Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
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Italia, Paese Nostalgia

Ricostruzione virtuale della vista del Sepolcreto. (Aquileia)

 

 

Italien als Zentrum der Römischen Republik und als Kerngebiet des Imperium Romanum, Rom als Stadt der Päpste und somit als Ziel der römisch-deutschen Könige im Mittelalter, schließlich das Land unzähliger Kathedralen, Klöster, Palazzi und Villen, Heimat großer Künstler, von der vielfältigen Natur ganz zu schweigen - bedarf es weiterer Gründe, um zu fragen, was das wohlwollende Interesse unterschiedlichster Dichter und Denker auf Italien lenkte? Hier eine Auswahl von Zitaten.

 

 

 

 

Open my heart and you will see/

Graved inside of it, Italy

 

Robert Browning (1812-1889), zitiert in:

David Gilmour: Auf der Suche nach Italien.

Stuttgart: Klett-Cotta, 2016, S. 104

 

 

Der Preuße Ferdinand Gregorovius (1821-1891), ein im Grenzbereich von präziser Geschichtsschreibung und anschaulicher Reiseschriftstellerei arbeitender Autor, lebte viele Jahre in Italien, er war als erster Deutscher Ehrenbürger der Ewigen Stadt. Er schildert das verfallende Rom des hohen Mittelalters wie folgt:

 

Das Relief der Stadt im XIII. Jahrhundert würde uns das sonderbarste Gemälde zeigen. Sie glich einem von bemoosten Mauern umfaßten großen Gefilde mit Hügeln und Tälern, mit wüstem und bebautem Land, woraus finstere Türme oder Schlösser, graue in Ruinen gehende Basiliken und Klöster, vom Pflanzenwuchs umschlungene Monumente kolossaler Größe, Thermen, zerbrochene Wasserleitungen, Säulenreihen von Tempeln, einzelne Säulen, betürmte Triumphbogen emporragten, während sich ein Gewirre enger Straßen, durch Schutt unterbrochen, an Ruinen hinzog, und der gelbe Tiberstrom unter hie und da schon eingestürzten Quaderbrücken diese trümmervolle Wüste melancholisch durchfloß. Rings um die alten Mauern Aurelians lagen innerhalb öde oder als Acker bebaute Strecken, Landgütern an Ausdehnung gleich, mit emporragenden Ruinen; Weingärten und Gemüsefelder durch die ganze Stadt gleich Oasen zerstreut, selbst in der Mitte des heutigen Rom, am Pantheon, an der Minerva, bis zur Porta del Popolo; das Kapitol bis zum Forum herab, auf dessen Schutt Türme standen, mit Weingärten bedeckt, nicht minder der Palatin; die Thermen, die Circus mit Gras überwuchert und hie und da völlig eingesumpft. Überall, wohin der Blick fiel, düster trotzige Türme mit Zinnen, aus Monumenten der Alten aufgebaut, und krenelierte Kastelle originellster Form, aus zusammengerafftem Marmor, Ziegeln und Peperinstücken errichtet, die Schlösser und Paläste des guelfischen und ghibellinischen Adels, welcher auf den klassischen Hügeln in Ruinen fehdelustig dasaß, als wäre dies Rom nicht Stadt, sondern ein durch täglichen Krieg streitiges Landgebiet. Es gab damals in Rom keinen Edlen, der nicht Türme besaß. In Akten der Zeit finden sich bisweilen als Besitzungen von Römern in der Stadt selbst bezeichnet: »Türme, Paläste, Häuser und Ruinen.« Die Geschlechter wohnten in unheimlichen, durch schwere Eisenketten versperrten Quartieren unter Trümmern mit ihren Sippen und Gefolgschaften beisammen, und sie brachen daraus ab und zu mit wildem Waffengetöse hervor, ihre Erbfeinde zu bekriegen.

 

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter. München 1988. Zuerst veröffentlicht: Ders., Geschichte der Stadt Rom im Mittelater, 5. Bd, Stuttgart 1865, S. 641-643.

Online:

https://archive.org/stream/geschichtedersta05greguoft#page/640/mode/2up und

http://gutenberg.spiegel.de/buch/geschichte-der-stadt-rom-im-mittelalter-2408/285

 

 

Lange vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formulierten viele der Großen West- und Mitteleuropas ihre begründetetn Empfindungen für Italien: 

 

 

 

Als das beherrschende Motiv so vieler Aufbrüche in den Süden standen am Anfang Glanz und fortdauernde Legitimität des untergegangenen Römischen Reiches, dann die Heilsversprechen der Kirche. Während diese Beweggründe weiterwirkten, entwickelte Italien sich, in der Renaissance, zum reichsten, kultiviertesten und respektlosesten Land Europas, später zum Maßstab der Bildung, des Geschmacks und der urbanen Umgangsformen, und immer zog es mit alledem die Massen an. Schließlich wurde es, in einer Zeit des Niedergangs, zu einer poetischen Fiktion, jenem europäischen Mythos eines Landes von Marmor, Zitronen und südlicher Unschuld, der noch immer in vielen Köpfen nachwirkt. Wenn die Epochen, wie Walter Benjamin bemerkt hat, eine dem Träumen zugewandte Seite haben, dann war es im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert Italien, das die Phantasie der Träumenden mehr als jede andere Weltgegend gefangennahm.  

 

 

Joachim Fest, Im Gegenlicht, Berlin 1988, S. 8f.

 

 

(…) spannen Sie alle Kräfte an, verkaufen Sie Ihr Cabinet, oder nehmen Sie Geld auf. Es verzinst sich tausendfach. Man mag so alt, so gelehrt, so weise und so geschmackvoll seyn, als man will, eine Reise in jenes göttliche Land giebt immer noch dem Geist ein neues Gepräge, das ihn empfiehlt. Wer Italien sehen kan, und siehts nicht, dem ists Sünde.

 

 Georg Christoph Lichtenberg an Samuel Thomas Sömmering am 7 Jenner (7. Januar) 1785. Wiedergegeben in: Georg Christoph Lichtenberg. Briefwechsel.

Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen herausgegeben

 von Ulrich Joost und Albrecht Schöne. Bd. III: 1785-1792. München 1990, S. 13

   

 

 

 

 

Alles, was mich umgibt, ist würdig, ein großes respektables Werk versammelter Menschenkraft, ein herrliches Monument, nicht eines Gebieters, sondern eines Volks. Und wenn auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter weniger ehrwürdig sein. Sie unterliegt der Zeit, wie alles, was ein erscheinendes Dasein hat.

 

Johann Wolfgang von Goethe über Venedig, Italienische Reise, Eintrag vom 29. September 1786. Wiedergegeben in: Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise. Kommentiert von Herbert von Einem, München 72002, S. 69

 

 

 

 

Nun bin ich sieben Tage hier, und nach und nach tritt in meiner Seele der allgemeine Begriff dieser Stadt hervor. Wir gehn fleißig hin und wider, ich mache mir die Plane des alten und neuen Roms bekannt, betrachte die Ruinen, die Gebäude, besuche ein und die andere Villa, die größten Merkwürdigkeiten werden ganz langsam behandelt, ich tue nur die Augen auf und seh' und geh' und komme wieder, denn man kann sich nur in Rom auf Rom vorbereiten.

 Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben, aber man muß es denn doch tun und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen. Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet.

 Wenn man so eine Existenz ansieht, die zweitausend Jahre und darüber alt ist, durch den Wechsel der Zeiten so mannigfaltig und vom Grund aus verändert und doch noch derselbe Boden, derselbe Berg, ja oft dieselbe Säule und Mauer, und im Volke noch die Spuren des alten Charakters, so wird man ein Mitgenosse der großen Ratschlüsse des Schicksals, und so wird es dem Betrachter von Anfang schwer, zu entwickeln, wie Rom auf Rom folgt, und nicht allein das neue auf das alte, sondern die verschiedenen Epochen des alten und neuen selbst aufeinander. Ich suche nur erst selbst die halbverdeckten Punkte herauszufühlen, dann lassen sich erst die schönen Vorarbeiten recht vollständig nutzen; denn seit dem funfzehnten Jahrhundert bis auf unsere Tage haben sich treffliche Künstler und Gelehrte mit diesen Gegenständen ihr ganzes Leben durch beschäftigt.

Und dieses Ungeheure wirkt ganz ruhig auf uns ein, wenn wir in Rom hin und her eilen, um zu den höchsten Gegenständen zu gelangen. Anderer Orten muß man das Bedeutende aufsuchen, hier werden wir davon überdrängt und überfüllt. Wie man geht und steht, zeigt sich ein landschaftliches Bild aller Art und Weise, Paläste und Ruinen, Gärten und Wildnis, Fernen und Engen, Häuschen, Ställe, Triumphbögen und Säulen, oft alles zusammen so nah, daß es auf ein Blatt gebracht werden könnte. Man müßte mit tausend Griffeln schreiben, was soll hier eine Feder! und dann ist man abends müde und erschöpft vom Schauen und Staunen.

 

 Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, Eintrag vom 7. November 1786

 Wiedergegeben in:http://gutenberg.spiegel.de/buch/italienische-reise-3682/21

 

 

 

Mit Italien lebt man wie mit einer Geliebten, heute im heftigen Zank, morgen in Anbetung: - mit Deutschland wie mit einer Hausfrau, ohne großen Zorn und ohne große Liebe. 

 

 

Arthur Schopenhauer, Brief aus Florenz an Friedrich Osann in Jena, 29.10.1829, wiedergegeben in: Max Brahn: Arthur Schopenhauers Briefwechsel und andere Dokumente. BoD, 2012, S. 127

 

 

 

 

J'étais déja dans une sorte d'extase, par l'idée d'être à Florence, et le voisinage des grands hommes dont je venais de voir les tombeaux. [Absorbé dans la contemplation de la beauté sublime, je la voyais de près, je la touchais pour ainsi dire. J'étais arrivé à ce point d'émotion où se rencontrent les sensations célestes données par les beaux arts et les sentimens passionnés.] En sortant de Santa Croce, j'avais un battement de cœur, ce qu'on appelle des nerfs, à Berlin; la vie était épuisée chez moi, je marchais avec la crainte de tomber.

 

Stendhal: Rome, Naples et Florence. 3e éd., tome second. Paris 1826, p. 102

 

 

 

 Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Großen so nahe zu sein. Ich war in Bewunderung der erhabenen Schönheit versunken; ich sah sie aus nächster Nähe und berührte sie fast. Ich war an dem Punkt der Begeisterung angelangt, wo sich die himmlischen Empfindungen, wie sie die Kunst bietet, mit leidenschaftlichen Gefühlen gatten. Als ich die Kirche verließ, klopfte mir das Herz. Mein Lebensquell war versiegt, und ich fürchtete umzufallen.

 

Übersetzung nach: Stendhal, Reise in Italien, Berlin 1964, S. 234

 

 

 

Rom. – Ach, diese römische Träumerei, die uns so süß erscheint und uns die Interessen des wirklichen Lebens vergessen läßt! Wir können sie im Kolosseum wie im St. Peter gleichermaßen finden, je nachdem unsere Seele aufgelegt ist. Was mich betrifft, wenn ich darein versenkt bin, da giebt es Tage, wo man mir ankündigen könnte, daß ich Herrscher der Welt sei: ich würde nicht geruhen, mich aufzumachen, um meinen Thron in Besitz zu nehmen; ich würde das auf einen andern Tag aufschieben.

 

Stendhal: Aphorismen aus: Stendhal. Ueber Schönheit, Kunst und Kultur. Ausgezogen und in deutscher Übersetzung zusammengestellt von Benno Rüttenauer. Straßburg 1901, online wiedergegeben:  http://gutenberg.spiegel.de/buch/aphorismen-aus-stendhal-6604/3

 

 

 


 

  

© Dr. Stefan Winckler