Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Medien gegen Extremismus im 20. jahrhundert

 

Stefan Winckler

Der Publizist Johannes Gross. Ein Beitrag zur Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland

Johannes Gross, am 6. Mai 1932 im Westerwälder Dörfchen Neunkhausen bei Bad Marienberg geboren, wuchs in Marburg auf, wo sein Vater als Uhrmacher im eigenen Laden wirkte. Schon in der Schule war der „Jonny“ in besonderem Maße aufgeweckt: Die Mitschüler staunten immer wieder über die Brillanz seiner Aufsätze, so dass er eine große Wertschätzung genoss. Lehrer, gaben ihm die besten Noten – so jedenfalls gibt ein einstiger Klassenkamerad seine Erinnerung auf Anfrage wieder. Anschließend studierte Gross Jura und Philosophie ebenfalls in Marburg. Zusammen mit dem zehn Jahre älteren Rüdiger Altmann gründete er die Zeitschrift Civis, die Theoriezeitschrift des Rings Christlich-Demokratischer Studenten. Nach dem Studium übernahm er die Korrespondentenstelle der täglich erscheinenden Deutschen Zeitung in Bonn und bald darauf deren Politik-Ressort. Mit 30 Jahren war er in dieser Hinsicht ein junger Aufsteiger, wie z.B. Gerhard Löwenthal ein Jahrzehnt zuvor, Leiter des Ressorts Politik des Deutschlandfunks und mit 36 Jahren Chefredakteur der Deutschen Welle. Als ihn der Rundfunkrat der DW durch die Beigabe von vier Stellvertretern „einrahmen“ und politisch im Sinne des Parteienproporzes zähmen wollte, kündigte er schweren Herzens fristlos und übernahm am folgenden Tag die Chefredaktion der Geldanlage-orientierten Zeitschrift Capital, die er durch gesellschaftspolitische Beiträge bereicherte. Später war Gross auch Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift Impulse, die sich an Unternehmer richtete.

Einem breiten Publikum wurde Gross allerdings als Moderator der Bonner Runde im ZDF bekannt (1977-1984); dies war die fast schon legendäre monatliche Diskussion der damaligen Parteivorsitzenden von SPD, CDU, CSU und FDP. Auf Dauer wirkte die Debattensendung aber langweilend – nicht auf die Zuschauer, sondern auf den Gastgeber. Zu vorhersehbar waren ihm die Aussagen der Politiker.

Mehrere geistreiche, elegant provozierende Monografien verfasste er neben seiner journalistischen Tätigkeiten: Die Deutschen (1967/1992), Absagen an die Zukunft (1974), Unsere letzten Jahre (1980), Phönix in Asche (1989), Wie das Wunder in die Jahre kam (1994), Die Begründung der Berliner Republik (1995). Zuletzt: Nachrichten aus der Berliner Republik (1999).

Vielen Lesern dürfte Gross auch als Aphoristiker im wöchentlichen Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Erinnerung sein. Rund 3500 Aphorismen hat er veröffentlicht.[1]

Gross zeigte sich, weniger national als strikt freiheitlich und anti-egalitär orientiert, als scharfsinniger Kritiker neu-linker Ideen wie beispielsweise der Demokratisierung.[2] Diese werde immer nur in Bezug auf Institutionen und Gruppen in den westlichen Ländern gefordert, nicht aber für die (dies eigentlich viel stärker bedürfenden) Staaten im sowjetischen Machtbereich. „Demokratisierung“ diene „fast immer der Bauernfängerei und dem Selbstbetrug“, meine gar nicht Herrschaftserringung des Volkes (demos), sondern „nur Verlangen sehr weniger, die der Allgegenwart des Wortes und den Prozess der Demokratisierung selbst besorgen. Demokratisierung der römisch-katholischen Kirche, der Universitäten und Schulen, der Wirtschaft etc. hat nämlich nicht Demokratie im Sinn (…) sondern bezweckt regelmäßig ganz anderes: neue Einflussprivilegien für eine neue, an der Macht bisher nicht oder nicht genügend beteiligte Gruppe“ - also Oligarchie. Daher sei Demokratisierung in einer Demokratie rückschrittlich.[3]

Die Polemik gegen die Leistungsgesellschaft, getragen von der auf Systemüberwindung bedachten „Freizeitgesellschaft an den Hochschulen“, gelte v.a. den „,Experten‘, die nicht leicht für den Umsturz zu gewinnen sind“; wohlgemerkt: bezeichnenderweise richte sie sich gegen Leistungsträger in westlichen Systemen, nicht im Sozialismus.[4] Der Zustand der Bundesrepublik Deutschland in den frühen 1970er Jahren sei gekennzeichnet durch das Bröckeln der jahrhundertealten öffentlichen Moral, indem Pornografie öffentlichkeitsfähig werde, Eltern, Lehrer, Professoren und Polizei in Frage gestellt werden – und diese Autoritäten zurückweichen.[5] 

Gross wandte sich darüber hinaus gegen die zahlreichen und fast schon all-umfassenden Reformbestrebungen, neuen Politikfelder und neuen politischen Begriffe, die spätestens nach 1969 an Bedeutung gewannen[6]: „Medienpolitik“ sei nichts anderes als eine Verschleierungsvokabel die für eine Ausweitung journalistischer Mitbestimmung zu Lasten der Verleger stehe – zweifellos ein linkes Projekt.[7] Gross rügte bereits in den 1970er Jahren eine mangelnde konservative Programmatik der CDU, da er u.a. ihre „Sozialausschüsse“ als übermäßig mächtig einschätzte.[8] Gross stellte sich mit seinen Einstellungen, darin Axel Springer mit seiner pro-atlantischen Haltung ähnlich, eindeutig gegen eine Neutralisierung[9] der alten Bundesrepublik, und bekannte sich „politisch unkorrekt“ als Gegner von Quotenregelungen.[10] „Neue Politik“ wie etwa Umweltpolitik war nicht Grossens Sache: „Die Utopie wandelt sich zur Alternative mit dem Ziel der innerweltlichen Selbsterlösung des Menschen. Dazu gehören eine Lust nach Armut, das Verlangen nach Emanzipation als Freistellung von Zwängen der Sozialstruktur und der Trieb nach Umweltschutz, der nur oberflächlich erklärbar ist durch seine unzweifelhafte Rationalität, der in Wahrheit abstellt auf eine Art Heiligsprechung der Natur. In den Katalog politischen Handelns lässt sich dergleichen nicht aufnehmen“.[11] Diese Stellungnahme überrascht, denn beginnend mit Bayern 1970 richteten die Bundesländern Umweltministerien ein – und ist nicht der Naturschutz, verstanden als Bewahrung der Schöpfung, ein zutiefst konservatives Anliegen?

Gross‘ Einstellung zu den Veränderungen in der Bundesrepublik Deutschland im sozialliberalen Jahrzehnt 1970-1980, jenes Unbehagen, soll wegen ihrer ironisch-eleganten Zuspitzung ausführlich zitiert werden. Die 1970er Jahre hätten „als das Jahrzehnt der Verheißungen begonnen, als das der Enttäuschungen gingen sie zu Ende. Das gilt für alle Seiten: für die linken Utopisten, die noch schneller mit ihrem Latein am Ende waren, als sie es in den Schulen abschaffen konnten, wie für die konservativen Beschwerdeführer, die aus dem Scheitern ihrer volksbeglückenden Gegner auf eine Tendenzwende schlossen; ein Kater macht aber noch keine Bekehrung. Die Kulturrevolution lief, Bürokratie geworden, weiter, niemand hatte ein Gegenkommando gegeben, keine Viererbande wurde enttarnt. Ein barbarischer Affekt gegen Besitz und Bildung, Gesetz und Gesittung war in die Pädagogik eingedrungen, zum Prinzip des Kulturbetriebs geworden und geblieben: ein provinzieller Rückgriff aufs Vergangene, Antiwestliche, eine Burschenherrlichkeit von links, echt deutsch und durch kein Stirnrunzeln der älteren, der umerzogenen Generation aus der Welt zu schaffen. Die politische Opposition verhält sich konstruktiv nach dem Motto: ,Nachgeben ist seliger denn Übelnehmen“.[12] An anderer Stelle: Die SPD sei „nicht glücklich mit Willy Brandt, der so viele Hoffnungen erweckt hat, ohne wesentliche zu erfüllen“.[13] Die CDU biete keine ernstzunehmende Alternative: In Westeuropa sei die Christliche Demokratie nach dem Abgang Adenauers, Schumans und de Gasperis noch immer im Abstieg begriffen. Die FDP? Gross betonte die grundsätzlichen Vorzüge einer dritten Partei, die eine alleine nicht mehrheitsfähige sozialistische oder christliche Partei in personeller wie programmatischer Hinsicht benötige. Bemerkenswerterweise hob er keinen einzigen Politiker der FDP oder einen Programmpunkt hervor[14] – ein Zeichen der Unzufriedenheit mit ihrer seinerzeitigen Politik an der Seite der SPD? Konservativ ist die Kritik von Johannes Gross an der – wie er meint – allzu schwächlichen Bekämpfung des Terrorismus: „jahrelanges Zögern, Leugnen einer politischen Gefahr, Aufatmen und konsequenzlose Beruhigung nach jedem Einzelfall (…). Politik, Justiz und Polizei sind gegen den Terrorismus noch immer nicht gerüstet“.[15] Bürgerinitiativen der späten siebziger Jahre seien immer gegen etwas gerichtet, wollten Behörden- oder Parteienmaßnahmen verzögern oder verhindern, seien geprägt von gekränkten Menschen, angeführt von eigennützigen Personen, von Manipulierern oder politischen Nutznießern wie z.B. Kommunisten umgeben, und enthielten „am Rande der Wissenschaft Publizierende“ oder „evangelische Junggeistliche auf der Suche nach Legitimation ihrer Existenz“[16] Gross sah die Regierungszeit von Brandt/Scheel und Schmidt/Genscher gekennzeichnet durch eine allzu soziale und linksliberale Politik, die auf unterschiedlichen, wenn nicht gar allen Politikfeldern Schäden nach sich gezogen hatte. So z.B. vermehrte Krankmeldungen aufgrund einer großzügigen Lohnfortzahlungsregelung. Gross resümierte, „mit der allgemeinen Liberalisierung hatten sich Anarchie und Terror erhoben, die dann die Enzliberalisierung provozierten – am Ende steht ein Rechts- und Geisteszustand, der die Ära des angeblich konservativen Adenauer als Idealbild freiheitlicher Träumer erscheinen läßt![17]

Das Selbstbestimmungsrecht sei unteilbar, so Gross. Während es der evangelische Weltkirchenrat ausdrücklich den Schwarzen im seinerzeit noch portugiesischen Angola zubillige, müsse es selbstverständlich auch für die Völker östlich des Eisernen Vorhangs gelten, über die die politisierten Theologen kein Wort verloren hatten. Gross nannte dieses Ausweichen eine „feige Rücksicht auf den weltpolitischen Status Quo, das Bedürfnis, sich der üblichen lateinamerikanisch-afroasiatischen Blickverengung im Hinblick auf die Menschenrechte gefällig zu erweisen“.[18]

Wie Gerhard Löwenthal und Elisabeth Noelle-Neumann widersprach Gross der von linken Schriftstellern wie Günter Grass und Heinrich Böll wiederholt aufgestellten Behauptung, das „rechte“ oder „konservative“ Lager sei in den Medien stark, ja: zu stark vertreten. Die konservativen seien nicht einmal durch das zu definieren, wofür sie stünden, sondern nur durch die sie einigende Gegnerschaft zum Sozialismus. Im Gegensatz zu den Konservativen seien die linken Parteien stärker in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten vertreten, und sie (die Linken) verstünden es auch, sich gemeinsam zu präsentieren (etwa in Form von Sammelbänden).[19] Gross verzichtete allerdings darauf, sich als eine Art Einzelkämpfer oder Schwimmer gegen den Strom darzustellen. Im Zusammenhang mit schriftstellern war Gross schon 1967 davon überzeugt, dass die deutsche Literatur (er nannte keine Namen) das Vorhandensein vorzüglicher Eigenheiten der Bundesrepublik wie die politische Stabilität und den im Wachsen begriffenen Sozialstaat völlig bestreite. Diese Haltung ähnelt Löwenthals Kritik an den noch von ihm zusätzlich (es war die Zeit terroristischer Mordanschläge) der übermäßigen Staatsferne, ja Staatsfeindlichkeit bezichtigten Literaten der 1970er Jahre, stammt allerdings von 1967 und ist damit älter als der Baader-Meinhof-Terrorismus. Mehr noch: Die Schriftsteller seien Außenseiter, und wollten es auch sein (es ließe sich hier auf die Gruppe 47 schließen). „Aber da die Literaten, die von Politik wenig verstehen und wenig verstehen müssen, eine starke Neigung haben, Politisches auszusagen, was meistens zu Texten von nicht sehr hoher Qualität führt, so entsteht ein absurder Dialog zwischen Politikern, die keine Sprache mehr haben, und Literaten, die sich zum Amt politischer Ratgeber und moralischer Mahner der Nation genötigt fühlen“.[20]

Was die Interpretation der Zeitgeschichte betrifft, so stand Gross (kaum überraschend) als Konservativer im Gegensatz zu marxistischen Deutungen. Konservatismus und Faschismus sind nicht geistesverwandt: „Wo Faschismus irgendwo bedeutend aufgetreten ist, lag schon völlige Erschöpfung des Konservatismus vor“. Es kann auch keine Sympathie für den Faschismus, der im Übrigen nicht mehr drohe (Faschismus als Epochenphänomen war auch eine Hauptthese von Ernst Nolte!) geben: „Der Faschismus ist wesentlich negativ; er kennt Feinde, aber keine Zukunft. Die positiven Ziele sind artifiziell und beliebig (…). Heute ist Faschismus nur in wenigen Fällen möglich (…)“.[21]

Was unterschied ihn von Gerhard Löwenthal, seinem ZDF-Kollegen und guten Freund? Während sich beispielsweise Löwenthal als bekenntnisfreudiger Fernsehmoderator und häufig als polemischer Kolumnist im Deutschland-Magazin in die politisch-publizistischen Debatten einmischte, war Gross der mit hervorragenden geisteswissenschaftlichen Kenntnissen ausgestattete distanzierte, feinsinnige Betrachter. Daher wirkte er, der in der Sache Löwenthals Einstellungen etwa zur Friedensbewegung[22] oft teilte, „sanfter“, gemäßigter. Kaum vorstellbar, dass Gross Wahlkampfreden gehalten hätte, oder dass er sich zu Franz Josef Strauß bekannt hätte; mag sein, dass er der Bildungsbürger war, dem  populistische, schrille Töne nicht lagen. Seine Sache war es weit eher, im Hintergrund zu wirken: So arbeitete er beispielsweise mit Rüdiger Altmann Bundeskanzler Ludwig Erhard als Berater zu. Seine Parteimitgliedschaft in der CDU war nur eine Episode, zumal ihm die journalistische Unabhängigkeit wichtiger war.

Gross war ein Publizist der alten Bundesrepublik Deutschland und eindeutig für die Westbindung eingestellt. Der Unterschied zu Matthias Walden und Gerhard Löwenthal, den Berlinern, lag darin, dass sich Gross, stets im Einzugsgebiet des Rheins lebend, der Lage der Deutschen in der DDR explizit weniger widmete (abgesehen vom Herbst 1989, als das Thema DDR nicht mehr auszublenden war). So handelte sein Buch „Die Deutschen“ aus dem Jahr 1967 hauptsächlich von der Verfassungswirklichkeit in der Bundesrepublik.

Zugleich fand Gross die Selbstdarstellung und die politische Leistung der Bundesrepublik Deutschland reziprok zu ihrer unbestritten beträchtlichen Wirtschaftsleistung. Als Chefredakteur von Capital griff Gross bevorzugt Gesellschaftspolitik aus Unternehmerperspektive auf. Zugleich fehlte ihm, der die ironische Zuspitzung liebte und zahlreiche Aphorismen im Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Rubrik „Notizbuch“ ersann, die im ZDF-Magazin so leicht erkennbare Anspannung (um nicht zu sagen: Verbissenheit) und der missionarische, advokatorische Zug Löwenthals, sei es in Bezug auf Europa oder bezüglich der DDR.  Mochte Gross auch massive Kritik üben (siehe oben), so war er auch diesbezüglich weit gelassener. So schrieb er 1980: Der linke SPD-Flügel sei aufgrund seiner mangelnden Qualität keine Aufregung wert; und wenn er sich mit Kommunisten verbünde, schwäche er sich nur selbst.[23] Ähnlich seine Meinung zu Egon Bahr, ebenfalls eine Zielscheibe von Löwenthals Besorgnis. Bahr besäße gar nicht die Bedeutung, die „ihm seine zahlreichen Gegner andichten. Bahr ist ein altmodischer, linker Patriot, genauer: ein Mann, dessen Ziel seit langem die Wiederherstellung der nationalen Einheit ist“.[24]

Es überrascht angesichts dieser entschieden freiheitlich-konservativen Positionen nicht, dass fast die gesamte Redaktion des Stern geradezu in einen Aufstand geriet, als der Verlag der Zeitschrift Capital Gruner + Jahr nach der Hitler-Tagebuch-Affäre Johannes Gross als Chefredakteur (zusammen mit Peter Scholl-Latour) dieser betont linksliberalen Zeitschrift installieren wollte. Die Stern-Mitarbeiter befürchteten eine politische „Kursänderung“ durch den nach ihrer Meinung „erzkonservativen“ Gross. Zahlreiche Stern-Leser unterstützten den Widerstand durch Leserbriefe.[25] Gezwungenermaßen verzichtete Gross – was ihm allerdings durch einen Vorstandsposten bei G+J versüßt wurde.[26] Dies geschah mit Blick auf seine journalistische Kompetenz – etwa in Bezug auf die Planung neuer Zeitschriften - in einem Führungsgremium, indem ansonsten unternehmerische Fähigkeiten den Ausschlag gaben.

Nach Jahren der Bildschirmabstinenz, abgesehen von Gastauftritten, gab ihm das ZDF 1996 eine eigene Talkshow namens Tacheles. Sie wurde nach wenigen Folgen mangels „Quote“ wieder eingestellt. Angesichts eines Qualitätsverfalls der öffentlich-rechtlichen Programme (Spartenkanäle ausgenommen) kann dies nicht überraschen, denn Infotainment ohne Tiefgang und sterile Aufgeregtheit der „politisch Korrekten“ sowie die Konkurrenz durch die infantilen Geschmacklosigkeiten der privaten Sender ließen etwas anderes als eine kleine Zuschauergemeinde gar nicht erst entstehen.

Nach schweren Krankheiten und Operationen, zusätzlich belastet durch den Tod seines Sohnes, unterschrieb Gross im Sommer 1999 einen Vertrag als Kolumnist bei der Welt. Ab dem 1.10.1999 sollte Gross wöchentlich einen Text veröffentlichen. Die Welt war seinerzeit unter Chefredakteur Mathias Döpfner im Aufschwung begriffen, nicht zuletzt durch den Zugang zahlreicher neuer Journalisten. Kurz darauf, scheinbar erholt und wieder zu Kräften gekommen, erlitt er einen Schlaganfall. Am 29. September 1999 verstarb Johannes Gross an dessen Folgen.[27]

 

Literatur:

Dr. Johannes Gross, Journalist, im Gespräch mit Klaus Kastan, Sendung vom 14. Juni 1999 auf BR alpha. Siehe: http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-forum/johannes-gross-gespraech100.html

 


[1] Vgl. Christof Vormweg. ZeitZeichen über Johannes Gross. Porträt über den Gründervater des Kölner Presseclubs. In: http://www.koelner-presseclub.de/?q=node/159, gesendet in WDR 5, Mai 2012.

[2] Vgl. Johannes Gross: Wie das Wunder in die Jahre kam. Essays zu Deutschland. Düsseldorf: Econ, 1994, S. 16ff.

[3] Gross: Absagen an die Zukunft. Frankfurt, Berlin: Ullstein, 1974, S. 144f.

[4] Ebd., S. 149ff.

[5] Ebd., S. 152f.

[6] Vgl. ders.: Wie das Wunder in die Jahre kam, S. 67ff.

[7] Ders.: Absagen an die Zukunft, S. 146ff.

[8] Vgl. ders.: Unsere letzten Jahre. Fragmente aus Deutschland 1970-1980. München: dva 1980, S. 57.

[9] Vgl. Wie das Wunder in die Jahre kam, S. 260f.

[10] Vgl. ebd., S. 273f.

[11] Gross, Unsere letzten Jahre, S. 11

[12] Ebd., S. 10

[13] Ebd., S. 60.

[14] Ebd., S. 65-69.

[15] Ebd., S. 82f.

[16] Ebd., S. 87f.

[17] Ebd., S. 91

[18] Ders.: Absagen an die Zukunft; Frankfurt, Berlin: Ullstein, S. 136f.

[19] Ebd., S. 53-56.

[20] Ders.: Die Deutschen. Frankfurt a. M., Scheffler, 1967, S. 13.

[21] Ders.: Unsere letzten Jahre, S. 274.

[22] Vgl. ders.: Phönix in Asche, S. 111ff.

[23] Vgl. ders.: Unsere letzten Jahre, S. 10.

[24] Vgl. ebd., S. 63.

[25] „Bitte lassen Sie sich nicht unterkriegen“. In: Stern, 36. Jg. (1983), S. 9 und 11.

[26] N.N.: Tage, die den Stern erschütterten. In: Stern, 36. Jg. (1983), S. 20-28, v.a. s. 23f, 27 und 226ff. Auch der Spiegel bezeichnete Gross als „erzkonservativ“. N.N.: „Das ist eine ungeheuere Geschichte“. In: Der Spiegel, 37. Jg. (1983), Nr. 20, S. 114-120, hier S. 114.  

[27] Mathias Döpfner: Der Tod von Leuten, die ich gerne habe. In: Die Welt, 1.10.1999, online:  http://www.welt.de/print-welt/article585861/Der-Tod-von-Leuten-die-ich-gerne-habe.html

 

 

 

Stefan Winckler

Axel Springer zum 100. Geburtstag (verfasst 2012)

Axel Springer wurde am 2.Mai 1912 im damals preußischen Altona inmitten Hamburgs als Sohn eines kleineren Verlegers geboren. Dort, bei den Altonaer Nachrichten, begann er auch seine journalistische Laufbahn.

Zwar war Springer vergleichsweise wenig von Demütigung, Entrechtung und dem Schrecken der politischen Verfolgung betroffen, doch fühlte sich der ausgesprochene Individualist und Hedonist Springer 1945 zu einem nicht unerheblichen Teil befreit, und weniger besiegt. Jedenfalls war der Beginn der Besatzungszeit für ihn gleichbedeutend mit neuen, verbesserten Chancen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wünschte sich Springer, dem krankheitsbedingt die Teilnahme am Krieg erspart geblieben war und dem Nationalsozialismus von jeher skeptisch bis feindlich gegenübergestanden hatte, eine Erziehung, genauer gesagt: eine „Umerziehung“ der Deutschen zur Demokratie: Es käme darauf an, die Leser „über den Streit der politischen Richtungen und Meinungen in Tagesfragen hinweg auf gedankliche Wege zu führen, die die Bildung eines politischen Bewusstseins – als erste Grundlage jeder politischen Meinung gestattet“.[1]

Springer, preußisch-protestantisch geprägt, war lange Zeit kein Anhänger Adenauers. Am ersten Bundeskanzler vermisste er das Engagement für die deutsche Einheit. Er hatte Sympathien für den pragmatischen, in der Verantwortung stehenden „Bürgermeisterflügel“ der SPD, zunächst insbesondere für das Hamburger Stadtoberhaupt Max Brauer, später für den Berliner Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Ihn unterstützte Axel Springer mit seinen Zeitungen vor allem von 1957 bis 1963, da Brandt der Repräsentant des unmittelbar kommunistisch bedrohten West-Berlins und eine rhetorisch geschickte Stimme der Freiheit in der Nachfolge Ernst Reuters war.

Weit mehr als die meisten Bundesdeutschen fühlte sich Springer mit Berlin verbunden – und das nicht etwa als Sonntagsredner, sondern als politischer Publizist, der in seinen Zeitungen immer wieder auf die Situation der geteilten Stadt aufmerksam machen ließ. Der Unternehmer Springer investierte beträchtliche Summen in Berlin, der Privatmann Springer verlegte seinen ersten Wohnsitz dorthin. Früher als Gerhard Löwenthal, der seinerzeit noch für das ZDF in Brüssel arbeitete und sich der Integration Westeuropas widmete, brach Springer mit Willy Brandt und Egon Bahr. Die beiden SPD-Politiker versuchten sich an neuen Wegen in der Ostpolitik, die Springer nicht als zielführend erschienen. Gleichzeitig entwickelte Springer eine Freundschaft zu Franz Josef Strauß, dessen 1976er Wahlkampfslogan „Freiheit oder Sozialismus“ den Beifall des Verlegers fand. [2]

Mehr als tausend Worte sagen die vier Grundsätze des Springer-Verlags über die Einstellungen Axel Springers aus:

1., das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der deutschen Einheit in Freiheit;

2., die Aussöhnung zwischen  Deutschen und Juden; dazu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes;

3., die Ablehnung jeglicher Art von politischem Extremismus;

4., Die Bejahung der freien sozialen Marktwirtschaft.[3]

Wie nur wenige andere kritisierte Springer in seinen Reden und durch seine Zeitungen die Menschenrechtsverletzungen im sowjetischen Herrschaftsbereich, den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei 1968 und die Schüsse auf polnische Arbeiter 1970. Springer sah die Situation der Berliner und der DDR-Deutschen durch die Entspannungspolitik nicht gebessert (vielmehr war er von Willy Brandts Formulierung, es existierten zwei Staaten in Deutschland, schockiert, denn sie erschien ihm als ein Schritt in die Anerkennung der DDR[4]; die Annäherung des Westens habe keinen Wandel herbeigeführt. Seine besondere Aufmerksamkeit galt der innerdeutschen Grenze, vor allem dem Schießbefehl. Anstatt wie viele überregionale Medien die Neue Ostpolitik mit journalistischen Mitteln wohlwollend zu begleiten, führte er in seinen Zeitungen und in zahlreichen Ansprachen eine auf grundsätzliche Änderungen abzielende publizistische Auseinandersetzung mit der DDR und der UdSSR.[5]  Für  Springer stand außer Frage,  dass ein wiedervereinigten Deutschland ein freiheitlich-demokratischer Staat sein müsse, mit anderen Worten: Einheit um jeden Preis, oder die Wiedervereinigung mit weitreichenden Zugeständnissen an die Kommunisten, war nicht sein Ziel. Folgende Charakterisierung Springers durch den  Politikwissenschaftler Hans Peter Schwarz trifft den Kern: „Jedenfalls war Springer von allen deutschen Kritikern der kommunistischen Regime  mitten in Europa der unbeirrbarste und der einflussreichste. Er begriff seine Zeitungen als moralische Widerlager zur offiziellen Politik, die er für verhängnisvoll hielt.[6] Springer zeigte sich 1971 mit dem Viermächteabkommen über Berlin unzufrieden: Die westlichen Unterhändler müssten die DDR-Präsenz in Berlin auf die Tagesordnung setzen, Bundeskanzler Willy Brandt müsste sein Schweigen darüber beenden und so protestieren, wie er es als regierender Bürgermeister 1961 getan hatte. Berlin müsste als künftige Hauptstadt eines widervereinigten Deutschlands angesehen werden, mit einer möglichst engen Bindung des westlichen Teils an die Bundesrepublik.[7]

Spätestens ab 1966 setzte sich Springer für die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ein. Hier mag das Erlebnis der Hitler-Jahre und eine damit verknüpfte Scham Springers, der während der Zeit der Judenverfolgung ein vergleichsweise angenehmes Leben führen konnte, ausschlaggebend gewesen sein.    Hinzu kam eine Bewunderung für die Selbstbehauptung des westlich orientierten Staates Israel. Israel war ohnehin weitgehend deckungsgleich mit dem Heiligen Land, das für den zunehmend christlich  en Springer ohnehin von großer Bedeutung war. Schließlich war die Wiedervereinigung der geteilten Stadt Jerusalem ein Hoffnungszeichen für den Wahl-Berliner Springer. Eine Kollektivschuld der Deutschen am Holocaust lehnte der Verleger ab.[8]

Bezogen auf die Innenpolitik der Bundesrepublik Deutschland waren Springer und seine Zeitungen nicht „regierungstreu“, sondern „staatsloyal“, wie es Matthias Walden in völliger Übereinstimmung mit Springer einmal formulierte. Er selbst betrachtete sich als Patrioten.[9] Die auch von ihm als „rechtsradikal“ bezeichnete NPD werde von seinen Zeitungen ebenso bekämpft wie die SED, so Springer. In Heinrich Böll sah Springer einen Sympathisanten des Baader-Meinhof-Terrorismus, ja mehr noch: „einen politischen Wirrkopf und Staatsverächter“, der aus Enttäuschung über seinen schriftstellerischen Abstieg zu einem „widerlichen Deutschen“ geworden sei.[10] Mit diesen Satz begab sich Springer m.E. auf ein denkbar niedriges, durch die persönliche Auseinandersetzung mit Böll entstandenes Niveau herunter, was einer wirtschaftlichen und politischen Leitfigur unwürdig ist.

Die Marktwirtschaft  sei,  so Springer, die relativ fairste Wirtschaftsordnung  - ein ideales Wirtschaftssystem gebe es ebenso wenig wie einen idealen Staat .[11]

Wie z.B. Gerhard Löwenthal sah sich auch Springer als einen „westlich" orientierten, im angelsächsischen Sinne denkenden Konservativen[12], der die Freundschaft mit den Vereinigten Staaten zu einem seiner wichtigsten Anliegen machte, denn die USA schienen Springer als Schutzmacht für Berlin (West) und als Bündnispartner der Bundesrepublik unentbehrlich. So mag es kaum überraschen, dass Springer ein Anhänger Ronald Reagans war. Selten habe ich mich über einen Wahlsieg so gefreut wie über den von Reagan“[13]. Springer war nicht nur von der Totalitarismustheorie überzeugt, vielmehr betonte er eine Ähnlichkeit des DDR-Sozialismus mit dem Nationalsozialismus: „Manchmal ist es mir so, als ob wir im Jahr 1932 wären. Die Roten in der Zone sind die Nachfolger der Braunen – die Geschichte wiederholt sich doch oft. Nur die Vorzeichen sind verändert“[14].

Die aufbegehrenden Studenten der Jahre 1967/68, die durch massive Krawalle (bis hin zum Anbrennen von Auslieferungsfahrzeugen) hervortraten, schienen ihm grundsätzlich nicht anders als die SA 35 Jahre zuvor[15]. In Bezug auf die Westintegration zog Springer ein „Europa der Vaterländer“ im Sinne de Gaulles einer Vereinigung Westeuropas vor.[16]

Springer trat keiner Partei bei (im Gegensatz zu Rudolf Augstein, der der FDP angehörte und für kurze Zeit Mitglied des Deutschen Bundestages war). Im Unterschied zu Gerhard Löwenthal und Elisabeth Noelle-Neumann – um zwei weitere freiheitlich-konservative, auf das gesamte Deutschland bedachte Deutsche zu nennen – erlebte Springer die Wiedervereinigung nicht mehr. Am 22. September 1985 verstarb er in der Stadt, deren Selbstbestimmung er zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte: in Berlin. 

 

 


[1] Hans Peter Schwarz: Axel Springer – Die Biographie. Berlin: Propyläen, 2008, S. 121

[2] Vgl. ebd., S. 557

[3] Axel Springer: Viel Lärm um Zeitungshaus (Rede vor dem Übersee-Club Hamburg, 26.10.1967). In: Axel Springer: Von Berlin aus gesehen. Stuttgart: Seewald, 1972, S. 139-158, hier S. 152.

[4] Vgl. Schwarz, S. 487

[5] Vgl. Axel Springer: Berlin, 6. Oktober 1966 (Rede zur Einweihung des Springer-Verlagshauses in der Kochstraße). In: Springer: Von Berlin aus gesehen, S. 23-30; ders.: Für Recht und Ordnung gibt es keinen Ersatz. In: Springer, a.a.O., S. 76-80.

[6] Schwarz, a.a.O., S. 660.

[7] Vgl. Axel Springer: Die Zukunft Berlins – Deutschlands Schicksal. In: ders.: Von Berlin aus gesehen, S. 67-71. Ders.: Offensive gegen Berlin. In: Springer, a.a.O., S. 81-90, hier S. 84f.

[8] Vgl. Springer: Von Berlin aus gesehen, S. 13-20; ders.: Berlin ist die Klammer für beide Teile Deutschlands. In: ebd., S. 40-55, hier S. 46, ders.: Israel ist nicht irgendein Staat. In ebd., S. 129-132, hier S. 131.

[9] Vgl. ders.: Berlin, 6. Oktober 1966, a.a.O. Dialog mit Axel Springer. In: Springer: Von Berlin aus gesehen, S. 257-278, hier S. 265.

[10] Springer an Matthias Walden am 23.12.1983, zitiert in: Schwarz, Axel Springer, S. 604.

[11] Vgl. Springer: Vor Amerikanern gesprochen. In: Axel Springer: Von Berlin aus gesehen, S. 31-39, hier S. 34f.

[12] Vgl. Dialog mit Axel Springer. In: Axel Springer: Von Berlin aus gesehen, S. 257-266, hier S. 266.

[13] Vgl. Schwarz, Springer, S. 602.

[14] Springer im November 1959 gegenüber dem amerikanischen Journalisten George Bailley, zitiert nach: Schwarz, Springer, S. 294; vgl. ebd., S. 513 und s. 653 (noch im September 1985, kurz vor seinem Tode).

[15] Schwarz, Springer, S. 468f.

[16] Vgl. Dialog mit Axel Springer. In: Springer, Von Berlin aus gesehen, S. 257-278, hier S. 271.

 

 

Stefan Winckler

Die Welt – ein Sprachrohr der schweigenden Mehrheit?

 

"Unbedingtes Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der deutschen Einheit in Freiheit; 

Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen;

dazu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes

Ablehnung jeglicher Art von politischem Extremismus;

Bejahung der freien sozialen Marktwirtschaft"

Die vier Grundsätze des Axel-Springer-Verlages (1)

 

1., Kritik und Widerstand durch Medien

Ein Sammelband über den politischen und publizistischen "Widerstand" gegen die Außerparlamentarische Opposition der späten 1960er Jahre wäre unvollständig, enthielte er nicht eine Studie über die öffentliche und die veröffentlichte Meinung. Es sind insbesondere diejenigen Prestigemedien zu untersuchen, die sich eindeutig und beharrlich nicht nur gegen bestimmte fragwürdige Methoden, sondern auch gegen die Motive der linksradikalen Studenten im Allgemeinen wandten. Gemeint ist vor allem die überregionale Tageszeitung Die Welt, deren journalistische Auseinandersetzung mit der "Revolte der Studenten" (Kai Herrmann) bisher viel seltener und weniger ausführlich in der Fachliteratur berücksichtigt wurde als die Rolle des Boulevardblattes Bild. Diese "Springer-Zeitungen" sind wegen ihrer klaren inhaltlichen Linie (siehe die vier Grundsätze) von jenen Medien zu unterscheiden, die zwar die Gesetzesverletzungen der APO missbilligten, aber gleichzeitig manche Anliegen der protestierenden Studenten wohlwollend darstellten: SpiegelStern und Süddeutsche Zeitung. Letztere waren folglich keine "Widerstandsnester" gegen die Protestbewegung. Vielmehr machten sie sich gerade bei der gemäßigten und der radikalen Linken durch das Anprangern von "Missständen" oder gar "restaurativer Tendenzen" in Verwaltung und Wirtschaft einen Namen. Welche Form von "Widerstand" konnte eine Qualitätszeitung überhaupt leisten? Sie war in der Lage, über Gesetzesverstöße ausführlich zu berichten und in Kommentaren deutliche rechtsstaatliche Reaktionen zu fordern. Einem Journalisten war es möglich, im Interview dem zuständigen Minister, Senator, Rektor, Polizeipräsidenten etc entsprechende Maßnahmen nahezulegen und nach Versäumnissen zu fragen.  Eine derartige überregionale anspruchsvolle Zeitung konnte politische Gruppierungen, die der Neuen Linken Alternativen auf der Grundlage der rechtsstaatlich verfassten Demokratie entgegensetzen, in Hintergrundbeiträgen vorstellen, und damit Leser ermutigen, diese zu unterstützen. 

 2., Der "Resonanzboden". Die Ablehnung der APO durch die öffentliche Meinung

 Die Wirkung eines Mediums ist abhängig vom Meinungsklima zur entsprechenden Zeit am entsprechenden Ort. Teilt die Bevölkerungsmehrheit die Werte und Einstellungen einer Zeitungsredaktion, dann werden deren (wertende) Aussagen auf fruchtbaren Boden fallen. Ein derartiges Meinungsklima richtete sich in der Bundesrepublik Deutschland und noch stärker in (West-)Berlin gegen die Außerparlamentarische Opposition. Dort versammelten sich am 21. Februar 1968 150.000 Menschen vor dem Schöneberger Rathaus unter dem Motto "Frieden und Freiheit" zu einer Kundgebung mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) gegen Linksradikalismus. Die öffentliche Meinung in den westlichen Sektor in der geteilten Stadt war sogar so ausgeprägt (um nicht zu sagen: aufgeputscht),  dass es zu Ausschreitungen gegen wirkliche und vermeintliche "linksradikale Studenten" kam (3). Demonstrationen gegen Linksradikalismus stellten einen Sonderfall dar, da die Bevölkerungsmehrheit ihrer Gegnerschaft und ihrem Unmut eher im kleinen Kreis (Familie, Arbeitskollegen) und unter Gleichgesinnten ("Stammtisch") als auf öffentlichen Veranstaltungen Ausdruck gab. Dieses Meinungsklima war gleichbedeutend mit einem hohen "Widerstands"-Potential, das sich aber nicht in einer mitgliederstarken Organisation zu einer auch publizistisch wirksamen Kraft formierte. Ohnehin war das politische Engagement der Bundesbürger, zumal der Konservativen, eher gering: Die CDU war keine Massenpartei, sondern eine Honoratiorenpartei mit bundesweit etwa 200.000 Mitgliedern. Bürgerinitiativen von dieser Seite waren eine seltene Ausnahme, statt dessen eine Domäne der Linken in der achten und neunten Dekade des 20. Jahrhunderts. Der Begriff "schweigende Mehrheit" ("silent majority") trifft auf Berlin, die Bundesrepublik und die westliche Welt zu, sie verhalf in den Vereinigten Staaten (wo das Jahr 1968 von schweren Krawallen gekennzeichnet war) Richard Nixon zur Präsidentschaft. 

Insofern kamen die Meinungen der APO und ihrer Gegner in unterschiedlicher Weise zum Ausdruck. Die öffentliche Meinung lässt sich folglich weniger anhand von Spruchbändern und Parolen, sondern einzig und alleine durch repräsentative Befragungen ermitteln. Im Juli 1967 untersuchte das Institut für Demoskopie (Allensbach) die Haltung der Bevölkerung zu den Studentenprotesten im Allgemeinen: 

Die Antwortvorgebe "Studenten sollen überhaupt nicht protestieren" unterstützten 20 Prozent der Befragten. "Studenten sollen höchstens demonstrieren, wenn es um Universitäts- und Hochschulprobleme geht", meinten 44 Prozent, während nur 26 Prozent den Studenten "durchaus zubilligen" wollten, "dass sie wegen politische[r] Fragen auf die Straße gehen und demonstrieren" (4). 

Eine andere, gleichzeitig entstandene Erhebung ergab ein ähnliches Bild. 

"Hier unterhalten sich zwei Leute über Studenten-Unruhen und Demonstrationen. Welcher sagt das, was Sie auch denken?"

1, Ich bin gegen Studenten-Demonstrationen. Die Studenten gehen auf die Straße, ohne recht zu wissen, was sie eigentlich wollen. Den meisten fehlt doch die Urteilskraft und die Einsicht, Sie sollen lieber sehen, dass sie mit ihrem Studium zurecht kommen". 

2, Ich finde es gut, wenn die Studenten auf diese Weise zu politischen Fragen Stellung nehmen. Es kann uns gar nichts schaden, wenn es Leute gibt, die für ihre Überzeugung auf die Straße gehen und gegen politische Missstände demonstrieren, auch wenn sie dabei manchmal übers Ziel hinausschießen". 

53 Prozent der Befragten lehnten Studentendemonstrationen ab, 31 Prozent befürworteten sie grundsätzlich, während 16 Prozent "unentschieden" waren oder kein Urteil abgaben. Mit dieser hohen Bereitschaft, sich für eine Antwortvorgabe zu entscheiden, zeigt sich, dass das Interesse der Bevölkerung am Phänomen "Studentenrevolte" hoch und die Polarisierung der Meinungen weit fortgeschritten war. Es fällt zugleich auf, dass 18 Jahre nach Verabschiedung des Grundgesetzes sehr vielen Bürgern nicht bewusst war, dass dort unabänderlich die Demonstrationsfreiheit verankert ist (Art. 8).  

Während die Anhänger der SPD und vor allem der CDU/CSU mit großen Mehrheiten der erstgenannten Meinung zustimmten, hielten sich bei den Anhängern der FDP Befürworter und Gegner fast die Waage (5). Als im September 1968 die Frage erneut gestellt wurde, zeigte sich das Meinungsklima sehr stabil: 54 Prozent votierten für die erste Antwortvorgabe, 34 Prozent für die zweite, zwölf Prozent waren unentschieden/ohne Urteil. Die Zusatzfrage, wie groß der Anteil der Springer-Presse an der täglichen Zeitungslektüre sei, ergab: Die Meinungsverteilung änderte sich durch dessen Blätter wenig und zweitens nicht proportional (6). Dass mit immer häufigerer Lektüre der Springer-Zeitungen die Berechtigung von Studentendemonstrationen immer stärker bestritten wurde, ließ sich demnach nicht nachweisen. Dies war in der Pluralität der Medienwelt und der Individualität der Leser begründet. Die Meinungsbildung der Bürger war weniger von der Zeitungslektüre abhängig als vom eigenen Erleben, von den Gesprächen mit nahestehenden Menschen sowie von Rundfunk und Fernsehen. So waren im Fernsehen durchaus Aussagen zu hören, die den Protestierenden Verständnis und Wohlwollen entgegenbrachten. Presseorgane wie BildWelt und Berliner Morgenpost konnten die Menschen daher nicht "manipulieren" ("Bild schoss mit", wurde nach dem Attentat auf Rudi Dutschke zum geflügelten Kampfwort im linksradikalem Milieu), da es verschiedene Medien gab und sich die Rezipienten auch in den einzelnen Zeitungen aussuchen konnten, welche Informationen und Kommentare ihre Meinungen am ehesten stützten (selektive Wahrnehmung). Die Wirkung der Bild-Zeitung wurde dadurch relativiert, dass nur wenige Menschen ausschließlich Bild (und keine andere Tageszeitung) lasen: 1967 waren es 10,6 Prozent, 1968 10,5 Prozent (7). So ist auch eine Beeinflussung des Dutschke-Attentäters Josef Bachmann durch Bild nicht nachweisbar - selbst Jürgen Habermas erklärte im Frühjahr 1968: "Ich sehe mich nicht in der Lage, als  Gutachter einen empirisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen der Tätigkeit der Springer-Presse und dem Attentat auf Dutschke herzustellen“ (8). 

Bei Bachmann handelte es sich im Übrigen nicht um einen "typischen Berliner", sondern um einen labilen, vorbestraften Menschen aus dem niedersächsischen Peine. Er, der Hitler-Verehrer, bevorzugte die Nationalzeitung (9). Insofern wandte er sich einem Blatt zu, dessen Inhalt den Grundsätzen der Springer-Redaktionen explizit widersprach.  

Wolf Biermann sah, wie viele Linke, die Zeitungen aus dem Springer-Verlag als mitschuldig an (10). Während Biermann nach der Jahrtausendwende für Zeitungen des Springer-Verlags arbeitete, sah der Sohn Rudi Dutschkes, Marek Dutschke anlässlich des 100. Geburtstages Springers noch immer dem Verleger die Verantwortung für das Attentat zuschiebt. 

Nach den gewalttätigen Zusammenstößen anlässlich des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967 in Berlin (wo der Demonstrant Benno Ohnesorg durch eine Polizeikugel ums Leben kam) befragt, erklärten 47 Prozent der befragten Deutschen, sie hätten auf der Seite der Polizei gestanden, während sich 20 Prozent mit den Studenten identifizierten. Dass die Polizei dabei "nicht zu hart vorgegangen" sei, meinten 43 Prozent. "Zu hart vorgegangen" erklärten 32 Prozent. Unentschieden waren 13 Prozent, 12 Prozent gaben kein Urteil ab (11).

Im Laufe des Jahres 1967/68, besonders nach den gewalttätigen "Osterunruhen", stieß die Studentenrevolte in (West-)Berlin auf wachsenden Widerspruch. Bei 69 Prozent der befragten Berliner in der Altersgruppe 16-30 Jahre hatte die "Sympathie für die studentischen Proteste abgenommen, bei 26 Prozent zugenommen. Noch deutlicher war das Meinungsbild bei den über 30jährigen Berlinern: 84 vs. elf Prozent. Die polizeilichen Maßnahmen anlässlich der Osterunruhen hielten 43 Prozent der 16-bis 30-jährigen Berliner für "angemessen", 24 Prozent für "zu weich", 31 Prozent für "zu hart". Selbst bei diesen jungen Erwachsenen stellte sich eine Zweidrittelmehrheit auf die Seite der Polizei bzw. gegen die Protestbewegung. Alle anderen Altersgruppen fanden hingegen, die polizeilichen Reaktionen seien "angemessen" oder "nicht hart genug" gewesen. Als "unberechtigt" sahen immerhin 46 Prozent der 16- bis 30-jährigen (berechtigt: 50 Prozent), 63 Prozent der 31- bis 50-jährigen und 67 Prozent der über 50-jährigen Berliner die "Proteste der Studenten" an (12). Das kaum überraschende Fazit: Je älter die Bürger, desto geringer war ihr Verständnis für die Protestbewegung. In der Tendenz dürfte die Einstellung der Berliner auf die Westdeutschen übertragbar sein.

Noch im Sommer 1969 nahm die allgemein formulierte Forderung, "dass das Studentenproblem gelöst wird, die Studentenunruhen aufhören" einen hohen Rang unter den Forderungen der Bürger ein: Nahezu eine Dreiviertelmehrheit sah sie als "sehr wichtig" an, wobei sich die Anhänger der Bundestagsparteien weitgehend einig waren (13). Die Frage nach den politischen Inhalten der Studentenrevolte ("Man liest häufig, dass viele Studenten die Verhältnisse bei uns ganz ändern wollen. Finden Sie, das ist gut so, oder nicht gut?") ergab eine klare Ablehnung der völligen Umgestaltung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durch rund 70 Prozent der Bevölkerung. Mehr als die Hälfte der Jungwähler (54 Prozent) schloss sich der Zurückweisung an (14). Insofern kann von einer Sprecherrolle der linksradikalen Studenten für "die Jugend" keine Rede sein.

 3., Die Welt als Gegnerin der Protestbewegung

Über die Haltung der Bild-Zeitung ist bereits sehr viel aus einer oft parteiischen Sichtweise geschrieben worden, aus der gelegentlich eine antikapitalistische Einstellung der Verfasser, verbunden mit Ekel an der Machart des Boulevardblattes, abgelesen werden kann (15).  In der Sekundärliteratur sind zahlreiche Bild-Aussagen wie "Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips locker zu machen" (14.12.1966) aufgeführt (16). Anfang 2001 entwickelte sich ein publizistischer Konflikt um die Rolle von Bild: Jüngere Journalisten aus dem Zeitungshaus Springer tadelten die nunmehr versöhnliche Haltung des früheren Bild-Chefredakteurs Peter Boenisch gegenüber dem einstigen "Straßenkämpfer" Joschka Fischer. Welt-Mitarbeiter Wolf Biermann antwortete mit einer Warnung vor einer erneuten Auseinandersetzung mit den 68ern. 

Es spricht hingegen einiges für die These, dass die Gegner von Bild den politischen Einfluss des Massenblattes stark überschätzten, denn seine Leser waren und sind eher an Unterhaltung und Sensation interessiert. Dementsprechend nahm "die Berichterstattung über Studenten in den Jahren 1968 und 1969 weniger als ein Prozent der Gesamtberichterstattung" von Bild ein (17). 

Die Berliner Morgenpost, ebenfalls dem Verlagshaus Springer zugehörig, ist zwar wegen ihres Inhalts dem "Widerstand" gegen die Studentenrevolte zuzurechnen (bezeichnenderweise versuchten Demonstranten nach dem Attentat auf Dutschke, die Auslieferung der folgenden Ausgabe zu verhindern), doch handelt es sich hierbei um eine Regionalzeitung, die außerhalb Berlins einflusslos gewesen sein dürfte. Für unsere Studie ist sie daher irrelevant.

Lohnenswerter ist es dagegen, die überregionale Tageszeitung Die Welt wegen ihrer Abonnentenzahl, und mehr noch wegen ihres Renommees in den Kreisen der Entscheidungsträger aus Politik, Publizistik, Wirtschaft und Kultur im Zusammenhang mit dem "Widerstand" gegen die 68er zu untersuchen. 

Schon in den frühen 1950er Jahren schloss das Institut für Demoskopie Allensbach aus einer Rezipientenbefragung: "Die Leser der Welt bilden, statistisch gesehen, eine ungewöhnlich qualifizierte Gruppe; sie liegen nach Bildung, Beruf und Einkommen weit über dem Bevölkerungs-Durchschnitt (...) Hauptsächlich spricht die Welt männliche Leser der mittleren und gehobenen Einkommensgruppen an. Ein gewisser Grad an Bürgerlichkeit, eine halbwegs gefestigte Position - das scheinen die Voraussetzungen für den Entschluss, diese Zeitung zu lesen (18). Offensichtlich erreichte die Welt viele "Meinungsführer", die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstärke und Kommunikationsfreude die Meinungen der Zeitung (wenn sie teilten) in Gesprächen und Diskussionen in die Öffentlichkeit trugen, so dass sich deren Wirkung verstärkte (two-step-flow of communication"). Denn überregionale Zeitungen wie die Welt werden (damals wie heute) oft von denjenigen gelesen, die weniger nach Informationen, sondern nach profilierten Meinungen suchen, die eine Regionalzeitung deutlich seltener oder überhaupt nicht bieten kann. Doch sind die Leser (gerade die besser Gebildeten) keine passive Masse, die alles akzeptiert, was ihnen vorgesetzt wird. Ergo: "The mass media typically reinforce people in their attitude and practises but rarely convert them" (19). Die Richtungsänderung der Welt von einem liberalen zu einem konservativen Blatt, die zum Exodus namhafter Journalisten wie beispielsweise Gerd von Paczensky und Paul Sethe um 1959/60 führte, hatte dieser Zeitung offensichtlich weniger geschadet als es die Springer-kritische Sekundärliteratur (20) suggeriert. Die inhaltliche Eigenständigkeit der Welt zeigte sich nach wie vor an der sehr hohen Zahl von Beiträgen eigener Korrespondenten, dem nur wenig Agenturmaterial gegenüberstand. So schuf sich die Welt als Qualitätszeitung ein eigenes scharfes Profil gegenüber den Regionalblättern. Sie konnte sich als westlich-konservatives Medium von den eher linken Qualitätszeitungen Frankfurter Rundschau und Süddeutsche Zeitung abheben. Nationale und internationale Ehrungen folgten: 1964 rückte die Welt in die Liste der 20 besten Zeitungen der Welt auf (21). Am 5. Mai 1967 zeichnete die Universität von Columbia, Missouri, die Welt als "Zeitung des Jahres" ("für hervorragende journalistische Leistungen) (22) mit einer Ehrenmedaille aus. Die Welt-Journalisten Bernd Nellessen und Hans Schuler erhielten 1967 und 1969 den Theodor-Wolff-Preis für außerordentlich journalistische Leistungen (23). Der Deutschland-Korrespondent des liberalen britischen Blattes Guardian, Terence Prittie, resümierte, das politisch einflussreiche Presseerzeugnis sei nicht Bild, sondern Die Welt: "Sie war vernünftig, stand politisch in der Mitte, brachte mehr Nachrichten als irgendeine andere Tageszeitung" (24). Des Weiteren hatte sich die Welt mit ihrer wöchentlich erscheinenden Seite "Schule und Hochschule" (ab dem 3. Januar 1966) in Fragen der Bildungspolitik einen Namen gemacht. Dennoch sank die Auflage von 245.000 verkauften Exemplaren (1964) auf 241.500 (1967) und 227.230 im Jahr darauf (25): Gründe für den Rückgang waren offenbar die Hetze gegen den Springer-Verlag, ferner der als "Missgriff" (26) Axel Springers charakterisierte Chefredakteur Hermann F. G. Starke, der Hans Zehrer im Sommer 1966 nachgefolgt war. Die Welt war auch unter Studierenden eine weit verbreitete Tageszeitung. 30 Prozent der Student(inn)en lasen sie "regelmäßig oder so gut wie regelmäßig". Nur die FAZ (37 Prozent) hatte eine größere Reichweite bei Studierenden, während die Süddeutsche Zeitung (18 Prozent) von ihnen weit weniger genutzt wurde (27). 

Als überregionale Qualitätszeitung mit freiheitlich-konservativer Prägung, einer besonderen Verbundenheit mit Berlin (wo Springer im Oktober 1966 sein Verlagshaus in der Kochstraße eröffnete) und einer pro-amerikanischen Linie war sie - so unsere These - von Anfang an gegen die Aktionen und Einstellungen linksradikaler Studenten positioniert. Die Relevanz leitet sich von der Ausstrahlung auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ab. Dementsprechend demonstrierten Studenten im Hamburg nach dem Attentat auf Dutschke vor dem Hamburger Verlagsgebäude der Welt (28) und nicht nur gegen Bild.  

Wir wollen im Folgenden prüfen, wie die Welt "Widerstand" leistete. Der Untersuchungszeitraum beginnt im Oktober 1965 und endet mit dem Mai 1968. 

Die Studentenrevolte begann nicht mit dem Besuch des Schah in Berlin. Sie blieb lange wie ein unterirdischer Fluss, der zunächst als schmales Rinnsal an wenig beachteten Stellen, dann aber kraftvoll und unübersehbar den Boden durchbricht. Aus diesem Grund wollen wir die Untersuchung mit den ersten Zeitungsartikeln über das früheste "Wetterleuchten" und nicht alleine mit Beiträgen über Straßenschlachten und Sachbeschädigung beginnen lassen. Im Zusammenhang mit der Regierungsfähigkeit der Berliner SPD schrieb Chefredakteur Hans Zehrer schon am 16. Oktober 1965 in der Welt: "Die SPD wird von Kräften, die einen Neomarxismus von den Hochschulen mitgebracht haben, unter Druck gesetzt, und sie wird es nicht leicht haben, ihr Godesberger ,Image' (...) vor dem Volk zu wahren" (29). Ansatzweise lässt sich eine umfangreichere und tendenziösere Behandlung des Themas "Studenten in Berlin gegen die Politik der Vereinigten Staaten" Anfang 1966 feststellen, als der Vietnamkrieg und die Wissenschaftspolitik (später bevorzugte Themen der "Achtundsechziger") bereits viel Raum einnahmen: Am 3. Februar 1966 "wurden in Westberlin von ca. 40 Personen Plakate geklebt, die Bundeskanzler Prof. Ludwig Erhard als Mörder bezeichnen.  Einige der Plakatkleber, darunter vier Studierende der FU, die gleichzeitig SDS-Mitglieder sind, werden festgenommen (...)" (30). Die Welt berichtete darüber in einem einspaltigen Artikel auf S.2 am 5. Februar 1966 (280 Wörter) (31), während die FAZ deutlich knapper (106 Wörter) informierte. Als am 5. Februar 1966 eine genehmigte Demonstration in Gewalttätigkeiten ausartete - von "Steinwürfen" gegen das Amerika-Haus in Berlin schrieb die Welt, von "Eierwürfen" lesen wir hingegen in der Chronik der Studentenbewegung (32) - zog die Welt als hochrangigen Experten Bundesminister a.D. Ernst Lemmer, den Berlin-Beauftragten des Bundeskanzlers zum Interview heran (Titelseite, 7. Februar 1966), der die innen- und außenpolitischen Konsequenzen drastisch hervorhob: "Die sich steigernden Demonstrationen haben allmählich eine Situation geschaffen, von der aus man erhebliche Sorge für die Erhaltung der freiheitlichen Demokratie haben muss (...). Ich fürchte, dass das Ansehen des freien Berlin, das gerade in den USA sehr hoch ist, schweren Schaden erlitten hat" (33). Während die FAZ mit einem Bericht über die "Vorfälle am Berliner Amerika-Haus" einging (9. Februar 1966), erörterte der Berliner Korrespondent der Welt, Bernt Conrad, bereits am 7. Februar in einem Meinungsartikel die "Pöbeleien", die er zusätzlich "ein empörendes Schauspiel" nannte, denn sie richteten sich, so seine Schlussfolgerung, gegen die Schutzmacht Amerika. Er mahnte die Exekutive zum Handeln: der Regierende Bürgermeister Willy Brandt müsse den antiamerikanischen Parolen eine Rede über die Aufgaben der Amerikaner im Vietnamkrieg entgegensetzen, die Polizei müsse rechtzeitig handeln (34). Ein Bericht des gleichen Journalisten benannte knapp die Reaktionen des Bundesbevollmächtigten für Berlin und der Parlamentsfraktionen, darüber hinaus war eine Sympathiekundgebung zugunsten Amerikas angekündigt worden (35). Eine Meldung vom gleichen Tag bezog sich auf die Drohung von FU-Studenten, Lehrveranstaltungen zu "bestreiken" (36). Demgegenüber thematisierte die FAZ diese Vorfälle in Berlin nicht. 

Schon vor den hier skizzierten Ereignissen widmete sich Welt-Redakteur Hans-Dietrich Sander in einer umfangreichen Reportage den Hintergründen der politisch bewegten Berliner Studenten: Zunächst beschrieb er, wie westdeutsche Studenten an die Stelle der Studierenden traten, die aus der DDR geflohen waren. Im zweiten Teil seines Textes tadelte er das "Fußvolk" der politisch interessierten Studenten als politisch "unreife Klippschüler" (denen die Erfahrung der aus der DDR stammenden Studenten früherer Jahre fehlte), und deren Anführer das Spektakel suchten, sich aber vor Diskussionen mit Politikern drückten. Diese winzige Minderheit verdiene nicht das Interesse der Öffentlichkeit, so Sander (37). Aber warum schrieb er dann in einer überregionalen Zeitung über sie?  

Die Konventswahlen an der Freien Universität Berlin nahm Bernt Conrad in der Welt vom 13. Dezember zum Anlass, um diejenigen Studenten zu rügen, die heute als die "68er" bezeichnet werden. Das Prestige der FU habe "unter den unkontrollierten Ausbrüchen einer radikal orientierten studentischen Kerntruppe schon erheblich gelitten". Erneut, wie schon am 7. Februar 1966, forderte er die Politiker der Stadt auf, sich "persönlich" (als Redner etc.) um die politische Bildung der Studierenden zu kümmern. Zugleich mahnte er die Studenten, das Image der Universität nicht von einer radikalen Minderheit bestimmen zu lassen. Illoyalen und undisziplinierten Studentengruppen sollte, so Conrad, die Förderungswürdigkeit aberkannt werden" (38). 

Anfang 1967 beachtete die Welt die linksradikalen Studenten zunächst kaum. Erst ein spektakulärer Zwischenfall, je nach Einstellung als Ulk oder als Gewalttätigkeit bezeichnet, ließ die Zeitung im April 1967 zum Thema "Studentenrevolte" zurückkehren: das "Pudding-Attentat" auf US-Vizepräsident Hubert Humphrey während seines Berlin-Besuchs (39). Weit stärker als die fünfteilige, eher historisierende Reihe Sanders "Links von der SPD" entspricht daher die Aussage eines Leserbriefes von Dr. August-Wilhelm Mangold der Einstellung der Welt: Die Staatsmacht halte sich übermäßig zurück. Ein Beispiel: Möglicherweise hätten "Hetzparolen" nordvietnamesischer "Emissäre", erleichtert durch die "mangelnde Wachsamkeit unserer Behörden", maßgeblich zu den "Schandtaten (...) gegen das Amerika-Haus" beigetragen (40). 

Am 2. Juni 1967 starb der Student Benno Ohnesorg durch eine Polizeikugel während der Anti-Schah-Krawalle in Berlin. Während Conrad im nachfolgenden Bericht die Straßenschlacht vor der Oper detailliert und drastisch beschrieb ("Eier, Tomaten, gefüllte Milchbeutel, Flaschen, Steine, Farbtöpfe und Rauchentwickler flogen von der gegenüberliegenden Straßenseite vor den Eingang der Oper. [...] Verschiedentlich wurden kostbare Abendkleider durch Farbe oder Eigelb ruiniert und Smokings verdorben") und die unterschiedlichen Stellungnahmen zu Ohnesorgs Tod wiedergab (41), tadelte er im Kommentar am gleichen Tag die Polizei, die anfangs Gewalttätigkeiten gegen sämtliche Opernbesucher (und nicht nur gegen die Staatsgäste aus dem Iran) zugelassen habe, womit er der Bevölkerungsmehrheit eine Stimme gab. Die anschließenden polizeilichen Härten seien nicht mehr zu vermeiden gewesen. Conrad forderte von der FU Disziplinierungsmaßnahmen bis hin zum Ausschluss von Maoisten und Kommune-Anhängern. Die Mehrheit der Studenten möge sich von den Gewalttätern distanzieren. Seine Position war die der streitbaren Demokratie, die den Intoleranten keine Toleranz erweist. Sie ähnelte der Haltung der Bevölkerungsmehrheit, die grundsätzlich der Polizei näher stand als den Teilnehmern der Anti-Schah-Kundgebung, und das Vorgehen der Staatsmacht als "nicht zu hart" einstufte. Conrad hob die Gewalttätigkeit und Verfassungsfeindlichkeit der "studentischen Extremisten" hervor. 

"Der Geisteszustand dieser anarchistischen Truppe lässt sich an dem verhafteten Publizistik-Studenten Fritz Teufel ablesen, der schon an den Ausschreitungen gegen Vizepräsident Hubert Humphrey beteiligt war, in Flugblättern zum Anzünden von Warenhäusern aufrief und diesmal eine Gruppe von Leuten anführte, die Polizisten mit Steinen bewarf. Was Leute seinesgleichen in Westberlin treiben. ist nicht die Wahrnehmung eines legitimen Rechts, sondern sein permanenter Missbrauch, ist die Unterhöhlung der Demokratie durch permanentes Rowdytum" (42). 

Die gewalttätigen Schah-Anhänger ("Jubelperser") erwähnte Conrad jedoch erst in einem späteren Artikel (43). Mehrfach differenzierte er zwischen gewalttätigen Linksradikalen und der Masse der Studenten. Er beanstandete auch die Polizei - wenn auch viel seltener als die gewalttätigen Demonstranten (44). So bestätigt sich hier das Ergebnis einer Auswertung durch den Publizistikwissenschaftler Winfried Schulz, wonach zwei Drittel aller Kommentare zu diesem Thema in Zeitungen der Verlagsgruppe Axel Springer zwischen dem 3. Juni 1967 und dem 10. Juni 1967 Kritik ausschließlich an den Anti-Schah-Demonstranten in Berlin übten, 22 Prozent der Kommentare "sowohl Kritik an den Demonstranten wie auch an der Polizei und den staatlichen und akademischen Autoritäten" enthielten, und elf Prozent der Kommentare ausschließlich "Kritik am Verhalten  der Polizei, an den staatlichen und akademischen Autoritäten" wahrnahmen. In Blättern aus anderen Verlagen waren Kommentare, die Kritik an Demonstranten übten, etwa so häufig wie die Kommentare, die das Verhalten der Polizei, der staatlichen und akademischen Autoritäten beanstandeten (35 Prozent zu 22 Prozent "sowohl als auch" zu 33 Prozent; im Gegensatz zur "Springer-Presse" waren zehn Prozent "ohne wertende Stellungnahme") (45). Von einer geradezu manipulativen Einseitigkeit der Welt kann m.E. nicht die Rede sein: Tatsächlich räumte die Welt den Erklärungen zahlreicher Allgemeiner Studentenausschüsse zum Tode Ohnesorgs mehr als eine halbe Zeitungsseite ein (46). Der ausführlichen sachlichen Berichterstattung über Trauerfeiern und Schweigemärsche für Ohnesorg (10. Juni 1967)  folgte ein Meinungsbeitrag von Bernd Nellesen anlässlich des Kongresses "Hochschule und Demokratie" in Hannover: "An den deutschen Hochschulen (...) sind Minderheiten dabei, die Studentenschaft radikal zu politisieren. Ihr Engagement gilt der großen Politik und nicht den Fragen studentischer Selbstverwaltung oder der vielzitierten Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. (...)". damit gab er einer weit verbreiteten Meinung der Bevölkerung Ausdruck, wonach sich die Studenten ihrer Karriere, eventuell den universitären Angelegenheiten, aber nicht der "allgemeinen Politik" widmen sollten. Der "heraufziehende politische Sturm (...) gegen den eigenen Staat" müsse , so Nellesen, "politisch ernst" genommen werden (47).

Die Frage "Warum gerade Berlin?" drängte sich auf. Günther Zehm beantwortete sie mit dem Hinweis auf die Politisierung der FU, der engen Verbindung zu Amerika (Studentenprotest in Berkeley, Kalifornien) und einer hohen Zahl von Professoren, die die Studenten zum Protest ermunterten. Die Maoisten, "politische Radikalinskis" tarnten sich seinem Beitrag zufolge als "gute Demokraten". Er erinnerte die Staatsmacht an ihre Pflichten (48).

Während die SPD-Führung einem SPD-Bericht zufolge auf vorsichtige Distanz zum Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz ging, veröffentlichte die Welt auf der gleichen Seite ein freundlich gehaltenes Porträt mit zahlreichen Zitaten des als "law-and-order-Mann" bekannten Brandt-Nachfolgers (49). der Berliner Korrespondent Conrad ließ also den Vertreter der Staatsmacht ausführlich zu Wort kommen, um ihn  in einer schwierigen Situation zu unterstützen. Kurze Zeit darauf wurde eine Umfrage unter deutschen Polizeipräsidenten gedruckt, aus der der zuständige Redakteur Eberhard Nitschke das Fazit zog: "Ganz ohne Knüppel geht es nicht" (50).  

Insofern kamen Vertreter des Staates ausführlich zu Wort, nicht aber Demonstrationsteilnehmer oder gar Wortführer des Protests. Das unterschied die Welt von den Qualitätszeitungen im politisch linken Spektrum. 

Dennoch täuscht der Eindruck, die Welt hätte sich ausschließlich in der Verdammung der Neuen Linken geübt. 1967 waren intellektuell anspruchsvolle, analysierende, durchaus kontroverse Beiträge v.a. im "Forum der Welt" zu lesen: "Ohne Zweifel entlud sich darin [in den Juni-Protesten] auch ein lang aufgestautes studentisches Unbehagen an der politisch-gesellschaftlichen Verfassung unseres Staates. Inwieweit ist es gerechtfertigt, inwieweit kann es eine Bedrohung der demokratischen Substanz des Staates werden?", so der Einleitungstext (51). Ein weiteres Forum mit Helmut Schmidt (SPD), Berthold Martin (CDU) und Thomas Dehler (FDP) am 5. Juli 1967 erörterte Ursachen für die Proteste. Die Frage nach Gegenmaßnahmen kam wurde nicht gestellt. Insofern ging die Welt davon ab, auf die Studentenunruhen alleine mit dem Ruf nach Anwendung des Disziplinarrechts und nach Polizeieinsätzen zu reagieren. Im weiteren Verlauf des Jahres 1967 nahm sich die Welt nur selten des Themas APO an. Offensichtlich mutmaßte die Redaktion, das Phänomen sei in allmählicher Auflösung begriffen. Der Vietnamkrieg und die "Bonner Politik" erschienen wichtiger. 

Die Welt bemühte sich, wie anfangs gezeigt, neben den gewalttätigen Methoden die linksradikale Ideologie der Studentenrevolte aufzuzeigen. Rolf Görtz benannte anlässlich des Besuchs von Jean-Jacques Servan-Schreiber an der Madrider Universität die sozialistischen, antikapitalistischen, letztlich antieuropäischen Parolen der Studenten und beschrieb den Misserfolg des liberalen französischen Publizisten in diesem Milieu ( (52). Daraus folgt: Verständnis, wohlmeinender Diskurs und Anbiederung seien gegenüber Radikalen verfehlt.

Im März 1968 berichtete die Welt über Gewalt gegen Willy Brandt und Herbert Wehner am Rande des SPD-Parteitags in Nürnberg. Eine Demonstration sei angeblich von "Vertretern der illegalen KPD organisiert worden", die Teilnehmer hätten die Sozialdemokraten als "Verräter" beschimpft (53). Damit war wiederum eine Verbindung der jungen Demonstranten mit erfahrenen Kadern der verbotenen KPD (und damit auch der SED) benannt.

Kurz nach dem Mordversuch an Rudi Dutschke 1968 mahnte der Kommentator Georg Schröder die Notwendigkeit einer öffentlich geführten, im Gegensatz zu Servan-Schreibers zurückhaltender Rede konfrontativen Aussprache mit der "rebellischen Jugend" an: "Sie sollten den Stier bei den Hörnern packen, selbstkritisch, wo Selbstkritik nötig ist und erklären, wo Erklärungen falsche Vorstellungen zurechtzubiegen vermögen" (54). Auch hier riet die Welt, dem Radikalismus Einhalt zu gebieten, und die studentischen Mitläufer von den Rädelsführern zu trennen, oder allgemeiner ausgedrückt: die Mitläufer in das staatsloyale, grundgesetztreue politische Spektrum zu integrieren.   

Für den zeitweiligen Leiter des Welt-Ressorts Innenpolitik, Werner Titzrath, war der SDS bereits im Begriff, zu einer "Ansammlung von Sektierern" zu werden, bis das Attentat auf die SDS-Leitfigur Rudi Dutschke - auch von der Welt vielfach als verabscheuungswürdiges Verbrechen verurteilt - jener Vereinigung "neuen Auftrieb" gab (55). Als nach dem Mordversuch gegen Dutschke zahlreiche Krawalle die Osterfeiertage überschatteten, berichtete die Welt ausführlich über Gewalt gegen den Springer-Verlag (56). Auf der Meinungsseite vom 16. April 1968 erörterte die Welt politische Hintergründe und Motive. Titzrath urteilt in einem Leitartikel: Die Staatsautorität habe sich dem Stoßkeil der APO dem SDS, einer "linksextremistisch-militant[en] Organisation von Berufsrevolutionären" gebeugt. Der SDS wolle "den Umsturz, (...) die Demontage der parlamentarischen Demokratie in Deutschland", er wolle nun die Empörung über das Attentat auf Dutschke rechtfertigen. Er könne sich auf ein "mächtiges publizistisches Establishment der Linken" stützen, und richte sich weniger gegen die "Symbolfigur" Springer  als gegen das "spätkapitalistische System" an sich. zu dessen Helfern er auch die SPD rechnete (57). Hans Schueler betrachtete die Osterunruhen als Umsetzung eines "SDS-Aktionsprogramms", das im September 1967 entstanden war. Im Rahmen einer Anti-Springer-Aktion sollt die Auslieferung seiner Zeitungen verhindert werden. Erst mit den Schüssen auf Dutschke war die Situation gegeben, die eine Massenbasis auf die Straße trieb: "Die fünf [Organisatoren] kommandierten, und einige tausende marschierten", Schueler beurteilte demnach den SDS als Kaderpartei leninistischen Typs. Auch hier fand sich das bereits im Juni 1967 nachweisbare Argument (das eine Mehrheit der Bürger teilte), die Staatsgewalt habe sich zu sehr zurückgehalten: Es sei nicht um Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit gegangen, sondern um "planmäßige Zusammenrottungen revolutionären Charakters unter Einsatz krimineller Mittel". Schueler appellierte an die Politiker: "Es geschah in der Bundesrepublik zum ersten Mal, und es muss zum letzten Mal geschehen sein, dass ein Revolutionskomitee beinahe wie eine Nebenregierung zwei Tage über die Rundfunkanstalten den Aufruf zum kollektiven Landfriedensbruch verbreiten konnte". Die Pressefreiheit sei eben nicht nur von der traditionellen Staatsautorität bedroht, sondern von totalitären Gruppen, die bekämpft werden müssten: "Der SDS hat wie allen radikalen Bewegungen seine Ideologie absolut gesetzt. Er kann von den Institutionen, denen er die Gewalt im Namen des Absoluten angesagt hat, nichts anderes erwarten als die Gegengewalt entschlossener Abwehr" (58). Um eben dies zu unterstreichen, zitierte Schueler in einem anschließenden Artikel ausführlich aus den Dokumenten der 23. SDS-Delegierten-Konferenz vom September 1967. Sein Fazit: Es handle sich um eine "Moskau-abhängige, marxistisch-leninistische Konkurrenzpartei zur illegalen KPD", die sich die "Beseitigung der verfassungsmäßigen Ordnung in der Bundesrepublik" zur Aufgabe gemacht habe. 

Die Welt ließ es nicht bei Appellen zur Durchsetzung der streitbaren Demokratie bewenden, sondern setzte sich auch mit den Plänen zur Hochschulreform auseinander: Zu begrüßen sei eine Vergrößerung der Lehrkörper und "als deutliche Absage an die Sicht jungakademischer Verfechter eines Räte-Systems" - die Verneinung der Drittelparitäten in den akademischen Selbstverwaltungsgremien (59). Des Weiteren zeigte die Welt Grenzen der von der APO geforderten "Demokratisierung der Hochschule" auf: Studenten fehle nach der Meinung von Prof. Klaus Pieper die Kompetenz und Erfahrung, die Leistungen von Professoren beurteilen zu können (60). Der "junge Pädagoge" Hansgeorg Rack empfahl das Einüben von Verantwortung: Unzulänglichkeiten gehörten zur politischen Praxis, daher seien übermäßig abwertende Schlagworte, gar die Forderung nach Abschaffung der Demokratie, "unreif" und verfehlt. "Nicht Freiheit von allen Begrenzungen und Verpflichtungen, sondern Freiheit zur Übernahme von Verpflichtungen und Anerkennung von Grenzen macht echte Menschenwürde aus!" (61). Im Nachrichtenteil der gleichen Ausgabe veranschaulichte Welt-Korrespondent Hans-Erich Bilges den Radikalismus der APO: "Die Masse fieberte nach ,Aktionen'", denen dann eine Ausführung von schweren Gewalttaten und aufwendigen Sicherheitsmaßnahmen folgt (62). Unter der Schlagzeile vom 17. April 1968 ("Kanzler und Koalition einig: Jetzt ist rasches Handeln nötig") hob die Welt die Ansicht der Politiker hervor, die staatliche Autorität gegenüber "revolutionären antidemokratischen Gruppen" durchzusetzen (also die Forderung der Welt zu erfüllen), wobei sie auch ähnlich klingende Forderungen der Bevölkerung sinngemäß zitierte. An Deutlichkeit ist die Mahnung zum Widerstand gegen den SDS (als Speerspitze der APO angesehen) schwer zu übertreffen: "Es muss ein einheitliches Vorgehen geben in allen Ländern und ein wirksames Vorgehen der Justiz. Ein Problem bleibt: der SDS. Wie will man dem Treiben dieser revolutionären Gruppe begegnen?" (63)  Welt-Korrespondent Georg Schröder sah die Handlungsfähigkeit des Staates in Frage gestellt, und erinnerte an die letzten Jahre der Weimarer Republik. Im Übrigen handelte es sich, so Schröder, bei den studentischen Demonstranten (denen er eine Absicht zur Beseitigung der parlamentarischen Demokratie unterstellte) nicht, wie Bundesjustizminister Gustav Heinemann meinte, um "die Jugend". Nicht zuletzt müsste der SDS entlarvt werden. Waren aber die Reformen, die auch Schröder forderte (64), überhaupt mit einer derartigen außerparlamentarischen Opposition realisierbar? Offensichtlich nicht. Dem Bericht des Berliner Korrespondenten Hans-Erich Bilges über eine Diskussion mit dem SFB-Intendanten Franz Barsig an der FU zufolge erschien die APO dialogunfähig und beleidigend (65). Die Welt zitierte alleine am 17. April 1968 zahlreiche ablehnende Meinungen über die linksradikalen Studenten (RCDS Bonn, ausländische Pressestimmen, Unternehmer) (66), die den Schaden durch die Unruhen für die Allgemeinheit belegen sollten. Ausgehend davon, dass "auch von Universitäten der Bundesrepublik aus der Aufstand geschürt und gelenkt" (Einleitungstext) werde, legte die Welt am gleichen Tag nahe, dass eine strikte Anwendung des Hausrechts durch den Universitätsrektor die Planung revolutionärer Aktionen eigentlich verhindern müsste - die Welt forderte damit indirekt die Rektoren auf, durch Ausschöpfung ihrer Rechte den radikalen Studenten Einhalt zu gebieten. Eine Befragung der Reaktoren ergab jedoch eine sehr "liberale" Anwendung des Hausrechts durch die großen Universitäten (67). Bilges schloss aus seinen Beobachtungen an der Technischen Universität sogar, "in der TU herrschen Revolutionskomitees", die illegal Räume nutzten und die Aufforderungen des Rektors zur Räumung ignorierten (68). Gastautor P. W. Menger konstatierte angesichts dieser Situation eine "Kapitulation" des Staates: Der SDS stünde offenbar über dem Gesetz, denn der "Strafrechtsparagraph gegen öffentliche Aufrufe zum Ungehorsam" werde gegen ihn nicht angewandt (69), Während demnach die Macht der Linksextremisten an den Universitäten groß war, hätten "Aufwiegler" einer Erklärung des deutschen Industrie-Instituts zufolge aber "bei Arbeitnehmern keinen Erfolg" (70). 

Die Welt räumte der Berichterstattung über ein Todesopfer linksradikaler Krawalle mehrere Spalten ein: Ein Stein traf den Pressefotograf Klaus Frings, der die Plünderungswut in den Redaktionsräumen einer "Springer-Zeitung" dokumentierte, am Kopf (71). Nachdem die Gewalttaten abgeklungen waren, setzte sich die Welt ausführlicher als bisher mit der Ideologie des SDS auseinander: Sie stellte seine Aktivisten Bernd Rabehl, Hans-Jürgen Krahl sowie die Brüder Frank und Karl-Dietrich Wolff in Kurzporträts vor. Nicht etwa deren Meinung zu einzelnen Sachfragen ging daraus hervor, sondern ihr Werdegang (72). Bundesinnenminister Ernst Benda erklärte gegenüber der Welt, der Sozialistische Deutsche Studentenbund sei zwar verfassungswidrig, aber aus taktischen Gründen erscheine es besser, er bleibe legal. In Kürze werde ein Weißbuch des Bundesinnenministeriums die Verfassungswidrigkeit des SDS belegen (73).

Der ausführlichen Berichterstattung über die Osterunruhen folgte eine ideologiekritische Reihe über die politischen Hochschulgruppen. Der Sozialistische Hochschulbund erschien darin als ein Verband, der in den vorangegangenen Jahren auf Konfrontation zur SPD ging und die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik zunehmend ablehnte (74). Hochschulgruppen wie der Liberale Studentenbund Deutschlands (LSD) und die Humanistische Studentenunion (HSU) seien nach links in die ideologische Nähe des SDS gerückt, ohne dessen Anziehungskraft erreicht zu haben. Der LSD, der bislang das Godesberger Programm der SPD lobte und eine Koalition mit den Sozialdemokraten wünschte, sei ein enger Verbündeter des SDS geworden: Die Welt zitierte den LSD-Vorsitzenden Frank von Auer (ein SPD-Mitglied!) mit den Worten an die "lieben Genossen", er werde die 1200 LSD-Mitglieder in die Außerparlamentarische Opposition einbringen. Die HSU erschien mit ihrer Behauptung von der "Unterdrückung der Sexualität" noch mehr als "Bürgerschreck" (als solcher wird der SDS in diesem Artikel bezeichnet), der in SDS-Manier vom Parlamentarismus als "liberalistisch kaschiertes Ritual zur Verschleierung der tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse" rede. Als Gegenposition zum SDS stellte die Welt auf der gleichen Seite den Zentralausschuss der österreichischen Hochschülerschaft vor: Reformen seien auch in Österreich notwendig, hingegen seien Gewaltmaßnahmen "unmöglich". Demonstrationen für sachlich begründete Ziele, von einem eigenen Ordnungsdienst flankiert, ließen zusammen mit guten Kontakten zu Polizei und Gewerkschaften die österreichischen Studentenvertreter vernünftiger erscheinen. Über Werte und Einstellungen, die die Welt bei den deutschen Hochschulgruppen detailliert beschrieb, war allerdings in dem Beitrag über die Studenten im südöstlichen Nachbarland nichts zu lesen (75). 

Mit der gleichen Absicht ließ die Welt den Vorsitzenden der grundgesetztreuen, neu gegründeten Deutschen Studentenunion seine Gegenposition zum SDS umfassend erläutern: "Demonstrationen ja - Gewalt nein" (76). 

Ebenso der RCDS: Bislang eher zurückhaltend, versuche der RCDS seit dem Tod Ohnesorgs vor allem dank des neuen Vorsitzenden Wulf Schönbohm mit legalen Mitteln hochschulpolitische Reformen anzustoßen; dabei lehne er Methoden und Ziele der radikalen Linken strikt ab (77). 

Günther Zehm mahnte die öffentlich-rechtlichen Medien angesichts der Besetzung des Auditoriums Maximum der TU (und der "Hilflosigkeit" von Kultursenator und Rektor) an ihren Auftrag, zugunsten der Verfassungsordnung Stellung zu nehmen: "Wie lange noch (...) wollen Rundfunkräte es hinnehmen, dass Funk und Fernsehen in der einseitigsten Weise die Belange des SDS wahrnehmen?" Die Forderungen des linksradikalen "Aktionskomitees der Arbeiter, Schüler und Studenten" nach Sendeminuten für die APO im Sender Freies Berlin sei überflüssig, weil die APO bereits dazu übergegangen ist, lautstark den Hinauswurf von Journalisten aus den Rundfunkanstalten zu fordern, die ihr nicht genehm sind. Sendezeiten allein genügen ihr nicht mehr, sie fordert für sich ein Monopol in den Massenmedien" (78). 

 4., Der "Widerstand" der Welt, seine Wirkung und die öffentliche Meinung

Die Welt sah die Außerparlamentarische Opposition als kleine, marxistisch orientierte Minderheit, und fast ausschließlich im Zusammenhang mit Linksradikalismus und Gewalt. Eine Kompetenz, die Defizite der Bildungspolitik zu beschreiben oder zu verkleinern, wurde ihr nicht zugestanden. Mit anderen Worten: Sie sei gegen den grundgesetzlich definierten Rechtsstaat gerichtet und unfähig, eine konstruktive Rolle zur Lösung der durchaus vorhandenen Probleme zu leisten. Die Welt gab einer weit verbreiteten Meinung Ausdruck, indem sie die radikalen Studenten unmissverständlich verurteilte und deren Einstellung gegen den US-amerikanischen "Imperialismus" als beschämend rügte. Die Welt verzichtete aber auf eine weiterführende Erörterung (abgesehen von einem Aufsatz Erwin K. Scheuchs) (79), warum in fast allen Teilen der westlichen Welt einschließlich der Vereinigten Staaten selbst Studenten rebellierten, und ob nicht eine Mitschuld der Etablierten in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft vorliege. Wurde den jungen Menschen Visionen, zumindest Ideale geboten, oder verdeckte nicht die Erwirtschaftung des materiellen Wohlstands, die Selbstzufriedenheit und Biederkeit alles andere? Jedenfalls blieb die Ursachenforschung der Welt unvollständig. Zu schnell wurde auch das Aufbegehren eines Teiles der jungen Generation mit Neomarxismus gleichgesetzt. Vielmehr gab es ja auch ein weniger politisches, eher von Lebensgefühl und dem Ausloten der Grenzen getragenes Aufbegehren weitab von den Universitäten, etwa an den Oberschulen, gegenüber den Eltern und in weiteren Formen. Dieses blieb den Redakteuren der Welt nicht nur fremd, sondern unbekannt: welche Gefühle steckten hinter neue Ausdrucksformen der Mode, Pop- und Rockmusik, Haartracht, Flower Power, Beatnik-Literatur u.ä. Es wäre nicht allzu schwer gewesen, die Spreu (Straftäter, Extremisten) vom Weizen (unpolitische, oft idealistische Jugendliche) zu trennen. 

Stattdessen bestand der "Widerstand" der Welt in einer ausführlichen Information über Gesetzesverletzungen, denen der Staat (Berliner Senat, Polizei, Freie Universität) mit harter Hand begegnen müsse. Dieser Tenor lässt sich in einem Satz aus Bild zusammenfassen, den Matthias Walden zitiert: "Schlafen unsere Richter, schlafen unsere Politiker? Wie lange wollen sie noch zulassen, dass unsere jungen Leute von roten Agitatoren aufgehetzt, dass unsere Gesetze in Frage gestellt, unterwandert und missdeutet werden"? (80)

Der Eindruck des früheren Welt-Redakteurs Gerhard Naeher, in der Welt hätten nach Zehrers Tod zunehmend "grobe Federn eines alternden Konservatismus" wie William Schlamm, Winfried Martini, Armin Mohler und Hans Georg von Studnitz geschrieben (81), können wir für unseren Untersuchungszeitraum zum Thema "68er" allerdings zurückweisen. Die genannten Autoren waren offenbar weit häufiger in der Welt am Sonntag präsent. Matthias Waldens Einschätzung, die Zeitungen Axel Springers seien "staatsloyal", anti-nationalistisch und "antikommunistisch", trifft hingegen nach unserer Auffassung zu (82). Auch Springer selbst sprach von "staatloyalen" Medien, die er verlege (83). 

Eine weitere Schwäche der Welt: Obwohl Dutschkes Satz vom "langen Marsch durch die Institutionen" bereits aus dem Jahr 1966 datierte, wagte die Welt nur selten einen Ausblick, auf welchen Weg sich die Neue Linke begeben und was dies für Staat und Gesellschaft bedeuten könnte: Lediglich am 17. April 1968 zitierte sie Unternehmer, die an einer erfolgreichen Eingliederung der radikalen Studenten in die Wirtschaft zunehmend zweifelten und von einer schweren Hypothek" der Extremisten für den gesamten akademischen Nachwuchs sprachen (84). 

Die Wirkung der Welt-Artikel auf die Politik hielt sich in engen Grenzen. In Berlin bemühte sich der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, den Linksradikalismus aus dem Stadtbild zu verbannen, ihm also seinen Öffentlichkeitseffekt zu nehmen. Dies gelang; an der FU, von der Masse der Wähler weit weniger beachtet, änderte sich trotz zahlreicher Forderungen der Welt so gut wie nichts. Die 1960 gebildete Bundesregierung Brandt/Scheel war an Wählerstimmen aus dem Umfeld der Außerparlamentarischen Opposition interessiert.

Unsere Studie über die Welt mündet in die Frage nach einer Erklärung, warum sich diese Zeitung so deutlich an die Stelle von Staat und Bevölkerungsmehrheit gegen die Protestbewegung stellte. Zum einen war Axel Springer seit seiner misslungenen Initiative zur Wiedervereinigung 1958 ein sehr politischer Verleger, der die redaktionelle Linie seiner Erzeugnisse anhand eingangs wiedergegebener Grundsätze festlegte, sich darüber hinaus auch persönlich in Anweisungen und Einzelgesprächen um redaktionelle Details kümmerte. Der Verweis auf den Verleger alleine aber greift zu kurz. Die Erfahrungen maßgeblicher Redakteure mit Kommunisten und ihre Zufriedenheit mit dem politischen System der Bundesrepublik Deutschland dürfte einen stärkeren Ausschlag gegeben haben: Der Leiter des Kulturressorts, Günter Zehm, war zuvor politischer Häftling in der "Ostzone" gewesen. Hans-Dietrich Sander kam 1957 aus Ost-Berlin nach Westdeutschland. Chefredakteur Hermann G. F. Starke war in Sachsen geboren. Demgegenüber war die Frankfurter Allgemeine Zeitung eher westdeutsch-liberal und wirtschaftsnah. Ihre Herausgeber und manche weiteren Journalisten gehörten ebenso wie die maßgeblichen Professoren der Frankfurter Schule, denen sie ja schon aus geographischen Gründen nahe waren, zur intellektuellen Elite der eher linksliberal geprägten Handelsstadt Frankfurt am Main. Es bestanden auch publizistische Verbindungen der Frankfurter Schule zur FAZ in Form von Hintergrundgesprächen und Veröffentlichungen (85). Nicht zuletzt hatten die Berlin-erfahrenen Journalisten der Welt ein anderes Bild von den FU-Studenten in Erinnerung: Flüchtlinge aus der DDR bildeten einen unübersehbar großen Teil der FU-Studentenschaft der 1950er und frühen 1960er Jahre. West-Berliner, Westdeutsche und auch Ausländer beließen es im Schatten der Sperranlagen nicht mit wortreichen Bekenntnissen, sondern halfen fluchtwilligen Ost-Berlinern, indem sie Tunnel unter der Mauer gruben (86). Nur wenige Jahre später zeigten sich ganz andere FU-Studenten als "Ho, Ho, Ho Chi Minh!"-Rufer mit roten Fahnen - der Gegensatz zu ihren Kommilitonen von 1960 konnte kaum größer sein. Die Intoleranz und Gewalttätigkeit vieler Linksradikaler dürfte zusammen mit einer allzu großen Verständnislosigkeit der autoritätsgeprägten Elterngeneration dazu geführt haben, dass ein Dialog zwischen beiden Seiten 1967/68 nicht versucht wurde. Peter Boenisch spricht wohl nicht nur für "seine" Bild, wenn er als Angehöriger der Kriegs- und Flakhelfer-Generation resümiert: "Wir hassten nichts mehr als die Gewalt, ganz gleich, aus welcher Ecke sie kam (87). Es anzunehmen, dass Extremisten (keineswegs nur im April 1968) Gewalt gegen Welt-Journalisten androhten oder verübten, so dass üble persönliche Erfahrungen die politischen Einstellungen der Redakteure noch verstärkten. 

Aber, so Boenisch im Abstand von 30 Jahren: "Wir hatten keine Söhne oder Töchter im richtigen Alter, oder falls wir sie hatten, haben wir nicht mit ihnen gesprochen, wil sie im Internat waren oder von irgendwelchen geschiedenen Frauen versorgt wurden. Wir haben zu spät gemerkt, was wirklich los war an den Universitäten" (88).

Die Forderungen der Welt nach staatlichen Maßnahmen kann ferner mit der vorherigen "staatsnahen" Anstellung des Chefredakteurs Starke beim öffentlich-rechtlichen Deutschlandfunk und der Position des Chefredakteurs Wilfried Hertz-Eichenrode als Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Bundesinnenministerium begründet werden. Der Spiegel charakterisiert letzteren als "Vertreter eines reaktionären Ernstfall-Konservatismus; er agierte alsbald mit Meinungsseiten und Berichterstattung, als habe das Innenministerium selbst einen Notstands-Agenten in die Zeitung geschickt" (89).   

Kommen wir abschließend zum Zusammenhang von öffentlicher Meinung der Gesamtbevölkerung und veröffentlichter Meinung der Welt zurück. Hans Schueler zitierte aus einer Befragung durch das Institut Infas: fast drei Viertel (73 Prozent) der (West-)Berliner forderten, "die Studenten stärker zu beaufsichtigen". Politische Studentendemonstrationen waren unpopulär (wie eingangs auch schon Noelle-Neumann ermittelte), die ohnehin geringe Zustimmung ging seit 1967 weiter zurück. Die Bevölkerung brachte Studentendemonstrationen weitgehend mit Gewalt in Verbindung (90). Wie oben aufgezeigt, war die Welt mit ihren Forderungen, der demokratische Rechtsstaat möge von seiner Autorität gegenüber den Rechtsbrechern Gebrauch machen, den Einstellungen der Deutschem, v.a. den antikommunistischen Berlinern, sehr nahe. Explizit zeigt sich das bei der Beurteilung der Krawalle vom 2. Juni 1967 und den Osterunruhen. Diese Haltung der Welt entsprach der Absicht Axel Springers, als "Mann der Mitte" seine Zeitungen zum Sprachrohr der Bevölkerung zu machen: "Als Besitzer mehrerer Tages- und Sonntagszeitungen mit Massenauflagen zeigte sich Springer vor allem ab den sechziger Jahren davon überzeugt, für die jeweiligen Bedürfnisse und Überzeugungen der bundesdeutschen Bevölkerung eine besondere Sensibilität entwickelt zu haben. Nur so sei schließlich der überwältigende und konstante Erfolg seiner Publikationen zu erklären: Die Deutschen kauften seine Zeitungen, weil sie in ihnen ihre eigenen Ansichten abgedruckt fanden" (91). Dass die Presse Axel Springers die Bevölkerungsmeinung spiegele, meinte auch Leserbriefschreiber Erich Kohler: "Die Dutschkisten verwechseln Ursache und Wirkung, wenn sie die ablehnende Haltung der Mehrheit unserer Bevölkerung auf den Einfluss der Springer-Presse zurückführen wollen. Springer macht nicht unsere Meinung - er macht sie lediglich publik und lässt sie journalistisch formulieren. Damit hat er Erfolg - und natürlich auch Neider (...). Im Übrigen richtet sich die Ablehnung der Bevölkerung keineswegs gegen die Jungen selbst und ihren Willen zur Diskussion, sondern nur gegen die Methode. Der Dialog muss mit sachlichen Worten geführt werden! Auf Pflastersteine kann man nur mit Gummiknüppeln, auf Verkehrsstörungen nur mit Wasserwerfern antworten. Dies führt zu Beulen und Schnupfen - und wie man sieht, zu Todesopfern, aber sicher nicht zu den notwendigen Reformen. Die seit 1945 den Karren aus dem Dreck gezogen haben - auch für die Dutschkisten - wissen dies nur zu gut" (92). 

 

 

1   Diese legte Axel Springer bezeichnenderweise 1967, kurz nach den Ausschreitungen vom 2. Juni, fest.

     Vgl.: Gudrun Kruip: Das "Welt"-"Bild" des Axel-Springer-Verlags. Journalismus zwischen   westlichen Werten und deutschen Denktraditionen. München 1999, S. 110f. 

2   "Prestigemedien" sind in Anlehnung an Hans Matthias Kepplinger jene Medien, die sich an drei Adressaten richten: nicht nur an ein Massenpublikum, sondern auch an Journalisten anderer Medien, sowie an Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Kultur. Sie werden demnach nicht nur zur Information, sondern auch zur Entscheidungsfindung und Meinungsbildung genutzt. So ergibt sich eine weit höhere Wirkung. 

3     N.N.: Demonstrationen. Sei es mit Gewalt. In: Der Spiegel, 9/1968, S. 23-26; Günter Wallraff: 13 unerwünschte Reportagen. Köln 2002, S. 50-62 (bei dem Wallraff-Text handelt es sich um eine mit Mitteln der Täuschung erstellte Reportage, die die antifaschistische Einstellungen Wallraffs unterstützen sollte).

4     Von der Grundgesamtheit (die Unterschiede zwischen Christ- und Sozialdemokraten machten nur fünf Prozentpunkte aus) wich die Haltung der FDP-Anhänger ab: 56 Prozent der Liberalen befürworteten politisch motivierte Studentendemonstrationen, 23 Prozent sprachen sich für eine Einschränkung auf Universitäts- und Hochschulthemen aus, 14 Prozent wollten keine Studentendemonstrationen. Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann und Erich Peter Neumann (Hrsg.): Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1965-67, Allensbach 1967, S. 365f. 

5 Vgl. ebd., S. 365f. Die Meinungsverteilung bei der FDP-Anhängerschaft: 47 Prozent "gegen Studenten-Demonstrationen", 44 Prozent: für "die Demonstrationen der Studenten". 

6   Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann: Pressekonzentration und Meinungsbildung. In: Publizistik, 13. Jg. (1968), S. 107-136, hier S. 134. 

7     Vgl. ebd., S. 107-136, hier S. 134. 

8     Bestand Na 60, Nachlass Jürgen Habermas, Archivzentrum der Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg, Frankfurt a.M., zitiert nach Stefan Müller-Doohm: Jürgen Habermas. Berlin 2014, S. 200.

9     N.N.: Bachmann. Unbedingt weg. In: Der Spiegel, 17/1968, S. 64-69. 

10   www.kopfsplitter.de/Biermann.htm; www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/marek-dutschke-axel-springer-war -kein-Opfer-a-829694.html

11  Auch hier stimmten Christdemokraten (50 vs. 15 Prozent) und Sozialdemokraten (49 vs. 21 Prozent) in ihrer Meinung zugunsten der Polizei relativ stark überein. Demgegenüber bekannte sich nur jeder vierte FDP-Anhänger zu den Ordnungshütern. In Konfliktfall gaben Liberale-Wähler den Bürgerrechten den Vorzug, auch  wenn diese zu Gesetzesverstößen missbraucht worden waren. 46 Prozent der CDU/CSU-Anhänger, 43 Prozent der sozialdemokratisch orientierten, 50 Prozent der FDP-Wähler fanden, die Polizei sei "nicht zu hart" vorgegangen. "Zu hart" erklärten 28 Prozent der Unionsnahen, aber immerhin 40 Prozent der SPD-Wähler, und 47 Prozent der FDP-Anhänger. Vgl. ebd., S. 366. 

12   Vgl.: N.N.: Was denken die Berliner über die Studenten? Blitzumfrage des SPIEGEL über die Reaktion auf die Oster-Demonstrationen. In: Der Spiegel, 17/1968, S. 28. Befragung von 1032 West-Berlinern (repräsentativer Querschnitt) durch das Ifak-Institut. 

13  CDU/CSU-Wähler: 73 Prozent, SPD-Wähler: 71 Prozent, FDP-Wähler: 74 Prozent, Jungwähler: 76 Prozent, Unentschiedene: 71 Prozent. Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach (Hrsg.): Wählermeinung nicht geheim. Allensbach 1969, S. 55-61. 

14    Ebd., S. 131f.; 75 Prozent der christdemokratischen, 67 Prozent der sozialdemokratischen und 59 Prozent der freidemokratischen Anhängerschaft lehnten eine totale Gesellschaftsveränderung ab. 

15    So u.a. Jürgen Alberts: Massenpresse als Ideologiefabrik. Am Beispiel "Bild". Frankfurt 1972. 

16    Vgl. z.B. Michael Jürgs. Der Fall Axel Springer. München 1995, S. 252. 

17    Alberts 1972, S. 91.

18    Institut für Demoskopie: Die Welt. Gesamtergebnisse einer Leser-Untersuchung. Allensbach, o.J., S.1.

19    Elihu Katz: On Reopening the Question of Selectivity in Exposure to Mass Communication. In: Robert P. Abelson/Elliot Aronson u.a. (Hrsg.): Theories of Cognitive Consistency: A Sourcebook, Chicago 1968, S. 788-796. 

20    Vgl. bspw. Hans Dieter Müller: "Ich werde Deutschland wiedervereinigen, ob Sie es glauben oder nicht". Geschichte und Analyse des Springer-Konzerns, 3. Fortsetzung. In: Der Spiegel,  5/1968, S. 50-66, hier v.a. S. 61. 

21    Vgl. Claus Jacobi: 50 Jahre Axel Springer Verlag, Berlin 1996, S. 128.

22    Die Welt, 4./5.5.1967. 

23    Vgl. www.bdzv.de/twp/preis.html 

24    Britischer Journalist: Ich frage mich.... In: Die Welt, 20.4.1968, S.6. 

25    Kruip 1999, S. 232.

26    Vgl. Gerhard Naeher: Axel Springer. Erlangen 1991, S. 175.  

27    Elisabeth Noelle-Neumann/Erich Peter Neumann (Hrsg.): Jahrbuch der öffentlichen Meinung, Bd. 4: 1965-67, Allensbach 1967, S. 367. 

28    (Nachrichtendienst der Welt): Proteste und Aktionen. In: Die Welt, 13.4.1967, S. 4.

29     Hans Zehrer: Bewegung am Rande. In: Die Welt, 16.10.1965, S. 1f.

30     Vgl. ebd., S. 102. 

31     Nachrichtendienst der Welt: Studenten kleben Plakate gegen US-Politik. In: Die Welt, 5.2.1966, S.2. 

32    Vgl. Thomas P. Becker / Ute Schröder (Hrsg.): Die Studentenproteste der 60er Jahre. Archivführer - Chronik - Bibliographie. Köln [u.a.] 2000. 

33     N.N.: Lemmer verurteilt scharf "Pöbeleien" gegen die USA. In: Die Welt, 7.2.1966, S. 1.

34     jn: Kommunistische "Anheizer" bei Demonstration in Berlin. In: FAZ, 9.2.1966, S.2. Bernt Conrad: Ein empörendes Schauspiel. In: Die Welt, 7.2.1966, S.2. 

35     Bernt Conrad (Co.): Bonn bedauert Berliner Krawalle. In: Die Welt, 9.2.1966, S.1. 

36    Nachrichtendienst der Welt: Studenten drohen mit Streiks. In: Die Welt, 9.2.1966, S.1. 

37     Hans Dietrich Sander: Die Traumtänzer von Berlin. Warum immer Ärger an der Freien Universität? In: Die Welt, 2.2.1966, S. 5.

38     Bernt Conrad (Co.): Linke Studenten. In: Die Welt, 13.12.1966, S.2. 

39     Die Welt, 10.4.1967, S.3. 

40     August-Wilhelm Mangold: Mitglied einer Vietnam-Sekte beim Ostermarsch. In: Die Welt, 19.4.1967, S.7. 

41     Berliner Senat: Demonstrationen werden nicht mehr geduldet. In: Die Welt, 5.6.1967, S.1 und 3. 

42     Bernt Conrad: Freiheit - kein Freibrief für Rowdys. In: Die Welt, 5.6.1967, S.2. 

43     Ders.: Konsequenzen aus den Krawallen. In: Die Welt, 8.6.1967, S.2.

44    Bernd Nellesen: Krawall. In: Die Welt, 6.6.1967, S.4. Berliner Redaktion: Die Reaktion an den Hochschulen auf die Berliner Krawalle. In: Die Welt, 6.6.1967, S.4.

45     Winfried Schulz: Die Studentendemonstrationen beim Schah-Besuch in Berlin. Ergebnisse einer Inhaltsanalyse der Publizistischen Stichprobe. In: Publizistik, 13. Jg. (1968), S. 30-42.

46     Vgl. Die Welt, 6.6.1967, S.4.

47     Bernd Nellesen: Die Saat der Radikalen geht auf. In: Die Welt, 10.6.1967, S.2.

48     Günther Zehm: Studentische Lust am politischen Rabatz. In: Die Welt, 7.6.1967, S.2.

49     Bernt Conrad: SPD. Keine Identifikation mit Albertz. In: Die Welt, 16./17.6.1967, S.3.

 50     Eberhard Nitschke: "Sollen wir etwa auch mit Tomaten werfen?" In: Die Welt, 28.6.1967, S.5.

51     Die Welt, 28.6.1967, S.9.

52     Rolf Görtz: Nach donnerndem Applaus kam wütender Protest. In: Die Welt, 13.3.1968, S.3.

53     (Korrespondent): Junge Demonstranten im Handgemenge mit Brandt und Wehner. In: Die Welt, 18.3.1968.

54     Georg Schröder: An der Jugend vorbei. In: Die Welt, 13.4.1968, S.2.

55     Werner Titzrath: Wem beugt sich der Staat? In: Die Welt, 16.4.1968, S.2.

56     Vgl. N.N.: Schwere Ausschreitungen nach Attentat auf Dutschke. In: Die Welt, 13.4.1968, S.1.   v.C.(Berliner Korrespondent): Die Nacht nach dem Attentat in Berlin. In: Die Welt, 13.4.1968, S.3.  (Nachrichtendienst der Welt): Proteste uns Aktionen. In: Die Welt, 13.4.1968, S.4. (Nachrichtendienst der Welt): Radikale Gruppen rufen zu neuen Aktionen gegen Zeitungen auf. In: Die Welt, 16.4.1968, S.1.

57     Titzrath, a.a.O.

58     Hans Schueler: Der SDS probt den Notstand. In: Die Welt, 16.4.1968, S.2.

59     Walter Görlitz: Anlauf zur Hochschulreform. In: Die Welt, 16.4.1968, S.2.

60     Klaus Pieper: Mitverantwortung - das ist des Pudels Kern. In: Die Welt, 16.4.1968, Hochschulbeilage.

61     Hansgeorg Rack: Demokratie im Sandkastenspiel. In: Die Welt, 16.4.1968, Hochschulbeilage.  

62     Hans Erich Bilges: Scharf: Gewalt kann nichts Gutes bringen. In: Die Welt, 16.4.1969, S.3.

63     Georg Schröder: Bonn. In: Die Welt, 18.4.1968, S.1.

64     Ders.: Die Standfestigkeit wird geprüft. In: Die Welt, 17.4.1968, S.2.

65   Hans Erich Bilges: Tief enttäuscht verließ Franz Barsig um Mitternacht das Auditorium. In: Die Welt, 17.4.1968, S. 3.

66     St. (Bonner Korrespondent): Die zahlreichen Parolen widersprechen einander. In: Die Welt, 17.4.1968,S.4.   -ves/cd: Unternehmer besorgt über Extremisten. Angriff auf Privateigentum wird verurteilt, ebd., S. 15.

67     N.N.: Der Hörsaal als Befehlsstand für Radikale? In: Die Welt, 17.4.1968, S.5.

68     in: Die Welt, 24.4.1967, S.6.

69     Paul Wilhelm Wenger: Steht der SDS über dem Gesetz? In: Die Welt, 29.4.1968, S. 6 (Abdruck aus dem Rheinischen Merkur).

70   (Nachrichtendienst der Welt): Unruhen. Aufwiegler hatten bei Arbeitnehmern keinen Erfolg.  In: Die Welt, 24.4.1968, S.6.

71     Bestürzung über das erste Opfer der Unruhen. Pressefotograf gestorben. In: Die Welt, 18.4.1968, S.1.  Wilhelm F. Maschner: Der tragische Tod des Journalisten Klaus Frings. In: Die Welt, 18.4.1968, S.3.

72     Bernd Nellesen: Die jungen Männer an der Spitze des SDS. Wer sind sie, woher kommen sie, was wollen sie? In: Die Welt, 18.4.1968, S.5.

73     (Korrespondent Ems): In Kürze Weihrauch über dem SDS. In: Die Welt, 4.5.1968, S.1.

74  Karsten Plog: "Kampf der SPD - aber in der SPD" (Teil II der Reihe "Die politischen Hochschulgruppen - was denken sie und was wollen sie?"). In: Die Welt, 29.4.1968, S.5.

75     Paul Lersch: Satelliten, die den SDS umkreisen (Die politischen Hochschulgruppen - was denken sie und was wollen sie?, Teil IV). In: Die Welt, 2.5.1968, S.5. Bernt Conrad: "Gewaltanwendung ist doch Wahnsinn". Gespräch mit dem Vorsitzenden der österreichischen Hochschüler. In: Die Welt, 30.4.1968, S.5.

76     Günter Krems: Demonstrationen ja - Gewalt nein. In: Die Welt, 25.4.1968, S. 6.

77     Karsten Plog: Revolution in kleinen Dosen (Die politischen Hochschulgruppen, Teil III). In: Die Welt, 30.4.1968, S.5.

78     Günther Zehm: Verführung zur Gewalt. In: Die Welt, 24.4.1968, S.2.

79     Erwin K. Scheuch: Warum die jungen Pensionäre revoltieren. In: Die Welt, 28.6.1967,              S.9.

80     Matthias Walden: Der Meinungsstreit muss fair sein. In: Die Welt, 25.4.1968, S.2. 

81     Naeher, a.a.O., S. 175. 

82     Matthias Walden: Liberal-sozialistische Koloraturen. In: Der Monat, H. 200 (Mai 1965), S. 124ff, hier S. 126. 

83     Rede Springers auf der Beiratssitzung der Deutschen Bank, 14.11.1968, zitiert in: Kruip, a.a.O., S. 148.

84     Vgl.: -ves/cd: Unternehmer besorgt über Extremisten. Angriff auf Privateigentum wird verurteilt. In: Die Welt, 17.4.1968, S. 15. 

85      Vgl. Clemens Albrecht: Die Massenmedien und die Frankfurter Schule. In: Ders./Günter C. Behrmann/Michael Beck [u.a.] (Hrsg.): Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik, Frankfurt 1999, S. 220-225. 

86     Von dieser Aufopferung aus Gründen der Solidarität schreibt Ellen Sesta: Der Tunnel  in die Freiheit. Berlin 2000. Der Leser erhält einen präzisen Einblick in die Situation West-Berlins, v.a. in die Einstellungen der Studenten an der FU vor der Studentenrebellion. 

87     Peter Boenisch in Berliner Zeitung, 16.1.2001 (www.berlinonline.de/wissen/-berliner_zeitung/archiv/2001/01116/medien/0001/) 

88    Michael Jürgs: Der Erlöser aus Altona. Der Fall Axel Springer (III): Bürgersohn, Künstlernatur, Zeitungskönig: In: Der Spiegel, 27/1995, S. 70-79, dort S. 76. 

89     Hans Dieter Müller: "Ich werde Deutschland wiedervereinigen, ob Sie es glauben oder nicht" - Geschichte und  Analyse des Springer-Konzerns, 3. Folge. In: Der Spiegel, Nr. 5/1968, S. 50-66, hier S. 64. 

90     Hans Schueler: Was denkt der Bürger von den Studenten? In: Die Welt, 3.5.1968, S.3. 

91     Kruip, a.a.O., S. 120. 

92     In: Die Welt, 24.4.1968, S.2. 

 

Stefan Winckler

Neues aus der Welt (verfasst 1999)

 

Wenn in den letzten Jahren über die Tageszeitung Die Welt geschrieben wurde, so ging es in der Regel um die eher niedrige Auflage von nur etwas mehr als 200.000 Exemplare, oft auch um das chronische Defizit in zweistelliger Millionenhöhe oder um redaktionsinterne Querelen. So schlug im Jahre 1994 der Streit der Redakteure mit den konservativen Mitarbeitern Rainer Zitelmann, Heimo Schwilk und Ulrich Schacht um die politische Orientierung der Wochenendbeilage „Geistige Welt“ hohe Wellen.

 

Umso bemerkenswerter erscheint das positive Echo, das die Welt, namentlich Chefredakteur Dr. Mathias Döpfner, ausgerechnet im Spiegel erfuhr. Von einer Auffrischung des Layouts, vielen neuen Mitarbeitern aus verlagsfremden Redaktionen und einem erweiterten Inhalt kündete das Nachrichtenmagazin.

 

Davon kann sich der Leser seit nunmehr einem Jahr überzeugen. So ist die zweite Seite der Welt ganz der Hauptstadt gewidmet, neu sind Medienseite und Immobilienteil, erweitert wurde die Berichterstattung über Wirtschaft, Finanzen und Sport sowie der Meinungsteil („Forum“). Vierzehntägig informiert die „Webwelt“ über das Internet. Der Gesamtumfang stieg von 24 über 32 auf nunmehr 40 Seiten. Die Geistige Welt knüpft unter dem großen Namen Literarische Welt bewusst an die gleichnamige Kulturzeitschrift der Weimarer Republik an; seit dem Herbst 1999 verleiht die Welt auch einen Literaturpreis. Ein Redakteur beantwortet täglich einen Leserbrief ausführlich – kein Geringerer als Ex-Chefredakteur Herbert Kremp machte den Anfang. Zahlreichen Artikeln ist ein Hinweis auf weiterführende Informationen im Internet beigefügt. Für das neue Layout fand auch der Art Director der konkurrierenden Süddeutschen Zeitung anerkennende Worte.

 

Der aufmerksame Welt-Leser entdeckt unter den Redakteuren viele neue Namen. In der Tat sind binnen Jahresfrist rund 50 Journalisten hinzugekommen – ein Drittel der Redaktion. Es sind zum großen Teil junge Leute wie Wolfram Weimer (33, zuvor für die FAZ in Madrid) und Claus Strunz (32, bisher bei der Abendzeitung in München). Schon Ende November 1998, knapp fünf Monate nach dem Wechsel der Chefredaktion von Thomas Löffelholz zu Mathias Döpfner, hatte die Zahl selbst recherchierter Beiträge gegenüber Agenturmeldungen stark zugenommen.

 

Da die „Welt“ in den vergangenen Jahrzehnten für einen betont freiheitlich-konservativen Kurs bekannt war, stellt sich die Frage, welche der neuen Mitarbeiter daran anknüpfen können, zumal es auch ein demokratisch-rechtes, konservatives Potential in der Bevölkerung gibt. An erster Stelle sind Ansgar Graw und Tilman Krause zu nennen – beide verfassten einst Aufsätze für den Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ von Heimo Schwilk und Ulrich Schacht. Erst unlängst hatte sich Krause in der „Welt“ mit seiner Kritik an der Entscheidung des Nobelpreiskomitees zugunsten von Günter Grass vom Medientenor abgehoben. Das „Forum“ leitet Thomas Schmid, ein zum klassischen Liberalismus konvertierter ehemaliger Realo-Grüner. Auch Friedrich Karl Fromme ist nach seinem unfreiwilligen Abschied von der FAZ gelegentlich als Autor vertreten.

 

Döpfner, dessen Leitartikel nichts an Deutlichkeit vermissen lassen, hatte eine Zeitgeist- und Ideologiekritik zusammen mit Freiheit, Marktwirtschaft, Bewahrung der kulturellen Tradition und Religion als Richtschnur ausgegeben.  Beispielsweise hat die Welt ein marktwirtschaftliches Profil in Sachen „Scheinselbständigkeit“ und „630-Mark-Stellen“ gezeigt. Im Kulturressort setzte v.a. die Frage nach dem Stellenwert der deutschen Sprache Akzente.

 

Dass aber der Meinungsteil von Seite 4 auf die Seiten 10 und 11 rutschte, erscheint schwer verständlich, nachdem er doch gleichzeitig erweitert wurde und grundsätzlich so etwas wie ein Aushängeschild der Tageszeitung angesichts der Informationsfülle, die die elektronischen Medien bieten, sein sollte. Gastkommentare kompetenter Autoren, die weit von der redaktionellen Linie abweichen, sind nicht von Schaden, doch sollte dabei der Blick auf die Werte und Einstellungen der Leser nicht verloren gehen: Wer möchte beispielsweise Lothar Biskys Meinung, im alt-linken Jargon formuliert, ausgerechnet in der Welt, dem „Flaggschiff“ des Axel-Springer-Verlages entnehmen?

 

Wenn Döpfner nach eigenen Angaben „unabhängige, unbequeme Köpfe“ wie z.B. Thomas Schmid einer ist, sucht, die „sich mutig gegen herrschende Meinungstrends stellen“, sollten auch einige Gastautoren und der eine oder andere Mitarbeiter aus dem Kreis jener konservativen Intelligenz aufzutreiben sein, die in der Reihe Ullstein-Report und in der Geistigen Welt 1994 veröffentlichten. Dadurch könnte die Welt möglicherweise die Bedeutung erreichen, die einer überregionalen Hauptstadtzeitung entspricht, indem sie Debatten anregt und sich so als Intelligenzblatt ins Gespräch bringt.

 

Der wirtschaftliche Erfolg gibt Döpfner und dem zuständige Verlagsvorstand Claus Larass früher als erwartet recht: Die Auflage stieg um 15.248 auf 234.384 im zweiten Quartal 1999 (dem höchsten Zuwachs aller deutscher Tageszeitungen) – nach einer Verbesserung um 5000 Exemplare im ersten Vierteljahr 1999. Auch die weitgehende Wiedergabe der Welt im Internet erfreut sich starker, ja steigender Beachtung: Im August 1999 wurde die Welt Online 3,7 Millionen Mal abgerufen. Die Einnahmen aus Anzeigen könnten 1999 um 100 Millionen Mark liegen, gegenüber 80 Millionen im Jahr zuvor.    

 

Fazit: Die Welt ist dank hoher Investitionen des Verlages und einer experimentierfreudigen Redaktion auf einem guten Weg, zur „liberal-konservativen Tageszeitung aus der Hauptstadt für das intelligente Bürgertum in Deutschland“ (Döpfner), gerade auch für junge Leute zu werden. Erinnerungen an die „Wochenpost“ werden wach, wo Döpfner auch etliche Journalisten neu einstellte (einige sind ihm zur Welt gefolgt), und das Blatt in Inhalt und Form so manchen ausgetretenen Pfad verließ. 

 

 

 

 

Stefan Winckler

Die „Welt am Sonntag“ – ein Farbtupfer am Wochenende (verfasst 2000)

 

Die Welt am Sonntag ist ins Gespräch gekommen, und das nicht nur wegen ihrer Werbekampagne. Zunächst erwähnte „Focus“ den neuen WamS-Chefredakteur Kai Diekmann (Jahrgang 1964) in einem Beitrag über Top-Journalisten unter 40 Jahren. Der Spiegel, früher um kein Wort gegen die sog. „Springer-Presse“ verlegen, druckte eine wohlwollende Reportage über Kai Diekmann und seinen Welt-Kollegen Mathias Döpfner, und im MediumMagazin waren zusammen mit einem Diekmann-Interview gleich sechs Seiten der WamS gewidmet.  

Aus gutem Grund: Die verkaufte Auflage der „Welt am Sonntag“ wuchs innerhalb eines Jahres um 24.187 auf 425.407 Exemplare im vierten Quartal 1999. Das ist ein Anstieg um sechs Prozent. Diese Zahl erscheint umso bemerkenswerter, da sich die Verkaufsauflage von 1994 bis 1998 nur um etwa 13000 erhöht hatte und die Verteilung von kostenlosen Sonntagsblättern den Absatz der „Bild am Sonntag“ sogar deutlich hatte sinken lassen.

Nach einer Infratest-Umfrage vom Herbst 1999 gefällt 41 Prozent der WamS-Leser die Zeitung besser oder viel besser als vor einem Jahr, 57 Prozent finden sie genauso gut wie ehedem.

Die Anzeigenerlöse der WamS sind parallel zur Auflagenentwicklung im Steigen begriffen: von 71,3 Millionen Mark 1996 auf 97,1 Millionen Mark 1998. Das Ergebnis des ersten Halbjahres von fast 54 Millionen Mark lässt auf einen dreistelligen Millionenbetrag im Gesamtjahr 1999 schließen.

Wer die rund einhundert Seiten der „Sonntagszeitung für Deutschland“, so der Untertitel, durchblättert, stößt auf breite Überschriften, anschauliche Grafiken, viel Farbe und etliche überdimensionierte Bilder. Ebenso wie beim Handelsblatt und der Zeit wurden damit bei der Welt am Sonntag Ideen des amerikanischen Zeitungsdesigners Mario Garcia umgesetzt.

Wenn es um Natur, Kunst oder spektakuläre Ereignisse geht, sind solche riesigen Bilder wohl für jedermann ein Genuss (siehe etwa die Neujahrsausgabe). Aber sind 370 Quadratzentimeter Kohl (31. 1.2000) oder ein riesiges Kissinger-Porträt (9.1.2000) nicht doch etwas zu plakativ, geradezu aufgeblasen, um nicht zu sagen: unnötig? Zumal der Platz für anspruchsvolle politische Analysen durch die eine oder andere „Edelfeder“ besser genutzt wäre.

Vielleicht ist dieser Trend zur Buntheit, die zu den Internet-Seiten so gut passt, nötig, um im Straßenverkauf gerade auch für junge Leute attraktiv zu sein, die sich in den 1990er Jahren nicht selten von den Printmedien abgewandt hatten. Die WamS hingegen gewann 1999 zahlreiche neue Leser unter den 20-29jährigen hinzu, die für das Image des Blattes und als vergleichsweise kaufkräftige Gruppe für die Werbepartner der „Welt am Sonntag“ von erheblicher Bedeutung sind. Für diese jungen Leute, v.a. für die bestausgebildeten unter ihnen, dürfte nicht zuletzt auch die Seite „Gehalt/Karriere“ ein Gewinn sein.

Auch in die Redaktion bzw. in die eine oder andere Spitzenposition sind inzwischen jüngere Journalisten aufgerückt: Beispielsweise wird das Wirtschaftsressort von dem 35-jährigen Ulrich Porwollik geleitet.

Andererseits: Warum greift ein Mensch heutzutage, wo er sich mittels Internet, Rundfunk und Fernsehen sehr schnell informieren kann, zu einer überregionalen Zeitung? Um Standpunkte kennenzulernen und sich eine Meinung zu bilden! Immerhin stehen bei der Welt am Sonntag so renommierte Autoren wie Michael Stürmer, Friedrich Karl Fromme, Klaus Röhl und Peter Scholl-Latour unter Vertrag, selbst Henry Kissinger veröffentlicht seine Analysen in Deutschland exklusiv bei der WamS. Peter Gauweiler und Klaus Bölling interviewen von Zeit zu Zeit gemeinsam bedeutende Persönlichkeiten. Hinzu kommen zahlreiche kurze Stellungnahmen auf die „Frage der Woche“.

Die kenntnisreich argumentierenden Leserbriefe zeigen von einer fachkundigen, politisch konservativen Leserschaft, die nach der Bestätigung der eigenen Werte sucht, aber immer weniger Ansprechpartner in Parteien und Medien findet. Hier ist es sicher ratsam, sich selbst treu zu bleiben und die Wortbeiträge, gerade die Kommentare, als Markenzeichen zu nutzen – zumal exzellente Schreiber wie Heimo Schwilk, Jochen Kummer, Siegmar Schelling sowie Martin S. Lambeck der Redaktion angehören und auch Diekmann selbst erklärte: „In Zeiten einer wachsenden Orientierungslosigkeit hat der politische Konservatismus eine große Chance. Denn er stellt die Frage nach den Werten: Selbstverantwortung und Verantwortung gegenüber dem Nächsten, Leistungsbereitschaft, Familien – das sind alles Begriffe, je moderner denn je sind, so der WamS-Chefredakteur in dem bereits erwähnten Interview des MediumMagazins.

Die journalistische Qualität der WamS lässt sich anhand der Beachtung durch andere Medien messen: Laut der Fachzeitschrift „Medien-Tenor“ (15.1.2000) stand die Welt am Sonntag in der Rangliste der meistzitierten Medien im vergangenen Jahr mit 588 Zitaten an zweiter Stelle. Als Basis dienten 7988 Zitate in den Politik- und Wirtschaftsteilen von vier Tageszeitungen, fünf Wochenzeitschriften und sieben Fernseh-Nachrichtensendungen. Den ersten Platz nahm der Spiegel mit 1043 Nennungen ein, während Focus den dritten Rang belegte.       

Damit ist Diekmanns Ziel, durch die „besondere exklusive Nachricht, den besonderen politischen Stoff, die besondere Analyse und das besondere Interview ein gewichtiges Wort in der politischen Publizistik mitzusprechen, umgesetzt.

Fazit: Einen „gedruckten Salon“, wie ihn Mathias Döpfner 1994/95, vor seinem Wechsel zur Welt, mit der Wochenpost präsentieren wollte, hat die Welt am Sonntag-Redaktion längst geschaffen. Information, Einfluss auf Politik und andere Medien sowie Unterhaltung für die breite Masse ergänzen sich gut. Glückwunsch!

Kleinere Fotos und dafür noch mehr kompetente Beiträge – gerade auch zu Themen, die über den Tag hinaus reichen, wie Geschichte, Zeitgeschichte oder Publizistik - würden die Welt am Sonntag als farbenfroh gestaltetes Intelligenzblatt den letzten Schliff geben. 

 

 

 

Stefan Winckler

Ein konservativer Journalist aus Berlin: Gerhard Löwenthal

 

Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland viele Fernsehjournalisten, die bereits kurze Zeit nach ihrer Pensionierung in Vergessenheit geraten sind. Anders verhält es sich mit Gerhard Löwenthal, der auch nach seinem Abschied vom Bildschirm über einen vergleichsweise hohen Bekanntheitsgrad verfügt. Mindestens eine besondere Eigenschaft muss ihn demnach ausgezeichnet haben. Vielleicht war es seine Tugend: Berechenbarkeit, trotz der heftigen wechselvollen Strömungen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung. Oder sein ungewöhnlicher Lebenslauf?

Gerhard Löwenthal wurde am 8. Dezember 1922 als Sohn eines gemäßigt konservativen, eher unpolitischen Herrenkonfektionärs in Berlin geboren. Er wuchs im „neuen Westen“ nahe dem Kurfürstendamm auf. Einen Einschnitt bedeutete zunächst die Weltwirtschaftskrise, gefolgt vom Nationalsozialismus.  Denn sein Vater war, wie alle seine Vorfahren väterlicherseits, Jude. Auf dem Gymnasium erlebte Löwenthal tüchtige und anständige Lehrer, denen nur wenige überzeugte Nationalsozialisten gegenüberstanden. Eine ähnliche Erfahrung machte auch Marcel Reich-Ranicki, der ebenfalls in Berlin aufwuchs. Doch 1938 musste auch Gerhard Löwenthal das Gymnasium verlassen, und wurde noch in der gleichen Nacht in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Der Plan, auszuwandern, schlug fehl. Löwenthal machte anschließend eine Lehre als Optiker. Während des Krieges schärfte sich sein politisches Bewusstsein: Er hörte unter anderem die Reden von Thomas Mann in der BBC, er setzte sich durch das nachmachen von Lebensmittelkarten für die Verfolgten ein. Alleine ging das nicht; vielmehr gehörte er kurzzeitig einer Gruppe namens Kampfverband freies Deutschland in Berlin-Charlottenburg an. Mit viel Glück überlebte er das Kriegsende. Und hier haben wir das Charakteristische: Er blieb in Deutschland, einerseits der Eltern wegen, andererseits, um eine Herrschaft ähnlich derer des NS verhindern zu helfen. Tatsächlich drohte eine neue totalitäre Gefahr: Das Medizinstudium an der Berliner Universität lehrte ihn, dass akademische Selbstverwaltung und Meinungsfreiheit an der zunehmend kommunistisch ausgerichteten „Universität Unter den Linden“ nicht möglich war. So setzte er sich, der gleichzeitig als Journalist beim neu gegründeten RIAS arbeitete, für die Gründung einer neuen, freien Universität im Westteil der Stadt ein, die noch während der Blockade ihren Betrieb aufnahm. Er wandte sich in zahlreichen Sendungen gegen die Stalinisten und auch gegen wieder auftretende Nazis. In die späten vierziger und fünfziger Jahre fallen auch seine Leistungen als Wissenschaftsjournalist. Es folgten Karrierestationen in Paris und – wichtiger noch - in Brüssel, schließlich beim ZDF, wo er das politische Magazin mit 587 Sendungen über 19 Jahre verantwortete. Gelegentlich täuscht die Erinnerung: So meinte ein Zuschauer von damals, die Sendung habe 30 Jahre bestanden. Lob und Aufmunterung durch Zuschauer waren häufig, doch sind in seinem Nachlass (Archiv für christlich-demokratische Politik, Konrad-Adenauer-Stiftung) auch Drohbriefe, bis hin zu Morddrohung und schwerer Beleidigung enthalten, die auf Machenschaften der Stasi, Links- und Rechtsextremisten sowie Palästinensergruppen zurückgehen. 

Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland viele Fernsehjournalisten, die bereits kurze Zeit nach ihrer Pensionierung in Vergessenheit geraten sind. Anders verhält es sich mit Gerhard Löwenthal, der auch nach seinem Abschied vom Bildschirm über einen vergleichsweise hohen Bekanntheitsgrad verfügt. Mindestens eine besondere Eigenschaft muss ihn demnach ausgezeichnet haben. Vielleicht war es seine Tugend: Berechenbarkeit, trotz der heftigen wechselvollen Strömungen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung. Oder sein ungewöhnlicher Lebenslauf?

Gerhard Löwenthal wurde am 8. Dezember 1922 als Sohn eines gemäßigt konservativen, eher unpolitischen Herrenkonfektionärs in Berlin geboren. Er wuchs im „neuen Westen“ nahe dem Kurfürstendamm auf. Einen Einschnitt bedeutete zunächst die Weltwirtschaftskrise, gefolgt vom Nationalsozialismus.  Denn sein Vater war, wie alle seine Vorfahren väterlicherseits, Jude. Auf dem Gymnasium erlebte Löwenthal tüchtige und anständige Lehrer, denen nur wenige überzeugte Nationalsozialisten gegenüberstanden. Eine ähnliche Erfahrung machte auch Marcel Reich-Ranicki, der ebenfalls in Berlin aufwuchs. Doch 1938 musste auch Gerhard Löwenthal das Gymnasium verlassen, und wurde noch in der gleichen Nacht in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Der Plan, auszuwandern, schlug fehl. Löwenthal machte anschließend eine Lehre als Optiker. Während des Krieges schärfte sich sein politisches Bewusstsein: Er hörte unter anderem die Reden von Thomas Mann in der BBC, er setzte sich durch das nachmachen von Lebensmittelkarten für die Verfolgten ein. Alleine ging das nicht; vielmehr gehörte er kurzzeitig einer Gruppe namens Kampfverband freies Deutschland in Berlin-Charlottenburg an. Mit viel Glück überlebte er das Kriegsende. Und hier haben wir das Charakteristische: Er blieb in Deutschland, einerseits der Eltern wegen, andererseits, um eine Herrschaft ähnlich derer des NS verhindern zu helfen. Tatsächlich drohte eine neue totalitäre Gefahr: Das Medizinstudium an der Berliner Universität lehrte ihn, dass akademische Selbstverwaltung und Meinungsfreiheit an der zunehmend kommunistisch ausgerichteten „Universität Unter den Linden“ nicht möglich war. So setzte er sich, der gleichzeitig als Journalist beim neu gegründeten RIAS arbeitete, für die Gründung einer neuen, freien Universität im Westteil der Stadt ein, die noch während der Blockade ihren Betrieb aufnahm. Er wandte sich in zahlreichen Sendungen gegen die Stalinisten und auch gegen wieder auftretende Nazis. In die späten vierziger und fünfziger Jahre fallen auch seine Leistungen als Wissenschaftsjournalist. Es folgten Karrierestationen in Paris und – wichtiger noch - in Brüssel, schließlich beim ZDF, wo er das politische Magazin mit 587 Sendungen über 19 Jahre verantwortete. Gelegentlich täuscht die Erinnerung: So meinte ein Zuschauer von damals, die Sendung habe 30 Jahre bestanden. Lob und Aufmunterung durch Zuschauer waren häufig, doch sind in seinem Nachlass (Archiv für christlich-demokratische Politik, Konrad-Adenauer-Stiftung) auch Drohbriefe, bis hin zu Morddrohung und schwerer Beleidigung enthalten, die auf Machenschaften der Stasi, Links- und Rechtsextremisten sowie Palästinensergruppen zurückgehen.

Nachdem Gerhard Löwenthal in den 1950er und 1960er Jahren schwerpunktmäßig für die Einigung Westeuropas mit seinen journalistischen Mitteln eintrat, war es nach 1969 die ideologische Auseinandersetzung mit dem „real existierenden Sozialismus“ weltweit und mit der Neuen Linken in der Bundesrepublik. Aus seiner pro-amerikanischen und freiheitlich-konservativen Haltung, die den Werten Axel Springers, Matthias Waldens und Johannes Gross‘ ähnelte, machte er keinen Hehl. Sie wird auch anhand der Freundschaft mit Franz Josef Strauß deutlich, während ihn die CDU immer wieder enttäuschte.

 

 

 

 

Stefan Winckler

Ein kritischer Journalist aus Berlin. Studie über Gerhard Löwenthal

 

         

Kein gewöhnlicher Journalist: Leistungen

 

Wer Löwenthal kennt, wird ihn mit dem ZDF-Magazin in Verbindung bringen. Er konzipierte und leitete die Sendereihe fast 19 Jahre lang. Seine journalistische Karriere reicht aber bis in das Jahr 1945 zurück, als er beim neu gegründeten RIAS als Reporter begann und wenig später von den Nürnberger Prozessen und den Wahlkampfveranstaltungen der Parteien in Berlin berichtete.

 

Löwenthal gründete 1949 die RIAS-Funkuniversität, eine Sendereihe, die vor allem Professoren und Studenten der Ostzone über den Stand der Wissenschaft in der Welt informieren wollte – indem sie Vorlesungen für einen großen Hörerkreis ausstrahlte. Der Spiegel, seit den frühen 1970er Jahren auf negative Aussagen über Löwenthal bedacht, verlieh der Reihe noch 1972 das Prädikat „vorbildlich“. Wissenschaftsjournalismus betrieb Löwenthal auch mit dem ersten in deutscher Sprache verfassten Buch über die friedliche Nutzung der Kernkraft. „Wir werden durch Atome leben“, das er zusammen mit dem Naturwissenschaftler Josef Hausen noch während seiner Tätigkeit als stellvertretender Intendant des Senders Freies Berlin schrieb. Nach dem Chruschtschow-Ultimatum, wonach Berlin (West) in eine von der Bundesrepublik gelöste „Freie Stadt“ zu verwandeln sei, nahm Löwenthal PR-Aufgaben bei Inter Nationes e.V. wahr, um Journalisten und Politiker verschiedenster Länder die besondere Lage der Stadt zu verdeutlichen. Anschließend (1959) wechselte er als internationaler Beamter zur European Productivity Agency (EPA), einer Unterorganisation der OEEC, nach Paris, um die wissenschaftliche Informationsabteilung zu leiten. So konnte er die positive Einstellung für die westliche Staatengemeinschaft mit seiner Begeisterung für den neuesten wirtschaftlich nutzbaren naturwissenschaftlichen Fortschritt verbinden.

1963 und danach gehörte er zum journalistischen Urgestein des ZDF, für das er das Studio Brüssel mit den Themenschwerpunkten EWG, Benelux-Länder und NATO aufbaute. Als 1968 im TDF-Fernsehrat die Forderung nach einem zeitkritischen Magazin laut wurde, fiel die Wahl des Leiters schließlich auf Löwenthal, gegen den auch die PD keine ernsthaften Einwände erhob. Lothar Schwartz, der damalige Medienreferent der SPD, erinnerte sich gar: „Der Löwenthal ist doch erst durch die SPD auf den Posten des Magazinmoderators gekommen“. Was aber steckt hinter „Kritik“ und „Zeitkritik“? „Kritisch“ kann ein Journalist in zweifacher Hinsicht sein: zum einen gegenüber dem Wahrheitsgehalt einer Quelle und zum anderen gegenüber den „Systemen“ Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft. Letztere Kritik wird auch als „Zeitkritik“ bezeichnet. Im Gegensatz zu vielen, vor allem jüngeren Journalisten wollte Löwenthal „nicht um jeden Preis“ zeitkritisch, jedoch immer quellenkritisch vorgehen, also saubere Recherchearbeit leisten. Dies gelang ihm, so dass nur sehr selten Prozesse gegen ihn oder seine Redaktion angestrengt wurden. Wenn er „Zeitkritik“ übte, dann mit positiver Zielsetzung: Er wollte auf die „schadhaften Stellen des 20 Jahre alten Hauses“ Bundesrepublik Deutschland hinweisen, damit diese renoviert würden. Kritik sollte nicht den Staatsfeinden überlassen werden.   

 

Kein gewöhnlicher Journalist: Berufsrolle

 

Gerhard Löwenthal war stets mehr als ein auf Objektivität bedachter, informierender Journalist. Die Publizistikwissenschaft kennt den Begriff des „advokatorischen“ Journalisten, der sich als Fürsprecher von Gruppen fühlt, die in der Öffentlichkeit (zumindest seiner Überzeugung zufolge) zu wenig berücksichtigt sind. Er wird Informationen zurückhalten, die diesen Gruppen schaden, und er wird der Vertraulichkeit seiner Quellen eine besonders hohe Bedeutung beimessen. Löwenthal war Zeit seiner langen Karriere ein „Anwalt“ unter den Journalisten, und seine Verfolgung im „Dritten Reich“ dürfte sein Empfinden für die Unterdrückten geschärft haben.

Bereits im Januar 1947 erhielt der Student und freie Mitarbeiter Löwenthal trotz seiner vergleichsweise geringen Berufserfahrung von kaum mehr als einem Jahr eine eigene Sendereihe: den „RIAS-Hochschulfunk.  Studenten haben das Wort“, für den die SED-Macht an der „Linden“-Universität, der Verlust der akademischen Selbstverwaltung in der SBZ/DDR und die Gründung der Freien Universität die wichtigsten Themen waren (in den 1970er Jahren sollte Löwenthal erneut auf politische Umtriebe an den Universitäten zurückkommen). So war Löwenthal schon in einer sehr frühen Phase seines beruflichen Wirkens ein „Anwalt“ von freiheitlichen Demokraten, denen ein Widerstand schärfste Strafen einbrachte: Über politisch verfolgte Studenten berichtete der Hochschulfunk immer wieder, um ihren Kampf zu unterstützen. Ausführlich kamen sie selbst zu Wort. Als Leiter des ZDF-Magazins mehr als 20 Jahre später war Löwenthal nicht nur seinen politischen Grundsätzen des Antitotalitarismus treu geblieben, sondern er griff auch die alte Sendungsform wieder auf: das Schicksal politischer Gefangener wurde immer wieder dargestellt, Freigelassene und Bürgerrechtler erklärten ihre Beweggründe. Löwenthal sah sich selbst durchaus als Eiferer und Missionar – für nichts Geringeres als die Freiheit – und als Anwalt derjenigen, die ihre Menschenrechte nicht wahrnehmen durften. Auch in Brüssel zeigte sich Löwenthal als journalistischer Anwalt, indem er nicht nur tagesaktuelle Fakten vermittelte, sondern mit Hilfe von hochrangigen Interviewpartnern wie W. Hallstein und P.H. Spaak den Bürgern den Fernsehzuschauern die Idee der europäischen Einigung nahebringen wollte. Löwenthal war aber auch ein Advokat der politisch wachsamen Öffentlichkeit gegenüber der jeweiligen Regierung: so veröffentlichte er Einzelheiten, die die Bundesregierung Brandt/Scheel als „vertraulich“ bezeichnet hatte, z.B. die Forderung Gromykos nach einem Verzicht der Deutschen auf Wiedervereinigung gegenüber Egon Bahr 1970, weil er hier die Informationspflicht der Bundesregierung gegenüber dem Parlament und der politisch mündigen Öffentlichkeit grob vernachlässigt sah. 

Vor allem aber verstand sich Löwenthal als Anwalt des Rechtsstaates, für den er eine journalistische Verantwortung und eine Solidarität vor allem terroristischer Bedrohung sah. Im Gegensatz zur Spiegel-Serie „Pullach intern“ verzichtete Löwenthal auf die Verbreitung von Interna des Bundesnachrichtendiensts, um die Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik nicht zu verletzen. So war Löwenthal kein bloßer Anwalt von Minderheiten, sondern ein verantwortungsbewusster Journalist, der seine politischen Ideale im politischen System der Bundesrepublik weitgehend verwirklicht sah. 



Spiegel und Stern warfen Löwenthal vor, er schade durch die „Hilferufe von drüben“ den Ausreisewilligen in der DDR. Löwenthal schützte jedoch seine „Klienten“, indem er die Namen der „Hilferufenden“ nur mit deren schriftlichen Einverständnis nach Erörterung der möglichen Folgen nannte. Da kein Freigelassener/Freigekaufter Löwenthal verklagte, sondern – im Gegenteil – viel Dank ausgesprochen wurde, dürfte sich sein Einsatz gelohnt haben. Jedenfalls steht seine Verantwortungsethik außer Zweifel.

Löwenthal stimmte in grundsätzlichen Fragen stärker mit der Bevölkerung überein als mit seinen Berufskollegen, v.a. denjenigen der Funkmedien. "Verhindern, dass sich bei uns ein Sozialismus in der Art der DDR durchsetzt“, „nicht zu nachgiebig gegenüber dem Osten sein, keine Zusage ohne Gegenleistung“, „verhindern, dass Radikale im öffentlichen Dienst beschäftigt werden“, „keine Zusammenarbeit mit kommunistischen Gruppen in der Bundesrepublik“, „die NATO und die Bundeswehr stärken, damit die Russen keinen immer größeren Vorsprung vor dem Westen bekommen“ – das sind Forderungen, die Löwenthal immer wieder erhob und denen die Bevölkerung, nicht aber die Journalisten eine hohe Priorität zuordnete. Doch damit nicht genug: Ein nicht geringer Teil der Journalisten in den 1970er Jahren sah „Sozialismus“ eher positiv als negativ, viele assoziierten ihn mit „Freiheit“. Große Mängel der DDR wurden verschwiegen, kleine Fortschritte dagegen thematisiert. Dass das Wort vom „Rotfunk“ nicht aus der Luft gegriffen war, zeigt eine damalige Selbsteinschätzung der Journalisten in einer repräsentativen Umfrage: fast vier Fünftel neigten im Sommer 1976 den Regierungsparteien SPD und FDP zu. Aus diesen und weiteren Befragungsergebnissens schloss die „Mainzer Schule“ der Publizistikwissenschaft, namentlich Elisabeth Noelle-Neumann und ihre Mitarbeiter, dass Journalisten (um es pointiert auszudrücken) „angepasste Außenseiter“ (Kepplinger) sind: angepasst an die Kollegenmeinung, Außenseiter im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. 

Gerhard Löwenthal war ungeachtet der geänderten Zeitläufte seinen politischen Werten und Einstellungen treu geblieben, im Gegensatz etwa zu Henri Nannen. Dass er früher W. Brandt und später F.J. Strauß nahe stand, ist eher in der Entwicklung Brandts begründet, der nach 1970 auf eine ideologische Auseinandersetzung mit dem Kommunismus verzichtete. Als Journalist war Löwenthal weniger gesellschaftskritisch als quellenkritisch orientiert – eine Tugend, die er ebenfalls aus seiner „Lehrzeit beim RIAS nach dem Krieg beibehielt. In der Frage der wehrhaften Demokratie stimmte Löwenthal stärker mit der Bevölkerung überein als mit der Mehrheit seiner Berufskollegen. Während viele Journalisten meinten, Bürgerrechte für politische Minderheiten in der Bundesrepublik und im westlichen Ausland anmahnen zu müssen, setzte sich Löwenthal für diejenigen ein, die ihre Menschenrechte nicht wahrnehmen konnten, weil sie sich in der Hand des Totalitarismus befanden. Er teilte die Werte und zum Teil auch die Einstellungen der schweigenden Mehrheit. 

Gelegentlich wurde diskutiert, ob Löwenthal nicht wirkungsvoller gewesen wäre, wenn er sich stärker zurückgehalten hätte, wenn er stärker taktiert hätte, wenn er andere Themen außerhalb der Ost-West-Auseinandersetzung stärker berücksichtigt hätte. Vielleicht hätte er tatsächlich mehr Zuschauer erreicht. Doch letztendlich gab ihm der Erfolg recht: er schuf sich eine Zuschauergemeinde. Mit mehr Beliebigkeit und verbindlichem Auftreten hätte er weniger Profil aufgewiesen und wäre wenige Jahre nach dem Abschied vom Bildschirm – denke ich – fast schon vergessen.  Gerade seine ungekünstelte Betroffenheit war sein Markenzeichen, das viele Zuschauer richtigerweise als ehrliche Anteilnahme werteten. 

 

 

 

Stefan Winckler 

Medien und Politikverdrossenheit – eine Inhaltsanalyse

 

Wenn es um die Ursachen der vieldiskutierten „Politikverdrossenheit“ ging, wurden meist die Fehler/Irrtümer und die Machtgier der Parteien, vertreten durch die Spitzenpolitiker genannt. Der renommierte Mainzer Publizistikwissenschaftler Hans Matthias Kepplinger argumentiert hingegen, dass die Bürger wenige Berührungspunkte mit der Politik haben und folglich weitgehend auf die Information durch die Medien, insbesondere durch tonangebende Zeitungen wie die FAZ, Süddeutsche Zeitung und Die Welt angewiesen sind. Eine außergewöhnlich umfangreiche Inhaltsanalyse dieser Blätter, beginnend mit dem Jahrgang 1951  und abschließend mit dem Jahr 1995, ergab für Kepplinger und seine Mitarbeiter, dass die politische Berichterstattung mit ihrem erheblich angestiegenen Maß an Problematisierung von Missständen, Schuldzuweisungen an Politiker, Kritik und Forderungen an die Politik und nicht zuletzt einer pessimistischen Darstellung von Problemlösungsverfahren, negativen Aussagen über Politiker ihren Anteil an der Politikverdrossenheit hat. Die Überzeugung Kepplingers von der Wirkungsstärke der Medien gegenüber Politik und Gesellschaft wird hier einmal mehr deutlich, wenn er die Mediatisierung der Politik beim Namen benennt: mediengerecht inszenierte Ereignisse haben in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen, Stellungnahmen von Politikern, Anfragen und Anhörungen im Parlament steigen zu Lasten der Verwaltungsarbeit der Ministerien stark an. Dennoch artet der band an keiner Stelle in eine „Medienschelte“ aus, denn die untersuchten Blätter hätten die Vertrauenskrise in die Politik nicht beabsichtigt.

Trotz der sehr detaillierten statistischen Arbeit, die dem Werk zugrunde liegt, ist das Buch leicht lesbar. Es ist ein wertvoller Beitrag zu einem der wichtigsten sozialwissenschaftlichen Themen hierzulande (und tendenziell auch in anderen Ländern der Europäischen Union). Lediglich eine Präzisierung, dass das Interesse an Politik kaum zurückging, wohl aber das Vertrauen in die Berufspolitiker und die von ihnen ausgefüllten Institutionen, wäre wünschenswert gewesen.

 

Hans Matthias Kepplinger: Die Demontage der Politik in der Informationsgesellschaft. Freiburg, München 1998.   

 

 

 

Stefan Winckler

Mehr als die „Pythia vom Bodensee“: Prof. Dr. Elisabeth Noelle-Neumann

 

Am 25. März 2010 starb Elisabeth Noelle-Neumann, eine gebürtige Berlinerin, im Alter von 93  Jahren. Die Nachrufe bezeichneten sie fast ausschließlich als Meinungsforscherin. Sicher, ältere Zuschauer erinnern sich an ihre Fernsehauftritte an Wahlabenden, doch sie war viel mehr. Noelle-Neumann war eine international sehr bedeutsame Publizistik- und Kommunikationswissenschaftlerin. Sie war u.a. Vorsitzende der World Association for Public Opinion Research (1974-1980). Ihre antisozialistische Haltung hinderte die Moskauer Akademie der Wissenschaften nicht, sie zu Forschungen in die UdSSR einzuladen. Ihre Gastprofessur in Chicago (1978-1980) unterstreicht nur ihr Renommee.

Was war das besondere an ihr? Während sich die deutsche Publizistikwissenschaft zuvor der Frage zuwandte, wie Journalisten sein sollen (u.a. bezüglich journalistischer Ethik), erforschte Noelle-Neumann als Professorin in Mainz (1964-19839, wie sie sind - wie sie denken und wie sie arbeiten. Dabei entdeckte sie eine große Diskrepanz zwischen den politischen Meinungen der Bevölkerung und jenen der Journalisten: Letztere waren demnach (um es pointiert auszudrücken) „angepasste Außenseiter“, angepasst aneinander, doch Außenseiter verglichen mit den Bevölkerungsmeinungen.

Welche Folgen hat dieser Unterschied, und wie wirkt eine derartige Konsonanz der Journalistenaussagen? Die Bevölkerung kann Aussagen, mit denen sie nicht übereinstimmt, nur noch wenig aus dem Wege gehen. So ist der Einfluss der Medien insgesamt groß („Kumulation, Konsonanz und Öffentlichkeitseffekt“, 1973), und er ist eher links oder linksliberal eingefärbt.

Noelle-Neumann hat sich damit bei Journalisten nicht beliebt gemacht. Es ist daher kein Zufall, wenn selbst ihr Nachruf in der „Süddeutschen Zeitung“ gehässigerweise von einem auffallend ungünstigen Foto „gekrönt“ wurde, unterschrieben mit: „Ihre Methoden wurden oft kritisiert“.

Ein anderes Thema war die öffentliche Meinung. Was ist das überhaupt? Noelle-Neumann ließ Magister- und Promotionsarbeiten in der nonfiktionalen und erzählenden Literatur nach Hinweisen auf Bedeutung und Macht der öffentlichen Meinung suchen. Außerdem diagnostizierte sie in den frühen 1970er Jahren einen gravierenden Wertewandel, der für sie eher ein Werteverfall war: die Freude der Deutschen an der Arbeit ließ von 1967 bis 1973 eindeutig nach, während die Freizeit einen immer wichtigeren Rang einnahm („Werden wir alle Proletarier?“). Wie mächtig die öffentliche Meinung ist (oder das, was „man“ dafür hält), zeigte sich in der „Schweigespirale“). Wer sich im Einklang mit der öffentlichen Meinung glaubt, der ist bekenntnisfreudig, während sich die Minderheit nur noch stärker, der Isolationsfurcht wegen, zurückhält.

Inhalte sind das eine, ihre Präsentation das andere. Noelle-Neumann verstand es, ihre Aufsätze oft mit einem persönlichen oder provozierenden Einstieg spannend zu machen („Verachten Journalisten die Bevölkerung?“). Dies mag auf ihre Prägung durch amerikanische Sozialwissenschaftler zurückzuführen sein, und unterscheidet sie von vielen deutschen Wissenschaftlern.

Vorbildlich war Noelle-Neumanns Persönlichkeitsstärke. Sie blieb standhaft, als Linksextremisten eine Änderung ihrer Lehrinhalte forderten, im Hörsaal nur sich selbst hören wollten, und 1971 sogar das Institut für Publizistik besetzten. Sie ließ sich schon in ihrer Jugend nicht von den Nationalsozialisten einfangen (wie sollte sie sich, die Individualistin, auch dem NS-Totalitarismus anschließen, wenn ihr schon die Vereinigten Staaten 1937 als allzu konformistisch erschienen?). Gründliche Recherchen in Amerika und in Deutschland wurden später angestrengt, ob sie nicht doch NS-verstrickt sei. Das Ergebnis kam einem Freispruch erster Klasse gleich. Das ist umso glaubhafter, da sie aus ihrem bevorzugten Wert, der Freiheit, keinen Hehl machte und daher u.a. mit den Journalisten Johannes Gross und Gerhard Löwenthal übereinstimmt. Auch von der Deutschen Einheit war sie stets überzeugt. 

 

 

Stefan Winckler

Der „unlautere“ Wettbewerb um Quoten und Auflagen

 

Ab Mitte der 1980er Jahre untersuchte der Verein „Bürger fragen Journalisten e.V.“ die nachteiligen Folgen, die sich aus den mangelnden naturwissenschaftlichen Kenntnisse einerseits und aus einem eher links motivierten missionarischen Drang vieler einflussreicher Journalisten ergeben. Von höchstem Wert sind daher die Theorien und Belege, die die Publizistikwissenschaftler Elisabeth Noelle-Neumann, Hans Mathias Kepplinger und Wolfgang Donsbach in den vergangenen Jahrzehnten veröffentlicht haben. In den vergangenen Jahren dürfte sich die Notwendigkeit einer kritischen Betrachtung des Journalismus aber noch verstärkt haben. Der „Kampf um Quoten und Auflagen“ (Untertitel) scheint sich ständig zu verschärfen. Dies führt dazu, dass auch Nachrichten, die einer genauen Quellenkritik bedürfen, veröffentlicht werden. Mit anderen Worten: „Enten“ wird es wohl häufiger denn je geben.

An diese Gefahren erinnert zu haben ist das Verdienst von Udo Ulfkotte, noch zu seiner Zeit als FAZ-Redakteur. In seinem 400 Seiten starken Band „So lügen Journalisten“ bietet er nicht nur eine Faktensammlung journalistischer Fehlleistungen, sondern stellt auch fest, dass die wenigsten Falschmeldungen richtiggestellt werden. Mehr noch: Der verantwortliche Schreiben wird – gemessen am angerichteten Schaden – nicht ernsthaft zur Rechenschaft gezogen. 1999 verbreiteten viele Journalisten, die sich ansonsten einer gesellschaftskritischen, gar antiamerikanischen Einstellung rühmen, die Darstellung der NATO zum Kosovo-Einsatz des Westens, trotz der Erfahrung des PR-geschönten Kuwait-Kriegs. Heute wissen wir, dass viele Behauptungen aus Bonn/Berlin und Brüssel einfach nicht stimmten. Freilich: Die serbische Propagandamaschinerie stellte sich mit ihrer Verlogenheit und Plumpheit noch viel stärker ins Abseits, was angesichts der Milosevic-Politik auch nicht weiter verwunderte.

Diese Beschreibung nimmt einen großen Teil des Ulfkotte-Buches ein, und auch die Legenden um die „Klimakatastrophe“ werden erwähnt: Denn nach Berechnungen des Max-Planck-Instituts in Hamburg haben „90 Prozent der klimatischen Veränderungen auf der Welt nichts mit Kohlendioxid zu tun“ (S. 121). Der durchschnittliche Mediennutzer erhält aber einen gegenteiligen Eindruck.

Die aufsehenerregenden Meldungen über Computerviren sind ebenfalls mit Vorsicht zu genießen: „Der grösste Virus im Internet ist die Falschmeldung über den Virus“, denn Warnungen im Internet sind als „Blickfang“ zugunsten von Werbebannern und homepages lanciert (S. 367).

Leider lernen Journalisten aus ihren Fehlern wenig; obwohl Greenpeace zugeben musste, dass ihre Zahlen über die Ölplattform „Brent Spar“ 1995 falsch waren, konnte dieselben Umweltschutzvereinigung nur wenige Monate späterwieder massenhaft mobilisieren: gegen französische Atomversuche im Südpazifik. Aber die Entsorgung der „Brent Spar“ durch Shell, von Greenpeace mittlerweile begrüßt, lockte weniger als fünf Prozent der Medien an, die  zuvor so „ökopolitisch korrekt“ den falschen Greenpeace-Zahlen aufgesessen waren.

Hier schließt sich der Kreis. Spektakuläre Bilder im Quoten-Wettbewerb, Misstrauen gegenüber der Industrie, mangelhafte naturwissenschaftliche Kenntnisse und starkes Vertrauen zu den Umweltschützern schaffen eine verzerrte Medienrealität. Dass ein Journalist als „Insider“ diese Fehlleistungen seiner Kollegen in einem leicht lesbaren Buch beim Namen nennt, ist bemerkenswert, auch wenn er auf tiefere Ursachen wie Industrie-, Technik- und Gesellschaftskritik (leider) nicht eingeht. Zugleich bietet er eine nützliche Fallsammlung in Ergänzung zu den publizistikwissenschaftlichen Veröffentlichungen, wie sie insbesondere an der Universität Mainz erarbeitet wurden. 

 

 

 

© Dr. Stefan Winckler