste Jahr des Ministeriums Bismarck und die öffentliche Meinung (Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte). Heidelberg 1908, S. 619.

[7] Ebd., S. 538.

[8] Olga Herschel: Die öffentliche Meinung in Hamburg in ihrer Haltung zu Bismarck 1864.1866. Hamburg C. Boysen, 1916, S. 34.

[9] Ebd., S. 42.

[10] Ebd., S. 74.

[11] Ebd., S. 78.

[12] Bismarck, die öffentliche Meinung und die Annexion von Elsass und Lothringen 1870, in: Historische Zeitschrift Bd. 199 (1964), S. 31-112.

[13] Ebd., S. 54, S. 70.

[14] Ebd., S. 65.

[15] Ebd., S. 34.

[16] Robert Gerwarth: Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler. Berlin: Siedler, 2007, S. 25.

[17] Ebd., S. 35.

[18] Ebd., S. 19.

 

 

 

 

Stefan Winckler

Tondokument mit Bismarcks Stimme aufgetaucht!

 

Am 7. Oktober 1889 besuchte Adelbert Theodor Wangemann, ein deutsch-amerikanischer Mitarbeiter Thomas A. Edisons, den Reichskanzler in Friedrichsruh und nahm einige seiner Worte auf einer Tonwalze aus Wachs auf. Es handelt sich nicht um eine Ansprache, sondern eher um einen Test, ob eine solche Aufzeichnung überhaupt möglich ist. Otto von Bismarck sprach seinem amerikanischen Besucher die erste Zeile des US-Volkslieds "In Good Old Colony Times" vor, gefolgt von den Anfängen von "Als Kaiser Rotbart lobesam", der Marseillaise und "Gaudeamus igitur". Die Aufnahme von einer Minute und 21 Sekunden schloss mit einer Mahnung zur maßvollen Lebensweise, offenbar für seinen Sohn Herbert gedacht. 

Dies meldete die New York Times am 30. Januar 2012 und löste damit auch in Deutschland ein Medienecho (FAZ, DeutschlandRadio) aus.

Zwar waren die Rollen schon 1957 gefunden worden, blieben aber unbeachtet. Ihr Inhalt konnte dank neuester Technik erst jetzt nutzbar gemacht werden. Der Tonhistoriker Stephan Puille (Berlin) identifizierte die Aufzeichnung zusammen mit einem amerikanischen Kollegen und sprach vom grössten Fund seiner Laufbahn.

Spätestens jetzt ist auch belegt, dass Bismarck nicht über eine Fistelstimme verfügte, wie seit seinen Lebzeiten immer wieder behauptet wurde.

 

die historische Aufnahme:

https://www.youtube.com/watch?v=czko31-6O8I

 

weiterführende Informationen:

http://www.deutschlandradio.de/die-stimme-bismarcks.331.de.html?dram:article_id=204848

 

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/sensationeller-fund-in-amerika-bismarcks-stimme-11632852.html

 

 

 

Stefan Winckler

Otto von Bismarck in der öffentlichen Meinung der Bundesrepublik Deutschland

 

Die Bismarck-Verehrung während des Kaiserreichs ist oft anhand von Glückwunschtelegrammen und Denkmalsbauten nachgezeichnet worden. Für die Weimarer Republik und die Hitler-Jahre liegen keine Umfragedaten vor, denn die Demoskopie war kaum entwickelt. Ganz anders steht es um die Meinungsforschung in der Bundesrepublik Deutschland.

Im Januar 1950 bezeichneten 35 Prozent der Deutschen in der Bundesrepublik Otto von Bismarck als den Deutschen, der „am meisten für Deutschland geleistet“ habe. Dieser Wert blieb im August 1952 ungefähr gleich (36 Prozent), bevor er im November 1953 (32 Prozent) und im Januar 1955 (30 Prozent) leicht zurückging. In jenen Jahren sank das Ansehen Friedrichs des Großen von sieben auf vier Prozent ab, während die Popularität des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer sprunghaft anstieg: 1952: drei Prozent, 1953: neun Prozent, 1955: 17 Prozent (vgl. Elisabeth Noelle und Erich Peter Neumann: Jahrbuch der öffentlichen Meinung, Allensbach 1956, S. 132). Hier ließ offenbar der erfolgreiche Wiederaufbau Persönlichkeiten der Gegenwart zuungunsten historischer Staatsmänner in den Vordergrund rücken.

Nur wenig veränderte sich die Zustimmung zu Bismarck im folgenden Jahr: 32 Prozent im September 1955, 27 Prozent im Februar 1956 (hier erzielte Adenauer einen weiteren Popularitätsgewinn auf Kosten Bismarcks, Friedrichs d.Gr., sowie anderer Monarchen und Soldaten, was mit dem Erfolg der Moskau-Reise des Bundeskanzlers erklärt werden kann). Dagegen war im Oktober 1956 Bismarcks Ansehen höher (31 Prozent), diesmal zu Lasten Adenauers (vgl. Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1957, S. 141). Doch dies war eine Ausnahme: die längerfristige Tendenz zuungunsten des Reichskanzlers bestätigte sich Oktober 1958 und Juli 1962, als nur noch 23 Prozent der Befragten in Otto von Bismarck den Mann sahen, der am meisten für Deutschland geleistet habe. Dementsprechend waren die Einschätzungen 1963 (21 Prozent), 1964 (18 Prozent) und 1966 (13 Prozent), wobei sich die Entwicklung beschleunigte. Im Dezember 1966 entschieden sich 16 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen für Bismarck. Die geringere Wertschätzung Bismarcks bei Frauen kann mit ihrem weniger ausgeprägten Interesse an Geschichte, Zeitgeschichte und Politik erklärt werden. Je älter die Befragten, desto höher stand Bismarck in ihrer Gunst: zehn Prozent in der Altersgruppe 16- bis 29 Jahre, zwölf Prozent bei den 30- bis 44-jährigen, 14 Prozent bei den 45-bis 59-jährigen und 16 Prozent in der Altersgruppe 60 plus. Nach Parteiorientierung aufgesplittet,  war Bismarck bei den Anhängern der damals noch nationalliberalen FDP mit 17 Prozent vergleichsweise hoch angesehen, gefolgt von SPD-Anhängern (14 Prozent) und nur zehn Prozent CDU-Wählern.

Zwar sahen die Westdeutschen Bismarck 1967 in einem günstigeren Licht (17 Prozent), während v.a. der zurückgetretene Bundeskanzler Ludwig Erhard an Ansehen einbüßte. 1969 sprachen sich 13 Prozent für Bismarck aus, Juni 1971 waren es – man lese und staune! – 27 Prozent Männer, 16 Prozent Frauen beziehungsweise 22 Prozent (!) in der Altersgruppe 16 bis 29 Jahre, 20 Prozent in der Altersgruppe 30 bis 44 Jahre, 18 Prozent der 45- bis 59-jährigen sowie 25 Prozent der mindestens 60-jährigen. Spaltet man die Daten nach dem Schulabschluss auf, so entschieden sich 18 Prozent der Befragten mit Volksschulabschluss, 31 Prozent der Personen mit Mittlerer Reife und 39 Prozent der Befragten mit Abitur für den Reichsgründer. Demgegenüber war Willy Brandt (erstmals genannt) mit drei Prozent weit abgeschlagen. Bemerkenswert: 23 Prozent der SPD-Wähler favorisierten Bismarck (wohl wegen der Sozialversicherungsgesetzgebung), und 21 Prozent der CDU-Wähler (Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1968-73, S. 201). Dieser geringere Wert bei den CDU/CSU-Anhängern kann vielleicht damit erklärt werden, dass Bismarck in den Unions-Hochburgen in Süddeutschland von jeher weniger Sympathie genoss, oder mit der stärker westeuropäischen Orientierung der Unionsparteien.

1975 zeigte sich, dass der 1971er Wert für Bismarck ein Zwischenhoch war, also eine Ausnahme darstellte, die vermutlich durch die Thematisierung der Kaiserproklamation hervorgerufen war. Mitte der 1970er Jahre sahen 14 Prozent der befragten Deutschen in Bismarck den Mann, der „am meisten für Deutschland geleistet habe“. 1982 sprachen sich zwölf Prozent für Otto von Bismarck aus, 1992 waren es acht Prozent, im Jahr 2000 sieben im gesamten Deutschland. Zur Jahrtausendwende stand Bismarck in diesem Sinne an vierter Stelle hinter Adenauer (der gleichwohl viel an Zustimmung verloren hatte), Helmut Kohl (der nach seinem Amtsverlust ähnlich wie Erhard viel an Sympathie verloren hatte), und dem verstorbenen Brandt. Schlechter als Bismarck schnitten 1992 ebenso wie 2000 Ludwig Erhard, Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß ab (Allensbacher Jahrbuch 1998-2002, S. 546).

Taugt Bismarck als Vorbild? Im Januar 1974 waren 15 Prozent dieser Ansicht, genauer: 17 Prozent der Männer, 14 Prozent der Frauen. Stark auffallend sind hier wiederum die Alterskohorten: nur acht Prozent der jungen Leute (16- bis 29 Jahre), zwölf Prozent der 30- bis 44-jährigen, 15 Prozent der 45- bis 59-jährigen, aber 27 Prozent der Befragten aus der älteren Generation waren der Ansicht, Otto von Bismarck könne Vorbild sein (bis zu drei Personen konnten genannt werden). Insgesamt war Bismarck ähnlich eingestuft wie Willy Brandt, Kurt Schumacher, Alexander Solschenizyn und Henry Kissinger, er stand vor Karl Marx und anderen Kommunisten (Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1974-76, S. 59).  

Eine Fragestellung vom Dezember 2000 lautete: „Was hat die deutsche Geschichte bis 1945 geprägt, was prägt sie bis heute?“. 42 Prozent der Befragten gaben an: „die Reichsgründung, die nationale Zusammengehörigkeit unter Bismarck“ (Mehrfachantworten waren möglich). Dabei war in den östlichen Bundesländern ein leichter Überhang von 44 Prozent gegenüber 41 Prozent im Westen vorhanden. Auch hier wieder: 40 Prozent der unter 30-jährigen gegenüber 46 Prozent der Senioren vertraten diese Sichtweise (Jahrbuch der Demoskopie 1998-2002, S. 544).

Der Rückgang an Zustimmung zu Bismarck liegt m.E in einem unzureichenden Geschichtsunterricht, der die guten Leistungen der deutschen  Geschichte vernachlässigt. Dies liegt an den Lehrplänen und Schulbüchern, aber auch an Lehrern, die an Persönlichkeiten der Geschichte kein Interesse haben.

Dies ist mit dem Generationenwechsel in den Geschichtswissenschaften verknüpft: Die Fritz-Fischer-Schule, die das Reich insgesamt in einem ungünstigen Licht sah, trat an die Stelle konservativer Historiker wie Gerhard Ritter und Hans Rothfels. So äußerte der Historiker Imanuel Geiss: „Wir Jüngeren, die von Helden und Heldenverehrung nicht mehr wissen mögen, haben ein Recht darauf, Bismarcks historische Gestalt kritisch und skeptisch ins Auge zu fassen, unterkühlt und ohne Überschwang. Wird doch in diesen Tagen genügend Weihrauch zu seinen Ehren verbrannt werden, wird so mancher Patriot in der Öffentlichkeit oder im stillen Kämmerlein wehmütige Tränen vaterländischer Trauer über den Abstand des ehernen Recken zu seinen schwächlichen Erben vergießen“. Der Bismarckkult der Älteren erweise sich „als das mächtigste Hindernis für eine realistische ,Weltanschauung‘, als einer der wichtigsten Faktoren für die Katastrophe der beiden Weltkriege“ („Vorwärts“, 31.3.1965, zitiert in Robert Gerwarth: Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler. Berlin: Siedler, S. 185).

Aus all diesen Gründen sind die Kenntnisse über Geschichte oft erschreckend schwach ausgeprägt. Nach einer repräsentativen Umfrage, die 1998 wenige Monate vor Bismarcks hundertstem Todestag veröffentlicht wurde, wussten 53 Prozent der Deutschen nicht einmal, wer Bismarck war („Die Woche“, 30.1.1998, S.11, wiedergegeben in: Gerwarth, S. 171).  

 

 

 

Stefan Winckler

Bismarck – eine Unperson? (Leserbrief) 

 

Es ist wenig hilfreich, sich eine Meinung über Bismarck ausschließlich anhand gegenwärtiger Maßstäbe zu bilden. Dagegen fällt es leicht, Bismarck und das damalige Deutschland mit den führenden Mächten seiner Zeit zu vergleichen.

Zur Innenpolitik: Bismarcks Deutschland war zwar keine Demokratie, vielmehr ein Obrigkeitsstaat. Es verfügte aber über eine Reichsverfassung, einzelne Bundesstaaten hatten seit Jahrzehnten schon ihre Landesverfassungen. Demgegenüber kannte Großbritannien zwar Gesetze mit Verfassungsrang, aber keine geschriebene Verfassung. Im Bismarck-Deutschland galt ein allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht für Männer über 25 Jahren (wie in der Republik Frankreich) -  im Gegensatz zu Großbritannien, wo seinerzeit nur Hausbesitzer wählen durften. Bismarcks Sozialversicherungspolitik kam Jahrzehnte vor einer Sozialpolitik in Großbritannien, Frankreich und Amerika in Gang. Zwar lag die Macht in den Händen der bisherigen Eliten – das Reich war ein Fürstenbund, ergänzt um die Hansestädte. Dem allergrössten Teil der Deutschen war dies recht – auch wenn es sich nicht um eine parlamentarische, sondern eine konstitutionelle Monarchie handelte. Diese Bürger können nicht unter „Nationalisten und Militaristen“ subsummiert werden. Vielmehr war bei den Deutschen die schändliche Einstellung des Antisemitismus bei weitem schwächer ausgeprägt als etwa in Frankreich. Nach dem Börsenkrach von 1873 kam es v.a. in den 1880er Jahren zu einem beispiellosen Wirtschaftsaufschwung. Dazu mag gerade die Vereinigung der deutschen Länder zum Reich beigetragen haben, denn nun konnten Maße, Gewichte, ja das ganze bürgerliche Recht vereinheitlicht werden. 

Negativ erscheinen heute Bismarcks Kulturkampf und die Sozialistengesetze. Wir müssen allerdings bedenken, dass der Vatikan jeden modernen Gedanken heftig bekämpfte und daher ein natürlicher Gegensatz zu einem vergleichsweise modernen Staat wie dem Deutschen Kaiserreich gegeben war. Der Kulturkampf brachte eine erhebliche Einschränkung des Katholizismus, gerade auch hinsichtlich der Seelsorge und ist daher zu verurteilen. Bismarck war allerdings fähig, diesen Fehler einzusehen. Papst Leo XIII. wusste dies zu schätzen und zeichnete Bismarck als einzigen Protestanten mit dem Christusorden aus. Den Sozialistengesetzen ging die Solidaritätserklärung des ansonsten so pragmatisch-besonnenen August Bebels mit den Kommunekämpfern in Frankreich und die marxistische Ideologie der Sozialisten voraus. Hatte nicht August Bebel aus seiner großdeutschen Einstellung heraus das Kaiserreich vehement abgelehnt? Dennoch war die Bekämpfung der Sozialisten aus demokratietheoretischen und praktischen Erwägungen ein Fehler. Ihre Erfolglosigkeit ist leicht zu erkennen. 

Zu den Werten und Einstellungen Bismarcks sei vermerkt, dass er kein Nationalist war. Wäre ihm die Nation über alles gegangen, hätte er keine kleindeutsche Lösung der seinerzeitigen Deutschen frage verfochten, und am wenigsten hätte er einen Krieg mit Österreich und den süddeutschen Staaten verantwortet. Bismarck war schlicht und einfach ein Diener der Hohenzollern, der preußischen Dynastie. 

Zur Außenpolitik: Großbritannien und Frankreich führten Kolonialkriege, Bismarck stand dem Kolonialismus skeptisch gegenüber. Welch ein Gegensatz zur mörderischen Ausbeutung des Kongo durch  Belgiens König Leopold II! Und selbst der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 begann mit einer französischen Kriegserklärung, wesentlich verantwortet von dem Liberalen Emile Olivier. Von 1871 bis 1890 war das Reich an keinem Krieg beteiligt, vielmehr galt Bismarck als der „ehrliche Makler“ der europäischen Mächte. Leider waren seine Nachfolger unfähig, diese Gleichgewichtspolitik weiterzuführen.

Abschließend noch drei Zitate.

Der Manchester Guardian, traditionell eher linksliberal, schrieb drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs anlässlich von Bismarcks 50. Todestag:

„Bei seiner Geburt war Preußen die geringste unter den Großmächten, bei seinem Tod überschattete Deutschland bereits Europa. Das war sein Werk. Bismarcks Ruhmestat war es, diese Größe in Grenzen zu halten. Seiner Herkunft und Überzeugung nach ein Konservativer, hasste er die ,Sintflut‘ genauso wie Metternich. Aber ihre Methoden waren verschieden. Metternich widersetzte sich der Revolution und stürzte; Bismarck aber führte die deutsche Revolution und meisterte sie. Weder wiederholte er den Versuch Napoleons, noch nahm er Hitler vorweg. Nach 1871 war Bismarck der höchste Exponent des Gleichgewichts der Mächte. Indem er für Deutschland Sicherheit suchte, gab er sie jedem Staat in Europa. Nicht nur auf dem Berliner Kongress, sondern 19 Jahre lang war Bismarck ein ehrlicher Friedensmakler und sein Bündnissystem zwang jede Macht, seinem Friedenskurs zu folgen. Bismarcks Fehlschlag war der Fehlschlag des Konservatismus in einem Zeitalter des Umsturzes. Deutschland war auf dem Marsch zur Weltmacht und Bismarck konnte seinen Vormarsch nur verzögern. Aber auch kein anderer Mann würde auch nur diesen begrenzten Einfluss erzielt haben. Die Welt dankt Bismarcks Politik, was im Deutschland der letzten 50 Jahre gut war. Nach den Worten Goethes: In der Begrenzung zeigt sich erst der Meister, liegt Bismarcks Größe in der Beschränkung. Die Geschichte des modernen Europas kann mit den Namen von drei Titaten umschrieben werden: Napoleon, Bismarck und Lenin. Von diesen drei Männern eines höchsten politischen Genius hat Bismarck wohl am wenigsten Unheil gestiftet“.

Kürzlich deutete der amerikanische Historiker Jonathan Steinberg in seiner Bismarck-Biographie die Reichsgründung als „the greatest diplomatic and political achivement by any leader in the last two centuries“.

Henry Kissinger, der dem Politiker Bismarck an verschiedenen Stellen seinen Respekt gezollt hatte, schrieb am 30.3.2011 in der New York Times unter der Überschrift „Bismarck, Master-Statesman“:

“Bismarck was never seen in public without a uniform, yet he had never really served in the military and was generally viewed with suspicion by the military leaders for what the saw as his excessive moderation. The man of ‘blood and iron’ wrote prose of extraordinary directness and lucidity, comparable in distinctiveness to Churchill’s use of the English language. The embodiment of realpolitik turned power into an instrument of self-restraint by the agility of diplomacy”. 

In Abwägung der Leistungen und Fehler Bismarcks scheint es mir nicht gerechtfertigt, ein Bismarck-Denkmal zu schleifen: eher ist das Ausdruck einer Arroganz der Gegenwart, ein ungenügendes Einfühlen in die Vergangenheit. 

 

 

 

Stefan Winckler

Ist Bismarck immer noch Kanzler?

 

Der deutsche Botschafter in den Vereinigten Staaten, Klaus Scharioth, ließ erforschen, was US-Amerikaner über Deutschland und die Deutschen wissen.60 Prozent wussten nicht, wer z.Zt. deutscher Bundeskanzler ist. Dass es sich dabei um Angela Merkel handelt, war 26 Prozent der Befragen bekannt, während fünf Prozent Gerhard Schröder sowie jeweils  vier Prozent Helmut Kohl und Helmut Schmidt für den gegenwärtigen deutschen Regierungschef hielten. Ein Prozent gab indes an, Otto von Bismarck sei der jetzige Bundeskanzler. 

 

Quelle: Rhein-Zeitung, 22.5.2009.   

 

 

 

Stefan Winckler 

Die ersten beiden Toten des Ersten Weltkriegs - Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie von Hohenberg

 

Das Jahr 2014 steht im Zeichen eines hundertsten Jahrestages. Die Rede ist vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Wir wollen hier der ersten beiden Opfer des "Großen Krieges" gedenken. Sie heißen Sophie von Hohenberg (geborene Chotek) und Franz Ferdinand von Österreich-Este. 

War Franz Ferdinand die "hervorragendste Gestalt der herrschenden Dynastien in Europa im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts", wie ihn der englische Historiker Robert William Seton-Watson (ein Jugoslawenfreund und Habsburgerfeind!) nannte? Ein liberaler, fast demokratischer Gegenpol zur Hofburg und erst recht zum Deutschen Kaiserreich, wie der Regisseur Max Ophüls ihn  in seinem französischen Spielfilm "De Mayerling a Sarajevo" auftreten lässt? Oder doch der menschenverachtende, verbitterte Choleriker? Wie waren seine Reformpläne für die Monarchie beschaffen? War sein Ziel der Trialismus, also eine Aufwertung der slawischen Völker gegenüber den Deutschen und vor allem den Ungarn?

Franz Ferdinand wurde am 18. Dezember 1863 in Graz geboren. Sein Vater war der Bruder des Kaisers Franz Joseph, Erzherzog Karl Ludwig. Nichts deutete darauf hin, dass er Thronfolger werden sollte, bis Kronprinz Rudolf in Mayerling Selbstmord beging. Die Jahre danach waren der Vorbereitung auf das höchste Amt aber kaum dienlich, weil Franz Ferdinand unter Tuberkulose litt und sehr lange Kuraufenthalte bestreiten musste. Seine Zukunft war in Frage gestellt.

Franz Ferdinand war selbst für die seinerzeitigen Verhältnisse außerordentlich konservativ eingestellt. Im Grunde war der sehr fromme Thronfolger ein Exponent des Gottesgnadentums und eher im Neoabsolutismus verankert. Entscheidender Maßstab in der praktischen Politik war für ihn daher die Treue der Untertanen zur Dynastie. Er hasste die ungarischen Eliten, die sich auf Kosten "Wiens" ständig mehr Rechte für die östliche Reichshälfte anzumaßen versuchten und die die seiner Überzeugung nach Habsburg-treuen Völker der Slowaken, Rumänen und Kroaten unterdrückten. Seine Diagnose lässt sich nicht bestreiten: Die Magyarisierung war im Königreich Ungarn in vollem Gange, die meisten Schulen der Deutschen und Slawen dort wurden geschlossen. Vor allem die Kroaten hatten seine Sympathie.  

Doch wie sollte das Kaisertum neu geordnet werden, um überhaupt weiterbestehen zu können? Auch wenn der Erzherzog unbeständig in seinen Einstellungen zu Reformplänen war, gab es eine Konstante: Er bevorzugte die Revision des 1867er Ausgleichs mit Ungarn. Das Magyarentum sollte zugunsten der Zentralgewalt in Wien zurückgestuft werden. Zumindest zeitweise favorisierte er in diesem Sinne die Konstruktion der "Vereinigten Staaten von Groß-Österreich", wie sie der Publizist Aurel Popovici zu Papier brachte. Das Reich sollte in ungefähr 15 national möglichst homogene, teilweise autonome Kantone aufgeteilt werden. Eine starke Zentralgewalt in Wien sollte den Dualismus Österreich-Ungarn ersetzen. Eine andere Möglichkeit, mit der er sympathisierte, war der Trialismus: Er dachte an ein südslawisches Königreich der Habsburger, das Kroatien mit Dalmatien und Bosnien-Herzegowina umfassen sollte, und das eine Ausstrahlung auf das wirtschaftlich schwächere Königreich Serbien gehabt hätte. Gleichzeitig wäre Kroatien von der bisherigen ungarischen Vorherrschaft gelöst worden. Ob es Franz Ferdinand gelungen wäre, sich durchzusetzen, wenn Franz Joseph vielleicht im Jahre 1912 verstorben wäre? Das bleibt allerdings zweifelhaft. Vor allem, aber nicht nur die Ungarn hätten sich unverzüglich dagegen gesperrt. Auch in Österreich war Franz Ferdinand nicht beliebt (er verzichtete vollkommen auf Öffentlichkeitsarbeit, was seine vorkonstitutionelle Einstellung belegen hilft). Und selbst, wenn er ein neues Kaisertum Österreich eingeleitet hätte, wären die Erwartungen bei vielen Völkern zu hoch gewesen. Meines Erachtens war Franz Ferdinand zu sehr von neoabsolutistischen, vor-konstitutionellen Einstellungen geprägt, als dass er die großen Fragen der Demokratisierung, der Freiheit und der sozialen Herausforderung auch nur in Angriff genommen hätte.  

Bezeichnend für seinen Konservatismus war die Einstellung zu Italien. Auch wenn es sich bei diesem Nationalstaat um ein Königreich handelte, war ihm der Staat geradezu verhasst, weil er dort die Freimaurer an der Macht glaubte und ihm, dem papsttreuen Katholiken, die Feindschaft zwischen dem Vatikan und dem Quirinalspalast bewusst war. Als Gefühlsmensch, der er war, verzichtete er auf jegliche Italienreise und besuchte nicht einmal seinen ererbten Besitz Este bei Modena.  

Während sich Franz Ferdinand im Dienst oft wütend und hasserfüllt zeigte, war er ein vorbildlicher Familienvater. Er hatte bei einem Empfang des Statthalters in Prag 1894 die Tochter eines im Grafenstand befindlichen böhmischen Diplomaten in kaiserlich-österreichischen  Diensten, Sophie von Chotek (Jahrgang 1868), kennengelernt.  Als die heimliche Verbindung aufflog, setzte er alles daran, Sophie zu heiraten. Nach den seinerzeitigen Bestimmungen des Hauses Habsburg-Lothringen wäre nur eine Braut aus einer regierenden europäischen Dynastie in Frage gekommen. Es bedurfte viel seelischer Kraft, bis sich das Paar gegen Kaiser Franz Joseph durchsetzen konnte. 1900 heiratete Franz Ferdinand seine Geliebte, verbunden mit einigen harten Bedingungen in Bezug auf das Habsburg-lothringische Erbe ("morganatische Ehe"). Dennoch war das Paar zahlreichen Demütigungen durch den Oberhofmeister Alfred von Montenuovo ausgesetzt. Auch deswegen hielt es sich so oft es ging in seinem ländlichen Schloss Konopischt unweit von Prag auf.  

Das Pistolenattentat erfolgte am 28. Juni 1914, dem St. Veits-Tag, in Sarajewo, wo Franz Ferdinand als Generalinspekteur der Streitkräfte zu einem Manöver geladen war. Während Franz Ferdinand - von den nationalen Serben fälschlicherweise als Kriegstreiber eingeschätzt! - und Sophie wohl eher an ihren bevorstehenden 14. Hochzeitstag dachten, war der 28. Juni für die Serben ein symbolträchtiger historischer Tag: das Datum der national bedeutsamen ersten Schlacht auf dem Amselfeld. Eben dies dürfte serbische Nationalisten zusätzlich provoziert haben. 

Franz Ferdinand ist an der Seite seiner Frau in der Schlosskapelle zu Artstetten in der Wachau begraben. Die letzte Ruhestätte für sich und seine Frau hatte er zu Lebzeiten errichten lassen, da die Kapuzinergruft als Grablege der Herrscher Österreichs wegen der "Unebenbürtigkeit" seiner Frau nicht in Frage kam. 

Der Attentäter Gavrilo Princip, der als Minderjähriger (19 Jahre) dem Todesurteil entkam, verfügte über hochrangige Hintermänner in Belgrad: den groß-serbischen Geheimbund "Schwarze Hand". Er verstarb in der Kleinen Festung Theresienstadt aufgrund der sehr schlechten Haftbedingungen an Tuberkulose noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918. Er sagte nach der Verhaftung aus, dass er keineswegs die Absicht hatte, auch Sophie zu töten.

 

Der Nachlass Franz Ferdinands befindet sich im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien. 

Das Auto, in dem Franz Ferdinand und Sophie starben, ist ebenso wie die blutbefleckte Uniform des Erzherzogs im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien zu sehen.  Schloss Artstetten ist im Besitz der Urenkelin Franz Ferdinands, Anita Hohenberg und kann besichtigt werden. Eine Gedenkfeier ist dort für den 28. Juni 2014 geplant. 

Mehr Besucher hat Schloss Konopiště/Konopischt, etwa 40 Kilometer südlich von Prag. Eine Brauerei nahe Konopischt produziert seit Jahren wieder das Ferdinand-Bier, das explizit nach dem einstigen Besitzer benannt ist. Das Restaurant in der Nähe des Schlosses beruft sich in der Speisekarte auf die "alte Zeit", unter anderem mit der "belegte Platte, die beim Besuch Kaiser Wilhelms II. in Konopiště 1914 serviert wurde", oder dem "Hasen in Sahne a la Kaiserin Elisabeth".  Ein Gedenkgottesdienst für Franz Ferdinand und Sophie von Hohenberg wird am 28. Juni 2014 vom Prager Erzbischof Dominik Kardinal Duka zelebriert.  

Im Königreich Jugoslawien und unter Tito galt Princip offiziell als Held. Und heute? Uns ist nicht nur die serbische Kriegführung im Jugoslawien-Krieg v.a. in Kroatien und Bosnien in trauriger Erinnerung. In Belgrad und im serbischen Teil Sarajewo ist nach Zeitungsberichten vom 23. Januar 2014 die Errichtung eines Denkmals für den Mörder Gavrilo Princip geplant. Auftraggeber ist die serbische Regierung. Die Nachricht über das Vorhaben ging kam nur zwei Tage nach dem Beginn der Beitrittsverhandlungen Serbiens mit der EU an die Öffentlichkeit. Es fällt maßgeblichen serbischen Kreisen offenbar schwer, sich aus vergangenen Zusammenhängen zu lösen und aus der Geschichte zu lernen. Wohltuend hingegen der Großmufti von Bosnien-Herzegowina, Mustafa Cerić , in einer ORF 2-Sendung: "Die Ermordung des Thronfolgers war keine Heldentat, sondern ein Akt der Feigheit. Denn Gavrilo Princip war ganauso ein Terrorist wie jeder andere, der Leute umbringt". 

 

www.schloss-artstetten.at

www.konopiste.cz/de

 

Die neuesten Buchveröffentlichungen: 

 

Jean-Paul Bled: Der eigensinnige Thronfolger. Wien 2013  

Alma Hannig: Franz Ferdinand. Die Biografie. Wien 2013

Anita Hohenberg: Er war mein Urgroßvater. Wien 2013 

Ludwig Winder: Der Thronfolger. Roman. Wien 2014 (Erstauflage 1935)

 

 

 

Stefan Winckler

Die preußischen Tugenden und der Widerstand. Zum Gedenken an Claus Schenk von Stauffenberg

 

 

 „Ich könnte den Frauen und Kindern der Gefallenen

 nicht in die Augen sehen, wenn ich nicht alles täte,

 weitere sinnlose Menschenopfer zu verhindern“

  

Stauffenberg 1943

 

 

Wer Claus Schenk von Stauffenberg war, kann jeder halbwegs gebildete Mensch beantworten. Und doch ist sein Name weniger in der Öffentlichkeit präsent, als er es eigentlich verdient. So ist seine Biografie nicht  in dem Band „Die großen Deutschen unserer Epoche“ (herausgegeben von Lothar Gall, 1985) vertreten, und auch in „Die Großen der Weltgeschichte“ (herausgegeben von K. Fassmann und anderen, 1971 bis 1978) suchen wir ihn vergebens. Zwar sind Straßen nach ihm benannt, aber sie fallen kaum auf.

 

Stauffenberg, geboren am 15. November 1907 im schwäbischen Jettingen, war mütterlicherseits ein Urenkel General Gneisenaus, während sein Vater als Oberhofmarschall des württembergischen Königs diente. Von früh an musisch geprägt (er spielte Cello und kam in den Kreis des Dichters Stefan George9, entschied er sich 1926 für eine Offizierslaufbahn, vielleicht mit dem Goethe-Wort im Sinn, wonach es nichts besseres gäbe als einen gebildeten Offizier“. Die sehr harte Ausbildung, mit der die Reichswehr ihre Begrenzung auf 115 000 Mann auszugleichen versuchte, schien ihn nicht zu hindern. Mehrfach verwahrte er sich gegen die Schmähung der Farben Schwarz-Rot-Gold. Das Ideal des Katholiken Stauffenberg war aber nicht die Republik mit ihrer Parteien- und Verbandsvielfalt, sondern das Heilige Römische Reich, dessen Kaisermacht damals Ernst Kantorowicz anhand der Persönlichkeit des Kaisers Friedrich II. eindrucksvoll beschrieben hatte. Den Nationalsozialismus dürfte er mit Ambivalenz erlebt haben: Die Roheit und Gewalt der proletarischen SA einerseits, die Kampfansage an die christlichen Traditionen Deutschlands andererseits erkannte er, doch die Offiziere (1930 war er als Jahrgangsbester Leutnant) waren zur politischen Zurückhaltung verpflichtet. Ob er den Totalitarismus Hitlers schon Mitte der 1930er Jahre als einen Bruch mit deutschen Traditionen gesehen hat (vorher gab es eben keine Parteiherrschaft, keine Erziehungsdiktatur und keinen zentralistischen Einheitsstaat) muss offen bleiben. Wie eine Reihe bedeutender, kenntnisreicher Persönlichkeiten (die Generale Hoepner und Beck, der Politiker Goerdeler) erkannte aber auch Stauffenberg 1938/39 ein Vabanquespiel Hitlers, das mit Krieg und Niederlage enden musste. Nach dem 1. September 1939 staunte zunächst auch Stauffenberg über die deutschen Siege (an denen er als Rittmeister auch seinen Anteil hatte). Oft mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllend, rastlos alles selbst in Augenschein nehmend, erkannte Stauffenberg, dass Hitler ein Dilettant war, dessen militärisches Glück nicht von Dauer sein konnte: Die Niederlage im Russland-Krieg schien mit dem Winter 1941/42 vorgezeichnet, ohne dass Hitler Konsequenzen gezogen hätte. Des Weiteren gab es keine klare Gliederung der Befehlswege, sondern sich widersprechende Kompetenten – Stauffenberg sprach dies 1941 offen an einer Kriegsakademie aus. Russische Kriegsgefangene, die gegen Stalin kämpfen wollten, gingen elend zugrunde, eine brutale Besatzungspolitik im Osten sowie die Massenmorde an den Juden konnte er mit Blick auf die Opfer und hinsichtlich der Ehre der Frontsoldaten nicht hinnehmen.

 

Tieffliegerbeschuss an der nordafrikanischen Front kostete ihn eine Hand und ein Auge, Trotzdem entwickelte er sich mehr und mehr zum Motor des konservativen (Goerdeler) und des militärischen (Beck) Widerstandes, insbesondere wegen des Plans, das Ersatzheer im Inneren unter der Parole „Walküre“ zu einem Staatsstreich zu nutzen, um noch etwas von Deutschlands Ehre und Substanz „von innen heraus“ zu retten. Als sein wichtigster Verbündeter ist Henning von Treskow zu nennen. Nach einem gelungenen Attentat war zunächst an eine Beendigung des Nationalsozialismus, dann an eine Verfassungsordnung zu denken, über die die Frontsoldaten maßgeblich zu entscheiden hätten. Wie wir wissen, ließ General Fromm, auch um seine eigene Mitwisserschaft zu kaschieren, Stauffenberg am 20. Juli 1944 im Bendler-Block standrechtlich erschießen. „Es lebe das heilige Deutschland!“ – nach anderen Angaben: „Es lebe das geheime Deutschland!“ waren Stauffenbergs letzte Worte.  

 

Was bleibt von Stauffenberg und seinem Kreis für uns heute? Die Tugenden Claus Schenk von Stauffenbergs verdienen zu allen Zeiten eine eingehende Betrachtung, gerade heute, wo geistige Oberflächlichkeit, mangelnde Verbundenheit mit der kulturellen und historischen Tradition Deutschlands und ein egoistischer Selbstverwirklichungsdrang bei vielen Menschen stark ausgeprägt sind. Daher ist ein Nachdenken über Gewissen, (humanistische) Bildung, Elite und ihre Verpflichtung zu Höchstleistungen und zum Vorbild, gerade auch Treue zu den christlich-abendländischen Werten stets zu fördern, und das keineswegs nur im engeren politischen Zusammenhang. 

 

 

 

Stefan Winckler

Papstgeschichtsschreibung mit Kompetenz

 

Auf eine 543-Seiten-Monografie von Georg Schwaiger unter dem Titel „Papsttum und Päpste im 20. Jahrhundert“ sei an dieser Stelle hingewiesen. Aus mehrfachen Grund: zum einen liegen in jedem besseren Buchladen Bände über (oder von) Papst Franziskus aus, und auch über Benedikt XVI. konnte sich der geneigte Leser anhand seiner wieder ausgelegten Schriften („Einführung in das Christentum“) und anhand neuer Biographien, etwa von Andreas Englisch, eingehend informieren. Andererseits erlebte der interessierte Beobachter nur ein Jahr nach den gefüllten Büchertischen voller papstfreundlicher Literatur im Jahre 2006/07 eine Welle des Atheismus, angeführt von Richard Dawkins.

Wer sich über Päpste informieren will und dabei hohe Ansprüche stellt, sei eine 543-Seiten-Monografie unter dem Titel „Papsttum und Päpste im 20. Jahrhundert“ von Georg Schwaiger empfohlen, erschienen 1999 bei C.H. Beck in München. Im Gegensatz zu Autoren wie etwa der frontal das Christentum angreifende Karlheinz Deschner und den Kritikern Pius XII. wie Rolf Hochhuth, David Yallop und vielen anderen verfügt er dieser Autor als Professor über die höchstmögliche berufssoziologische Kompetenz, da er an einer Universität nicht  nur diesbezüglich geprüft wurde, sondern die Lehrbefugnis im Fach Katholische Theologie – seit 1971! – innehat. Aus diesem Grund entwickelt er keine publikumswirksamen Anklagen oder Verschwörungstheorien, sondern wägt sorgfältig an, was dem jeweiligen Papst angesichts seiner Persönlichkeit, seiner Umgebung und den innerkirchlichen wie weltlichen Gegebenheiten möglich war. So erfüllt er beispielhaft den Grundsatz, wonach der Historiker nicht Ankläger, Verteidiger und auch nicht Richter sein kann, sondern eher der intellektuelle „Spürhund“, der ermittelt, was aus welchen Gründen gewesen war. Zentrale Fragestellungen betreffen die theologische Ausrichtung und die politische Wirkung. Nicht zu kurz kommen auch Jugend auch Werdegang des jeweiligen Pontifex Maximus. So bekommt der Leser ein facettenreiches, sicher eher wohlwollendes, aber kein völlig einseitiges Bild von den Päpsten des vergangenen Jahrhunderts, von Leo XIII. bis Johannes Paul II. Beispielsweise wird herausgearbeitet, dass der weitsichtige, der modernen Wissenschaft relativ aufgeschlossene Papst Leo XIII (1878-1903) am Ende seines Lebens weit stärker reaktionär dachte, als es seinem Ruf entspricht.

Andererseits sei sein Nachfolger Pius X. (1903-14), als Widersacher des Modernismus bekannt, dank seiner Bemühungen um „innerkirchliche Erneuerung“ einer der „bedeutendsten Reformer der Papstgeschichte“ (S. 119) gewesen.  Verdienstvoll ist es, eine größere Leserschaft mit Benedikt XV. (1914-22) und seinen Friedensbemühungen während des Ersten Weltkriegs vertraut zu machen. Der scharfe Gegensatz zwischen Konservatismus (insbesondere dem katholischen Konservatismus) und dem Nationalsozialismus wird rasch deutlich am Porträt von Pius XI. (1922-39) und seinen wiederholten Protest gegen die Konkordatsverletzungen durch Hitlers Regime. Pius XII. (1939-58) erscheint – ähnlich wie bei Guido Knopps quellenkritischer und erfreulich zitatenreicher Einführung „Vatikan – die Macht der Päpste“ – nicht als der herzlose, gar judenfeindliche „Schweiger“, als den ihn etwa John Cornwell ("Hitler's Pope") zeichnet, sondern als tatkräftiger Diplomat: Er zog zahlreiche „stille“ Hilfsmaßnahmen vor, nachdem auf zahlreiche kirchliche Verlautbarungen erfahrungsgemäß um so stärkere NS-Repressalien folgten. Freilich, man kann darüber streiten. Aber die Tatsache, dass der Autor Hitlers Herrschaft noch erlebte, bewahrt ihn vor unwissenschaftlichen, besserwisserischen Spekulationen. Mit anderen Worten: Schwaigers Mahnung, nicht von der sicheren Warte des nachgeborenen über das Leben in totalitären Regimen zu richten, verdient gerade auch angesichts seiner eigenen Erfahrungen (er ist Jg. 1925) höchste Aufmerksamkeit.

Großen Respekt nötigt der Anmerkungsapparat ab: 1243 Endnoten unterschiedlicher Länge mit ein paar tausend Quellen- und Literaturangaben bieten nicht nur belege, sondern auch biografische Daten und Zitaten. Das Werk ist in einer leicht verständlichen Sprache für einen weiten Leserkreis verfasst und macht die Auseinandersetzung mit der Kirchengeschichte zu einem durchaus spannenden Erlebnis.

 

 

Georg Schwaiger: Papsttum und Päpste im 20. Jahrhundert. München: C.H. Beck, 1999.

 

 

4., Brückenschläge in Europa

 

 

Stefan Winckler

Vor 50 Jahren: Historische Versöhnung von römisch-katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche

 

Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, Athenagoras (1886-1972) hatte sich bereits als Metropolit von Korfu (1922) und als Erzbischof für Nord- und Südamerika derart (auch politisch) ausgezeichnet, dass er anschließend das Amt des Patriarchen von Konstantinopel übernehmen konnte – und US-Präsident Harry S. Truman ihm das Präsidentenflugzeug für die Reise zur Verfügung stellte. Sein vielleicht grösstes Geschick zeigte Athenagoras, ein vorzüglicher Diplomat, in Bezug auf die Ökumene. Er kannte Angelo Kardinal Roncalli aus dessen Zeit als Apostolischer Delegat in Istanbul gut genug, um dessen Wahl zum Papst (Johannes XXIII., 1958) mit den Worten zu begrüßen: „Es ward ein Mensch von Gott gesandt, und dessen Name war Johannes“. Umso mehr befürwortete er die Einberufung des zweiten Vatikanischen Konzils. Wie er dem deutschen Schriftsteller Hubertus Prinz zu Löwenstein seinerzeit, 1962, bekannte, ginge es „jetzt um die Schaffung einer wirklichen Gemeinschaft aller Christen“: „Oft haben die Theologen uns getrennt. Nun wollen wir uns verständigen. Mit der Begründung sollen sich die Theologen nachher befassen.“ Diese Einstellung entsprach im Grunde dem erklärten Wunsch Johannes‘ nach Einheit der Christen. Auf die Frage Löwensteins, ob Athenagoras ein „persönliches Treffen mit dem Papst in Erwägung ziehen wolle“, antwortete der Patriarch: „Ich würde sehr gerne den Heiligen Vater treffen“. Die Stellung des Papstes zog der griechisch-orthodoxe Kirchenfürst demnach nicht in Zweifel, im Gegenteil: „Er ist der erste Bischof der Christenheit, so steht es im kanonischen Recht seit bald 2000 Jahren (er selbst ist als Patriarch von Konstantinopel der Primus inter Pares innerhalb der griechischen Orthodoxie). Einen eventuellen Dissens in Bezug auf das Glaubensbekenntnis („Filioque“: geht der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn aus?“) zwischen römischen Katholiken und Orthodoxen verurteilte er: „Die Frage ist für mich längst gelöst, und zwar durch die Unionsformel, angenommen auf dem Konzil von Ferrara und Florenz im Jahre 1439. Wenn gewisse Kreise des niederen Klerus und des Volkes aus Vorurteilen und nationalistischen Ressentiments das Abkommen später zerrissen haben, so berührt mich, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, das in keiner Weise“. 

Löwenstein übermittelte ein Protokoll seiner Unterredung dem Kurienkardinal Augustin Bea, einem Deutschen. Mit ihm kam er überein, dass sich Papst und Patriarch am besten in einem Kloster als Gleiche unter Gleichen treffen sollten, um protokollarische Schwierigkeiten zu vermeiden. Ein Bericht über das Gespräch ging - über Umwege - an den Papst. Währenddessen konnte Löwenstein erneut von Athenagoras empfangen werden, der den Deutschen sogar als Sonderbotschafter in dieser Angelegenheit für die Gespräche mit Bea ernannte - ein exzellenter Vertrauensbeweis. In diesem Zusammenhang stellte Athenagoras fest: "Das Tor, das der Papst aufgemacht hat, kann nie wieder geschlossen werden. Wir erkennen den Papst als den ersten Bischof der Christenheit an, und wir sind bereit, uns seiner Führung anzuschließen". Eine Begegnung zwischen Athenagoras und Papst Johannes XXIII. kam nicht mehr zustande. Der Papst starb Juni 1963. Sein Nachfolger Paul VI. erklärte sehr rasch nach seinem Amtsantritt, eine Pilgerfahrt ins Heilige Land unternehmen zu wollen (ein revolutionärer Entschluss, denn selbst die Bahnfahrt Johannes XXIII. nach Assisi 1962 galt als Sensation). Umfangreiche organisatorische Vorbereitungen waren in kurzer Zeit zu treffen. In der geteilten Stadt Jerusalem umarmten sich Paul und Athenagoras brüderlich und beendeten so die gegenseitige Verfluchung, die 1965 ""offiziell" aufgehoben wurde. Es war das erste Treffen von Papst und Patriarch seit 1439. Der russische Patriarch begrüßte die Begegnung, während der orthodoxe Erzbischof von Athen sie heftig ablehnte. Der Präsident Zyperns, Erzbischof Makarios, stand auf der Seite von Athenagoras.

 

Die Bemühungen zur Annäherung von römisch-katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche fanden 1967 eine Fortsetzung in der gemeinsamen Erklärung von Paul VI. und Athenagoras anlässlich ihrer erneuten Treffen in Istanbul (Juli) und Rom (Oktober). Beide stimmten überein, dass der Weg zur Einheit aller Christen lang sei, dass Klärungsbedarf und Hindernisse noch bestehen. Die Einheit im Glaubensbekenntnis sei notwendig für die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft, doch betrachteten sich die beiden Konfessionen erfreulicherweise als Schwesterkirchen. Eine Zusammenarbeit sei anzustreben, und zwar in Form "regelmäßiger und tiefer Kontakte zwischen kath. und orth. Pfarrern für das Wohl ihrer Gläubigen". Probleme, wie solche mit gemischt-konfessionellen Ehen, sollen gelöst werden. Mehrere Briefwechsel folgten, der letzte im Juni 1972, fünf Wochen vor Athenagoras' Tod, den Paul VI. im Übrigen mit "geliebter Bruder" und "Eure Heiligkeit" anredete.  

 

Symbolische Politik kann viel bewirken. Eine Geste ist daher besonders hervorzuheben: Der Papst gab den Griechen 1964 den Schädel des gerade für die Ostkirche so bedeutsamen Apostels Andreas zurück, den Kreuzfahrer 1204 in Konstantinopel geraubt hatten und den der Metropolit von Patras höflich erbeten hatte. Auch dies geschah dank Kardinal Beas Vermittlung. 

 

Literatur: 

 

Hubertus Prinz zu Löwenstein: Botschafter ohne Auftrag. Düsseldorf 1972, S. 323-328.

Patrice Mahieu: Paul VI et le Orthodoxes. Paris 1972.

Ernst Christof Suttner: Die Reliquien des heiligen Apostels Andreas und ihre Verehrung in Patras, Konstantinopel, Amalfi und Rom. http://nikowy.homepage.t-online.de/s_andrea.pdf

 

Briefe Pauls VI. an Athenagoras und gemeinsame Erklärungen von Papst und Patriarch: www.vatican.va, sowie die Artikel unter 

http://www.spiegel.de/suche/index.html?suchbegriff=athenagoras und http://www.zeit.de/suche/index?q=athenagoras

 

 

 

      Stefan Winckler

      Kein Platz für das Kreuz der Patrone Europas – wegen Europa?

 

      „Die Apostel der Slawen, die heiligen Cyrill und Methodius, bleiben im Gedächtnis der Kirche zusammen mit ihrem großen Werk, der Glaubensverkündigung, das sie vollbracht haben. Man kann sogar sagen, dass ihr Andenken in unseren Tagen besonders lebendig und aktuell geworden ist“. Mit diesen Worten begann Johannes Paul II. seine Enzyklika „Slavorum Apostoli“ 1985.

 

2013 wird vielerorts die Ankunft der Slawenapostel Kyrill und Method vor 1150 Jahren in Mähren gefeiert. Welche Bedeutung die beiden Geistlichen hatten und haben, und weswegen ihr Gedenken im Winter 2012/13 eine politische Auseinandersetzung auslöste, soll in diesem Artikel behandelt werden. Relevant sind sie als gemeinsame Heilige der westlichen und der östlichen Kirche; auch die Evangelischen gedenken ihrer. Das ist zu begrüßen, denn erscheint nicht die gemeinsame Verehrung durch unterschiedliche Konfessionen als Ansatzpunkt für die Ökumene? (1) Ihr Tag ist sowohl für Katholiken, Lutheraner und Anglikaner der 14. Februar (uns eher als Tag des Hl. Valentin bekannt), für die Orthodoxen der 6. April. In Tschechien und der Slowakei ist der 5. Juli zu Ehren der Heiligen arbeitsfreier Feiertag. Der Papst erhob Kyrill und Method 1980 zu Patronen Europas, an der Seite des Benedikt von Nursia.

 

Kyrill und Method wurden als Söhne eines griechischen kaiserlichen Beamten und einer slawischen Mutter 815 und 827 in Saloniki geboren. Sie schlugen eine geistliche Laufbahn ein, die sie zunächst in das südrussische Gebiet zwischen Dnjepr und Wolga führte. Der Fürst des Großmährischen Reiches, Rastislaw, rief sie 863 in das Kerngebiet seines Landes, das sich 150 Kilometer nördlich von Wien befindet, um zu missionieren. Dahinter stand die politische Hinwendung zu Byzanz, nachdem er sich mit dem Karolinger Ludwig dem deutschen zerstritten hatte. Kyrill und Method übersetzten die Bibel in die altslawische Kirchensprache, so dass sie auch in philologischer Hinsicht bedeutsam wurden. Dies fand die ausdrückliche Billigung von Papst Hadrian II., den die Brüder in Rom aufsuchten. V.a. missionierten sie auf friedliche Art, die bestehende Kultur achtend, fördernd und weiter entwickelnd. Nach dem Tode Kyrills war Method Gründer des Erzbistums Großmähren. Bayerische Missionare lateinischer Sprache behinderten seine Arbeit; zeitweise war er sogar im ostfränkischen Reich in Gefangenschaft. Method starb am 6.April 885 in Velehrad/Mähren. Dies ist heute ein Wallfahrtsort im Zentrum Mitteleuropas, den Papst Johannes Paul II. 1990 aufsuchte und mit der Goldenen Rose auszeichnete. Eingedenk dieser historischen Tatsachen verwundert es nicht, dass die Slowakische Nationalbank 2012 mit Blick auf das bevorstehende Jubiläum Zwei-Euro-Münzen prägen lassen wollte, auf deren Rückseite die beiden Glaubensboten abgebildet sind. Auflage: eine Million Stück. Die Kommission der Europäischen Union erklärte dazu, die vorgesehene Abbildung von Heiligenscheinen und den Kreuzen auf der Stola de Method sei unstatthaft, da die EU den Grundsatz der religiösen Neutralität vertrete. Das laizistische Frankreich stand auf dem gleichen Standpunkt, während Griechenland offenbar als Retourkutsche für die slowakische Weigerung, den Euro-Rettungsschirm auszuweiten, ebenfalls gegen die religiösen Kennzeichen protestierte (ungeachtet dessen zeigen Griechenlands Staatswappen und Flagge ein Kreuz). Es gelang der slowakischen Öffentlichkeit, nicht nur den Bischöfen, die zwischenzeitlich schwankende Nationalbank zur geplanten Abbildung der religiösen Symbole zu veranlassen. Maßgeblich am erfolgreichen Protest gegen die EU-Forderung war der Nürnberger Europa-Abgeordnete Martin Kastler beteiligt, der damit ein hervorragendes Beispiel von Unterstützung grenzüberschreitender Anliegen in christlichem Geist bot. Die Ausgabe der Münzen wurde im Mai 2013 verwirklicht.

 

Dies alles zeigt, dass heute politische Interventionen ohne Rücksicht auf gewachsene religiöse Strukturen anderer Länder vorgenommen werden (nahezu 75 Prozent der Slowaken sind Christen) und die Gefahr des Einknickens besteht, falls es keine politisch hervortretende Zivilgesellschaft gibt. Diese Interventionen geschehen, wenn Amtsinhaber am politischen Mittelpunkt nicht wissen oder nicht wissen wollen, dass das Christentum Europa in vielfacher Hinsicht entscheidend geprägt hat, ja auch die Völker verbinden hilft. 

 

Beiträge im Internet:

 

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienC/Cyrillus_von_Saloniki.htm 

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Methodius_von_Maehren.htm

http://www.radio.cz/de/rubrik/schauplatz/kyrill-und-method-und-die-globale-sicht-des-christentums-die-bedeutung-der-slawenaposteln

http://www.uni-jena.de/Mitteilungen/PM140127_Kyrillschau.print

 

 

 

      Stefan Winckler

Geschichte, Genuss und Erinnerung rund um Ruine Templštejn. Eine Exkursion

 

Dort, wo am Ufer des südmährischen Flusses Jihlava der ausgeschilderte „Templer-Radwanderweg“ (39 Kilometer lang) an der Burgruine Templštejn vorbeiführt, liegt ein Städtchen namens Oslavany. Schon im 13. Jahrhundert hatten sich Zisterzienserinnen angesiedelt. Die Hussitenkriege machten ihrem Stift zweihundert Jahre später ein Ende. In der Habsburgerzeit erbaute der örtliche Grundherr ein Renaissanceschloss mit Laubengängen rund um den Innenhof. Nach dem Verfall während der Kommunistenherrschaft ist es mittlerweile restauriert. Eine Brauerei, die sich dort während des dreißigjährigen Krieges angesiedelt hatte, musste zwar nach einem Vierteljahrtausend schließen, doch eröffnete im Jahre 2003 in den alten Mauern die „Schlossbrauerei“, wie sie ähnlich beispielsweise auch in Franken mancherorts vorkommt. Sie produzierte ausschließlich für das dezent „gotische2 Schlossrestaurant. Die gelegentlich wechselnde Produktpalette bezog sich immer auf die Tempelritter. Im Dezember 2006 präsentierte sie sich historisch passend. Das helle „Novic“ (Novize) war das leichteste Bier mit zehn Grad Plato (entspricht der Stammwürze eines Schankbiers), gefolgt vom „Templar“ (Templer), ebenfalls hell und zwölf Grad stark. Mittelstark war dann das „Komtur“-Bier (13 Grad, hell), das aber im Laufe der Jahre auch in einer bernsteinfarbenen Variante ausgeschenkt wurde. Übertroffen wird es vom „Velmistr“ (Großmeister), einem Festbier, ausgeschenkt in der Weihnachtszeit. Das helle „Templar“ erinnerte an Pilsner Urquell, ist vielleicht etwas milder. Der Gerstensaft erwies sich an einem regnerischen Adventstag als geradezu idealer Begleiter zu Karpfen und Kartoffeln. Jedenfalls war die Schlossbrauerei auf steilem Wachstumskurs: Aus ihrem Internet-Auftritt geht hervor, dass sie ihren Ausstoß von 236 Hektolitern auf 874 Hektoliter 2005 steigerte.

Konsequenterweise bezog die Brauerei vor wenigen Jahren eine neue Produktionsstätte mit größeren Kapazitäten mehrere Kilometer weiter.

Mehr als nur ein Wegweiser zeigt Richtung Templštejn. Von Tempelrittern erbaut, 1269 erstmals erwähnt, bauten die nachfolgenden Besitzer die Burg aus, doch nach Kämpfen in der frühen Neuzeit wurde sie dem Verfall preisgegeben. Der Weg dorthin erwies sich als so holprig, dass er viel besser zu Pferd als mit dem Auto zurückgelegt werden sollte. Passender wäre ein Tandem für zwei Ordensbrüder, in humorvoller Anlehnung an das alte Templersymbol der beiden Ritter auf einem Pferd. Nur wenige Kilometer weiter lockt die Burg Eichhorn/ Veveří, die 1304 sogar Schauplatz einer Templersynode war, an der auch der zweite Mann des gesamten Ordens, Hugo von Pairaud teilnahm. Im Übrigen ist der Landkreis südwestlich von Brünn die Heimat des Jugendstilmalers Alfons Mucha, der als Junge schon so manche Skizze in die Kirchenbank seiner Pfarrgemeinde geritzt haben soll. Aber das ist eine andere Geschichte…  

 

Weiterführende Informationen:

 

www.oslavany-mesto.cz/historie-zamku-oslavany/d-79055

www.hrady.dejiny.cz/templštejn2/

 

 

 

 

© Dr. Stefan Winckler