Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
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Zwischen habsburg und Hitler

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Stefan Winckler

Vortrag „Zwischen den Kriegen“am Beispiel Österreichs

in Deggenhausertal am 4.6.2016

 

Anrede,

 

vor zwei Jahren sprach ich hier über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, im letzten Jahr über sein Ende. Konsequenterweise beschreibe ich heute einiges aus den Jahren zwischen den Weltkriegen. Dies liegt auch daran, dass ich im vergangenen Herbst Stefan Zweigs Buch „Die Welt von gestern“ gelesen habe – ein Werk, das Aufschluss über persönliche und geschichtliche Entwicklungen jener Zeit gibt, und zwar in Bezug auf Wien und Salzburg. In der Bundesrepublik dürfte auch dem interessierten Bildungsbürger nicht allzu viel über Österreich nach dem Ersten Weltkrieg bekannt sein (selbst die Zweite Republik ist teilweise terra incognita). Daher will ich an diesem Punkt ansetzen, und da wir eine Gemeinschaft überzeugter christlicher Laien sind, wird es passend sein, etwas über das Christentum in der Politik und speziell etwas über einen Geistlichen zu sagen, der sich als Glücksfall für Österreich in einer Zeit erwies, als das Land den wesentlichen Teil seiner Identität verloren hatte und auf der Suche nach seinem Sinn war. Es war nämlich mehr mehr als „nur“ ein Krieg verloren. Dann komme ich zu den Bundeskanzlern Österreichs mit Namen Dollfuß und Schuschnigg in den Jahren vor dem Anschluss.

 

Vorgeschichte

 

Im Zeitalter des Nationalismus geriet die übernationale Habsburgermonarchie in eine Legitimationskrise. Nationale Identität und Freiheitsstreben, ein selbstbewusstes Bürgertum und allmählich auch eine Arbeiterbewegung ließen die konstitutionelle Monarchie allmählich als gestrig erscheinen. Die Konzeption als Doppelmonarchie – Kaisertum Österreich und Königreich Ungarn – begünstigte die nun stark aufgewerteten ungarischen Politiker und Beamten, einen stark nationalen Kurs zu fahren, der schließlich die Slowaken, Rumänen und Kroaten zwang, sich immer mehr der Magyarisierung zu beugen. Demgegenüber war das Kaisertum Österreich toleranter im Umgang mit den Minderheiten. Die Forderungen der Ungarn in Bezug auf Selbständigkeit wurden dagegen immer anmaßender. Als schließlich Kaiser Franz Joseph 1916 nach 68 Jahren Regentschaft starb, war damit auch die letzte einigende Klammer verschwunden. Im Oktober 1918 waren Umsturz und Revolution in der Metropole Wien und den Hauptstädten der einzelnen Länder der Monarchie angesagt, die mehrheitlich von anderen Völkern besiedelten Gebiete spalteten sich ab, es blieb nur ein Deutsch-Österreich mit einer überdimensionierten Hauptstadt Wien übrig.

 

Österreich 1918 bis 22

 

Stefan Zweig beschrieb anschaulich, um nicht zu sagen: packend, wie groß das materielle Elend in Salzburg – und gewiss nicht nur dort – war:

Jeder Gang hinab in die Stadt war damals erschütterndes Erlebnis; zum ersten Mal sah ich einer Hungersnot in die Augen. Das Brot krümelte sich schwarz und schmeckte nach Pech und Leim, Kaffee war ein Absud von gebrannter Gerste, Bier ein gelbes Wasser, Schokolade gefärbter Sand, die Kartoffeln erfroren; die meisten zogen sich, um den Geschmack von Fleisch nicht zu vergessen, Kaninchen auf, in unserem Garten schoss ein junger Bursche Eichhörnchen als Sonntagsspeise ab, und wohlgenährte Hunde oder Katzen kamen nur selten von längeren Spaziergängen zurück. Was an Stoffen angeboten wurde, war in Wahrheit präpariertes Papier, Ersatz eines Ersatzes; die Männer schlichen fast ausschließlich in alten, sogar russischen Uniformen herum, die sie aus einem Depot oder Krankenhaus geholt hatten, und in denen schon mehrere Menschen gestorben waren; Hosen, aus alten Säcken gefertigt, waren nicht selten. Jeder Schritt durch die Straßen, wo die Auslagen wie ausgeraubt standen, der Mörtel wie Grind von den Häusern herabkrümelte und die Menschen, sichtlich unterernährt, sich nur mühsam zur Arbeit schleppten, machte einem die Seele verstört.“ (Die Welt von gestern, S. 385).

Sicher war diese Situation auch in den reichsdeutschen Städten vergleichbar, wenn nicht gar ähnlich. Bauern forderten überhöhte Preise, in den Städten stiegen die Preise für alle möglichen Waren noch rasanter, Stadtbewohner und Bauern waren bald beim Tauschhandel gelandet. Die Inflation hielt drei Jahre an. Einige Worte auch dazu, denn das Phänomen überkam etwa zwei Jahre später auch Deutschland. Die Regierung untersagte zum Schutz der Mieter – also der breiten Masse – jegliche Erhöhung.

Zweig: „Bald kostete in Österreich eine mittelgroße Wohnung für das ganze Jahr ihren Mieter weniger als ein einziges Mittagessen; ganz Österreich hat eigentlich fünf oder zehn Jahre (denn auch nachher wurde eine Kündigung untersagt) mehr oder minder umsonst gewohnt“.

Die Situation lockte Touristen aus dem Ausland an, denn sie konnten mit wenigen Devisen einkaufen als wären sie reich.

Zweig: „Alle Hotels waren in Wien waren von diesen Aasgeiern überfüllt: sie kauften alles von der Zahnbürste bis zum Landgut, sie räumten die Sammlungen der Privaten und die Antiquitätengeschäfte aus, ehe die Besitzer in ihrer Bedrängnis merkten, wie sehr sie beraubt und bestohlen wurden. Kleine Hotelportiers aus der Schweiz, Stenotypistinnen aus Holland wohnten in den Fürstenapartments der Ringstraßenhotels. So unglaublich das Faktum erscheint, ich kann es als Zeuge bekräftigen, dass das berühmte Luxushotel de l'Europe in Salzburg für längere Zeit ganz an englische Arbeitslose vermietet war, die dank der reichlichen britischen Arbeitslosenunterstützung hier billiger lebten als in den Slums zu Hause. Was nicht niet- und nagelfest war, verschwand; allmählich verbreitete sich die Nachricht, wie billig man in Österreich leben und kaufen könne, immer weiter, aus Schweden, aus Frankreich kamen neue gierige Gäste, man hörte auf den Straßen der inneren Stadt in Wien mehr italienisch, französisch, türkisch und rumänisch sprechen als deutsch. (…) zu Hunderten und Tausenden kamen aus den nachbarlichen Dörfern und Städten die Bayern herüber und ergossen sich über die kleine Stadt [Salzburg]. Sie ließen sich hier ihre Anzüge schneidern, ihre Autos reparieren, sie gingen in die Apotheken und zum Arzt, große Firmen aus München gaben ihre Auslandsbriefe und Telegramme in Österreich auf, um an der Differenz des Portos zu profitieren“.

Bayern kamen über die Grenze, um in Salzburg gigantische Mengen an Bier zu trinken, mit allen unschönen Begleiterscheinungen des schweren Rausches.

Wenigstens kam es nicht zu einer leninistischen Herrschaft wie zeitweise in München und in Ungarn. Dies lag auch daran, dass die Sozialdemokraten bis 1920 den Acht-Stunden-Tag, Betriebsräte, Verbot der Kinderarbeit und der Nachtarbeit für Frauen sowie bezahlten Urlaub für Arbeiter durchsetzten, übrigens ähnlich wie im Deutschen Reich und der Tschechoslowakei. Auf die schwarz-rote Koalition folgte dann ein Bürger/Bauern-Block aus Christlich-Sozialen, Großdeutschen und dem Landbund von 1920 bis 1933, ohne Sozialdemokraten. Sowohl die Rechten als auch die Linken bildeten eigene Wehrverbände, also die Heimwehr rechts und der republikanische Schutzbund links.

Der Krieg hatte alles erschüttert. Ich weiß nicht, ob Zweig übertreibt und verallgemeinert, aber ich denke, wir sollten diese Symptome einmal mit der 68er-Bewegung und der Gegenwart vergleichen.

Zweig: „Eine ganz neue Jugend glaubte nicht mehr den Eltern, den Politikern, den Lehrern; jede Verordnung, jede Proklamation des Staates wurde mit misstrauischem Blick gelesen. Mit einem Ruck emanzipierte sich die Nachkriegsgeneration brutal von allem bisher Gültigen und wandte jedweder Tradition den Rücken zu, entschlossen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, weg von alten Vergangenheiten und mit einem Schwung in die Zukunft. Eine vollkommen neue Welt, eine ganz andere Ordnung sollte auf jedem Gebiete des Lebens mit ihr beginnen; und selbstverständlich begann alles mit wilden Übertreibungen. Wer oder was nicht gleichaltrig war, galt als erledigt. Statt wie vordem mit den Eltern zu reisen, zogen elfjährige, zwölfjährige Kinder in organisierten und sexuell gründlich instruierten Scharen als „Wandervögel“ durch das Land bis nach Italien und an die Nordsee. In den Schulen wurden nach russischem Vorbild Schülerräte eingesetzt, welche die Lehrer überwachten, der „Lehrplan“ umgestoßen, denn die Kinder sollten und wollten nur lernen, was ihnen gefiel. Gegen jede gültige Form wurde aus bloßer Lust an der Revolte revoltiert, sogar gegen den Willen der Natur, gegen die ewige Polarität der Geschlechter. (…) Homosexualität und Lesbierinnentum wurden nicht aus innerem Trieb, sondern als Protest gegen die althergebrachten, die legalen, die normalen Liebesformen große Mode. Jede Ausdrucksform des Daseins bemühte sich, radikal und revolutionär aufzutrumpfen, selbstverständlich auch die Kunst (…). Überall wurde das verständliche Element verfemt, die Melodie in der Musik, die Ähnlichkeit im Porträt, die Fasslichkeit in der Sprache. Die Artikel „der, die, das“ wurden ausgeschaltet, der Satzbau auf den Kopf gestellt, man schrieb „steil“ und „kess“ im Telegrammstil [auch dies haben wir in der elektronischen Kommunikation und der Kiezsprache], mit hitzigen Interjektionen, außerdem wurde jede Literatur, die nicht aktivistisch war, das heißt nicht politisch theoretisierende, auf den Müllhaufen geworfen. (…) Auf allen Gebieten begann eine Epoche wildesten Experimentierens, die alles Gewesene, Gewordene, Geleistete mit einem einzigen hitzigen Sprung überholen wollte; je jünger einer war, je weniger er gelernt hatte, desto willkommener war er durch seine Unverbundenheit mit jeder Tradition – endlich tobte sich die große Rache der Jugend gegen unsere Elternwelt triumphierend aus. [Übrigens sah Hofmannsthal die Entwicklung ähnlich: „Es gibt nichts im geistigen Bereich, was nicht versehrt wäre“] Aber inmitten dieses wüsten Karnevals bot mir nichts ein tragikomischeres Schauspiel als zu sehen, wie viele Intellektuelle der älteren Generation in der panischen Angst, überholt zu werden, und als „unaktuell“ zu gelten, sich verzweifelt rasch eine künstliche Wildheit anschminkten und auch den offenkundigsten Abwegen täppisch hinkenden Schritts nachzuschleichen suchten“. (S. 399). Auch hier ließen sich Zweigs Beobachtungen auf spätere Jahrzehnte, sei es 1933 oder 1968 oder die Gegenwart, übertragen. Was den Staat Österreich anging, so war er auf den deutschsprachigen Rumpf des Alpengebiets und des Alpenvorlandes zurückgeworfen.

Zweig: „Nach aller irdischen Voraussicht konnte dieses von den Siegermächten künstlich geschaffene Land nicht unabhängig leben und - alle Parteien, die sozialistischen, die klerikalen, die nationalen schrien es aus einem Munde – wollte gar nicht selbständig leben. Zum ersten Mal meines Wissens im Lauf der Geschichte ergab sich der paradoxe Fall, dass man ein Land zu einer Selbständigkeit zwang, die es selber erbittert ablehnte. Österreich wünschte entweder mit seinen alten Nachbarstaaten wieder vereinigt werden oder mit dem stammesverwandten Deutschland, keinesfalls aber in dieser verstümmelten Form ein erniedrigtes Bettlerdasein zu führen. Die Nachbarstaaten hingegen wollten mit diesem Österreich nicht mehr in wirtschaftlichem Bündnis bleiben, teils, weil sie es für zu arm hielten, teils aus Furcht vor einer Wiederkehr der Habsburger; den Anschluss an Deutschland verboten andererseits die Alliierten, um das besiegte Deutschland nicht zu stärken. So wurde dekretiert: die Republik Deutschösterreich muss bestehen bleiben. Einem Lande, das nicht existieren wollte, wurde – Unikum in der Geschichte! - anbefohlen: ,Du musst vorhanden sein!'“. So weit Zweig. Es kann ergänzt werden, dass Volksabstimmungen in Tirol und Salzburg 1921 jeweils 99 prozentige Mehrheiten für einen Anschluss an das Deutsche Reich ergaben. Die Siegermächte, v.a. Frankreich, unterbanden daraufhin weitere Abstimmungen.

 

Ignaz Seipel

 

In diesen Jahren war es ein Geistlicher, der für Österreich zum Glücksfall wurde. Der Prälat Ignaz Seipel, geboren 1876, Sohn eines Fiakers, fiel in der Schule durch großes Talent auf und kam auf das fürsterzbischöfliche Gymnasium. Er trat in den Benediktinerorden ein und studierte Theologie. Priesterweihe, Promotion und Habilitation folgten. Er war einer der ersten Wirtschaftsethiker überhaupt. 1909 bis 1917 lehrte er als Professor Moraltheologie in Salzburg, anschließend in Wien. Gegen Ende des

Krieges wirkte er am „Völkermanifest“ des letzten habsburgischen Kaisers Karl I. mit, das den einzelnen Nationalitäten im Oktober 1918 mehr Autonomie versprach, aber zu spät kam. In jener Zeit war er auch für einen Verständigungsfrieden eingestellt, auch wenn dies eine Distanzierung vom Deutschen Reich bedeutet hätte. In den letzten Tagen des Kaisertums 1918 war er Minister für soziale Fürsorge. Als Abgeordneter und sehr bald als Vorsitzender der Christlich-Sozialen verkörperte er den katholischen Konservatismus. Stefan Zweig, aus großbürgerlich-jüdischer und nicht etwa katholischer Familie stammend, würdigte Seipel: „ein katholischer Priester von einer fast unheimlichen Intelligenz, war bestimmt, nach dem Zusammenbruch der österreichischen Monarchie die Führung des kleinen Österreichs zu übernehmen und hat bei dieser Gelegenheit sein politisches Genie hervorragend bewährt“ (S. 345). 1922 übernahm Seipel das Amt des Bundeskanzlers. Um den Staatsbankrott zu verhindern, fuhr er nach Berlin, Prag und Verona, um den politischen Führern der Nachbarstaaten die drohende Unregierbarkeit und eine mögliche außenpolitische Kehrtwende vor Augen zu führen. Schließlich gelang ihm eine vorläufige Rettung mit Hilfe des Völkerbundes. Das Vertragswerk - die Genfer Protokolle - erlaubte es, Staatsobligationen im Gegenwert von 650 Mio. Goldkronen vorerst in Großbritannien, Frankreich, Italien und der Tschechoslowakei zu emittieren. Später kamen noch Dänemark, Schweden, die Niederlande und Belgien hinzu, und selbst in den USA war es möglich, österreichische Bonds zu kaufen. Die Regierungen der genannten europäischen Länder übernahmen für Österreich die Ausfallhaftung. Als Gegenleistung verpflichtete sich die Regierung Seipel zu einer groß angelegten Finanzreform. Eine neue Nationalbank wurde gegründet. Die Krone wurde durch die neue Währung Schilling ersetzt: 10000 (Papier-)Kronen waren nunmehr ein Schilling. Ein niederländischer Völkerbundkommissar übernahm die Aufsicht. Darüber hinaus musste sich Österreich verpflichten, in den folgenden 20 Jahren auf einen Anschluss an das Deutsche Reich zu verzichten. Dies führte zu Protesten der Großdeutschen Partei und den großdeutsch gesinnten Sozialdemokraten, die dann aber im Parlament zustimmten. Die nachfolgende sparsame, antiinflationäre Finanzpolitik war v.a. für die „kleinen Leute“ sehr hart. Ein Arbeiter schoss deswegen auf Seipel – der Bundeskanzler wurde schwer verletzt und musste zurücktreten, fungierte aber weiterhin als Obmann der christlich-sozialen Fraktion. Übrigens kam der Attentäter mit fünf Jahren schwerem Kerker recht günstig davon und konnte sogar noch 1973 im ORF-Fernsehen auftreten – er hätte seine Tat gerne ungeschehen gemacht, sagte er bei jener Gelegenheit. Übrigens lebten sparsame Finanzminister seinerzeit gefährlich: der Tscheche Alois Rasin, der dort ebenfalls eine Anti-Inflationspolitik mit Erfolg verantwortete, wurde 1923 von einem Linksextremisten erschossen.

Privat lebte Seipel in zwei Zimmern eines Klosters; einen großen Teil seiner Bezüge spendete er an Arme. Der Staatsmann Seipel fühlte sich stets zugleich als Priester und nahm auch in seiner Kanzlerzeit Trauungen vor. Er kam zur Völkerbundstagung nach Genf, nachdem er vorher zwei Tage Exerzitien absolviert hatte. Und in Genf zelebrierte er vor der Eröffnung der Völkerbundversammlung für deren katholische Mitglieder die Heilige Messe und hielt die Predigt. Ich denke, dass die Ernsthaftigkeit seines Auftretens dazu beitrug, die Verhandlungen zur Rettung Österreichs gelingen zu lassen. Auch in Wien kam es vor, dass er während der nächtlichen Sitzungen des Nationalrats fastete und des Morgens zur Zelebration der Heiligen Messe fuhr.

Dieser Fleiß, diese Disziplin unterschied ihn übrigens von einem anderen deutschsprachigen Prälaten, der einen politischen Posten einnahm. Der deutsche Kirchenrechtler Ludwig Kaas übernahm 1928 den Vorsitz der Zentrumspartei. 1930 zog er nach Sterzing in Südtirol und war fortan in Deutschlands politischer, wirtschaftlicher und sozialer Depressionszeit nicht anwesend und schwer erreichbar. Seinen Vorsitz legte Kaas allerdings erst zum 6. Mai 1933 nieder. Wenn ihn gesundheitliche Probleme zum Umzug bewogen und ihn von der politischen Aufgabenerfüllung abhielten, warum trat er dann nicht rechtzeitig zurück?

Übrigens war es Seipel, der Hitlers Unheil rechtzeitig erkannte. Nachdem Hitler seine Festungshaft in Landsberg verbüßt hatte, stand in Bayern zur Diskussion, ob und wie der staatenlose Hitler nach Österreich abgeschoben werden könne. Seipel persönlich lehnte eine „Rücknahme“ Hitlers scharf ab, da Österreich sonst ernsthafte innen- wie außenpolitische Gefahren drohen würden. Außerdem sei Hitler kein Österreicher mehr, zumal er ja auch im kgl. Bayerischen Heer und nicht in der k.u.k. Armee gedient hatte.

In seiner zweiten Amtszeit verbündete sich Seipel mit der bürgerlichen Großdeutschen Volkspartei und stand beinahe unversöhnlich den Sozialdemokraten gegenüber (das waren, nebenbei gesagt, doktrinäre Marxisten und Atheisten, radikaler als die deutsche SPD). Dieser Gegensatz eskalierte 1927, als ein Geschworenengericht in Wien drei rechte Österreicher freisprach, die einen linken Österreicher und ein kleines Kind getötet hatten. Demonstrationen der Linken folgten, die schließlich den Justizpalast stürmten, dort Sachen beschädigten – auf einmal brach auch noch Feuer aus. Protestierer behinderten die Feuerwehr. Die Polizisten griffen zur Schusswaffen 89 Demonstranten starben, zahlreiche Polizisten und weitere Zivilisten wurden verletzt. Damit war das Land noch viel stärker als bisher gespalten. Seipel wollte von Milde für die Staatsfeinde nichts wissen, wie er klar sagte, was wiederum zum Schlagwort der Sozialdemokraten führt, „Prälat ohne Milde“. Er drängte mehr und mehr auf eine stärker autoritäre, rechtskonservative Staatsform. Dennoch soll Seipel auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise den Sozialdemokraten eine Zusammenarbeit in der Regierung vorgeschlagen haben. Die Sozialdemokraten schlugen das aus. Bruno Kreisky hat dies Jahrzehnte später derart beim Namen genannt. Seipel verstarb 1932. Es spricht für Seipel, was die Arbeiter-Zeitung in ihrem Nachruf schrieb:

Der bei weitem bedeutendste Mann des österreichischen Bürgertums, der einzige Staatsmann europäischen Formats, den die bürgerlichen Parteien hervorgebracht haben, Dr. Ignaz Seipel, ist gestern verstorben“.

Sie stellt Seipel zu Recht als Gegner des Sozialismus und als Verkörperung des Konservatismus dar, lobte ihn aber in seiner Eigenschaft als als Außenpolitiker:

Dass es ihm im Jahre 1922 gelang, auf dem Höhepunkt der Inflation die kurz vorher verweigerte Hilfe des Völkerbundes zu erlangen, war das Ergebnis eines waghalsig-kühnen, aber überaus geschickten außenpolitischen Manövers. (…) An seiner Bahre können auch wir von ihm sagen: er war ein Mann, nehmt alles nur in allem! Der Soldat verweigert dem gefallenen Feind die letzten militärischen Ehren nicht! So schicken auch wir dem großen Gegner drei Salven über die Bahre“ (a.a.O., 3.8.1932).

Im gleichen Sinne äußerte sich die „Mittagszeitung“, ebenfalls sozialistisch.

 

Dollfuß und Schuschnigg

 

Im konservativen Lager kristallisierte sich Engelbert Dollfuß als neuer Anführer heraus. Der Niederösterreicher war 1892 geboren. Als Jugendlicher trat er in ein Priesterseminar ein und begann ein Theologiestudium. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete er sich freiwillig, wurde aber wegen seiner Kleinwüchsigkeit (1,51 m) zunächst ausgemustert, aber dann doch akzeptiert. Er brachte es als Kommandant einer Maschinengewehrkompanie zum Oberleutnant der Reserve und erhielt acht Tapferkeitsmedaillen. Er wechselte zum Jurastudium über, promovierte und arbeitete führend in der Niederösterreichischen Landwirtschaftskammer, dann als Landwirtschaftsminister, schließlich 1932 Bundeskanzler. Eine neue Völkerbundanleihe über 300 Mio. Schilling half dem angeschlagenen Staatshaushalt zunächst einmal weiter, aber sie war erneut mit einem Anschlussverbot über weitere 20 Jahre sowie mit sparsamer Haushaltsführung als Auflage verbunden. 1933 kam es im Nationalrat zu Unregelmäßigkeiten bei einer Abstimmung und daraus folgend zum Rücktritt des Parlamentspräsidiums, so dass dieses Parlament beschlussunfähig war. Dollfuß nutze dies, um den Nationalrat schlichtweg auszuschalten – die Polizei ließ die Abgeordneten einfach nicht mehr in das Parlament - und fortan nicht mehr demokratisch zu regieren. Gleichzeitig kam es zu immer mehr Terroranschlägen von Nazis, die ein selbständiges Österreich grundsätzlich ablehnten, vielmehr als Vorstufe zum "Anschluss" nationalsozialistische Minister forderten.

Dazu schreibt Stefan Zweig:

In Salzburg freilich, knapp an der Grenze, sah man die Dinge deutlicher [als in Wien]. Es begann ein fortwährendes Hin und Her über den schmalen Grenzfluss, die jungen Leute schlichen nachts hinüber und wurden einexerziert, die Agitatoren kamen in Autos oder mit Bergstöcken als schlichte ,Touristen' über die Grenze und organisierten in allen Ständen ihre ,Zellen'. Sie begannen zu werben und gleichzeitig zu drohen, dass wer nicht rechtzeitig sich bekenne, später dafür werde bezahlen müssen. Das schüchterte die Polizisten, die Staatsbeamten ein. Immer mehr spürte ich an einer gewissen Unsicherheit im Betragen, wie die Leute zu schwanken begannen“ (S. 498). „Der Polizeipräsident von Salzburg war genötigt gewesen, scharf gegen die Nationalsozialisten vorzugehen, die mit Bomben und Explosivstoffen Nacht für Nacht die Bevölkerung beunruhigten, und diese Überwachung war eine bedenkliche Mutleistung, denn schon damals setzte die Partei die Technik des Terrors ein. Jeden Tag erhielten die Amtsstellen Drohbriefe, sie würden dafür zu bezahlen haben, wenn sie weiterhin die Nationalsozialisten ,verfolgten', und in der Tat – wenn es Rache galt, haben die Nationalsozialisten ihr Wort hundertprozentig gehalten - sind die getreuesten österreichischen Beamten gleich am ersten Tage nach Hitlers Einmarsch ins Konzentrationslager geschleppt worden“ (S. 512).

Der Parteitag der Christlich-Sozialen in Salzburg musste mit militärischen Mitteln gesichert werden, mindestens ein Maschinengewehr war aufgebaut. Zweig zog bereits 1934 nach London, weil er über kurz oder lang keine Hoffnung mehr für ein selbständiges Österreich hatte.

Fortan kämpfte Dollfuß, grundsätzlich unterstützt von der katholischen Kirche, gegen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten – ein Zweifrontenkampf, der kaum zu gewinnen war. Sehr erschwerend kam hinzu, dass Hitler ab Juni 1933 Reisen nach Österreich untersagte, es sei denn, der Reisende zahle dafür 1000 Reichsmark Gebühr an die reichsdeutschen Behörden. 40 Prozent der Touristen in Österreich waren Reichsdeutsche. Im Jahr nach Verhängung der Sperre kamen ganze acht zahlende Personen. Österreich warb fortan um Touristen aus dem eigenen Land und aus Westeuropa, was den Schaden etwas verringerte. Anstelle der verschiedenen Parteien gründete Dollfuß eine Einheitspartei, die Vaterländische Front, der die öffentlich Bediensteten beizutreten hatten. Die Vaterländische Front hatte bei einer Gesamtbevölkerung Österreichs von sechseinhalb Millionen knapp drei Millionen Mitglieder, wobei viele nicht wirklich überzeugt waren. In den Stadträten saßen anstelle der Parteien fortan die Vertreter der einzelnen Berufsstände: die Gruppe Industrie, vertreten durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer, entsprechend das Handwerk, die freien Berufe, die Gruppe der Kunst und der Wissenschaft, die Schulen und die Eltern.

Die Linke spricht noch heute vom „Austrofaschismus“, aber ich denke, die Angelegenheit ist differenzierter zu bewerten. Schauen wir auf die Zitate Dollfuß'! Anlässlich des Katholikentags 1933 verkündete Dollfuß seine Grundsatzvorstellungen von einem sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich auf berufsständischer anstatt parlamentarischer Grundlage. Genauer: „Wir kämpfen gegen den Marxismus, wie kämpfen auch gegen den braunen Sozialismus, aber wir werden niemals die Lebens- und Grundrechte der Arbeiter antasten, im Gegenteil, ein gerechter christlicher Staat muss gerade den Ansprüchen der arbeitenden Menschen in erster Linie gerecht werden. Das wollen wir“. Die Grundsätze flossen in die Verfassung ein, die es im Gegensatz zu NS-Deutschland sehr wohl gab und die sogar einen Grundrechtekatalog enthielt. Die Verfassung war allerdings oktroyiert, d.h. von der Exekutive erlassen worden und von keiner Volksvertretung verabschiedet worden. In der Präambel war zu lesen: „„Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung.“

Also nicht vom souveränen Volk für das souveräne Volk, sondern von Gott geht die Verfassung aus. Die Bezeichnung „Republik“ wurde durch „Bundesstaat“ ersetzt - „Republik“ war ja ein Begriff der Moderne, ein Schlüsselwort der amerikanischen und erst recht der Französischen Revolution. Und – wie gehört – Dollfuß sah das neue System als Alternative zur liberalen Demokratie, zu rotem und braunem Sozialismus.

Was die Arbeiter betraf: Zu jener Zeit betrug die Arbeitslosenrate fast 26 Prozent, nach anderen Angaben 21 Prozent: 557.000 Personen! Arbeitsbeschaffungsprogramme halfen etwas, aber nicht genug. 1937 waren es immer noch 474.000 Beschäftigungslose, ein Teil davon war „ausgesteuert“, d.h. als Langzeitarbeitslose ohne Ansprüche auf Unterstützung durch die Versicherung.

Weiterhin erklärte Dollfuß sinngemäß: Wir sind Österreicher und wir sind ein deutsches Land, wir sind selbstverständlich deutsch. Auch ein Stolz auf die Heimat und Geschichte des christlichen und deutschen Österreichs war ein Markenzeichen – als Anhängsel Preußens, als Anhängsel eines unchristlichen Systems wollten die Dollfuß-Parteigänger Österreich nicht sehen.

Um gegen Hitlers Deutschland bestehen zu können, suchte Österreich Unterstützung beim faschistischen Italien. Mussolini, der gleichzeitig die deutschen Südtiroler brutal unterdrückte, war dazu bereit und drängte Dollfuß zur stärker faschistischen Einparteienherrschaft. Ein Aufstand der zuvor verbotenen Sozialdemokraten Februar 1934 geriet zu einem mehrtägigen Bürgerkrieg in Wien, mit 200 toten Roten und 128 toten Polizisten und Soldaten. Es folgten standrechtliche Hinrichtungen mit Hilfe des Würgegalgens. Die Kirche hatte demgegenüber gemahnt, die Verurteilten zu begnadigen. An einem einzigen Beispiel lässt sich das persönliche Format Seipels von Schuschnigg unterscheiden. Als der Arbeiter Jaworek auf Seipel schoss, stürzten sich sogleich einige Passanten auf den Attentäter. Seipel rief noch: „Nicht schlagen!“. Und Schuschnigg? Als einer der roten Aufständischen vom Februar 1934 standrechtlich erhängt werden sollte, schickte dieser Delinquent ein Gnadengesuch an den Bundespräsidenten, freilich nicht direkt, sondern es kam erst auf den Schreibtisch des Justizministers Schuschnigg. Und der hat's unterschlagen, was er Jahrzehnte später als „Fauxpas“ ansah.

In seiner Selbstdarstellung übernahm das Regime faschistische Kennzeichen: Uniformen, Kundgebungen nach italienischem oder reichsdeutschem Beispiel, das Krückenkreuz anstelle des Hakenkreuzes. Politische Gegner wie zum allergrössten Teil Nazis, ferner Sozialisten und Kommunisten kamen in sog. Anhaltelager ohne Gerichtsurteil oder gerichtliche Anhörung – freilich waren es auch proportional sehr viel weniger Häftlinge als unter Hitler, denen es im Übrigen auch viel besser erging (keine Folter oder Hinrichtung im Lager). Der totale Staat war weniger ausgeprägt, an der Spitze stand kein charismatischer Führer, vielmehr blieben die Amtsbezeichnungen Bundeskanzler und Bundespräsident. Es gab keine Gebietsansprüche an andere Länder oder Kriege. Es wurde kein neuer Mensch in einer neuen Gesellschaft angestrebt, wohl aber ein Zurück in die „gute alte Zeit“ gepredigt, das Kaisertum sowie legendäre österreichische Feldherren wie Prinz Eugen und Radetzky standen hoch im Kurs, wie sich beispielsweise den Schulbüchern entnehmen lässt. Im Sommer 1934 nannte Dollfuß den Nationalsozialismus ein kriminelles System auf der Basis einer kriminellen Ideologie, was sonst kein europäischer Regierungschef offen aussprach. Carl Zuckmayer, der in Deutschland nicht mehr schreiben durfte, konnte sich im österreichischen Exil in Henndorf bei Salzburg entfalten. Er empfand den Ständestaat als das kleinere Übel gegenüber NS-Deutschland, in seinen Memoiren steht keine ablehnende Kritik. Franz Werfel, auch er kein Parteisoldat, erhielt den höchsten Staatspreis für Kultur.

Spätestens an dieser Stelle kann oder sollte gefragte werden, ob das ein christlicher Staat war; Bundespräsident Wilhelm Miklas notierte schon 1933 in sein Tagebuch:
Ist das noch ein Rechtsstaat? Nach der Zerstörung des Parlaments jetzt auch noch die Zerstörung des Verfassungsgerichtshofs. Das soll ein katholisches Gewissen aushalten!“

 

Miklas blieb Bundespräsident bis zum Ende des österreichischen Staates.

Protestanten waren benachteiligt in Bezug auf den öffentlichen Dienst. Die Sozialenzyklika von Papst Pius XI., Quadragesimo anno von 1931, auf die sich das Regime berief, war nicht unbedingt so gemeint, wie es das Dollfuß-Schuschnigg-Regime proklamierte. Denn Quadragesimo Anno sah nicht den Ständestaat von oben vor, sondern eine Entwicklung von unten unter dem Vorzeichen der Subsidiarität: nur was die untere Ebene nicht leisten kann, das leistet die darüber liegende zentrale Instanz.

Bei einem Putschversuch der österreichischen Nationalsozialisten am 25. Juli 1934 wurde Dollfuß im Bundeskanzleramt angeschossen und ohne ärztlichen und priesterlichen Beistand dem Tode überlassen. Für seine Anhänger war er der Heldenkanzler, für seine Gegner der Arbeitermörder. Bei diesem bewaffneten Versuch der Machtergreifung starben in Wien und in anderen Landesteilen 223 Personen, etwa ebenso viele Nationalsozialisten wie Polizisten, Gendarmen und Soldaten. Wie schon nach den Februarkämpfen verhängte das Regime Todesurteile. Der nachrückende Bundeskanzler Schuschnigg, setzte das selbständige Österreich noch bis 1938 fort, ohne die wirtschaftlich-sozialen Probleme ausreichend lösen zu können. Schuschnigg, erst 37 Jahre alt, kam aus alter Offiziersfamilie, war Jesuitenschüler und Rechtsanwalt, zuletzt Minister für Unterricht und für Justiz. Allerdings war er schon seit 1936 auf einen Kompromiss mit Berlin angewiesen: das Juliabkommen. Es ermöglichte den österreichischen Nazis die Unterwanderung des Beamtenapparats. Auch reichsdeutsche Zeitungen waren in Österreich nicht mehr verboten. Im Gegenzug hob das Reich die Tausend-Mark-Sperre auf. Hitler erklärte dazu, „Deutschland hat weder die Absicht noch den Willen, sich in die inneren österreichischen Verhältnisse einzumengen; Österreich etwa zu annektieren oder anzuschließen“. Ein weiteres Beispiel für Hitlers Lügen und Täuschungen. 1936 schlossen Hitler und Mussolini einen Freundschaftsvertrag zwischen ihren Ländern – zumal Mussolini nach dem Abessinien-Krieg mehr und mehr auf das Bündnis mit Hitler angewiesen war. Der Italiener ließ daraufhin Österreich fallen.

Ab 1936 verfügte Hitler über Vertrauensleute im höheren öffentlichen Dienst Österreichs. Im Februar 1938 ging Hitler einen Schritt weiter: er verlangte von Schuschnigg, Nationalsozialisten seien in die österreichische Bundesregierung als Minister aufzunehmen. Schuschnigg erbat sich eine Übergangszeit von drei Tagen, und setzte eine Volksabstimmung an. Allerdings konnte bei diesem Plebiszit nur im Sinne Schuschniggs mit „ja“ gestimmt werden. Er rechnete mit einer Mehrheit von 66, wenn nicht gar 75 Prozent. Die bisher illegalen österreichischen Sozialdemokraten boten ihre Unterstützung für Schuschnigg an, aber der Kanzler wollte von ihrer erneuten endgültigen Zulassung nichts wissen und zeigte ihnen die kalte Schulter. Sein Aufschrei „Bis in den Tod: rot weiß rot: Gott schütze Österreich“ stand am Ende der Herrschaft dieses intellektuellen Typs, dessen Brillengläser zwischen ihm und dem Volk standen – wie Otto von Habsburg es formulierte. Als er seine Rücktrittsansprache im Radio hielt, stand er bereits umringt von zwei Wachleuten seiner eigenen Leibgarde, die die Hakenkreuzbinde angelegt hatten und ihn anschließend in Gefangenschaft abführten. So viel zur Unterwanderung des Staates. Hitler durchkreuzte die Schuschnigg-Volksabstimmung, die er anscheinend fürchtete, durch den Einmarsch der Wehrmacht. Schuschnigg wies das Bundesheer an, keinen Widerstand zu leisten, um Blutvergießen zu vermeiden. Als einziges Land erhob Mexiko Protest beim Völkerbund:

 

"Die Tatsache, dass die Behörden in Wien die Macht den gewaltsamen Besetzern übergeben haben, kann dem Angreifer nicht als Entschuldigung dienen, und der Völkerbund darf diese vollendete Tatsache nicht ohne die energischen Proteste und die in den Artikeln des Völkerbund-Paktes vorgesehenen Gegenmaßnahmen hinnehmen."

Weiterhin erläutert Mexiko in diesem Dokument, dass ein erzwungener Willensakt kein Willensakt ist („voluntas coacta voluntas non est“).

 

Hitlers Griff nach Österreich geschah weniger aus Heimatliebe, sondern auch aus materiellen Motiven: Die österreichischen Gold- und Devisenreserven überstiegen die der Reichsbank um das Dreifache. Auch der jüdische Besitz war ein Ziel. Hitler konnte jene Werte gut gebrauchen, da die Anleihen, die reichsdeutsche Bürger ihm seit 1933 gegeben hatten, ja einmal zurückzuzahlen waren. Gerade auch die Aufrüstung und die Straßenbaumaßnahmen waren zu finanzieren.

Oft sind die Fernsehbilder von Hitlers Triumphzug durch Österreich 1938 gezeigt worden. Schrien die Deutschen bei solchen Gelegenheiten „Heil“, setzten die Österreicher noch eins drauf mit dem Gruß „Sieg Heil“. Ich denke, Grund war wohl die Aussicht auf die Lösung der wirtschaftlichen und der sozialen Probleme durch Hitler, nachdem eben dies den Dollfuß-Schuschnigg-Leuten nicht gelungen war. Wie das Volk mehrheitlich dachte, ist nicht geklärt, weil es ja keine Wahlen und keine Umfragen im heutigen Sinne gab. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Menschen noch stark obrigkeitsstaatlich geprägt waren und sich dem Systemwechsel schlicht und einfach beugten.

Der Übergang Österreichs zu einem autoritären Staat ohne Parteienpluralismus und Parlament 1933/34 war keine Ausnahme. Es gab in mehreren Ländern Europas einen Trend weg vom Parlamentarismus, Liberalismus und Demokratie. Nur Skandinavien, Belgien, die Niederlande und die Tschechoslowakei blieben demokratisch, die Schweiz sowieso. Portugal beispielsweise war auch ein Staat, der ideologisch zwischen Faschismus und Autoritarismus angesiedelt war, Spanien sollte folgen.

 

Schluss

 

Seipel war als Priester-Kanzler mit seinem überzeugenden Auftreten wohl äußerst wertvoll für Österreich. Er war sicher so wenig fehlerfrei wie andere Menschen auch, doch nach allem, was an Aussagen von Freund und Feind aufzutreiben ist, war er charakterlich überragend und mit einer sehr hoch beachtlichen Intelligenz ausgestattet.

Dollfuß und Schuschnigg fehlten Seipels Weisheit und Übersicht. Sie entsprachen einigermaßen dem zum autoritären Regime tendierenden Zeitgeist, nachdem das Verhältniswahlrecht in den 1920er Jahren zu einer Vielzahl von Parteien in den Parlamenten und einer entsprechend schwierigen Regierungsbildung geführt hatte – in vielen Ländern Europas. Der Ständestaat war ein geschlossenes System, das keinen politischen Wettbewerb zuließ. In solchen politischen Sysstemen gibt es üblicherweise wenig evolutionäre Veränderungen, sondern einen revolutionären Zusammenbruch am Ende – 1989 haben wir ja eine Kette von weit größeren Implosionen erlebt. Freilich war 1933 bis 38 Hitler derjenige, der diesen Staat unterminieren ließ und dies zumindest unterstützte. Das Gleiche tat er 1935 bis 1937 ansatzweise und 1937/38 maßgeblich in der Tschechoslowakei. Der Feind nagte und höhlte im Inneren, massiv gestützt und angeleitet von außen.

 

 

© Dr. Stefan Winckler