Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
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Vor 100 Jahren: Kriegsbeginn 1914

Vortrag am 14.6.2014 in Deggenhausertal  

 

Wenn wir das Europa von vor hundert Jahren verstehen wollen, müssen wir ganz nüchtern  die politischen Systeme, den Stand der demokratischen Entwicklung, die wirtschaftliche Lage und die Schulbildung miteinander vergleichen.

 

Das Habsburgerreich war 1867 in das Kaisertum Österreich und das Königreich Ungarn als gleichberechtigte Teile aufgeteilt worden. Kaiser Franz Joseph war zugleich als Ferenc Jozsef König von Ungarn. In Österreich wurde 1907 das allgemeine Wahlrecht zum zentralen Parlament, dem Reichsrat, eingeführt. Jeder weiß, Österreich war ein Vielvölkerstaat. Mit dem zunehmenden Nationalismus nahm der Glaube an eine gute Zukunft ab. Das Kaiserreich erschien als Anachronismus, denn die Völker wollten mehr und mehr Autonomie, wenn nicht gar einen völligen umbau oder gar eine Auflösung des Reiches. Franz Ferdinand erklärte 1908 im kleinen Kreis: „Im Inneren sind wir dermaßen desolat, da können wir uns keine außenpolitischen Kraftstücke erlauben“. Ein kriegslüsterner Machtmensch redet anders, denkt anders.

Mehr als in Deutschland waren die verschiedenen Regionen von unterschiedlicher Wirtschaftskraft. Besonders schwach waren Galizien im Nordosten und Dalmatien im Süden. Einigermaßen gut waren die deutschsprachigen Gebiete, und am weitesten war Böhmen industrialisiert, das sich auch im europäischen Vergleich sehen lassen konnte.  Man denke nur an die Waffenwerke Skoda in Pilsen mit 10.000 Beschäftigten 1914 und 32.000 Arbeitnehmern 1917. Selbstverständlich war Wien die Finanzmetropole als Sitz der großen Banken und Aktiengesellschaften. Bedeutend war der Hafen Triest, der schlagartig in eine Dauerkrise geriet, nachdem er 1920 Italien zugeschlagen worden war.

Ein Lob verdient die Schulpolitik. Die Unterrichtspflicht umfasste acht Jahre. Es gab auch mehr als ausreichend Schulen v.a. für die deutschsprachigen Kinder.

Ganz anders war die Lage in Ungarn. Das Königreich Ungarn war nur zu knapp der Hälfte von Magyaren bewohnt, ansonsten war es ein Vielvölkerstaat, der im Inneren  weitgehend selbständig war, also unabhängig von Wien. In den turnusmäßigen Verhandlungen mit Österreich wurden die Ungarn immer anmaßender und so auf immer größere Loslösung bedacht. Die Minderheiten wie Slowaken und sogar Deutsche wurden im Gegensatz zu den slawischen Völkern Österreichs immer schlechter mit Schulen versorgt. Beispielsweise gab es nur neun deutsche Mittelschulen (ausschließlich in Siebenbürgen) und nur sechs rumänische und eine serbische Mittelschule, aber keine einzige slowakische. Tatsächlich gab es 1,9 Mio. Deutsche und fast 2 Mio. Slowaken im Kgr. Ungarn. In Oberungarn, also der heutigen Slowakei lebten 1914 knapp 200.000 Deutsche.  Sie waren nicht vergessen worden, sondern sollten im Zuge der Magyarisierung ihre altangestammte Nationalität einbüßen. Ungarn war fast noch ein reines Agrarland mit sehr wenig Industrie. Im Grunde feudal und wenig modern.

 

Wir sind geneigt zu glauben, England sei das Mutterland der Demokratie. Tatsächlich war die demokratische Entwicklung in Großbritannien weniger weit gediehen, als wir es uns vielleicht vorstellen. Es gab kein allgemeines Wahlrecht der Männer, und schon einmal überhaupt kein Frauenwahlrecht. 1914 durften nur etwa 52 Prozent der Männer wählen, da das Wahlrecht an den Besitz gebunden war. Lange Zeit im 19. Jahrhundert durften in England nur Hausbesitzer wählen. Ein allgemeines Frauenwahlrecht folgte erst 1928!

Die Wirtschaft war immer noch stark, aber das Wachstum belief sich nur noch auf einen halb so hohen Wert wie in Deutschland. Innere Auseinandersetzungen deuteten sich in Irland an.

Die Friedensstärke der englischen Armee betrug nur 248 000 Mann.

Daraus kann ich kaum einen Willen zum Krieg erkennen.

 

Frankreich war seit 1871 Republik – es war die Dritte. Ein allgemeines Wahlrecht für Männer galt für die Abstimmungen zum Abgeordnetenhaus – eigentlich sehr fortschrittlich. Frankreich war wohl die demokratischste Macht in Europa. Die Wirtschaft entwickelte sich gut, das Kolonialreich war riesig, Paris war Ort von fünf Weltausstellungen und galt als die Weltstadt zusammen mit London. In bezug auf die Landwirtschaft war Frankreich fast autark geworden. Die Roheisenproduktion hatte sich verdreifacht zwischen 1890 und 1913, die Stahlproduktion war auf das sechsfache gestiegen. 1913 erzeugte Frankreich 45000 Automobile. Wirtschaftlich wuchs Frankreich also ähnlich schnell wie Deutschland, doch hatte Deutschland aus vergangenen Jahrzehnten einen Vorsprung und auch eine bessere Produktivität. Frankreich verfügte über 15 Prozent der weltweiten Aluminiumproduktion. So war Frankreich mit seinem großen ländlichen Raum noch ein halber Agrarstaat und schon ein halber Industriestaat.  (vgl. http://www.unifr.ch/withe/assets/files/Bachelor/Wirtschaftsgeschichte/Wige_EnglFrank.pdf).

Die Friedensstärke des Heeres betrug 1914 827000 Mann  bei einer Bevölkerungszahl von 40 Mio. Frankreich hatte einen Kriegsgrund: nämlich die Revanche für die Niederlage von 1870 gegen Deutschland,  und damit verknüpft die Rückgewinnung von Elsass-Lothringen.

 

Deutschland hatte wohl die wenigsten Probleme. Das Reich war kein Einheitsstaat, sondern ein Bund der Fürsten. Verfassungen in den einzelnen Staaten außer Mecklenburg waren eine Selbstverständlichkeit, so dass man von konstitutionellen Monarchien spricht. Wirtschaftlich war Deutschland eine Weltmacht.

Die Schulbildung war ausgesprochen gut (nur 0,5 % der Rekruten um 1913 waren Analphabeten), die Ergebnisse der Wissenschaft Weltklasse.

Heeresstärke 761000 Mann bei einer Bevölkerung von 68 Mio. Also weniger Soldaten im Heer als auf der französischen Seite, obwohl Deutschland viel mehr Einwohner hatte als Frankreich. Das deutet nicht auf deutsche Kriegsabsichten hin.

 

Ein Agrarland, vormodern – das war in jedem Falle Serbien. Doch sehen wir zuerst auf das politische System: es war eine Monarchie, allerdings erst seit 1882, vorher ein wenig beachtetes Fürstentum. Der König und die Königin wurden 1903 ermordet – auf bestialische Art, wies es in „unseren“ beiden Kaiserreichen nicht vorstellbar gewesen wäre. Eine andere Dynastie folgte.

Wirtschaftlich war Serbien – kaum überraschend – ein Zwerg. Die Schulbildung war ein einziges Armutszeugnis. Nur 21 Prozent der Bevölkerung waren alphabetisiert. Die Hauptstadt Belgrad war zwar auf fast 100.000 Einwohner angewachsen, doch hatte sie nicht das Flair einer Metropole. 

Fast traditionell war Serbien im Streit mit Österreich. Die Öffentliche Meinung war stark antiösterreichisch. Um die nachvollziehbare wirtschaftliche Abhängigkeit von Österreich zu lockern, wandte sich Serbien Frankreich zu. Von Paris kamen also umfangreiche Kredite, so dass daraus auch eine politische Abhängigkeit wurde. Dennoch gab es auch Anknüpfungspunkte zwischen Wien und Belgrad. Der Statthalter Österreich-Ungarns in Sarajewo, Potiorek, schlug 1913 ein Handels-, Zoll- und Militärabkommen vor, um eine an sich bestehende Kriegsgefahr zu vermindern.

Serbien hatte einen Kriegsgrund, nämlich den Zugang zum Mittelmeer zu gewinnen, und die Serben in- und außerhalb der Landesgrenzen zu einem Groß-Serbien zu vereinigen.

 

Hundert Jahre später, 2014: Seit Monaten fahren Belgrader Historiker, Medien und Politiker bis hinauf zum Präsidenten beim Thema "Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges" schwere rhetorische Geschütze auf. Da ist von einer "brutalen Umschreibung der Geschichte" die Rede, von einer angeblichen "Kampagne des Westens" oder der "Dämonisierung Serbiens". Die Belgrader Erregungskampagne nahm richtig Fahrt auf, nachdem der im britischen Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark mit seinem Buch "Die Schlafwandler" die Debatte über die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges neu belebte - und damit auch über dunkle Seiten der serbischen Geschichte.

In den "Schlafwandlern" wechselt Clark nicht nur zwischen den Schauplätzen Berlin und Wien, London, Paris und Sankt Petersburg und zeigt, dass nicht nur Deutsche und Österreicher, sondern auch Franzosen und Russen 1914 durchaus zum Krieg bereit waren, um außenpolitische Ziele zu erreichen. Und Clark blendet nach Belgrad und beschreibt die Hintermänner des Mordes an Franz Ferdinand. Ausführlich schildert Clark die aggressive Ideologie des jungen Königreiches Serbien, die die Expansion zu einem Großserbien selbst dort forderte, wo Serben eine Minderheit stellten: in Kosovo, Albanien und Bosnien-Herzegowina, Teilen Mazedoniens und Griechenlands, Teilen Rumäniens oder in Kroatien.

Clark mag hervorragendes geleistet haben, aber vieles ist keineswegs neu: eine deutsche Alleinschuld am Ersten Weltkrieg ist bereits vor mehr als 85 Jahren von zwei amerikanischen Historikern bestritten worden. 

Österreich-Ungarn hatte Bosnien-Herzegowina annektiert. Bosnien war durch Schiedsspruch des Berliner Kongresses 1878 von Österreich besetzt worden, und nach 30 Jahren annektiert worden. So hatten die Bosniaken alle staatsbürgerlichen Rechte, bessere wirtschaftliche Möglichkeiten und daher wohl wenig Verlangen, sich von Belgrad aus regieren zu lassen. Andererseits hatte Österreich-Ungarn fast nichts von Bosnien: keine Rohstoffe. Eine Bevölkerung, deren Bildung sehr im Argen lag, und die dem katholischen Kaiser und König auch eine muslimische Volksgruppe zuführte. Deswegen eine internationale Krise zu riskieren, war alles andere als weitsichtig. Und diese Krise trat tatsächlich auf. Russland stimmte der Annexion zu, unter der Bedingung, dass die Durchfahrt durch die osmanischen Meerengen bei Konstantinopel erleichtert werde. Eben dies kam nicht zustande. Die Folge war, dass das politische Russland über Österreich schwer verärgert war. Aber Russland war auch über Deutschland enttäuscht, weil der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert wurde. Der Rückversicherungsvertrag besagt aus deutscher Sicht, dass Russland neutral bleibt, wenn Frankreich und Deutschland miteinander Krieg führen – und so Deutschland von einem Zweifrontenkrieg verschont wird.

So war die Konstallation gegeben: Russland fühlte sich mit Serbien verbunden, Frankreich hatte finanzielle Forderungen an Serbien. Frankreich und England haben nach allen Auseinandersetzungen um Kolonialgebiete ein „herzliches Einverständnis“ erzielt, französisch „Entente Cordiale“, das die Interessenspären abgrenzte. Dieses Abkommen, das kein Bündnis gegen Deutschland war, wurde 1907 zu einem Dreierbündnis mit Russland, der Triple Entete.

 

Demgegenüber hatte das Zweierbündnis Deutschland – Österreich-Ungarn nur Italien als Partner zur Verfügung. Warum nur hatten Deutschland und Österreich-Ungarn nicht die Beziehungen zu Russland gepflegt?

So war Russland nicht abgeneigt, die Beziehungen mit Deutschlands altem Gegner Frankreich auszubauen. Russland war tatsächlich abhängig von französischem Kapital geworden. Serbien wiederum fühlte sich Russland verbunden, denn dies war die slawische Großmacht schlechthin. Russlands Außenminister Sergej Sasonow ermunterte Serbiens Regierungschef Pasic im Mai 1913 ausdrücklich zu einem Krieg - wenn er dabei wahrscheinlich auch nicht schon an das kommende Jahr dachte: "Das gelobte Land Serbiens liegt im Territorium des heutigen Österreich-Ungarns... (Es) liegt im vitalen Interesse Serbiens...sich durch zielstrebige und geduldige Arbeit in einen Zustand der Bereitschaft für den unausweichlichen künftigen Kampf zu versetzen. Die Zeit arbeitet für Serbien und für den Sturz seiner Feinde, die bereits eindeutige Anzeichen des Verfalls aufweisen."

Für westliche Balkan-Spezialisten sind viele in den "Schlafwandlern" geschilderte Hintergründe nicht neu. In serbischen Geschichts- oder Schulbüchern aber fehlen sie meist - schließlich zeigen sie, dass es mit dem offiziellen Bild eines allzeit friedliebenden, zum Opfer fremder Aggressoren gewordenen Serbien nicht weit her ist.

 

Am 28. Juni 1914 besuchte Franz Ferdinand mit seiner Frau, der Herzogin von Hohenberg, Sarajewo. Dies geschah auf Einladung des dortigen Statthalters. Das Paar, das eine sehr gute Ehe führte, dachte gewiss an den nahen 14. Hochzeitstag, der am 1. Juli gewesen wäre. Dass dies am „heiligen Tag“ des serbischen Volkes ein Stich ins Wespennest war, dachte er offenbar nicht.

 

 

Nun aber zurück zum Attentat von Sarajewo und seinen Folgen!

 

Sehr schnell überlegten sich die österreichische Staats- und Militärelite, ob ein kurzer, entschlossener Krieg gegen Serbien das richtige sei. Dafür war der Kriegsminister, ebenso der Generalstabchef Conrad von Hötzendorf und der Ministerpräsident Stürgkh. Weniger drängend war der Außenminister Berchtold, und sehr skeptisch war der ungarische Ministerpräsident Tisza. Dieser Tisza war nicht etwa Pazifist. Vielmehr sah er die Stellung des ungarischen Volkes im Vergleich zu den anderen Völkern der Doppelmonarchie beeinträchtigt, falls die K.u.K.-Monarchie gegen Serbien  gewinnt und serbisches Land mit slawischer Bevölkerung annektiert. Für die gesamte Monarchie hatten diese ungarischen Nationalisten wenig übrig, ihr Einsatz galt vielmehr den ungarisch-nationalen Interessen. Auch Kaiser Franz Joseph, ein rüstiger 84-jähriger, wollte lieber keinen Krieg (was auch daran lag, dass Österreich unter seiner Führung so ziemlich sämtliche Schlachten verloren hatte). Österreich schickte Anfang Juli den Diplomaten Hoyos nach Berlin, der Deutschland drängte, Österreich „freie Hand gegen Serbien“ zu geben. Tatsächlich gaben Wilhelm II. und Reichskanzler Bethmann Hollweg am 5/6. Juli die bedingungslose Unterstützung, auch bekannt als der „Blankoscheck“. Mehr noch: Deutschland drängte Österreich zu einem Ultimatum an Belgrad, das Serbien nicht annehmen könne, um dann den Krieg zu erklären und in einer solchen überschaubar kleinen regionalen Auseinandersetzung zu gewinnen.

Nun stellte sich die Frage, ob Russland als die große slawische Schutzmacht zugunsten Serbiens in einen Krieg gegen Deutschland eintreten könne, gefolgt von einem Angriff Frankreichs auf Deutschland, denn Russland und Frankreich waren verbündet. Das kaiserliche Militärkabinett verneinte dies, es glaubte nicht an einen Eintritt der Russen in den Krieg. Dass sich England auf Seiten Russlands und Frankreichs am Krieg beteiligen werde, war in Deutschland nicht als zwangsläufig angesehen worden, zumal sich die deutsch-britischen Beziehungen in den Monaten zuvor verbessert hatten.

Was aber wollte Österreich nun mit Serbien nach einem Sieg anstellen? In einer Ministerratssitzung am 19. Juli 1914 verständigten sich die k.u.k.-Minister darauf, nach Möglichkeit kein serbisches Gebiet zu annektieren, sondern Serbien durch Abtretung großer Gebiete an befreunde Balkanstaaten zu schwächen. Dies wurde ganz gezielt auch an den russischen Außenminister Sasonow mitgeteilt. In Richtung London hingegen ließ die K-u.K.Diplomatie verlauten, sie wisse nicht, was sie nach einem Sieg täte.

Am 14. Juli verständigten sich die österreichisch-ungarischen Minister mit Tisza, Serbien mit einem scharfen Ultimatum unter Druck zu setzen. Dies wurde am 23. Juli in Belgrad übergeben. Es stellte zweifellos eine massive Einmischung in inner-serbische Angelegenheiten dar. So sollte anti-österreichische Propaganda verboten, die Verantwortlichen dafür entlassen und die Hintermänner des Mordes verhaftet werden. Österreichisch-ungarische Organe, wie Kriminaler, sollten sich an der Untersuchung beteiligen dürfen und sogar an gerichtlichen Untersuchungen mitwirken. Gewiss war man in Wien von einer Unannehmbarkeit ausgegangen, denn mit einer konsequenten Umsetzung hätten sich die serbischen Eliten bis hinauf in die Regierung selbst entlarvt. Außerdem war es, wie die serbische Regierung mitteilte, mit der Verfassung Serbiens nicht vereinbar. Begründet wurde das Ultimatum damit, dass sich Serbien den Verpflichtungen gegenüber Österreich-Ungarn, auf Feindschaft zu verzichten, in den letzten Jahren verweigert habe. Zur Überraschung Österreich-Ungarns und Deutschlands nahm Serbien die Forderungen an, abgesehen von den Eingriffen in seine Souveränität durch ausländische Institutionen.

Kaiser Wilhelm sagte dazu erleichtert: „Damit fällt jeder Kriegsgrund weg“. Freilich hat kein Mensch in Wien mit einem Weltkrieg gerechnet, sondern mit einem europäischen Krieg von ungefähr einem halben Jahr Dauer.

Überhaupt war der Kaiser zögerlich. Ich bin mir sicher, dass er keine Beteiligung Deutschlands an einem Krieg wollte, ja dass er ihn entschieden ablehnte. Wilhelm mochte wie sein Vorfahre, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. das Militär in seiner Bewaffnung, seinen Paraden viel zu sehr, als dass er es in einem Krieg verheizt sehen wollte. Tatsächlich nahm die Rolle des Kaisers im Krieg von Jahr zu Jahr mehr ab. Bald hatte er nur noch die Machtfülle des englischen Königs. Kein Wort mehr vom persönlichen Regiment. Ein Kriegstreiber, eine „Bestie von Berlin“ hätte exakt gegenteilig gehandelt.

Deutschland hatte zu jenem Zeitpunkt auch keinerlei Kriegsziele. Diese wurden freilich in den folgenden Jahren formuliert.

Kommen wir auf das Ultimatum zurück: wenn heute ein Spitzenpolitiker der Vereinigten Staaten in Panama unter Beteiligung höchster Offiziere und Beamte jenes Staates ermordet würde, was täten die USA sehr wahrscheinlich? Es wäre eine Invasion zu erwarten, und zwar nicht nach langen Verhandlungen, sondern in wenigen Tagen.

Italien war im Dreibund an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns. Der Außenminister Berchtold unterließ es jedoch mit Absicht, Italien und das 1883 dem Dreibund beigetretene Rumänien von der geplanten Aktion gegen Serbien zu unterrichten, da er voraussah, dass diese ihre Zustimmung nur gegen Kompensationen geben würden. Bereits am 14.Juli ließ der italienische Außenminister wissen, „unsere ganze Politik muss darauf gerichtet sein, jede territoriale Vergrößerung Österreichs zu verhindern, wenn diese nicht durch eine angemessene territoriale Entschädigung Italiens ausgeglichen wird“- Freundschaft sieht anders aus. Die italienische Regierung machte dann auch keinerlei Vermittlungsversuche, sondern verfolgte in erster Linie die Frage möglicher Kompensationen im Falle einer Annexion Serbiens durch Österreich-Ungarn. Das war alles nicht besonders freundschaftlich.

Das scharfe Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien stieß bei der Triple-Entente nicht auf das geringste Verständnis. Der britische Außenminister Edward Grey etwa bezeichnete es als „brüsk, unvermittelt und herrisch“, es überträfe alles, was er bisher in dieser Art jemals gesehen habe. Er setzte auf Vermittlung. Deutschland und England sollten sich zusammen in Wien für eine Verlängerung der Frist einsetzen. Außerdem schlug er vor, dass sich bei einer sich ausweitenden Krise zwischen Österreich-Ungarn und Russland die vier nicht unmittelbar beteiligten Mächte England, Deutschland, Frankreich und Italien vermitteln sollten. Daraus kann man schon erkennen, dass sich England nicht so verhalten hat, als wolle es Deutschland überfallen und klein kriegen.

Der russische Außenminister Sasonow meinte, die harten Forderungen stünden in keinem Verhältnis zu den Versäumnisse, die Serbien vielleicht angelastet werden könnten. Die Zerstörung Serbiens und des Gleichgewichts auf dem Balkan müsse verhindert werden. Russland beschloss für den 24./25. Juli für den Fall einer österreichische Kriegserklärung an Serbien eine Mobilmachung der südwestlichen Militärbezirke. Russland werde sich für eine Verlängerung des Ultimatums einsetzen, um eine eingehende Untersuchung des Attentats zu ermöglichen. Die serbische Regierung antwortete auf das Ultimatum: „Die königl. Regierung hält es selbstverständlich für ihre Pflicht, gegen alle jene Personen eine Untersuchung einzuleiten, die an dem Komplott[von Sarajewo] beteiligt waren. (…).“ Den österreichisch-ungarischen Organen könnte in Einzelfällen Mitteilung von den Ergebnissen gemacht werden.

Die Antwort wurde von den Entente-Mächten als weitgehendes Entgegenkommen gewertet, von Österreich-Ungarn aber als ungenügend und unaufrichtig angesehen. Die deutsche Regierung sah dies ebenso, während Wilhelm II. in der Belgrader Antwort eine „Kapitulation demütigster Art“ erkannte und erklärte: „Damit fällt jeder Kriegsgrund weg“. Ein Kriegstreiber war Wilhelm also nicht! Österreich solle lediglich Belgrad als Faustpfand besetzen, um die Durchsetzung seiner Forderungen zu erfüllen. Diese Reaktion Wilhelms hat die deutsche Regierung allerdings nur unvollständig und damit verfälscht nach Wien weitergeleitet. Ganz aussagekräftig die britische Reaktion:

Am selben 25. Juli folgte die Generalmobilmachung in Serbien und die Teilmobilmachung in Österreich. Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Derweil bemühte sich Großbritannien um Vermittlung.

 

Am 29. Juli meinte der britische Außenminister Grey, Österreich solle nach der Besetzung Belgrads seine Bedingungen bekannt geben, über die verhandelt werden könne. Dieser Vorschlag wurde von der deutschen Regierung nach Wien weitergeleitet, dort jedoch zurückgewiesen. Auch der französische Präsident Poincare lehnte ab – der war übrigens ein Mann, der den Deutschen misstraute und meinte, wer ihnen den kleinen Finger gibt, dem nähmen sie die ganze Hand.

Russland dürfte damit auch nicht einverstanden gewesen sein.

Noch während der laufenden Vermittlungsbemühungen erklärte Österreich-Ungarn am 28. Juli Serbien den Krieg, denn Graf Berchtold wollte jeden Interventionsversuch verhindern und vollendete Tatsachen schaffen. Um die Zustimmung von Kaiser Franz Joseph zu erreichen, erwähnte er einen serbischen Angriff, der in Wirklichkeit wohl nicht stattgefunden hatte. Russland antwortete am 29. Juli mit der Teilmobilmachung, Außenminister Sasonow versicherte dem deutschen Botschafter, dass sich diese Mobilmachung nur gegen Österreich-Ungarn richte und nicht gegen Deutschland. Gleichzeitig bemühte sich Sasonow aber um eine friedliche Lösung unter der Bedingung, dass diese nicht gegen die Souveränität und territoriale Integrität Serbiens gerichtet sei. Er wollte nicht nur verhindern, dass Serbien Gebiete an Österreich-Ungarn abtrete, sondern auch, dass Serbien zu einem Satellitenstaat Österreich-Ungarns werde.

Die französische Regierung bat Russland, möglichst wenig offen und herausfordernd zu agieren, um keine deutsche Mobilmachung zu provozieren. Während der französische Außenminister Viviani aufgeschlossen war für eine Verhandlungslösung, hatte es für Poincare und die Militärführung Vorrang, England zu einer offenen Bündniszusage zu bewegen, um sowohl die Drohkulisse gegenüber dem Zweibund wie die eigene Position im Kriegsfall zu stärken.

Die deutsche Regierung ließ in St. Petersburg mitteilen, dass ein Fortschreiten der russischen Maßnahmen mit einer eigenen Mobilmachung beantwortet werden müsse. Russland ließ aber am 30. Juli das gesamte Heer mobilmachen. Generalstabchef v. Moltke und Kriegsminister Falkenhayn drängten nun auf eine deutsche Mobilmachung, um nicht wertvolle Zeit zu verlieren.

 

Am 30 Juli erfolgte die russische Generalmobilmachung, am gleichen Tag die österreichische. Vergeblich forderte Deutschland Frankreich und Russland auf, nicht mobilzumachen. Während Kanzler Bethmann Hollweg noch zögerte, forderte Moltke seinen österreichischen Kollegen Conrad von Hötzendorf zur Generalmobilmachung auf, die am 31. Juli erfolgte. Am gleichen Tag verkündete Deutschland den „Zustand drohender Kriegsgefahr“ und stellte Russland ein Ultimatum von 12 Stunden, innerhalb derer die russische Generalmobilmachung einzustellen sei. Ein weiteres Ultimatum von 18 Stunden an Frankreich verlangte dessen Neutralität im Fall eines deutsch-russischen Konflikts. Um zu verhindern, dass Frankreich sich anfangs für neutral erklärte und später in den Krieg eintrat, was den Schlieffenplan sabotiert hätte, sollte Botschafter Wilhelm von Schoen die Grenzfestungen Verdun und Belfort als Pfand für eine französische Neutralität verlangen. Dazu kam es aber nicht, denn die französische Regierung antwortete, Frankreich werde „entsprechend seinen Interessen“ handeln.

Nachdem eine russische Antwort ausgeblieben war, ließ Berlin am 1. August das deutsche Heer mobilmachen und erklärte Russland am Abend den Krieg. Da Frankreich die ultimative deutsche Neutralitätsforderung ausweichend beantwortet hatte, folgte am 3. August die deutsche Kriegserklärung an Frankreich.

Der 1. August brachte die deutsche Generalmobilmachung gegen Frankreich und die Kriegserklärung gegen Russland mit sich.  Deutschland erklärte am 3. August Frankreich den Krieg und ließ Truppen in Belgien einmarschieren, um auf diese Art Frankreich besser attackieren zu können. Eben dies ließ Großbritannien den Krieg an Deutschland erklären. Am 6. August erklärte Österreich-Ungarn den Krieg an Russland. Am 8. August erklärte Großbritannien den Krieg an Österreich-Ungarn.

 

Die Rolle Englands: Die britische Wirtschaft wollte keinen Krieg, denn die deutsche Wirtschaft war der größe Handelspartner. König Georg V. wollte keinen Krieg; er versuchte ihn zusammen mit seinem Vetter Heinrich , Prinz von Preußen zu verhindern. Er vertrug sich gut mit Wilhelm II (im Gegensatz zu seinem Vater Eduard VII). Die deutschfeindliche Fraktion im Außenministerium war klein. England fürchtete allerdings einen Gegensatz zu Russland, mit dem es 1878 wegen Afghanistan im Streit war. England wollte auch keine deutsche Hegemonie in Mittel- und Westeuropa dulden, am wenigsten eine deutsche Besetzung Belgiens, also der „Gegenküste“. Gerade 1912 hatten sich die deutsch-britischen Beziehungen wegen der Einigung in bezug auf die Flottenrüstung stark verbessert: die britische Flotte sollte im Verhältnis zur deutsche Flotte 16:10 stehen. Ein Londoner Rothschild war österreichisch-ungarischer Generalkonsul in Großbritannien.

 

Doch mit der Besetzung des neutralen Belgien war ein Rubikon überschritten. Belgien war seinerzeit ein stärker französischsprachiges Land als heute. 1830 hatten sich die katholischen , d.h. wallonischen und flämischen Südprovinzen von den protestantischen Nordprovinzen der Niederlande abgespalten, und sich als Königreich Belgien konstituiert. Die französische Sprache war bevorzugt, es gab nur französischsprachige Universitäten, Unterrichtssprache in den Schulen war ab der Sekundarstufe französisch, niederländische Schulen – ich weiß nicht, wie viele – wurden geschlossen. Bezeichnenderweise hieß die Währung „belgischer Franc“ und war an den französischen Franc 1:1 gekoppelt. So war unter den Belgiern 1914 die Empörung über den deutschen Einmarsch groß.

Auf die deutsche Entscheidung, zur Eroberung Frankreichs, wie im Schlieffenplan vorgesehen, zuerst das neutrale Belgien zu besetzen, drohte Großbritannien mit Krieg. Es war ja die Idee des 1913 verstorbenen Generalfeldmarschalls Schlieffen, deutsche Truppen durchqueren Belgien und fallen der französischen Armee nördlich und westlich von Paris in den Rücken. Militärisch vollkommen logisch, politisch aber schwierig, weil das Franzosen-freundliche Belgien Deutschland den Durchmarsch nicht gestatten würde. Genau so war es dann auch gekommen.

Kanzler Bethmann Hollweg bat den britischen Botschafter Edward Goschen, doch wegen eines „Fetzens Papier“ nicht den Frieden zu brechen – gemeint war die internationale Garantie für die belgische Neutralität aus dem Jahr 1839, die Belgien über 75 Jahre den Frieden erhalten hatte. Diese Zitat wurde dann im englischsprachigen Raum oft verwendet, um Deutschland eine Rücksichtslosigkeit, um nicht zu sagen: Barbarei, nachzusagen.

Großbritannien erklärte Deutschland am 4. August den Krieg.

 

In jenen Tagen gab es nicht nur Kriegsbegeisterung. Gerade in den Tagen vor und nach dem Kriegsausbruch formierten sich auch Demonstrationen im Geist des Pazifismus. Unentschiedene, zweifelnde Menschen hatten keine Möglichkeit, in den Massenmedien wahrgenommen zu werden, oder auch nur Einfluss auf die öffentliche Meinung auszuüben. Die öffentliche Meinung in Deutschland stellte sich vielmehr im August 1914 auf die Seite der Regierenden, da die Deutschen weitgehend der offiziellen Erklärung glaubten, das Kaiserreich sei in den Krieg gezwungen worden und wehre sich lediglich. Darüber hinausgab es  nicht nur in Deutschland, sondern auch in England und Teilen Frankreichs, v.a. in Paris, Kriegsbegeisterung.

Das amerikanische Volk hatte keine Neigung, seine Söhne in eine inner-europäische Auseinandersetzung zu schicken. Woodraw Wilson gewann die Wiederwahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten 1916 mit dem Slogan „He kept us out of war“. Im Grunde genommen gab es vor 1917 auch nur einen Kriegsfilm, der Propaganda für die Sache der Entente machte, während 1916 auch ein entschieden pazifistischer Film auf die Leinwand kam, der als Unterstützung für Wilson gewertet wurde. Anfang 1917 dechiffrierten allerdings die Briten eine Depesche des deutschen Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, Artur Zimmermann. Diese Depesche war an Mexiko gerichtet und enthielt die Zusage, Deutschland werde die Rückeroberung von Arizona und New Mexico unterstützen, falls Amerika in den Krieg einträte. Als die Öffentliche Meinung der USA davon erfuhr, „kochte die Volksseele“ und die Vereinigten Staaten traten in den Ersten Weltkrieg ein – kriegsentscheidend zuungunsten Deutschlands, wie wir heute wissen. Versuche amerikanischer Banken, die USA in einen Krieg hineinzubringen, sind nicht nachgewiesen, wie der Historiker Walter Post vor einer Woche auf Nachfrage erklärte. Deutschlandfeindliche Filme hatten dann erst 1918 oder gar 1919 Premiere.

 

Alles in allem bin ich der Meinung, die seit Jahrzehnten von unterschiedlichsten Historikern so oft vertreten und erläutert wurde: Deutschland ist nicht alleinschuldig. Österreich wollte einen sehr eng begrenzten regionalen Krieg. Keine Macht wollte einen Weltkrieg, alle sind hineingerutscht. Es war geradezu ein Automatismus: das Land X machte mobil, am nächsten Tag reagierte das benachbarte Land Y ebenfalls mit einer Mobilmachung, sei von Teil- oder Gesamtstreitkräften.

 

 

© Dr. Stefan Winckler