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In der Mitte Europas

Bildquelle: Templarsky Sklepy

 

Stefan Winckler

Templer in Čejkovice/Mähren. Eine Exkursion

  

Der Verfasser war außerordentlich überrascht, als er anlässlich einer Feier im tschechischen Kvilda/Böhmerwald einige außergewöhnlich etikettierte Weinflaschen auf dem Büffettisch entdeckte. Ein mittelalterlicher Tempelritter war darauf abgebildet, flankiert von der Aufschrift „Templářske Sklepy“, zu deutsch: „Templerkeller“. Geographische Herkunft: Čejkovice im südlichen Mähren, zwischen Brünn und der slowakischen Grenze. So stand rasch fest, welchen alten Templerstandort er bei nächster Gelegenheit aufsuchen wollte.

 

Reiseführer einerseits und die geschichtsschreibende Literatur andererseits halfen indes kaum weiter, selbst das Internationale Templer-Lexikon (Innsbruck 2003) hatte außer dem folgenden Quellenverweis keine Detailinformationen zu bieten: Eine Urkunde des letzten Babenbergers Friedrich II. (nicht zu verwechseln mit Kaiser Friedrich II., dem "Stupor Mundi") vom 23. Januar 1243 führt den Komtur von Mähren namens Fridericus auf, dessen Ordensprovinz auch Teile Niederösterreichs umfasst hatte. Inhalt: Mautfreiheit für das Zisterzienserstift Zwettl/Waldviertel. Auch die Literatur zur böhmisch-mährischen Geschichte blieb ohne Angaben, während die Urkundenedition der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften zumindest drei Dokumente von 1248 und 1269 enthielt.

 

Umso gespannter war der Verfasser, der unterwegs noch die sehenswerte Malteserkommende Mailberg in Niederösterreich aufsuchte: Was lässt sich erstens über die Geschichte herausfinden? Zweitens: Wie gehen die Bewohner heute mit der Templergeschichte im Besonderen und mit dem christlichen Kulturerbe im Allgemeinen um (eingedenk 41 Jahren Kommunismus mit all seinen Nachwirkungen)?

 

Sehr schnell fällt auf der Fahrt die katholische Prägung Südmährens auf: In Abständen von wenigen Kilometern steht ein hölzernes Kruzifix am Straßenrand. Wie viele haben wohl die Kommunisten abgeräumt, wie viele wurden nach der Revolution wieder aufgestellt? Diese Frage wäre eine eigene Untersuchung wert.

 

Nach einer idyllischen Strecke zwischen Weinfeldern und Teichen östlich von Mikulov/Nikolsburg fällt plötzlich der Blick auf das Ortsschild von Čejkovice. Ein Wappen in unmissverständlicher Tradition: rotes Tatzenkreuz auf weißem Grund, davor ein schwarz-weißer Kiebitz (tschechisch: Čejka). Das Dorf selbst erscheint gepflegt, insbesondere der Ortskern um die Templářska(Templerstraße). Die Weinkellerei wartet mit einer Informationstafel zur Geschichte in tschechischer, deutscher und englischer Sprache auf, die sich ausschließlich an historischen Dokumenten orientiert. Mit anderen Worten: Sie gibt präzise in chronologischer Reihenfolge die historische Überlieferung wieder, ohne die Geschichte zu interpretieren oder gar in die modernen Zusammenhänge von „gut“ und „böse“ zu gießen.    

 

Die erste schriftliche Quelle über Templer in dem Dorf Čejkovice datiert vom Oktober / November 1248. Inhalt: Ulrich [von Spanheim], Sohn des Herzogs von Kärnten (Karinthia) schenkt den in Schaekwitz (Čejkovice) ansässigen Templern vier Güter in Raekwitz (Rakovice).[1]

 

Von 1269 datiert ein Streit zwischen den Templern in Čejkovice mit dem Zisterzienserkloster Žďár nad Sázavou über den Zehnten in Michelsdorf bei Čejkovice (heute Vrbice). Bischof Bruno von Olmütz nennt Brünn als Ort und den 11. Oktober 1269 als Tag der Entscheidung, wobei Erzbischof Wernher von Mainz als Schiedsrichter fungieren soll.[2]

 

Zu dieser Streitfrage geht aus einer weiteren Urkunde von Bischof Bruno vom 25. Oktober 1269 hervor, dass sich die Parteien geeinigt haben.[3]

 

 

 

Da die Quellenedition der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften das späte 13. und das frühe 14. Jahrhundert aussparte, fasse ich im Folgenden den Inhalt einer Informationstafel der Weinkellerei von Čejkovice zusammen.

 

 

 

Am 7. April 1292 wird erstmals der Komtur Georg Ekko (Eckhard) erwähnt: Budis und Vitel aus Luca (Loucka, Prämonstratenserkloster bei Znaim) verkaufen das benachbarte Dorf Senstras an die Templerkommende.

 

Am 7. September 1294 genehmigt König Vaclav (Wenzel) den Verkauf des Templereigentums im Dorf Vodachony an den Prager Erzbischof Tobias. Diese Transaktion wurde am 25. Mai 1295 durch Bertram, dem Großprotektor für Deutschland und weitere Länder genehmigt.  

 

Der „schwarze Freitag“ 13. Oktober 1307 wirkte sich zunächst nicht auf die mährischen Templer aus. Vielmehr entnehmen wir einer Urkunde vom 13. März 1308, dass der Komtur Ekko den Herren von Kravaře die Stadt Vsetín verkaufte. Letztmalig war Ekko am 24. Februar 1309 schriftlich erwähnt, über sein weiteres Wirken oder über sein Ende fehlen Hinweise. Offenbar endete 1312 die Templerkommende in Čejkovice, als ein päpstlicher Erlass die Templerbesitzungen in Europa aufhob. Zwischen 1312 und 1624 sind verschiedene, bestenfalls regional bekannte Dynastien als Herrscher nachgewiesen. Um 1426 wurde die Burganlage in den Hussitenkriegen zerstört. 1624 bis 1773 waren die Jesuiten in Čejkovice ansässig – als die Burganlage durch Brand unterging, errichteten sie an ihrer Stelle 1715 bis 1717 einen neuen, ausgedehnten Bau. Die Säkularisierung durch Kaiser Joseph II., den Sohn Maria Theresias, brachte Čejkovice unter die unmittelbare Herrschaft der Habsburger, im Königreich Böhmen, aus dem sich 1918 mit Ober-Ungarn die Tschechoslowakei konstituierte.  

 

Warum siedelten sich gerade dort Tempelritter an? Es war wohl nicht die Schenkung des Ulrich von Spanheim alleine, die die Templer in diese Region kommen ließ. Ein Weg führte von Wien nach Norden über Mistelbach und Poysdorf in Richtung Olmütz, während eine andere Strecke von dem aufstrebenden Brünn (Bürgerrecht für die Einwohner 1237, Stadtrecht 1243) nach Osten ging. Es war wohl diese verkehrsgünstige Lage, zumal sich ganz Mähren (lateinisch: Moravia) wirtschaftlich gut entwickelte, Burgen gebaut waren, deutsche Kolonisten ins Land kamen und deutsche Recht auch in slawischen Gemeinden Einzug hielt. In der Umgebung von Brünn existierten Templerkommenden und auch Niederlassungen des Deutschen Ordens.[4] Eine Ansiedlung weiter östlich, an oder jenseits der March, erschien wegen der Grenzlinie zu Ungarn und dem dadurch fehlenden Hinterland viel weniger erstrebenswert.

 

 

 

Sprung in die Gegenwart. Südmähren, frühes 21. Jahrhundert. Wie geht der Ort mit der Templervergangenheit um, welche Rolle spielt das Christentum in dieser Region?

 

 

 

Die Renovierung der allmählich verfallenen Schlossanlage aus der jesuitischen Epoche geschah noch unter kommunistischer Herrschaft (1975-1988). Offenbar begriff das Regime, dass der Marxismus-Leninismus das Traditionsbedürfnis der Menschen nicht befriedigte, sondern eine Sanierung der alten Bausubstanz aus christlicher und monarchischer Vergangenheit verlangt wurde. Aus einer Ruine ist heute ein Schlosshotel mit 21 preisgünstigen Zimmern, einem Restaurant und einer (eher modernen, aber für Trauungen bestens geeigneten) Kapelle geworden. An die Templer erinnern nachgebildete Symbole, eine Übersichtskarte und Reliefdarstellungen maßgeblicher Heiliger (so auch des Hl. Bernhard von Clairvaux). Faltblätter bieten weiter reichende Informationen. Insgesamt stellte die Anlage einen feinen Schauplatz dar, der auch für Kongresse und Tagungen – von der Regierung über Firmen und Verbände bis zur Ärztekammer – genutzt wird.

 

Überhaupt wird in Čejkovice die Tradition hochgehalten: nicht nur die Templerstraße, sondern auch ein geräumiges, vorzüglich gestaltetes Templer-Kellerrestaurant und eine Weinkellerei (wo die historischen Gewölbe restauriert, wieder genutzt und besichtigt werden können) erinnern an die „alte Zeit“. Dort können auch Souvenirs wie ein Templerbecher und ein Weinglas mit dem Templerkreuz erworben werden. So lebt der Ort, abseits von Industrieanlagen idyllisch gelegen, von Weinbau und Tourismus. Da Tschechien keinen Wein exportiert, braucht sich der südmährische Rebensaft nicht mit den Franzosen, Italienern oder der Neuen Welt messen. So reicht er nicht an die Weltspitze heran, doch ist der Weißwein ein brauchbarer Begleiter zur Brotzeit und zum Abendessen vor Ort. In Tschechien selbst ist er recht bekannt und erfreut sich eines guten Rufs, zumal die „Templerkeller“ der drittgrösste Erzeuger des Landes sind. Von Zeit zu Zeit kommen auch deutsche Touristengruppen per Bus zur Weinprobe. Dass sie mehr am Trinken als an Ritterorden oder überhaupt an Geschichte und Kultur interessiert sind, bedarf jedoch keiner zusätzlichen Erwähnung.

 

Der katholisch-konservative Charakter des ländlichen Südmähren wurde besonders deutlich, als der Verfasser zur Sonntagsmesse ging. Er fand die geräumige Pfarrkirche, einen sehr gepflegten Barockbau, bis auf den letzten Platz gefüllt vor. Alle Generationen waren vertreten. Ältere Frauen waren in Tracht erschienen, mit weißem Kopftuch, auf das eine Blume gestickt war. Schon von außen war das Rosenkranzgebet, deutlich zu vernehmen.  Ein Bild, wie auch zu Bayern oder Österreich passt.

 

Statistische Angaben liegen über den Nachbarort Mutěnice vor. Die letzte Volkszählung im Jahre 2001 ergab 2801 Gläubige, davon 2671 römisch-katholische Christen, von denen etwa 800 den Sonntagsgottesdienst regelmäßig besuchen. 3690 Einwohner insgesamt wurden ermittelt.[5]

 

 

 

Weiterführende Informationen:

 

 

 

www. Čejkovice.cz

 

http://www.hotelcejkovice.cz/de/geschichte/

 

 

 

 

 

©   ©  Dr. Stefan Winckler

 


 

 

 



[1] Českolovenska Akademie Ved: Codex diplomaticus et epistolis Regni Bohemiae, Folge IV-1. Prag 1962, S.246f., Nr. 148

[2]Ebd., Folge V-2, S. 185, Nr. 594.

[3]Ebd., S. 188f., Nr. 586.

[4]Großer Historischer Weltatlas, zweiter Teil: Mittelalter, München 1970, S. 29 und R2    (Auflistung aller Kommenden der historischen Ritterorden).

[5]www.mutěnice.cz