Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
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Diplomatie im Wandel

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Stefan Winckler

 

Wiener Kongress und Versailler Vertrag. Zwei unterschiedliche Wege des Umgang mit dem Besiegten. Vortrag in Deggenhausertal, Juli 2015

 

 

Der Russlandfeldzug Napoleons 1812 hatte gezeigt, dass Bonaparte besiegbar war. Preußen und Russland verbündeten sich 1813 im Vertrag von Kalisch gegen Frankreich, Österreich zögerte und schloss sich wenig später an. In der Völkerschlacht bei Leipzig erlitt Napoleon eine entscheidende Niederlage, seine deutschen Verbündeten, die Rheinbundstaaten, verließen ihn. Der Wechsel der Rheinbundstaaten in die Koalition mit Österreich, Preußen und Russland war das Werk Metternichs, das notwendig war, um Frankreich zu besiegen. Russische, preußische und österreichische Truppen zogen siegreich 1814 in Paris ein. Der erste Pariser Frieden vom 30. Mai 1814, den die Sieger Großbritannien, Russland, Preußen und Österreich gemeinsam diktierten, beendete die Feindseligkeiten und beschränkte Frankreich auf das Territorium vom 1.1.1792, plus Saarbrücken, Landau, Mühlhausen und Avignon. Dieses Datum war nicht zufällig gewählt, sondern bezeichnet den Beginn der Revolutionskriege. Somit richtete sich der erste Pariser Frieden nicht nur gegen das Frankreich Napoleons, sondern auch gegen die Ergebnisse der Französischen Revolution. Hatten nicht die Französische Revolution und Napoleon für 23 Jahre Unruhe und Krieg in Europa herbeigeführt? Daher die Rückgabe der in den Revolutionskriegen und napoleonischen Kriegen eroberten und annektierten Gebiete an die Sieger. Frankreich brauchte keine Kriegsentschädigung zahlen, sehr zum Unwillen Preußens, und keine geraubten Kunstwerke zurückgeben (außer der Quadriga). Bezeichnenderweise war der Unterzeichner auf französischer Seite König Ludwig XVIII., der Bruder Ludwigs XVI. Die Thronbesteigung eines Bourbonen, von den Siegern gefördert, kennzeichnet den Versuch, die althergebrachten Fürsten aus vorrevolutionären Zeiten wieder zu installieren, weil sie die legitimen Herrscher seien. Restauration bedeutet, die alten territorialen Verhältnisse wiederherzustellen. Die milden Friedensbedingungen sollten Ludwig helfen, sich zu behaupten. Von ihm waren kaum neue Kriege zu erwarten.

Derweil wurde Napoleon auf Betreiben des Zaren Alexander auf die Insel Elba verbannt. Näheres und weiteres übertrugen die Vertragspartner des ersten Pariser Friedens einem Kongress der europäischen Mächte in Wien. Nun waren die traditionellen Monarchen unter sich, und es galt, die Beute aufzuteilen und einen mittel- bis langfristigen Frieden zu schaffen. Zu diesem Zweck versammelten sich Sieger und Verlierer im Palais am Ballhausplatz am 18. September 1814. Ungeachtet der zerrütteten Finanzen gab der Staat 16 Millionen Gulden für Bewirtung und Bespaßung aus. Einer der Teilnehmer, Feldmarschall Fürst von Ligne, prägte den Satz: „Der Kongress tanzt, aber er bewegt sich nicht“. Kommentar dazu: Ich würde jedoch die Begegnungen in den Ballsälen und Salons nicht gering schätzen, denn gerade dort entstanden Sympathie und Antipathie, es wurden Gedanken ausgetauscht, inoffizielle Bündnisse abgesprochen.

200 Staaten schickten Delegierte, was uns an KSZE und UNO erinnern lässt. 100.000 Besucher tummelten sich insgesamt in Österreichs Hauptstadt. Damit war es der erste umfassende Friedenskongress sei dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, seit den Friedensschlüssen zu Münster und Osnabrück.

Tatsächlich aber gab es Arbeit genug: welche europäischen Staaten soll es überhaupt geben? Was ist mit den geistlichen Territorien, in denen ein Erzbischof oder ein Ritterorden die Macht ausübten?

Ein geheimer Zusatzartikel des Pariser Vertrages hatte festgelegt, dass sich die Siegermächte Russland, Großbritannien, Österreich und Preußen zuvor treffen und beratschlagen, wie der Kongress zu organisieren sei. Sie einigten sich auf eine Vielzahl von Einzelverhandlungen in Ausschüssen, anstelle einer riesigen parlamentarischen Versammlung.

Welches Verhandlungstalent der französische Außenminister Talleyrand hatte, zeigte sich in der ersten Zusammenkunft der Vertragspartner des Friedens von Paris. Seine Linie war, sich keinesfalls als Vertreter einer Verlierermacht vorführen zu lassen. So störte er sich beim Lesen eines Vertragsentwurfs an dem Begriff „Verbündete“. Bestehe denn noch Krieg – so Talleyrand – und wenn ja, gegen wen? Wohl nicht gegen Napoleon, denn der sei ja auf Elba in Verbannung. Nicht gegen Frankreich, denn man habe ja Frieden geschlossen. Und ganz bestimmt nicht gegen den Partner des Friedensvertrags, Ludwig XVIII. Die Vertreter der Großen Vier entgegneten, es läge keine böse Absicht zugrunde. Man habe den Begriff nur der Kürze wegen gewählt. Daraufhin Talleyrand: „Kürze darf nie auf Kosten der Genauigkeit erkauft werden“. Zugleich verweigerte er die Anerkennung aller Abmachungen der Großen Vier vor Kongressbeginn. Auch damit setzte er sich durch, denn die Siegermächte wollten Frankreich nach dessen Systemwechsel möglichst wenig schaden. Ein belasteter Monarch Ludwig XVIII., ohnehin unbeliebt, wäre Wasser auf Napoleons Mühlen gewesen. Als wäre sein Widerspruch nicht genug: Talleyrand verärgerte die Großen Vier zusätzlich dadurch, dass er den anderen Kongressteilnehmern den geheimen Zusatzartikel von der bevorzugten Stellung der Großen Vier bekanntmachte. Sein Motto: Es dürfe keine Schiedsrichterrolle bestimmter Mächte geben! Bahn frei für Recht und Gerechtigkeit, Schluss mit napoleonischen Methoden – als ob er nicht selbst Napoleons Außenminister gewesen war. Nun aber zählte die Gegenwart. Kein Wunder, dass ihn nun kleinere Staaten als ihren Beschützer sahen.

Dass seine Bedeutung über die reine Politik hinaus groß war, wird anhand eines witzigen Wettbewerbs deutlich, den er in die Wege geleitet hatte. Die Teilnehmer sollten bestimmen, welches Land wohl den besten Käse hervorbringt. Es gewann Frankreich mit dem Brie de Meaux, sinnigerweise der „König der Käse“ genannt.

Was waren die Interessen der Großmächte? Russland wollte seine eroberten Gebiete behalten. Um Polen zu erhalten, schlug Zar Alexander vor, Polen wieder zu vereinen (1795 war es zum dritten Male aufgeteilt worden). Es würde ein Verfassungsstaat in Personalunion mit Russland, also mit dem russischen Zaren als König von Polen. Großbritannien bestand mehr denn je auf der Balance of Powers in Europa, dem Gleichgewicht der Kräfte, und sah mit Misstrauen ein allzu starkes Russland. Um Russland in Schach zu halten, bevorzugte Großbritannien ein starkes Preußen. Russland hätte gerne gesehen, wenn ein (befreundetes) deutsches Kaiserreich mit Franz an der Spitze wieder entstanden wäre. Angesichts der Vielzahl von Nationalitäten im Österreich und der Weigerung der ehemaligen Rheinbundstaaten, Souveränität abzugeben, kam es aber nicht zu einer Neu- oder Wiedergründung des Reiches.

Großbritannien wollte, dass die gegenüber der Insel liegenden Küste möglichst in Freundeshand bleiben sollte: mit anderen Worten, das heutige Belgien solle den befreundeten Niederlanden zugeschlagen werden. Preußen hatte den letzten Verbündeten Napoleons, den sächsischen König, in Kriegsgefangenschaft genommen und noch immer festgehalten. Zweifellos war Sachsen Kriegsverlierer. Preußen forderte nun, ganz Sachsen annektieren zu dürfen, und hatte dafür die Unterstützung Russlands, das Sachsen noch besetzt hielt und gleichzeitig Preußen von Polen fernhalten wollte.

Metternich behagte ein so großes Preußen unmittelbar an der Grenze zu Österreich nicht, und auch gegen ein weit vorgeschobenes zaristisches Imperium hegte er Vorbehalte.

Was wurde aus den geistlichen Territorien und insbesondere den Ritterorden? Der Malteserritterorden forderte die Insel Malta vergeblich zurück. In den deutschen Landen selbst erhielt der Malteserorden sein früheres Territorium in Heitersheim/Breisgau nicht wieder zurück. Es war 1806 auf französischen Befehl an das Großherzogtum Baden gelangt. Überhaupt war der Wiener Kongress für die Geistlichkeit eine Enttäuschung. Der Deutsche Orden erhielt seine Besitzungen in Westdeutschland nicht wieder zurück, wo sie ihm 1809 auf Betreiben Napoleon entzogen worden waren. Standorte wie Bad Mergentheim und Münnerstadt, bislang Residenzstädte, sanken zu Provinzstädtchen herab, die wirtschaftlich geschwächt waren. Die geistlichen Kurfürstentümer wie Mainz, Köln und Trier wurden nicht wiederbelebt. Vielmehr kam Mainz an Hessen-Darmstadt, Trier und Köln an Preußen. Zweifellos war eine „Flurbereinigung“ nötig, das Heilige Römische Reich mit seinen ungefähr 790 Einzelstaaten hatte ja einem Flickenteppich geähnelt, und nun waren 35 einigermaßen lebensfähige Staaten und vier Stadtstaaten geschaffen.

Zu den einzelnen territorialen Veränderungen:

Österreich verzichtete auf das Gebiet des heutigen Belgien, wohl deshalb, weil sie einfach zu weit von Wien entfernt waren. Diese Fläche, von Katholiken besiedelt, kam an das grösstenteils protestantische Königreich der Niederlande. Stattdessen erweiterte Österreich sein Gebiet um Tirol, zuvor bayerisch, und Salzburg. Norditalien kam unter habsburgische Herrschaft, darunter Lombardo-Venetien als Königreich sowie Parma, übrigens mit der gebürtigen Habsburgerin und Napoleons Gattin Marie Louise als Herzogin (die Ehe war auf Weisung von Kaiser Franz getrennt, ungeachtet der Gefühle der Eheleute, versteht sich). Auch Galizien war österreichisch. Also: tendenziell eine Erweiterung nach Süden und Osten. So kamen Österreich und Preußen nicht in Konkurrenz.

Polen: Der südliche Teil des Siedlungsgebietes der Polen ging an Österreich, Krakau wurde freie Stadt unter dem Schutz Österreichs, Preußens und Russlands, genauer: eine Republik, ein Verfassungsstaat. Der russische Zar erhielt das Kernland Polens um Warschau als Königreich. Der westliche Teil des polnischen Siedlungsgebiets geht an Preußen.

Die Schweiz wurde in den Grenzen von 1813 als eigenes, souveränes Land außerhalb des Deutschen Bundes bestätigt, und erhielt Wallis, Genf, Neuenburg, das geistliche Fürstentum Basel und Biel.

Italien: König Ferdinand IV., ein Bourbone, wurde auf Betreiben Talleyrands wieder als König beider Sizilien in Neapel eingesetzt. Im Gegenzug unterstützte Frankreich Englands Initiative, den Sklavenhandel abzuschaffen (ein Beispiel für das Gewinnen von Verbündeten in Sachfragen).

Portugal gibt die Kolonie Guyana in Südamerika an Frankreich zurück.

Es fällt auf, dass die Republik Genua nicht wiederhergestellt wurde, ebenso wenig die noch bedeutendere, reiche Republik Venedig. Beide verfügten bis zu ihrer Zerschlagung durch Napoleon über eine jahrhundertealte Tradition. Offenbar wurden am Ziel der Restauration Abstriche gemacht, wenn sie größeren Mächten entgegenstand. Genua kam an das Königreich Piemont-Sardinien.

Die Deutsche Frage:

Bayern wurde nach Nord-Nordwesten verschoben. Nach den Gebietszuwächsen unter Napoleon um Nürnberg kamen nun auch Aschaffenburg, früher mainzerisch, und das Fürstbistum Würzburg hinzu sowie das alte Stammland der Wittelsbacher, die linksrheinische Pfalz. Bayerns Wunsch, die Pfalz über eine Landbrücke mit dem Untermain zu verbinden, Frankfurt oder gar Mainz zu bekommen, gingen nicht in Erfüllung. Die Erweiterung nach Nordwesten war die Entschädigung für Bayerns Gebietsverlust im Süden: 1814 musste es Tirol und Salzburg an Österreich abgeben.

Preußen, mehrheitlich protestantisch besiedelt und unter protestantischer Krone, erhielt zum Unwillen Bayerns Trier, und das katholische Rheinland, das bislang mit Berlin überhaupt nichts zu tun hatte, und fungierte fortan als die „Wacht am Rhein“ gegen Frankreich. Preußen konnte ebenfalls den Norden Sachsens mit Halle, Torgau, Eilenburg und Merseburg behalten: 40 Prozent Sachsens! Dennoch bildete das stark verkleinerte Kgr. Sachsen einen Puffer gegen das starke Preußen, denn Österreich fürchtete einen Einmarsch Preußens über das Erzgebirge in Böhmen. Mit dem Rheinland war Preußen gut belohnt und konnte seine Truppen aus dem Rest Sachsens zurückziehen.

Hannover, im Alten Reich Kurfürstentum, wird zum Königreich erhoben. Preußen und Hannover tauschen kleinere Gebiete untereinander. Preußen gibt eine Anzahl Dörfer mit insgesamt 50.000 Seelen an den Großherzog von Weimar ab.

Fulda gibt einige Dörfer an Preußen und an Hanau ab. Wetzlar geht an Preußen.

Art. 45 der Congress-Akte legt die Rente des ehemaligen Fürstprimas fest. Gemeint ist Carl Theodor zu Dalberg, einst letzter Kurfürst von Mainz und anschließend Großherzog von Frankfurt und Kanzler des Rheinbundes – beides von Napoleons Gnaden.

Der Landgraf von Hessen-Homburg wurde wieder restituiert.

Unter dem Eindruck von Napoleons Rückkehr war ein erneutes Mitwirken der ehemaligen Rheinbundstaaten gegen den Franzosen notwendig. Diese nutzten dies aus und setzten sich mit ihren territorialen Forderungen und vor allem ihrem Selbständigkeitsdrang weitgehend durch.

Am wichtigsten ist jedoch die Gründung des Deutschen Bundes (Art. 53): „Die souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands (…) vereinigen sich zu einem beständigen Bunde, welcher der deutsche Bund heißen soll“. Sein Zweck ist die Erhaltung der äußeren und inneren Sicherheit Deutschlands sowie der Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der einzelnen deutschen Staaten. „Alle Bundesglieder haben als solche gleiche Rechte“. Sie entsenden je einen Vertreter zur Bundesversammlung, deren Vorsitz Österreich einnimmt, auch „engerer Rat“ genannt. Zu bestimmten Fragen erweitert sie sich zur Plenarversammlung, in der die Stimmrechte etwas stärker nach der Größe der Bundesstaaten gewichtet sind. Die Bundesversammlung, auch Bundestag genannt, hatte ihren Sitz in Frankfurt, Palais Thurn und Taxis. Näheres regelten die Bundesakte von 1815 und die Wiener Schlussakte von 1820.

Sowohl der preußische Delegierte Hardenberg als auch Metternich strebten ein ziemlich stark zentralisiertes Deutschland als bundesstaatliche Ordnung unter Führung Preußens und Österreichs an, gefolgt von Bayern, Württemberg und Hannover. In der Regierung hätten Preußen und Österreich über je zwei Stimmen verfügt, die drei kleineren Staaten über jeweils eine. So hätten Preußen und Österreich zusammen alle dominieren können. Diese Pläne scheiterten am Widerstand der Mittelstaaten wie Bayern und Württemberg sowie den Kleinstaaten, die auf ihre Souveränität pochten und nicht als zweitklassige Staaten in einem vereinten Reich aufgehen wollten. Was dann schließlich beschlossen wurde, war ein loser Bund der Fürsten und wenigen freien Städte. Es gab also kein Diktat Preußens und Österreichs, sondern eine Kompromisslösung, die den früheren Rheinbundstaaten entgegenkam. Der Fürstenbund konnte als Deutscher Bund keinem Nachbarstaat gefährlich werden, bildete freilich ein Defensivbündnis. So war einer gesamtdeutschen Übermacht in Europas Mitte vorgebeugt. In jedem Falle war der Deutsche Bund ein Bollwerk gegen ein weiteres Vordringen der potentiell auf Ausdehnung bedachten Mächte Frankreich und Russland und im Sinne von Metternichs Gleichgewichtspolitik.

Freiherr vom Stein, der Reichspatriot, setzte sich für einen Kaiser an der Spitze ein. Kaiser Franz von Österreich ließ sich mit Blick auf seine außerdeutschen Nationalitäten im Kaisertum Österreich nicht darauf ein. Stein, dem die Russen die Verwaltung der von ihnen besetzten Gebiete übertragen hatte, wollte diese Verwaltung als Keimzelle eines stärker vereinten Deutschlands nutzen. Er drang nicht durch, er blieb ohnehin auf sich alleine gestellt. Wenigstens geht Art. 13 der Bundes-Akte auf ihn zurück, wonach in „allen Bundesstaaten eine landständische Verfassung stattfinden“ solle. Stein kritisierte,

„der Deutsche wird also sein Blut vergießen für seinem Lande fremde Streitigkeiten, wenn sein Fürst sich mit Frankreich oder England gegen eine andere Macht verbindet“.

 

Die Rückkehr Napoleon 1815 von Elba nach Paris war nach 100 Tagen mit der Niederlage in Waterloo beendet. Der nachfolgende zweite Pariser Frieden warf Frankreich auf die Grenzen von 1790 zurück. Diesmal aber waren 700 Mio. Franc Kriegsentschädigung zu zahlen, auch die Raubkunst war zurückzuführen. Es war insbesondere der Gleichgewichts-Diplomat Castlereagh, der einer massiven Schrumpfung Frankreichs widersprach, denn dies hätte wiederum die friedenssichernde Machtbalance in Europa gestört, nun zuungunsten Frankreichs. Auch sollte König Ludwig XVIII. sein Gesicht vor den Franzosen bewahren, und nicht schon wieder Anlass einer Revolution sein. Zur völligen Gleichberechtigung Frankreichs mit der Quadrupelallianz von Russland, Österreich, Preußen und England kam es 1818, nach Tilgung der Reparationen.

 

Fassen wir Zusammen: der Hauptverlierer und die kleineren Verlierer waren in Wien an den Verhandlungen beteiligt. Frankreich, nun wieder Königreich und damit den anderen Monarchien in Bezug auf die Staatsform ähnlich, wurde weitgehend geschont. An eine Friedensordnung dachte zunächst Zar Alexander: eine Heilige Allianz, bestehend aus ihm, dem österreichischen Kaiser und dem preußischen König (die „drei schwarzen Adler“), die in christlichem Geist der Nächstenliebe brüderlich zusammenhalten und ihre Völker wie Familienväter regieren – mit Liebe, notfalls aber auch streng. In der Praxis sollte die Heilige Allianz bedeuten, dass sich die Monarchen gerade auch gegen Revolutionen beistehen. Alle Monarchen wurden eingeladen, diesem Bündnis beizutreten, und das taten sie auch, bis auf den Vatikan (der mit Christen anderer Konfession keine Verbindung einging, schon gar nicht auf Augenhöhe) und dem Osmanischen Reich, das bekanntlich ein mehrheitlich islamischer und von einem muslimischen Sultan regierter Staat war. England trat nicht bei, weil sich das Konzept der Heiligen Allianz nicht vollständig mit der englischen Verfassung vereinbaren ließe – auch wenn der englische Prinzregent (Vertreter des Königs) Sympathien äußerte. Frankreich als Verlierer war zunächst ausgeschlossen, kam aber 1818 (von der Quadrupelallianz zur Pentarchie) hinzu. Talleyrand schlug seinerseits keinen christlichen Bund vor, sondern eine Ordnung, die auf Recht und Gerechtigkeit beruhte.

Die Vertragspartner von Wien gingen von einem Frieden von zehn Jahren - „wenn wir Glück haben“ aus – es vergingen hundert Jahre, in denen ein großer europäischer Krieg zwischen den Großmächten vermieden wurde. „Wien“ blieb kein isoliertes Ereignis, vielmehr fanden Folgekongresse in Aachen, Verona, Troppau und Laibach statt, um eventuelle Einsätze gegen Freiheitsbewegungen, Revolution, Verfassungsgebung u.ä. zu beraten. Antreiber dazu war meist der russische Zar als „Gendarm Europas“.

 

Ganz anders der Vertrag von Versailles einhundert Jahre später. Die Verlierermacht Deutschland war von den Verhandlungen ausgeschlossen, sondern lediglich vorgeladen, um die Friedensbedingungen zu akzeptieren. Damit dies geschah, drohten die Ententemächte mit Einmarsch – und behielten ohnehin die Seeblockade, seit Kriegsanfang bestehend und hunderttausende Todesopfer fordernd, aufrecht. Es konnten keine Lebensmittel importiert werden. Dass Deutschland die Staatsform geändert hatte und nun eine demokratische Republik wie Frankreich war, nützte nichts. Die Sieger unternahmen keinen Versuch, ein neues System zu unterstützen. Im Gegensatz zu 1814 hatte Deutschland die alleinige Kriegsschuld anzuerkennen – der Wiener Kongress hatte seinerzeit noch eindeutig zwischen der Revolution, Napoleon und Frankreich unterschieden. 1919 galt allerdings das Motto: „Der Verlierer zahlt alles“ (Frederick Taylor: Inflation. Der Untergang des Geldes in der Weimarer Republik und die Geburt eines deutschen Traumas. München 2013, S. 28), denn die parlamentarisch bestimmten Regierungen Großbritanniens und Frankreichs wollten wiedergewählt werden, und hatten selbstverständlich kein Interesse daran, sich durch Steuererhöhungen bei ihren Völkern unbeliebt zu machen. So wälzten sie die Lasten auf Deutschland ab, und das dauerhaft in Form gigantischer Reparationsforderungen (wie gut war doch Frankreich hundert Jahre zuvor davongekommen!).

Wie Reichskanzler Graf Hertling 1918 dazu sagte, wolle Deutschland im Fall eines Sieges im Westen Gebiete annektieren – eine Forderung, die nachdrücklich die Oberste Heeresleitung und anfangs auch zahlreiche Politiker erhoben haben! Ein Sonderfall waren die Wünsche des bayerischen Königs Ludwig III, Bayern um das Elsass zu erweitern! Pläne, benachbarte Staaten zu Satelliten zu machen, gab es - Staatssekretär Helfferich sagte bereits 1916, dass Deutschland seine Kriegskosten auf die Verlierer abwälzen wolle. Es gab also auch auf deutscher Seite Wünsche und Pläne, die eindeutig geeignet waren, eine langfristige Wiederannäherung der Kriegsgegnern zu verhindern. Das Wort von der "Torheit der Regierenden" (Barbara Tuchman) kommt in den Sinn. Eben diese Tendenzen haben deutsche Autoren in den Debatten nach 1918/19 freilich verschwiegen. Zweifellos hätte ein Sieg der Mittelmächte sehr viel Ungerechtigkeiten mit sich gebracht, denn auch sie hätten kurzsichtige Machtpolitik anstatt weitsichtiger Verantwortungspolitik betrieben.

Völlig undenkbar waren bei den Friedensgesprächen 1919 gesellschaftliche Ereignisse auch mit den Verlierern, um den Frieden zu feiern oder auch nur das gerade erwähnte gemeinsame Essen. Unendlich schlecht war auch, dass aus dem Versailler Vertrag keine dauerhafte Friedensordnung hervorging, die Europa einen Frieden gebracht hätte wie im 19. Jahrhundert.

Der Vergleich zeigt sehr rasch auf: die Friedensordnung von Wien hielt einhundert Jahre, soweit wir das gesamte Europa als Bezugsrahmen nehmen. In Bezug auf Deutschland: immerhin 50 Jahre. Kriege in Europa waren seinerzeit weit weniger Koalitionskriege zwischen verschiedenen Bündnissen wie im 18. Jahrhundert, sondern beschränkten sich örtlich und zeitlich auf wenige Beteiligte. Bsp.: Frankreich gegen Deutschland 1870/71. Eindeutig geographisch begrenzt war auch der Krimkrieg: Russland auf der einen Seite, das Osmanische Reich, Frankreich, England und Sardinien auf der anderen, keine Beteiligung Österreichs und Preußens! Im Jahrhundert zuvor, im 18. Jahrhundert, kämpfte hingegen vorzugsweise ein Bündnis gegen ein anderes, etwa im Österreichischen Erbfolgekrieg. Auch waren diese Kriege ausgesprochen langwierig – Stichwort: Schlesische Kriege, Siebenjähriger Krieg. Erst recht nach dem Revolutions- und napoleonischen Kriegen wollten die Völker und die Staatsmänner eines: Frieden.

Der Vertrag von Versailles schuf, wie wir wissen, nur für 20 Jahre Waffenstillstand. Gerade in den 1920er Jahren hatte Deutschland unter Besatzung und Einmarsch schwer zu leiden, außerdem kam es zu Grenzkämpfen vor allen mit den Polen um schlesische Gebiete.

Schon bald nach 1919 zeigte sich bereits der Brite David Lloyd George gemäßigter und zugänglicher als der hasserfüllte „Tiger“ (wie er genannt wurde) George Clemenceau. Neun Mitglieder der amerikanischen Delegation traten zurück, weil sie die „Friedensbedingungen“ nicht mittragen wollten!

Wie schlecht der Versailler Vertrag tatsächlich war, wurde nach 1926 deutlich, als sogar der Brite Sir Austin Chamberlain und der Franzose Aristide Briand, beide Außenminister, immer mehr vom Geist der Feindschaft und der Rache Abstand nahmen und Deutschland allmählich weitere Rechte zugebilligt wurden, etwa in Bezug auf Reparationen. Hier ist Gustav Stresemann als deutscher Außenminister ausdrücklich zu loben.

 

Fazit: Soll ein Friede dauerhaft sein, so müssen Sieger und Besiegte in mündliche Verhandlungen eintreten und möglichst im Konsens die Probleme zu lösen versuchen. Zweifellos ist die angesichts der öffentlichen Meinung in den entsprechenden Völkern und den Medien nicht oder nur schwer möglich, anders als 1814/15, als die Fürsten und ihre Delegierten „unter sich“ waren und keine Rücksichten auf die Völkern nehmen mussten – der Nationalismus war erst in einem frühen Stadium oder im Entstehen begriffen. Die Situation nach dem Ersten Weltkrieg war angesichts des Hasses gegen die Mittelmächte anders – die demokratisch entstandenen Regierungen wollten wieder gewählt werden und nahmen Rücksicht auf die Stimmungen im eigenen Volk. Die Demütigung Deutschlands begünstigte den Aufstieg Hitlers und seiner perversen Weltanschauung. Hitler hätte in der Monarchie keine Chance gehabt, politisch nennenswert in Erscheinung zu treten und seine Bewegung wäre auf den quantitativ unerheblichen lunatic fringe beschränkt gewesen.

 

 

Anmerkung:

 

Der Vortrag wurde frei gehalten, war aber an diese Ausarbeitung inhaltlich stark angelehnt.

 

 

© Dr. Stefan Winckler