Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
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Genie des Spätmittelalters

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Stefan Winckler

Dante Alighieri

 

Anrede,

 

warum Dante Alighieri?

Dante ist der überragende Dichter des späten Mittelalters, einer der Wegbereiter der Renaissance, ein Förderer der italienischen Volkssprache, und ein christlicher Denker und zugleich Kritiker nicht nur des Nepotismus, sondern des weltlichen Herrschafftsanspruchs der Päpste überhaupt. Er war ein Florentiner, sogar ein Florentiner Patriot, aber von den Herrschenden seiner Heimatstadt verbannt. Er plädierte für das universale Reich, hoffre auf Kaiser Heinrich VII. – und war doch ein Italiener, für den das römische Volk und das Imperium Romanum der Augustuszeit das Maß aller weltlichen Dinge war.

Mehr noch: Für Christen, speziell für die Angehörigen der Römisch-Katholischen Kirche, ist Dante interessant, weil Papst Benedikt XV. eine Enzyklika zum 600. Todestag Dantes verfasste, in der er den katholischen Bildungsbürgern das Studium von Dantes Werken empfohlen hat. Denn Dante sei ein sehr bedeutender christlicher Schriftsteller in der Tradition der Kirchenlehrer und insbesondere in der Fortsetzung des Thomas von Aquin gewesen. Das war 1921. Unter dem Titel „In Praeclara Summorum“ ist sie in verschiedenen Sprachen auf www.vatican.va zu finden.

Papst Paul VI. verfasste ein Apostolisches Schreiben anlässlich Dantes 700. Geburtstag 1965.

Ein Bewunderer und Kenner Dantes war auch Papst Leo XIII. (1878-1903) und Papst Pius XI (1922-1939). Angeblich hatte Pius XI. in jungen Jahren die Göttliche Komödie auswendig gelernt – auch wenn das meine Vorstellungskraft übersteigt.

Paul VI. verfasste ein Apostolisches Schreiben anlässlich des 700. Geburtstags von Dante 1965.

Auch Papst Franziskus ehrte Dante.

Abgesehen von der kirchlichen Würdigung ist Dante fast 700 Jahre nach seinem Tode im öffentlichen Bewusstsein noch ausgesprochen lebendig.

Italienreise bemerken es irgendwann – unzählige Straßen in Italien sind nach Dante benannt. „Viale Dante Alighieri“ dürfte einer der häufigsten Straßennamen sein. Und obendrein befindet sich eine solche Dante-Allee häufig in bester Lage. In Mailand ist es die Haupteinkaufsstraße. Auch in kleineren Orten wie Aquileia und Grado in Friaul-Julisch Venetien gibt es jeweils eine Via Dante.

In Deutschland sind die Dantestraßen in München, in Frankfurt, Mainz, Wiesbaden und Leipzig (freilich) kürzer und unscheinbarer.

Dante-Denkmäler stehen in einigen italienischen Städten.

Dante ist auf der italienischen 2-Euro-Münze abgebildet. Zu seinem 750. Geburtstag erschien eine Gedenkmünze zu seinen Ehren im Nennwert von 2 Euro.

 

Unübersehbar ist die Literatur zu Dante und vor allem zu seinem Hauptwerk, der Göttlichen Komödie. Die Deutsche Dante-Gesellschaft hat bislang 87 Jahrbücher über Dante mit wissenschaftlichen Aufsätzen und Rezensionen herausgegeben; die 94. Jahrestagung ist für Herbst 2017 vorgesehen. Es sind über 50 Übersetzungen seines Hauptwerks, der Göttlichen Komödie, ins Deutsche entstanden.

Gebe ich „Dante Alighieri“ in die Suchmaschine google ein, erhalte ich 12.600.000 Hinweise. „Dante“ führt zu 114 Mio. Ergebnissen (da ist eben der Fußballer Dante aus Brasilien, der amerikanische Regisseur Joe Dante und weitere fachfremde Begriffe mitgerechnet). Zum Vergleich: Die Suche nach Goethe bringt 42,6 Mio. Ergebnisse.

 

Der Dante, um den es uns geht, hieß mit Nachnamen Alighieri und entstammte dem niederen Adel. Sein Vorname war Durante, verkürzt Dante. Durante bedeutet „der Ausdauernde“, abgeleitet vom lateinischen „durare“ - „ausdauern, aushalten“. Geboren wurde er Ende Mai 1265 – das genaue Datum wissen wir nicht, lediglich das Sternzeichen „Zwillinge“ hat er selbst angegeben. Sehr wohl wissen wir die Geburtsstadt: Florenz, seinerzeit eine bedeutende Stadtrepublik, die im Hochmittelalter durch die Kämpfe zwischen den Ghibellinen, den Kaisertreuen, und den Guelfen, den Papsttreuen gekennzeichnet war. Mochte es dabei anfangs klare idealistische Überzeugungen gegeben haben, so verschwanden diese allmählich zu reinen Machtkämpfen zwischen den mächtigen Familien. Die Guelfen spalteten sich schließlich in schwarze Guelfen auf, die die ursprüngliche Linie der kaiserfeindlichen Richtung beibehielten, und weiße Guelfen, die ideologisch so weit nicht mehr von ihren ursprünglichen Erzfeinden, den Ghibellinen, entfernt waren. Es ging wohl immer mehr darum, Beute zu machen, Posten zu erringen.

Dantes Eltern starben früh, und abgesehen vom Schulbesuch bei den Dominikanern und Franziskanern war es der bedeutende Philosoph Brunetto Latini, der ihn unterrichtete. Dante war zunächst auf Seiten der Guelfen, er kämpfte für die florentinischen Truppen gegen die Nachbarstadt Arezzo, er war schon in jungen Jahren außerordentlicher Stadtrat, später gewöhnlicher Stadtverordneter und kurzzeitig Mitglied der Stadtregierung. Auch in diplomatischem Dienst stand er. Dante heiratete, er hatte mit seiner Frau mehrere Kinder. Ein Machtwechsel in der Stadt führt dazu, dass Dante, aus persönlicher Überzeugung weißer Guelfe und kaiserlich orientiert, mit seiner Familie aus Florenz verbannt wurde. In der Folgezeit schrieb er die Göttliche Komödie. Seine Versuche, rehabilitiert zu werden, scheiterten. 1321 starb er in Ravenna, wo er begraben liegt. Versuche der Stadt Florenz, den toten Dante „nach hause zu holen“, werden auch heute noch von Ravenna abgelehnt – was nicht verwundert angesichts der Bedeutung Dantes.

Sein erstes großes, frühes Werk trug den Titel „Das neue Leben“ („Vita nuova“) und stammt aus der Zeit vor 1293. Es handelt von der großen Liebe des Erzählers zu Beatrice. Interessanter als die großen Gefühle dürfte sein, dass es sich um ein Prosawerk einschließlich zahlreicher Sonette und anderer Gedichte handelt, das in der Volkssprache, dem Florentiner Italienisch, und nicht auf Latein geschrieben ist. Die Hauptfigur Beatrice wird uns wieder in der Göttlichen Komödie begegnen.

In seiner ausführlichen Abhandlung „Über die Volkssprache“ (De vulgari eloquentia) widmet er sich dem Ursprung der Sprache und den sehr verschiedenen italienischen Dialekten. Nach jener sprachwissenschaftlichen Arbeit wandte sich Dante der politischen Theorie zu. Welche Aufgabe hat der Kaiser, und wo liegen die Grenzen der päpstlichen Herrschaft? Die Frage war höchst aktuell, denn im Mittelalter wuchs die weltliche Macht der Päpste. Im 13. Jahrhundert waren die Päpste die Hauptgegner von Kaiser Friedrich II. , denn dieser war zugleich König von Sizilien, so dass sich der Kirchenstaat exakt zwischen dem heiligen Römischen Reich und Sizilien befand. Verschiedene Päpste hetzten gegen Friedrich mit den Worten, dieser sei der Antichrist. Nur vier Jahre nach Friedrichs Tod starb mit Konrad IV. der letzte Stauferkönig. Es folgte das Interregnum, die kaiserlose Zeit, in der sich Könige und Gegenkönige abwechselten, ohne von allen deutschen Fürsten anerkannt zu sein. Als dann Rudolf von Habsburg 1273 zum deutschen König gewählt wurde, gewann das Reich an Stabilität, doch weder Rudolf noch sein Sohn Albrecht zogen nach Italien, um sich zum Kaiser krönen zu lassen und dabei Privilegien zu erneuern, Frieden herstellen und Gerechtigkeit durchsetzen.

Mit König Philipp dem Schönen nahm die Macht Frankreichs in Europa zu. Philipp, der ja später den Templerorden zerstörte, geriet mit Papst Bonifaz VIII. in einen Streit um die Besteuerung des Klerus. Bonifaz antwortete 1302 mit der Erklärung Unam sanctam, wonach die weltlichen Fürsten dem Papst untergeordnet sein sollten. Das geistliche Schwert werde von der Kirche geführt und das weltliche Schwert werde für die Kirche geführt.

1305 kam die Mehrheit der Kardinäle aus Frankreich, mit Clemens V bestimmten sie einen Nicht-Italiener zum Heiligen Vater. Wir erinnern uns an den Untergang der Templer: Papst Clemens war Franzose und siedelte 1309 nach Avignon über. In den nächsten Jahrzehnten sprachen Chronisten missbilligend vom „babylonischen Exil der Päpste“.

Dante missbilligt Bonifaz, Philipp und Clemens in der Göttlichen Komödie. In seiner politischen Abhandlung De Monarchia geht Dante um 1317 ausführlich auf Papst und Kaiser ein: Der Kaiser und nicht der Papst soll der Weltherrscher sein, dafür habe Gott ihn eingesetzt. Der Papst möge sich auf die geistliche Herrschaft beschränken.

Im einzelnen will Dante zuerst die Frage beantworten: Ist die weltliche Alleinherrschaft, die Kaiserherrschaft zum Heil der Welt notwendig?“ Ja, es bedürfe eines „Hausvaters“, der das Haus regiert. Aber Regieren heißt wohl kaum, dass er schrankenlos herrschen wird. Vielmehr ist, wie das Christentum lehrt, der Frieden unabdingbar zum Wohlergehen der Menschen. Und die Gerechtigkeit ist Aufgabe des Kaisers, wenn er Streit zwischen denjenigen Fürsten schlichtet, die auf gleichem Rang stehen. Überdies ist die Welt am besten bestellt, wenn die Gerechtigkeit am mächtigsten ist. Der Alleinherrscher sei der mächtigste in der Rechtspflege, weil er keine Feinde haben kann. So handelt es sich beim Kaiser um eine Art Schiedsrichter, der im Sinne der christlichen Begriffe von Frieden und Gerechtigkeit für die Menschen eingreift. Er selbst begehrt nichts im Gegensatz zu den Fürsten, denn er ist ja der Weltherrscher und es gibt nichts, was er begehren könne.

Dann kommt Dante auf die Freiheit zu sprechen:

 

Und das menschliche Geschlecht findet sein Glück zumal in der Freiheit. Dies wird durch den Urgrund der Freiheit klar werden. Man muß nämlich wissen, daß der Quell und Grund unsrer Freiheit in der Wahlfreiheit besteht, welche viele im Munde, wenige aber im Verständnis haben; denn sie gelangen wohl so weit, daß sie sagen, die Wahlfreiheit sei das freie Urteil des Willens;

 

Das vernünftige Urteil muss aber den Vorrang haben, vor dem, was der Mensch begehrt. Erst dann kann von freier Entscheidung gesprochen werden. Die Freiheit ist das grösste Geschenk, das Gott der menschlichen Natur verliehen hat. Unter dem Alleinherrscher stehend ist die Menschheit am freiesten. Der Monarch liebt die Menschen und will, dass alle gut werden. Der weltliche Monarch hat sich um das diesseitige Heil der Menschen zu kümmern, die Kirche um das jenseitige. Gegenseitige Achtung und keine gegenseitige Einmischung.

Dante schreibt nie etwas vom „deutschen Kaiser“ in seiner „Monarchia“, vielmehr ist der Monarch übernational, das Oberhaupt der damals bekannten abendländischen Welt. Er knüpft damit an die römischen Kaiser an, die über den Völkern der damals bekannten Welt standen. Auch das Heilige Römische Reich war universal, denn es umfasste neben den Deutschen auch Italiener, Tschechen und einen Teil der Franzosen. Vom „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“ wird erst ab etwa 1500 gesprochen.

Im dritten Kapitel wird dargelegt: Dieser Monarch ist keine Einzelperson, sondern das Römische Volk. Das Römische Volk übernahm rechtmäßig und ohne Anmaßung das Amt des Monarchen. Dem edelsten Volke steht es zu, allen anderen vorgezogen zu werden.

Der Kaiser ist nicht vom Papst eingesetzt, sondern von ihm unabhängig und gleichrangig. Der Kaiser ist von Gott eingesetzt, und der Papst ist es auch.

Diese Ablehnung einer allumfassenden päpstlichen Herrschaft fürhrte dazu, dass der Vatikan die „Monarchia“ auf den Index der verbotenen Bücher setzte, bis Papst Leo XIII. die „Monarchia“ wieder als Lektüre für Katholiken erlaubte.

Wie stand Dante zu den Königen und Kaisern des Heiligen Römischen Reiches?

Rudolf von Habsburg und dessen Sohn Albrecht werden scharf kritisiert, weil sie sich nicht nach Italien begeben haben.

Dantes Hoffnungsträger war der Albrechts Nachfolger, der römisch-deutsche König Heinrich VII. Dieser entstammte der Dynastie der Luxemburger. 1308 gewählt, machte er sich 1310 nach Italien auf, um die Kaiserkrone zu empfangen. Dante erwartete im Sinne des hochmittelalterlichen Kaisertums, dass Heinrich Frieden und Gerechtigkeit bringen soll. Konkret sollte das für Dante bedeuten, dass seine Verbannung aufgehoben wird und er wieder Florentiner Bürger wird. Es bekümmert Dante jedoch, dass Heinrich nicht schnell genug kommen, da er durch Kämpfe in der Lombardei und Ligurien aufgehalten wird. Dies geht aus einem Brief hervor, den Dante an Heinrich schrieb. Der letzte Absatz lautet:

 

Auf denn, laß ab von Deiner Säumnis, Du erhabener Stamm Isais [Vater König Davids], schöpfe Dir Vertrauen aus den Augen Deines Herrn, des Gottes Zebaoth, vor welchem Du handelst, und wirf diesen Goliath [Florenz] mit der Schleuder Deiner Weisheit und mit dem Stein Deiner Kraft danieder; denn bei seinem Fall wird die Macht und der Schatten der Furcht das Lager der Philister bedecken: die Philister [die kleineren Städte Italiens] werden fliehen, und Israel [Italien] wird frei sein. Dann wird unser Erbteil, welches wir ohne Unterlaß als uns beraubt beweinen, uns wiedergegeben werden. Und wie wir jetzt, der hochheiligen Stadt Jerusalem eingedenk, als Verbannte in Babylon, seufzen, so werden wir dann, als Bürger und im Frieden wieder aufatmend, des Jammers der Verwirrung frohlockend uns erinnern.

 Geschrieben in Tuskien an der Quelle des Arno am sechzehnten Tage des Monats April 1311 im ersten Jahre des heilbringenden Zuges Heinrichs, des gotterfüllten, nach Italien.

 

Dantes Hoffnungen wurden enttäuscht. Die Italienfahrt Heinrichs erwies sich als sehr schwierig. Schon in Oberitalien war der Widerstand einheimischer Fürsten und der Städte sehr stark, es wurde gekämpft, und Heinrich machte sich nicht beliebter. Sein Bruder fiel im Gefecht, seine Frau starb an einer Krankheit. Heinrich konnte nicht ins guelfische Florenz kommen, wo dante von ihm eben auch einen persönlichen Vorteil erhoffte, nämlich die Aufhebung der Verbannung und die Rückkehr in die Heimatstadt. Heinrich selbst starb bald nach Empfang der Kaiserkrone im Jahr 1313 an Malaria. Im Dom zu Pisa ist er bestattet.

Sehr interessant für uns ist auch Dantes Brief an die italienischen Kardinäle, den er nach dem Tode von Papst Clemens V. schrieb. Er war zornig darüber, dass nicht Rom, sondern Avignon sich als Sitz der Päpste etabliert, zumal die Italiener wenig Widerstand dagegen geboten hätten. Mehr noch, sie seien treulos und verräterisch geworden:

 

Ihr nun, gleich Hauptleuten der streitenden Kirche vorgesetzt, unbekümmert den Wagen der Braut auf der offenbaren Spur des Gekreuzigten zu leiten, seid gleich jenem falschen Wagenlenker Phaeton aus dem Geleise gewichen und habt, wiewohl es Euch zukam, der nachfolgenden Herde die Wildnisse dieser Pilgrimschaft zu lichten, sie selbst zugleich mit Euch in den Abgrund gerissen. Und nicht zur Nachahmung zähle ich Euch Beispiele auf, da Ihr Rücken, nicht Mienen für das Fuhrwerk der Braut habt, und in Wahrheit diejenigen Priester genannt werden könnet, die sich dem Tempel abkehrten: Euch, die Ihr das Feuer vom Himmel fallen sehet, wo jetzt Altäre von fremdem Feuer erglühen; Euch, die Ihr Tauben in den Tempeln verkauft, wo das, was durch keinen Preis ermessen werden kann, auf verderbliche Weise zum Tauschhandel feilgeboten worden ist. Aber harret der Geißel, harret des Feuers und verachtet nicht die Geduld dessen, der Euch zur Reue erwartet. –

 

Dantes überragendes Hauptwerk war – freilich – die Göttliche Komödie. Inhalt ist der Abstieg des Dichters (Dante) vom Diesseits durch die neun Kreise der Hölle, der Aufstieg auf den Läuterungsberg (d.h. das Fegefeuer) und der Flug durch das All zu Gott. Verfasst wurde es von 1300 bis 1320. Titel war schlichtweg „Commedia“, also Komödie. Damit meinte Dante kein heiteres Theaterstück, sondern ein Werk, das im moralischen Sinne gut endet. Der Zusatz „Göttliche“ kam erst ein paar Jahrzehnte später hinzu dank des Florentiners Boccaccio, dem Dante-Biografen und Autor des Decamerone.

Zur Form: Die Commedia ist im Florentiner Italienisch verfasst und in dreizeiligen Versen, Terzinen, geschrieben. Sie besteht aus 3 Teilen: Hölle, Läuterungsberg und Paradies. Jeder Teil besteht aus 33 Kapiteln, genannt „Gesänge“. Die Zahl drei als die Zahl der Personen Gottes hat damit eine besondere Bedeutung. Ein Prolog ist vorangestellt. Das macht also 100 Kapitel. Hundert galt als Zahl der höchsten Vollkommenheit – zehn mal zehn. Die Zahl der Gebote hoch zwei.

Zum Inhalt: Karfreitag im Heiligen Jahr 1300. Die Hauptfigur ist der Ich-Erzähler, kurz: Dante. Ausgangspunkt ist eine Verzweiflung und konkret eine Orientierungslosigkeit des Dichters. Dante wird in diesem großen , oft schwer verständlichen Werk ungefähr 600 Personen der antiken Sagenwelt, der überregionalen mittelalterlichen Politik, der Florentiner Regionalgeschichte, Heiligen und Seligen begegnen – von denen nur ein Teil allgemein bekannt ist, so dass der Leser geradezu auf Erläuterungen angewiesen ist.

Die Übersetzung von Karl Streckfuß, ca. 1830, beginnt mit den Worten:


Erster Gesang

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.

Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen,
Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
Schon der Gedank’ erneuert noch mein Zagen.

Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;
Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu künden,
Sag’ ich, was sonst sich dort den Blicken bot.

Der Dichter ist offenbar orientierungslos in seinen mittleren Jahren. Er ist vom Christentum abgekommen, er steht mitten in der „Welt“. Ein akuter Zustand der Verzweiflung ist erreicht. Wie soll es weitergehen? Ihm begegnen dann drei furchterregende Tiere: ein Panther, ein Löwe und eine Wölfin. Der Panther steht für die Sinnenlust, der Löwe für den Hochmut und die Wölfin für Habgier und Geiz. Die Wölfen verweist aber auch auf Rom – wo die Wölfin ja im Stadtwappen ist und wo der Papst seinen Sitz hat. Der Papst strebte nach weltlicher Macht und das wiederum war Habgier zum Schaden Italiens.

So ist er von den Untugenden bedroht. Da kommt nun möglicherweise eine Rettung: ein Mann, oder besser: der Schatten eines Mannes.

Und jener sprach:

 

Nicht bin, doch Mensch war ich;
Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich.

Eh’, spät, die Römer sich dem Julius beugten,
Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
Zur Zeit der Götter, jener Trugerzeugten.

Ich war Poet und sang Anchises’ Sohn,
Der Troja floh, besiegt durch Feindestücke,
Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion.

 

Und du – du kehrst zu solchem Gram zurücke?
Was bleibt die freud’ge Höhe nicht dein Ziel,
Die Anfang ist und Grund zum vollen Glücke?"

"So bist du," rief ich, "bist du der Virgil,
Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?

 

Es ist tatsächlich Vergil, der römische Dichter, der von 70 v. Chr bis 19 v. Chr. lebte, also zur Zeit Caesars und der Erhebung des Machthabers

Octavian zum Kaiser Augustus. Augustus wurde zu Lebzeiten eine Symbolfigur von Frieden und Stabilität. Nicht zuletzt wurde Jesus unter der Herrschaft des Augustus geboren.

Vergil schuf die Äneis, das Epos von der Flucht des Aeneas aus Troja nach Italien, wo er zum Stammvater der Römer wird.

Gesendet wird Vergil von Beatrice, von der wir im Paradies-Abschnitt mehr erfahren werden:

 

Mich, nicht in Höll’ und Himmel aufgenommen,
Rief eine Frau, so selig und so schön,
Daß ihr Geheiß mir wert war und willkommen.

 

Und dieser Vergil als alter weiser Mann wird Dante auf eine Pilgerfahrt ins Jenseits führen.

 

"O Dichter," Sprach ich jetzt zu ihm, "ich flehe
Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt,
Daß diesem Leid und schlimmerm ich entgehe,

Bring’ an die Orte mich, die du genannt,
So, daß ich Petri Tor erschauen möge
Und jene, wie du sprachst, zur Qual verbannt."

Da schritt er fort, ich folgte seinem Wege.

 

Vergil ist Heide, aber so etwas wie der Kenner der Vergangenheit. Und das ist die Antike mit ihrer Geschichte und ihren Sagen.

Diese Pilgerfahrt führt zunächst in die Hölle, die sich der spätmittelalterliche Mensch im Erdinneren vorstellte. Die Hölle ist wie ein Trichter angelegt, der zum Erdmittelpunkt hinunterführt. Sie besteht aus neun Ebenen, „Kreise“ genannt. Je tiefer Dante und Vergil steigen, desto grässlicher sind die Strafen, die sie dort an den Sündern vollstreckt sehen. Diese Sünder bereuen nicht, daher werden sie bis in alle Ewigkeit bestraft.

Zunächst schreiten Dante und Vergil durch ein Tor, auf dem geschrieben steht: lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.

 

Zunächst begegnen ihnen in einer Art Vorhölle die „Lauen“, die Unentschiedenen, die weder gut noch böse sind, sondern auf ihr eigenes Wohl bedacht:

 

Dort hob Geächz, Geschrei und Klagen an,
Laut durch die sternenlose Luft ertönend,
So daß ich selber weinte, da’s begann.

(…) Dies Jammervolk, das niemals lebend war,
War nackend und von Flieg’ und Wesp’ umflogen,
Und ward gestachelt viel und immerdar.

Tränen und Blut aus ihren Wunden zogen
In Streifen durch das Antlitz bis zum Grund,
Wo ekle Würmer draus sich Nahrung sogen.

 

Die beiden kommen an den Fluss Acheron, wo sie den Fährmann Charon treffen.

 

Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei,
Ein Greis, bedeckt mit schneeig weißen Haaren.
"Weh euch, Verworfne!" tönte sein Geschrei.

 

Wir sind hier also mitten in der altgriechischen Unterwelt angekommen.

Im ersten Kreis sehen dante und Vergil die großen Dichter der Antike Homer, Horaz, Lukan und Ovid. Sie sind hier, weil sie als Heiden in der Zeit vor Christi Geburt nicht in den Genuss der Erlösung kommen. Ebenso Caesar, Plato und Sokrates, Euklid, Diogenes, Seneka – eine Elitenversammlung der heidnischen Antike. Merkwürdigerweise befindet sich hier auch Saladin, der ja einem anderen monotheistischen Glauben und einer anderen Zeit angehört.

Der zweite Kreis, dominiert vom Höllenrichter Minos, ist für die Wollüstigen reserviert, für Semiramis, Helena, Paris, Kleopatra.

 

Im dritten Kreis:

 

Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen
Die Nacht dort zu durchzieh’n in wildem Guß;
Stank qualmt die Erde, die’s empfängt, entgegen.

Ein Untier, wild und seltsam, Zerberus,
Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter muß.

 

Hier leiden die Gefräßigen, während im vierten Höllenkreis die Verschwender und die Geizigen einsitzen. Also nicht wirkliche Verbrecher, die gegen Strafgesetze verstoßen, sondern maßlose Menschen. Im fünften Kreis ist die Höllenstadt Dis alles andere als einladend, die Bewohner reagieren etwas aggressiv auf Dante und Vergil. Im sechsten Kreis erleiden die Ketzer ihre Strafe:

 

Und ich: Verkünde, Meister, wer sind jene,
Die, hier begraben, sonder Ruh’ und Rast
Vernehmen lassen solches Schmerzgestöhne?

Und er: "Hauptketzer hält der Ort umfaßt,
Und die den Sekten angehangen haben,
In größrer Zahl, als du gerechnet hast-

Denn Gleiche sind zu Gleichen hier begraben,
Und mehr und minder glüht jedwedes Mal–
Er sprach’s, worauf wir rechtshin uns begaben,

Fortschreitend zwischen hoher Mau’r und Qual.

 

Allen vorab büßt hier der Philosoph Epicur, der die Unsterblichkeit leugnete. Auch ein Papst ist hier, Anastasius II, der sich kurz vor 500 Ostrom annäherte.

Mit dem siebten Kreis beginnt die innere Hölle, in der die Gewalttäter gefangen sind. Der bekannteste unter den Mördern ist Hunnenkönig Attila. Dann kommen Dante und Vergil in den Wald der Selbstmörder, also diejenigen, die Gewalt gegen sich selbst verübten. Die Selbstmörder sind in Sträucher verwandelt worden. Einer, Petrus von Vinea, war einst Kanzler Kaiser Friedrichs II. Von Dante befragt, blickt er auf sein Leben zurück. Gotteslästerer verübten Gewalt gegen Gott, Sodomiten gegen die Natur. Sie befinden sich in einer Sandwüste, wo Feuerzungen auf sie herabregnen. Der achte Kreis, Übelbuchten genannt, ist außerordentlich interessant, weil hier u.a. eine Kritik an einigen seinerzeitigen Klerikern geübt wird: nämlich den Simonisten, die kirchliche Ämter gekauft oder verkauft haben, oder allgemeiner: die geistliche mit weltlicher Macht verquickt haben. Papst Nikolaus III, den Dante in seiner Jugend erlebte, war sehr an Besitz und an der Förderung seiner Verwandten interessiert. Diese Simonisten stecken kopfüber in Felsspalten, auf ihren Fußsohlen brennen rote Flammen (also die Umkehrung der Flammen auf den Häuptern der Apostel zu Pfingsten). Auch Clemens V. wird erwähnt, zu schlechter'm Werk erweckt, ein Hirt vom Westen - Clemens war Franzose. Ansonsten werden Kuppler, Verführer, Schmeichler, Dirnen, Zauberer, Wahrsager hier bestraft.

Im neunten Kreis sind die Verräter bis zum Kopf in einem See eingefroren. An der untersten Stelle, im Erdmittelpunkt, sitzt Satan, quasi der Ober-Verräter, der Gott verraten hatte, und was tut er? Er zermalmt in seinen drei Mäulern die bekannten Verräter Judas, Brutus und Cassius (der Komplize des Brutus bei der Ermordung Caesars). Und gerade auch er hat nicht mit Feuer zu tun, wie wir wohl erwarten würden, sondern er steckt – im Eis!

Ihr ahnt es, alleine über diesen inneren Bezirk des Infernos mit seinen Insassen und Strafen ließe sich ein Vortrag halten!

So wie das Inferno kraterförmig nach unten reicht, so ragt der Läuterungsberg nach oben. Ein Rundweg um den Berg bis zum Gipfel steht Vergil und Dante bevor. Hier ist nun Buße und Bewährung für die sieben Todsünden angesagt: Hochmut, Jähzorn, Neid, Habgier, Wollust, Völlerei und Trägheit) angesagt. Den Höllenkreisen entsprechen sieben Terrassen. War das Inferno das Gefängnis, so ist der Läuterungsberg die Besserungsanstalt, wo bereut wird.

Auf der ersten Terrasse quälen sich die Stolzen mit großen Steinen auf dem Rücken, die sie am aufrechten Gang hindern. Gebeugt schleichen sie dahin. Auf der zweiten Terrasse sind den Neidern die Augen zugenäht, außerdem tragen sie erdfarbene Kleidung. Auf der dritten Terrasse gehen die Zornigen im sauren Rauch umher. Auf der vierten Terrasse müssen die Trägen andauernd umher rennen. Die Habsüchtigen liegen auf dem Boden der fünften Terrasse. Die Maßlosen dürfen auf der sechsten Terrasse nichts essen und trinken. Auf der siebten Terrasse brennen die Wollüstigen in einer gigantischen Flammenwand. Die schwersten Sünden werden unten gebüßt, und je weiter die Sünder nach oben steigen, desto mehr haben sie ihre Sünden gebüßt.

Dante erwähnt im Abschnitt über den Läuterungsberg den Untergang der Templer. Hugo Capet, der erste Kapetinger auf dem Thron Frankreichs, beklagt die Herrschaftspraktiken seiner Nachkommen:

 

Den grimmigen Pilatus seh’ ich schrecken
Und, noch nicht satt, ihn, ohne Kirchenschluß,
Die gier’ge Hand nach Kirchengütern strecken.

Gott, was säumt dein Rächerarm? Was muß
So lang’ an mir gerechter Unmut nagen?
Die Frevler strafend, stille den Verdruß! –

 

Sehr treffend auch die Übersetzung von Richard Zoozmann 1921:

 

  Seh Wut den neuen Pilatus so befeuern, 
Daß Nimmersatt er höhnt des Rechtes Sache, 
Zum Tempel gierigen Segels hinzusteuern.

    O Herr, wann seh ich froh, daß deine Rache 
(Verborgen noch nach deinem bessern Meinen) 
Aus deines Zornes Langmut auferwache?

 

Mit anderen Worte: Philipp sei ein neuer Pilatus, der entgegen dem Kirchenrecht zum Räuber an den Templern wird. Die Strafe Gottes werde folgen. Wohl wahr!

 

Nun tritt Dante in das Paradies ein. Vergil als Heide kann Dante nun nicht mehr begleiten und führen. Vergil tritt ab. An seine Stelle tritt Beatrice, von Dante auf Erden geliebt, früh verstorben, in den Himmel versetzt und seine Führerin. Sie hat durch Fürbitte bei Gott die Gnade erwirkt, dass Dante schon zu Lebzeiten das Jenseits durchreisen darf. Uns siehe da:

Hier haben wir die Ausrichtung auf Gott, den es am Ende zu schauen gilt. Die Sünden sind vergangen, vielmehr werden hier die Kardinaltugenden erörtert. Uns begegnen Heilige, die als Kirchenlehrer überragend sind.

Zum Anfang:

 

Der Ruhm des, der bewegt das große Ganze,
Durchdringt das All, und
diesem Teil gewährt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze.

Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt, -
War ich und sah, was wiederzuerzählen
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt.

 

Dante durchquert neun Sphären: Mond, Merkur, Sonne, Venus, Mars, Jupiter, Saturn und den Fixsternhimmel und schließlich den sog. Kristallhimmel, Gottes unmittelbare Umgebung.

Zuerst erreicht er die Sphäre des Mondes, des nächstgelegenen Himmelskörpers. Dort trifft er die Seelen derer, die aus Gründen einer gewaltsamen Entführung ein hohes Gelübde nicht eingehalten haben: also Nonnen, die dem Kloster entrissen worden waren. Piccarda, eine Zeitgenossin Dantes aus Florenz ist die eine, die Kaiserin Konstanze die andere. (Konstanze, die Schwiegertochter Friedrich Barbarossas, war in Wahrheit aber nie im Kloster!)

In der Merkursphäre erklärt der oströmische Kaiser und Gesetzgeber Justinian die römische Geschichte – der Aufstieg Roms zur Weltherrschaft habe Gottes Willen entsprochen.

Im Venushimmel spricht König Karl Martell von Anjou, ein Zeitgenosse und Freund Dantes, was es mit Gottes Fügung, den Planeten und den Menschen auf sich hat. Gottes Weisheit teilt sich als Kraft den Planeten mit. Die Planeten sind Ausdruck der göttlichen Vorsehung. Sie steuern die Erbanlagen des Menschen so, wie es für eine heilsame Ordnung notwendig ist. Die Willensfreiheit des Menschen gestattet allerdings einen gewissen Freiraum jenseits der Erbanlagen (vgl. Joseph Strelka: Dante und die Templergnosis, S. 192).

Die Sonne, hier noch den Planeten zugerechnet, beherbergt zwölf große Männer der Weisheit aus unterschiedlichen Epochen: Thomas von Aquin, Albertus Magnus, König Salomo, der Philosoph Boethius, Isidor von Sevilla und andere mehr. Thomas von Aquin ist es auch, der das Lob der Ordensgründer Franz von Assisi und Dominikus ausspricht. Aber der Orden der Domikaner sei seinen Lehren untreu geworden:

Doch deine Herd’ ist jetzt nach neuer Speise
So lüstern, daß sie üppig hüpft und springt
Und sich zerstreut und irrt vom rechten Gleise.

Kurz darauf beklagt auch der Franziskaner Bonaventura Verfallserscheinungen in einem Orden. Bonaventura war der Nachfolger des Franz von Assisi. Er trägt außerdem die Lebensgeschichte des heiligen Dominikus vor. Von den hier auftretenden Theologen dürften Hrabanus Maurus, der in Fulda und Mainz wirkte, sowie Anselm von Canterbury die bekanntesten sein.

Im Marshimmel finden Glaubenskrieger und Märtyrer ihre Plätze, so Caccioguida, ein Vorfahre Dantes, der am 2. Kreuzzug teilnahm.

 

Zu Jupiter, dem Sinnbild der Gerechtigkeit und des Ausgleichs unter dem Planeten, gehören die „guten“, die gerechten Herrscher: König David, Kaiser Trajan, König Hiskia, Kaiser Konstantin, der normannische König von Sizilien Wilhelm der Gute sowie die griechische Sagengestalt Ripheus .

Erstaunlich: der Römer Trajan war Heide, wie wird er zum Seligen im Himmel? Das Gebet von Papst Gregor dem Großen soll ihn aus der Hölle befreit und in den Kreis der Seligen erhoben haben, nachdem er sich zum Christentum bekannt hatte.

Außerdem werden hier die ungerechten, untugendhaften Fürsten aufgeführt In einer Anklageschrift wird Christus im Jüngsten Gericht sie beim Namen nennen. Wie heißt es da über Philipp den Schönen:

 

Auch Frankreichs Schmerz wird aufgezeichnet stehen

In den es durch den Münzverfälscher fällt

Der durch des Ebers Stoß wird untergehen.

 

Denn es war Philipp, der durch Ein- und Neuschmelzen der Münzen den Wert des Geldes verringerte, und der durch den Stoß eines Wildschweins bei der Jagd den Tod fand. Um einen römisch-deutschen Fürsten zu nennen: König Albrecht, der Sohn des Rudolf von Habsburg und Zeitgenossen Dantes, wird sich wegen seines Kriegs mit Böhmen 1304 verantworten müssen:

 

Da steht von Albrecht was ihn anzuklagen

schon bald die Feder schreibt: Dass Böhmerland

verheert bis seine Fluren wüste lagen

 

Im Saturnhimmel, der von der Erde am weitesten von allen damals bekannten Planeten entfernt ist, sind folglich die Weltflüchtigen, die Einseidler zuhause. Dante begegnet Petrus Damiani, Abt im Kamadulenserkloster von Fonte Avellana, abgelegen in den Appeninnen. Petrus Daminani war ein Vorkämpfer der clunizansischen Reform der Kirche, also gegen die Verweltlichung/Verwahrlosung und für die Askese eingestellt. Doch wie waren manche Kleriker der Dantezeit verglichen mit den Aposteln?

Petrus war mager einst und unbeschuht,
Paulus ging so einher in jenen Tagen
Und fand die Kost in jeder Hütte gut.

Die neuen Hirten, feist, voll Wohlbehagen,
Sieht man gestützt, geführt und schwerbewegt,
Und hinten läßt man gar die Schleppe tragen.

Wenn übers Prachtroß sich ihr Mantel schlägt,
Sind zwei Stück Vieh in einer Haut beisammen.
O göttliche Geduld, die viel erträgt!"

 

 

So waren hier auf dem Planeten die Seligen erschienen. Die Heiligen brauchen den Einfluss der Planeten nicht mehr. Sie sind gewissermaßen eine Stufe höher.

Im Fixsternhimmel fordern die bedeutendsten Apostel Dante zu einer Glaubensprüfung. Zunächst fordern sie von ihm eine Begriffsbestimmung des Glaubens, die er geben kann.

Im neunten Himmel, dem Kristallhimmel ersetzt Bernhard von Clairvaux die Führerin Beatrice. Für uns interessant, denn Bernhard war ein äußerst wichtiger Förderer des Tempelritterordens in Frankreich.

Schließlich darf Dante Gott schauen – der Höhe- und Schlusspunkt. Der dreieinige Gott erscheint nicht personal, sondern als Kombination dreier Kreise in drei Farben. Einer der besten Dante-Experten, Prof. Manfred Hardt schreibt dazu in seiner Erläuterung:

„Was sich in Worten sagen lässt, ist dies: in dem ewigen Licht zeigt sich, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Hier sieht der unwiderstehlich gefesselte Blick den Mittelpunkt des Alls, in dem alle Fäden zusammenlaufen, alle Gegensätze zwischen Wesentlichem und Zufälligem, Notwendigem und Möglichen sich ausgleichen, in dem deren innerer Zusammenhang begründet ist und wo zur Vollkommenheit geeint ist, was in der Welt der Zeitlichkeit sich als Stückwerk zerstreut findet. Das geschärfte Auge erkennt schließlich in diesem göttlichen Lichte – ohne dass dessen unwandelbares Wesen sich verändert hätte – das Bild der Dreieinigkeit in Gestalt dreier an Größe gleichfarbiger Kreise. Wie der Sohn vom Vater, der Geist von beiden ausgeht, so strahlt hier, regenbogengleich, der zweite das Licht des ersten, der dritte das der beiden anderen wider. In dem zweiten erscheint dann, in seinem eigenen himmlischen Lichte, eine Menschengestalt: das Bild des menschgewordenen Gottessohnes. Vergebens bemüht sich der Verstand, dies höchste und tiefste Geheimnis zu ergründen; das Wesen der dreieinigen Gottheit, die Idee des Gott-Menschen sind der Vorstellung unerreichbar, der nicht mit der Vernunft, sondern mit inbrünstiger Hingabe des Willens erfasst sein will. Damit, dass der Wille sich alsbald folgsam und liebend der göttlichen Liebe ergibt, ist das Ziel der mystischen Wanderung erreicht“.

 

Papst Benedikt XVI. erklärte, dieses letzte Kapitel der Göttlichen Komödie habe ihn zu seiner Enzyklika „Gott ist die Liebe“ inspiriert. Im Innern des Paradieses sei das Licht, „das zugleich die Liebe ist, die Sonne und Sterne bewege“. – „Licht und Liebe sind ein und dasselbe, gemeinsam sind sie die stärkste Schöpfungskraft, die das Weltall in Bewegung hält.“

Und dennoch: das tiefste Innere dieses Lichtes sei nicht etwa ein noch gleißenderes Leuchten, ein noch helleres Scheinen, sondern das zarte Gesicht eines Menschen, das dem Seher der Göttlichen Komödie da auf seiner Suche entgegen trete. Dies sei „etwas vollkommen Neues und für den griechischen Philosophen Unvorstellbares“.

Die Wahrnehmung eines menschlichen Antlitzes – des Antlitzes Jesu Christi –, das Dante im Innern des innersten Geheimnisses Gottes erkenne, sei „noch viel bewegender als die Offenbarung Gottes in der Form des dreifaltigen Kreises von Erkenntnis und Liebe. Gott, das unendliche Licht, dessen unermessliches Geheimnis vom griechischen Philosophen intuitiv erfahren wurde, dieser Gott besitzt ein menschliches Gesicht.“


 

© Dr. Stefan Winckler