Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
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Vor 25 Jahren: Das Ende des totalitären Sozialismus in Mitteleuropa

Stefan Winckler

 

 

A hundred tanks along the square, 
One man stands and stops them there 
Some day soon, the tide will turn, and I'll be free 
I'll be free, I'll be free, I'll come home to my country, 
Some day soon the tide will turn and I'll be free

 

The Hooters: 500 Miles, veröffentlicht Herbst 1989

 

 

Vor 25 Jahren: Das (nahezu) gewaltlose Ende der kommunistischen Herrschaft in Mitteleuropa

 

Der politische, moralische und wirtschaftliche Bankrott des „real existierenden Sozialismus“ ist uns insbesondere durch die Fernsehbilder vom Fall der Mauer und die Verwirklichung der Deutschen Einheit im Gedächtnis geblieben. Das besondere, was sich kaum jemand vorstellen konnte, war der friedliche Ablauf der Revolutionen, die ein europäisches Phänomen darstellten, weil sie sich gleichzeitig in mehreren Ländern ereigneten. Blutvergießen gab es kaum, abgesehen vom Sonderfall Rumänien. Jugoslawien als multinationaler und multikultureller Staat außerhalb des Warschauer Pakts ist weniger vergleichbar. Im Gegensatz zu 1953, 1956 und 1968 blieben die Panzer in den Kasernen, auch wenn v.a. der DDR-Staatssicherheitsminister Erich Mielke die eiserne Faust bevorzugt hätte. Die Zurückhaltung der Armeeoffiziere verdient Anerkennung.

 

Übereinstimmend lässt sich konstatieren, dass es allen kommunistischen Parteien an Visionen fehlte. Statt einer ernsthaften Zukunftsgestaltung war, fast wie im alten Österreich, „Weiterwurschteln“ angesagt. Festgefahren im „demokratischen Zentralismus“, der jede Abweichung als „Fraktionsbildung“ unter Strafe stellte, waren von den häufig im Greisenalter angekommenen Politbüromitgliedern keine eigenständigen Konzepte zu erwarten – und persönliches Charisma schon gar nicht. Sie marschierten vielmehr, in Anlehnung an ein Wort von Günter Schabowski, in geschlossener Formation auf dem Holzweg weiter, gestützt auf gefälschte Erfolgsmeldungen aus der Volkswirtschaft.

 

Welcher war der erste „Sargnagel“? Die Wahl des Erzbischofs Karol Kardinal Wojtyła zum Papst war für Kommunisten ein harter Schlag, zumal Wojtyła in seiner weitgehend frommen Heimat als geradliniger Antikommunist  bekannt war. Im Juni 1979 reiste er nach Polen. 13 Millionen Menschen besuchten seine Messen. Sein Satz „Habt keine Angst“ zeigte Wirkung: Ohne diesen Besuch wäre die Gewerkschaft Solidarność an deren Schicksal er lebhaft Anteil nahm, wohl kaum entstanden. Erstmals verschaffte sich eine Millionen Menschen umfassende Arbeiterbewegung innerhalb eines „Arbeiter- und Bauernstaates“ Gehör  und rang der totalitären Staatsmacht erhebliche Zugeständnisse ab. Die kommunistischen Parteien, so ließ sich daraus schließen, waren nicht länger die Sieger der Geschichte, sondern erstmals in die Defensive ausgerechnet gegen katholische Arbeiter geraten. Am 16.12.1980 (in Worten: neunzehnhundertachtzig) schrieb Johannes Paul II. einen sehr deutlichen Brief an Leonid Breschnjew, der daraufhin die bevorstehende Invasion in Polen stoppte. Die Ausrufung des Kriegsrechts an einem düsteren Dezembersonntag 1981 konnte die Freiheitsbewegung nicht auf Dauer abtöten; immerhin machte sie einen erneut zu befürchtenden sowjetischen Einmarsch unnötig. In Polen, wo der „real existierende Sozialismus“ nie über eine bescheidene Zahl von überzeugten Anhängern hinauskam, sah sich die Regierung nach den Streiks vom August 1988 gezwungen, sich mit der Opposition zu verständigen. Dies geschah auf gleicher Augenhöhe (Runder Tisch). Ergebnis: 35 Prozent der Mandate in der ersten Parlamentskammer konnten am 4.6.1989 frei gewählt werden, und kein einziger fiel an die Kommunisten. Dementsprechend konnte die Opposition auch die zweite Parlamentskammer fast vollständig für sich „erobern“. Erstmals seit Jahrzehnten wurde ein Nichtkommunist, genauer: ein katholischer Intellektueller, mit der Regierungsbildung am 24.8.1989 beauftragt, nachdem die Blockparteien sich auf ihre Selbständigkeit besonnen hatten. Damit hatte die Transformation ein Tempo gewonnen, mit dem weder die Machthaber noch die Opposition gerechnet hatten: sie gingen nicht von einem „Revolutionsherbst“ in Europa aus. Das Parlament strich die führende Rolle der Polnischen  Vereinigten Arbeiterpartei (KP) und die Staatsbezeichnung „Volksrepublik“ (die Partei selbst erfand sich gleichzeitig neu als die „Sozialdemokraten“) am 29.12.1989 aus der Verfassung. Freie Kommunalwahlen folgten im Mai 1990. Damit war der Kompromiss, die Generäle Jaruzelski und Kiszczak auf den Posten des Präsidenten bzw. des Innenministers zu belassen, obsolet, und Lech Walesa folgte Ende 1990 als Staatsoberhaupt.  

 

In der DDR hatte Papst Johannes Paul II. nur wenig Anziehungskraft. Doch auch hier zeigten sich Anzeichen einer Unerschrockenheit. Ab Mitte der 1970er Jahre waren die Meinungstrends für die SED nicht mehr systemkonform genug, so dass sie das „Institut für Meinungsforschung beim Zentralkomitee der SED“ auflöste. 1980 schloss das Institut für Jugendforschung Leipzig aus einer Befragung von Lehrlingen, jungen Arbeitern und Studenten, dass speziell bei den christlich eingestellten jungen Menschen eine nur teilweise Identifikation mit der DDR und dem Sozialismus bestünde: „Ein nicht unbedeutender Teil der Jugendlichen besitzt heute nichtmarxistische weltanschauliche Einstellungen“ (vgl. Zentralinstitut für Jugendforschung: Parlamentsstudie 80 – Teilbericht 5 – „Einstellungen zum Marxismus-Leninismus, zum Atheismus und zur Religion“. Leipzig, März 1980). 

Zugleich kann davon ausgegangen werden, dass sich viele Jugendliche zu einer kritischen, ablehnenden Einstellung aus Angst vor Sanktionen nicht bekannt hatten.  

Es kann angenommen werden, dass sich mehr und mehr Jugendliche immer weniger mit „volkseigenen“ Kopien westlicher Konsumartikel wie Cola, Jeans, Pop/Rock u.ä. abfinden wollte, sondern sich nach den Originalen sehnten. Als an Pfingsten 1987 zum wiederholten Male ein Popkonzert, hochkarätig besetzt mit David Bowie, Genesis und den Eurythmics, auf der Wiese vor dem Reichstag in Berlin stattfand, wollten auch Ostberliner zumindest akustisch daran teilhaben. Sie wurden von „Volkspolizisten“ Unter den Linden daran gehindert, sich zu nähern. Im Gegensatz zu früheren Jahren ertönte wohl zum ersten Mal der Ruf „Die Mauer muss weg“. Dosen und Flaschen flogen.[1] Ganz anders sah es für viele Menschen der Jahrgänge um 1940/45 aus, die die DDR wegen der in den 1960er und 1970er verbesserten Konsummöglichkeiten in einem günstigeren Licht sahen. Diese Generation, verglichen mit den genannten Jugendlichen oft aus „sozialistischen Spießbürgern“ bestehend, schätzte den Wert der Freiheit relativ gering ein. Sie hatte keine marktwirtschaftliche Ordnung kennengelernt, sie sah vielmehr die relative Stärke der DDR gegenüber Polen, Bulgarien und Rumänien und machte sich ein verzerrtes Bild.  Dennoch wird niemand bezweifeln, dass die wirtschaftliche Situation immer mehr Besorgnis erregte. Bereits die schwachen wirtschaftlichen Kennziffern der frühen 1980er Jahre verdeutlichten, dass sich die Comecon-Staaten nicht von den Trends der Weltwirtschaft abkoppeln konnten (Öl!), auch wenn sie stets behaupteten, Krisen seien alleine ein Phänomen des Kapitalismus und niemals des Sozialismus. Als die DDR-Regierung auf Bonner Druck hin ab dem 1.1.1987 West-Reisen auch für viele Berufstätige erlaubte, musste manch ein Reisender sein Urteil über die Bundesrepublik zum Besseren revidieren. Ohnehin wurde immer deutlicher, dass der „Osten“ den Wettlauf mit dem „Westen“ in bezug auf Wirtschaft und militärische Macht nicht gewinnen konnte. Die NATO stationierte ihre Mittelstreckenwaffen, nachdem es zu keiner Abrüstungsvereinbarung in Genf gekommen war. Fast gleichzeitig präsentierten die Vereinigten Staaten das SDI-Konzept, also das Vorhaben, einen Schutzschirm gegen eindringende Raketen aufzubauen. Derartiges konnte die UdSSR ihrerseits nicht bieten. Ganz allgemein kann festgestellt werden: die digitale Revolution fand im Westen statt, der Sozialismus hinkte bestenfalls hinterher oder hatte das Nachsehen, dem (auch Technik-bezogenen) Fortschrittsglauben der Marxisten-Leninisten zum Trotz. Nach dem Rücktritt des Politbüros übernahm der SED-Bezirkssekretär von Dresden, Hans Modrow, am 13.11.1989 die Regierung. Er wollte den Sozialismus fortsetzen, wie er in seiner Regierungserklärung verkündete. Zeitweise hatten sich Vertreter einer linken DDR-patriotischen Szene aus Künstlern, Literaten und der evangelischen Kirche (Aufruf „Für unser Land!“) mit der Nomenklatura auf eine Weiterentwicklung eines freilich demokratisierten Sozialismus geeinigt (welch ein Gegensatz zu den entschieden freiheitlichen Bürgerechtlern Polens und der CSSR wie Vaclav Havel und Adam Michnik), während vor allem in Sachsen eine starke Stimmung zugunsten einer bald zu verwirklichenden Deutschen Einheit unüberhörbar wurde. Erich Honecker, aus seiner Partei ausgeschlossen und geächtet, fand derweil Zuflucht bei einem Pastor. Der Wahlkampf, geprägt durch die finanzstarken westdeutschen Parteien, wirkte als Katalysator auf dem Weg zur deutschen Einheit, der nach den Wahlen am 18.3.1990 mit Entschiedenheit betreten wurde. Starke unterschiedliche Prägungen in Ost und West sind dennoch weiterhin für verschiedene Wertorientierungen und Einstellungen verantwortlich, die durch die schwierige wirtschaftliche Transformation noch verfestigt wurden.

 

Wie verlief der Systemwechsel in Ungarn und der ČSSR?

 

In Ungarn stagnierte die Wirtschaft, der Staat taumelte dem Bankrott entgegen. Selbst die Instandhaltung der verrotteten und (in technischer Hinsicht) renovierungsbedürftigen Grenzanlagen war dadurch stark in Frage gestellt. Westliches Kapital war dringend nötig. Das Modell des „Gulaschkommunismus“, das dem langjährigen Generalsekretär János Kádár (bürgerlicher Name: János Czermanik) viel Anerkennung eingebracht hat, war an seine Grenzen gestoßen. . Ab 1987/88 sorgten weise Staatsmänner für einen schrittweisen Systemwechsel, der auf die Wünsche der Bevölkerung einging. Er erschien als eine Revolution von oben.  Kadar trat als Generalsekretär der Ungarischen  Sozialistischen Arbeiterpartei nicht ganz freiwillig am 22.5.1988 zurück.  Sein Nachfolger Károly Grósz, zugleich Ministerpräsident, musste als Regierungschef im Oktober 1988 seinen Hut nehmen, weil er zuwenig an Reformen interessiert war – eine Sensation, denn überall sonst war gerade eine status-quo-zementierende Position kennzeichnend für die politische Elite. Neuland betrat Ungarn auch mit der Erlaubnis, neue unabhängige Parteien zu gründen. Es galt ab 1988 Reisefreiheit. Staatsminister Imre Pozsgay lehnte ausdrücklich eine Begünstigung der bisherigen Regierungspartei ab und konnte sich stattdessen eine künftige oppositionelle Rolle vorstellen (vgl. "Wir wollen die Rückkehr nach Europa", Interview mit Pozsgay im „Spiegel“, 27/1989, S. 114-119). Zwar hatte Umgarn teure Kredite aus westlichen Ländern aufgenommen (um das Lebenshaltungsniveau der Bevölkerung zu festigen) aber die Verbundenheit mit der Sowjetunion war nicht in Frage gestellt. Die große Zahl von Flüchtlingen aus der DDR stellte Ungarn mehr und mehr vor die Frage, ob sich die Deutschlandpolitik eher an Ost-Berlin oder eher an Bonn orientiert sein sollte. Die Entscheidung für die Bundesrepublik, verkörpert durch Außenminister Gyula Horn und Ministerpräsident Miklós Németh [1], erfolgte aus wirtschaftlichen wie humanitär-praktischen Erwägungen. Ein Runder tisch legte die einzelnen Schritte zur parlamentarischen demokratie fest. Die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei spaltete sich in eine größere sozialdemokratische (unter Gyula Horn) und eine kleinere kommunistische Partei (mit Károly Grósz an der Spitze). Freie Wahlen führten am 25.3.1990 zum Sieg der Opposition.  

In der Tschechoslowakei verlief der Systemwandel anders als in Ungarn, Polen und der DDR nicht durch ein Aushandeln zwischen alten und neuen Kräften. Denn das politische System konnte sich auf einen geringeren Teil der Bevölkerung als in den vergleichbaren Staaten des Warschauer Pakts stützen, zumal das Abwürgen des Prager Frühlings durch russische und polnische Panzer eine langfristige traumatische Wirkung nach sich gezogen hatte. Zugleich war und ist eine pro-amerikanische Einstellung, u.a. in bezug auf Musik, verbreitet.  Beim Verharren der Menschen im Privatleben sollte es nicht bleiben. Die Polizei schlug bereits am 28.10.1988 (in Worten: neunzehnhundertachtundachtzig) eine oppositionelle Demonstration in Prag gewaltsam nieder. Dieser Protest geschah am 70. Jahrestag der demokratischen Staatsgründung von 1918. Kleinere Unruhen in Prag flackerten das ganze Jahr 1989 immer wieder auf.  Sicher dürfte die friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall angesichts der vielen persönlichen Verbindungen zwischen DDR- und CSSR-Bewohnern ihre Wirkung ausgestrahlt haben, um so mehr schließlich die sich mehrfach wiederholende Massenflucht in die bundesdeutsche Botschaft (Palais Lobkowicz). Am 17. November 1989 beendete die Polizei dort eine genehmigte friedliche Demonstration, die den Erschießungen tschechischer Studenten durch deutsche Nationalsozialisten 1939 und die damit verbundene Schließung der Hochschulen gedachte, gewaltsam (600 Verletzte). Die heftige Empörung dagegen äußerte sich in Streiks der Studenten, der Künstler und sehr bald  der Arbeiter. Hingegen spielte die Kirche, ebenso wie in Ungarn, nur eine ganz geringe Rolle im Systemwechsel. Das Regime sah sich zum Einlenken gezwungen, verhandelte mit dem neu gegründeten oppositionellen Bürgerforum und strich die „führende Rolle“ der KP aus der Verfassung. Am 5. 12. 1989 begann der Abbau der Grenzanlagen zum neutralen Österreich, sechs Tage später an der Grenze zur Bundesrepublik, also zur NATO. Die Partei schloss hastig, entsprechend der SED, Spitzenpolitiker aus. Staatspräsident Gustáv Husák berief Nichtkommunisten in die Regierung. Doch dies war der Öffentlichkeit viel zu wenig. Husak blieb keine andere Wahl, als am 10.12.1989 eine mehrheitlich aus Nichtkommunisten bestehende Regierung zu akzeptieren und abzutreten. Damit war das „real sozialistische“ System schlichtweg kollabiert („die oben können nicht mehr, die unten wollen nicht mehr“), da es innerhalb weniger Tage die Unterstützung der Blockparteien und selbst der eigenen Polizei verloren hatte. Das (alte) Parlament gab auf und wählte den Bürgerrechtler Václav Havel zum Staatspräsidenten, viele Kommunisten legten ihre Mandate nieder. Im Gegensatz zu dem geordneten Übergang in Ungarn geschah der Wechsel an der Spitze abrupt, und eine neue Elite war binnen kürzester Zeit in der Verantwortung. Angesichts des friedlichen Charakters wird allgemein von der „samtenen Revolution“ gesprochen. Freie Wahlen folgten am 8.6.1990.  Die Kader der (im Gegensatz den „Bruderparteien“ nicht umbenannten KP) wechselten in die Privatwirtschaft (vergleichbar dem PDS- und Stasi-Personal). 

 

Letztendlich beseitigten die Revolutionen auf friedliche Art den unnatürlichen Eisernen Vorhang, der Mittel- von Westeuropa trennte. Es ist seitdem wieder möglich, Stätten unserer geschichtlichen, religiösen und kulturellen Vergangenheit ohne Genehmigung und Schikane aufzusuchen. Repressive Systeme, die gegen alle ökonomischen Gesetzesmäßigkeiten verstießen, wurden Geschichte. Michail Gorbatschow spielte – wir wissen es alle - eine wesentliche Rolle, weil er auf Invasionen in die Warschauer-Pakt-Staaten verzichtete. Bei allen Schwierigkeiten, die zu bewältigen waren, fällt auf, dass die Transformation von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zügig voran ging und große Teile der Armeen abgerüstet wurden. Störungen durch eine Radikalisierung der Revolutionäre (in Portugal war es 1974ff. die Linke) oder Putschversuche der alten Kräfte (wie es die Rechte in Spanien 1981 versuchte) blieben aus.

1991 löste sich die UdSSR auf. Ronald Reagan, der so viel Verspottete, behielt recht, als er einst prophezeite: mit einem Seufzer und nicht mit einem Knall werde sich die zweite Weltmacht samt ihrer Ideologie verabschieden.

 

  

 

1  1988 versuchten DDR-Funktionäre durch den Hinweis auf die angeblich in der Charité (1 km entfernt) zum       Tode von Insassen führende Lautstärke den Senat zur Absage der Konzerte zu bewegen. Der Verfasser wagt die These, dass Schüsse an der Mauer hingegen viel stärker zum Tode durch direkte Einwirkung, aber auch zum Erschrecken und zur weiteren Beeinträchtigung kranker Menschen führen können.

 

 

 

 

Stefan Winckler

Václav Havel – ein Weiser im 20. Jahrhundert

Rezension zu: Michael Žantovský: Václav Havel. In der Wahrheit leben. Die Biografie. Berlin 2014

 

 

Ohne freie, würdige und mündige

Bürger gibt es auch keine Freiheit

freier und unabhängiger Nationen.

Ohne inneren Frieden, d.h. den Frieden

zwischen dem Bürger und dem Staat,

gibt es nicht einmal die Garantie

 des äußeren Friedens: Der Staat,

 der den Willen und die Rechte

 seiner Bürger nicht achtet,

gibt keinerlei Garantie, den Willen

 und die Rechte anderer Menschen,

Nationen und Staaten zu achten. (1) 

 

 

Ein Leben voller Wendungen, ein Leben, das sehr unterschiedliche Menschen emotional bewegt - das ist üblicherweise der Stoff für ein Drama. Ereignisreicher, als es sich die Dramatiker üblicherweise erdenken, war das Leben des Bühnenschriftstellers Václav Havel. Zum einen erlebte, besser: durchlebte er, Jg. 1936, sehr verschiedene politische Systeme: die Erste Tschechoslowakische Republik (freilich als Kleinkind), das kurze Zwischenspiel der Zweiten Republik im düsteren Winterhalbjahr 1938/39,  das sog. „Protektorat“ bis 1945, den Übergang zum Sozialismus bis 1948 sowie  - lange und außerordentlich bewusst – die totalitäre Herrschaft der Kommunistischen Partei, die sich wiederum in Stalinismus, Tauwetter, Prager Frühling und erneute „winterliche“ Erstarrung unterteilen ließe. Zum anderen wechselte er die Rollen, oft überraschend und ungeplant: Bisher als Dramatiker, Intellektueller, politischer Häftling  und Bürgerrechtler oft genug ein Objekt im „vormundschaftlichen Staat“ (Rolf Henrich), trat er als ein bedeutender Akteur auf die Bühne der Revolution. Mehr noch wirkte er als Hauptdarsteller auf den „Brettern“ der Tschecho-Slowakischen Föderativen Republik und der Tschechischen Republik.  Oder anders ausgedrückt: Ein gesichertes Leben im besitzbürgerlichen Milieu schien ihm in die Wiege gelegt. Doch es folgten Herausforderungen, die auch viele andere in Mitteleuropa östlich des Eisernen Vorhangs zu bewältigen hatten – Schule, Hochschule, Beruf unter ganz anderen als bürgerlich-republikanischen Vorzeichen. Oft genug waren junge Menschen als Kinder von "Kapitalisten" mit einem Kainsmal als „Klassenfeind“ stigmatisiert. Was formte den Staatsmann, der aus der Dissidentenszene kommend in fliegendem Wechsel zum Präsidenten mutierte, gar zum Dichter-Staatsmann, zum „Rock’n’Roll-Präsidenten“ (S. 394) und der das genaue Gegenteil seiner Vorgänger war – der sozialistischen Spießbürger wie Gustáv Husák und Miloš Jakeš (Funktionäre waren schon wegen ihres Phänotyps leicht zu identifizieren).     

Diese Frage kann kaum jemand so gut beantworten wie Michael Žantovský, ein langjähriger Freund und Mitarbeiter Havels. Sein umfangreiches biographisches Werk Václav Havel: In der Wahrheit leben (680 S.) erschien im vergangenen Jahr. Er schildert die Beziehung des Ehepaares Václav und Olga und beschreibt eingehend die Theaterstücke Havels unter den seinerzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen. Dabei lernt der Leser jenes oppositionell politisierte Künstlermilieu kennen, das dem kurzen Prager Frühling vorausging und dann im Winter 1967/68 wie ein unterirdischer Wasserlauf zur Oberfläche durchbrach. Dazu gehörte auch der Filmregisseur Miloš Forman, der ein Schulfreund Havels war, stellvertretend für die tschechische Nouvelle Vague, sowie Literaten von europäischem Rang wie Pavel Kohout, Bohumil Hrabal und Milan Kundera neben Unbekannteren. Aussagekräftig erscheint in diesem Fall das eher beiläufige Fazit, dass Havel kein 68er im Sinne der internationalen Protestbewegung zwischen Berkeley und Berlin war, und auch weniger als der politische Wortführer im „Frühling“ in Erscheinung trat, als es der Leser vielleicht vermuten würde: „Politisch und philosophisch wurde Havel mehr in den sechziger Jahren und nicht durch die sechziger Jahre geprägt. Seine Hauptthemen Identität, Wahrheit und Verantwortungsbewusstsein hatte er bereits gefunden“ (S. 139). Was durch seinen Musikgeschmack unterstrichen wird: Die braven, unpolitischen Bee Gees sowie Simon and Garfunkel mochte er mehr als die rebellischen Rolling Stones, Velvet Underground und Bob Dylan (S. 138). Dennoch stieß ihn, wie die gesamte Nation, die Invasion vom August 1968 unmittelbar auf die harten politischen Gegebenheiten. Die Selbstverbrennung von Jan Palach Januar 1969 nannte er im ČSSR-Fernsehen (wie er da zu Wort kam, erfahren wir leider nicht): „… einen überlegten politischen Akt … eine Warnung vor Gleichgültigkeit, Zweifel, Hoffungslosigkeit“, „eine Chance, die uns Lebenden gegeben wurde“. Weiter: „Uns steht nur ein einziger Weg offen: unseren politischen Kampf bis zum Schluss weiterzuführen … Ich begreife den Tod von Jan Palach als eine Warnung vor dem moralischen Selbstmord von uns allen“ (S. 146). Im Gegensatz zu vielen anderen Tschechen und Slowaken, auch seinem Bruder Ivan, blieb er im Lande.

Ganz abgesehen von der Lebensgeschichte Havels: Wertvoll ist der Blick des Autors auf die Gefühlslage der CSSR-Bevölkerung. Im immer bunter und hedonistischer werdenden Westdeutschland interessierten sich nur die wenigsten für sie, nachdem die Empörung über die Invasion vom 21.8.1968 abgeklungen war. „Ein Jahr später [1970] glitt das Land in ein tiefes Tal des Nichts und der Depression. Wer die erste Hälfte der siebziger Jahre in der Tschechoslowakei nicht miterlebt hat, kann sich kaum die bedrückte Stimmung der Bevölkerung vorstellen, die Erstarrung, die Betäubung. Die Niederschlagung des Prager Frühlings ging nicht mit dem unverhüllten Terror einher, wie er in der ersten Zeit nach dem Eingreifen der Sowjetunion Budapest 1956 erfasst hatte, aber es kam auch nicht zu der langsamen, vorsichtigen Liberalisierung, wie es sie in den nachfolgenden Jahren in Ungarn gegeben hatte. Die Dinge lagen irgendwo dazwischen. Das Ausmaß der Unterdrückung war sehr weitreichend, wenn auch ihre Intensität in der Regel nicht lebensbedrohend war. Dutzende von Menschen wurden inhaftiert. Zehntausende verließen das Land, um anderswo ein neues Leben anzufangen. Mehr als 300.000 Personen wurden aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, nicht in erster Linie weil sie die liberalen Reformen unterstützt hatten, sondern weil sie nicht in der Lage oder willens waren, ihren Irrtum einzugestehen und sich öffentlich selbst zu demütigen“ (S. 156). 

Für Havel bedeutete diese Zeit eine Vielzahl von Verhören und Unannehmlichkeiten. Aber auch Partys und Autorentreffen zuhause gehörten dazu, um aus dem Alltag zu fliehen – und zunächst ein vergleichsweise hoher Lebensstandard, verglichen mit der Gesamtbevölkerung. Als die Tantiemen nur noch spärlich fließen, seine Dramen im eigenen Land nicht gespielt werden, sieht sich Havel zur körperlich unangenehmen Arbeit in einer Brauerei gezwungen (zumal ihm andere, passendere Stellen verweigert werden) – freilich verarbeitete er anschließend seine Erfahrungen in einem Bühnenstück. All diese Belastungen hinderten ihn nicht, vielmehr trieben sie ihn an, sich an einem politischen Manifest zu beteiligen, das unter dem Namen Charta 77 nachhaltige Bekanntheit erreichte. Es forderte die Herrschenden zur Einhaltung der eigenen Gesetze und Verträge auf (ironischerweise erklärte es der Generalstaatsanwalt für gesetzwidrig; fast wie im „Schwejk“, nur war es hier brutale Realität). Die Darstellung der staatlichen Reaktionen darauf erinnert an ähnliche Vorgänge in anderen Staaten unter KP-Herrschaft und verdient daher Beachtung. Zu den schweren Schikanen zählte auch eine strenge Überwachung durch Polizisten vor Wohnungstür und Landhaus und die jahrelange Haft. Da Žantovský sein Buch hauptsächlich für den amerikanischen Markt verfasste (er war Botschafter in Washington; die Originalausgabe ist in englischer Sprache gehalten) fehlt leider etwas, was den deutschen Leser interessieren könnte, ja sollte: Die Einstellung der tschechischen Bürgerrechtler, insbesondere Havels Haltung, zur Deutschen Frage in einem Zeitabschnitt, als sich kaum jemand auch nur ein Aufweichen der europäischen Spaltung vorstellen konnte. Havel war am "Prager Appell" der Charta 77 vom 11.März 1985 beteiligt. Dort steht:

"Wir können auch einigen bisherigen Tabus nicht aus dem Wege gehen. Eines davon Ist die Teilung Deutschlands. Wenn man in der Perspektive der europäischen Einigung niemandem das Recht auf Selbstverwirklichung streitig machen kann, dann gilt das auch für die Deutschen. Wie alle übrigen, so kann auch dieses Recht nicht auf Kosten anderer zur Geltung gebracht werden, auch nicht, indem man ihre Befürchtungen übersieht. Erklären wir also eindeutig, daß der Ausweg nicht in einer nochmaligen Revision der europäischen Grenzen gesucht werden kann. Grenzen sollten im Rahmen der europäischen Annäherung immer weniger bedeutsam werden, doch auch das kann nicht als Gelegenheit zu nationalistischen Rückfällen ausgelegt werden. Erkennen wir aber offen den Deutschen das Recht zu, sich frei zu entscheiden, ob und in welcher Form sie die Verbindung ihrer zwei Staaten in ihren heutigen Grenzen wollen. Nach den Ostverträgen Bonns und nach Helsinki könnte der Abschluß eines Friedensvertrags mit Deutschland eines der bedeutenden Instrumente eines positiven Wandels in Europa werden".

Außerdem wird eine Auflösung der militärischen Strukturen von NATO und Warschauer Pakt gewünscht, ebenso die Beseitigung der nuklearen Waffen, Abzug der amerikanischen und sowjetischen Truppen, Verminderung sämtlicher Armeen in Europa bis zu einem Niveau, das alle Ängste vor militärischen Angriffen ausschließt. Nicht Europa als "dritte Großmacht", sondern eine "Vereinigung freier und unabhängiger Nationen in einem gesamteuropäischen Verband" sollte das langfristige Ziel sein. (2)  

Über das Wirken Havels hinaus haben wir mit diesem Buch aber auch eine Darstellung der Revolution, beginnend mit ihren frühen Ansätzen Oktober 1988. Wer weiß denn überhaupt von den Prügel- und Wasserwerferexzessen der Polizei Januar 1989 (20. Todestag von Jan Palach) in Prag? Durch das seinerzeitige Aufbegehren erlangte Havel im ganzen Lande Bekanntheit; seiner Verurteilung folgte eine Petition von Bürgern zur Freilassung. War das Land aus seiner Betäubung  aufgewacht? Jedenfalls wurde Havel im Gefängnis bei weitem besser behandelt als früher (wenn totalitäre oder autoritäre Regime etwas befürchten, dann ist es ein schlechtes Image; so waren die Proteste auch aus dem Westen wirksam).  

Im ganzen wird die Geschichte eines persönlich manchmal unsicheren, intellektuell hingegen starken und standfesten Mannes einem breiten Publikum mustergültig nähergebracht. Immer wieder lässt der studierte Psychologe Žantovský eine Ironie aufblitzen, die angenehm an Walter Isaacsons Biografie „Kissinger“ erinnert (wenn es z.B. anlässlich des Abschieds von Gustáv Husák heißt „Die Präsidentensuite und die danebenliegenden Räume waren mit einer Fülle von Badezimmern ausgerüstet, die jeden Analytiker ein Pontius-Pilatus-Symptom hätten vermuten lassen“, S. 410). Mochte Havel ungewollt den Eindruck erwecken, er sei ein postmoderner König Artus mit seiner Tafelrunde auf Camelot (S. 421), so konnte er die Teilung des Landes trotz grösster Bemühungen nicht verhindern. Diese Phase wird eindringlich vor Augen geführt. Interessant an dieser Stelle sind die Übereinstimmungen und Uneinigkeiten zwischen ihm und Ministerpräsident Václav Klaus. Als Staatspräsident Tschechiens mit deutlich weniger Macht ausgestattet (hier hätte sich ein Vergleich zwischen den Verfassungen angeboten) und von Krankheiten schwer geplagt, standen jene beiden Amtszeiten unter einem schlechteren Stern. Er starb am 18. Dezember 2011, mehr als acht Jahre nach seinem letzten Tag im Amt. 

 

Ein Politiker wie Havel wäre auch Deutschland und anderen vergleichbaren Staaten zu wünschen – wegen seiner moralischen Qualität, seiner Bescheidenheit und gesunden Selbstkritik sowie der Treue zu seinem Verantwortungsgefühl. Allerdings: Weit käme er nicht angesichts des Konformitätsdrucks in den Parteien und durch die Medien.

 

1  Václav Havel: Am Anfang war das Wort, Reinbek 1990, S. 148, zitiert in: Michael Žantovský: Václav Havel. In der Wahrheit leben, S. 309

2  http://www.herbst89.info/images/download/prager-appell.pdf  (zuletzt abgerufen am 28.1.2015) 

 

 

 

Stefan Winckler 

Zwölf Wochen in Prag. Botschaftsflucht und Revolution 1989. Rezension zu: Hans-Dietrich Genscher/Karel Vodička: Zündfunke aus Prag. Wie 1989 der Mut zur Freiheit die Geschichte veränderte. München 2014

 

 

 

Mit dem Band „Zündfunke aus Prag“ liegt die geglückte Kombination eines eher kurzen Zeitzeugenbeitrags („Prolog“, von Hans Dietrich Genscher, S. 11-21) und der Abhandlung eines Politikwissenschaftlers (Karel Vodička, S. 22-352) vor. Doch auch Vodička hat einen persönlichen Bezug, denn er war selbst 1985 in die Bundesrepublik Deutschland geflohen.

Die Relevanz des Themas ist auf den ersten Blick erkennbar. Der Zustrom von 5000 (in Worten: fünftausend) Menschen auf das Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag und die (im Sinne der Betroffenen) geglückte Lösung wäre schon eine Veröffentlichung in Form einer Monografie wert. An dieser Stelle sei auch auf den Dokumentarfilm „Zug in die Freiheit“, ausgestrahlt in Arte am 30.9.2014 hingewiesen, der sich schwerpunktmäßig den gleichen Menschen auf ihrer  anschließenden Durchfahrt durch Sachsen Richtung Bayern widmet.

Kaum ein deutscher Dramatiker hätte seinerzeit eine solche Konstellation entwerfen können – und wollen: Der Bundeskanzler, auch körperlich angeschlagen, verharrte auf einem Tiefpunkt seines Ansehens, seiner Partei trauten die wenigsten einen Sieg bei der nächsten Bundestagswahl zu. Der Vizekanzler und Außenminister hatte seine Vertrauenswerte zwar von Jahr zu Jahr seit seinem Nadir von 1982 steigern können, war aber ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die scheinbar zementierten Verhältnisse in geteilten Europa und Deutschland ins Wanken kamen, durch seinen zweiten Herzinfarkt geschwächt. Weit schwerer waren die „Erhabenen“ (Stefan Heym), das Politbüro der SED in der DDR, in Bedrängnis geraten. Honeckers Krankheit lähmte das gesamte reichlich ratlose Gremium, keiner konnte sich, trotz zunehmender Zweifel am Generalsekretär, ernsthaft zu einer Initiative aufraffen – die Mitglieder waren, wie Günter Schabowski es auf einer Diskussionsveranstaltung April 2005 rückblickend erklärte, jahrzehntelang in „geschlossener Formation auf einem Holzweg“ marschiert. Jetzt fehlten Ideen und Durchsetzungsvermögen, zumal derartiges ja als „Fraktionsbildung“ mehr als geächtet war. Das ohnehin nicht sehr starke Vertrauen der DDR-Deutschen in ihre Führung war in den 1980er Jahren schon aus wirtschaftlichen Gründen weiter gesunken, politisch erschien sie immer mehr Menschen, selbst obrigkeitsfixierten „Genossen“, als  unattraktiv gegenüber „Perestroika“ und „Glasnost“. Was weniger bekannt war: Die DDR war, wie Schalck-Golodkowski schon 1983 (!) Franz Josef Strauß anvertraute, „pleite“. Der Bericht des Politbüromitglieds Gerhard Schürer von Ende Oktober 1989 bestätigte dies. Demgegenüber schien die Bundesrepublik den DDR-Deutschen, die ab dem 1.1.1989 Westdeutschland erstmals in höherer Zahl und in jüngeren Jahren besuchen durften, als ein insgesamt blühendes Land, das die Erwartungen des Erstbesuchers, wie der Verfasser vielen Gesprächen entnehmen konnte, übertraf. Auch den politisch wenig Informierten konnte nun klar werden, dass der real existierende Sozialismus im Abstieg begriffen war, den pompösen und zugleich altmodischen Feiern (Truppenparade!) zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung zum Trotz. In Ungarn und Polen war ein friedlicher Systemwandel bereits in Gange. In dieser Situation flohen immer mehr DDR-Deutsche in die bundesdeutsche Botschaft in Prag, denn der Fluchtweg über Ungarn – das entscheidende Schlupfloch Ende August und Anfang September 1989 – war von der DDR und derČSSR geschlossen worden. Wohin sollten diejenigen sich wenden, die nicht mehr länger in der DDR leben wollten? Als Ausweg blieb die Flucht in die bundesdeutsche Botschaft in Prag. Ursprünglich war eben dies vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik nicht gerne gesehen, denn sie verschlechterte die Beziehungen zu den entsprechenden Staaten, die politisch und wirtschaftlich nicht spannungsfrei waren. Jetzt kam es darauf an, eine Lösung im humanitären Sinne zu finden. Neu war, dass es nicht einzelne waren, sondern geradezu Massen. Wie der Bundesminister des Auswärtigen im einzelnen handelte, gerade auch unter Einbeziehung seines sowjetischen Amtskollegen Eduard Schewardnadse, beschreibt Genscher ausführlich in seinem Beitrag. Was aber geschah in der Botschaft selbst, sowie auf diplomatischem Wege zwischen Bonn, Prag und Ost-Berlin? Gründlicher und tiefschürfender als Journalisten und Historiker zeichnet der tschechisch-deutsche Politikwissenschaftler Karel Vodička, Dozent am Hannah-Arendt-Institut in Dresden, die einzelnen Schritte nach: insbesondere die diplomatischen Kontakte zwischen Bonn, Prag und Ost-Berlin. Er stützt sich dabei auf 8500 Dokumente. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass er auch das Verhalten der Prager Einwohner berücksichtigt und darlegt, wie die Massenflucht der Ostdeutschen auf das tschechische Volk wirkte. So bekannt, ja legendär Genschers Worte „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise….“  Auch sind, sie stellten „nur“ eine Zwischenlösung dar: Die Botschaft füllte sich noch mehrere weitere Male bis in die ersten Novembertage 1989 mit Menschen, so dass das Problem grundsätzlich fortbestand.  Vergessen oder unbekannt ist die wichtige Entscheidung der Tschechoslowakei, an dem 3. November 1989 ihre Grenzen für DDR-Bewohner zu öffnen. Nicht nur die Botschaftsflüchtlinge selbst, sondern auch weitere tausende Personen nutzten diese Möglichkeit kurzfristig, um den SED-Staat zu verlassen. Im übertragenen Sinne: damit war eine breite Lücke in die Mauer geschlagen.

Von da an war es zur Revolution in Prag selbst nur ein kleiner Schritt. Vodička beschreibt akribisch die Implosion der KP-Herrschaft in der ČSSR. Gewalt gegen friedliche Demonstranten fachte die revolutionäre Stimmung an, der Funke sprang über von den Theaterschaffenden zur Masse der Arbeiter, von Prag bis in die Slowakei, über das ganze Land.

Insgesamt ist das Buch eine vorzügliche, geradezu spannend geschriebene  zeitgeschichtliche Darstellung des Herbstes 1989 in Prag – gleichermaßen interessant für Deutsche und Tschechen, und vor allem jene, die sich für die Interaktion der beiden deutschen Staaten und der alten Tschechoslowakei interessieren. Auch eine derart präzise Darstellung der „samtenen Revolution“ hat in Deutschland Seltenheitswert.

 

 

Hans-Dietrich Genscher/Karel Vodička: Zündfunke aus Prag. Wie 1989 der Mut zur Freiheit die Geschichte veränderte. München 2014

 

 

 

 

© Dr. Stefan Winckler