Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Die Debatte um Gurlitts Kunst(An)Sammlung 

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Stefan Winckler

Von den Medien in den Schmutz gezogen, nachdem sich die Justiz verrannt hatte. Buchrezension zu Maurice Philip Remy: Der Fall Gurlitt

 

 

Ein alter, herzkranker Mann, der alles andere als eine Figur des öffentlichen Lebens ist (und das auch gar nicht sein will), wird zu seiner großen Überraschung wegen des Verdachts auf Hehlerei, Unterschlagung und Geldwäsche verhört; Zollfahndung und Staatsanwaltschaft beschlagnahmen seine riesige Kunstsammlung. Die Prozedur dauert vier Tage – und bringt sehr wenig. Der Name des alten Mannes – Cornelius Gurlitt – wird anderthalb Jahre später in die Öffentlichkeit gezerrt: FOCUS online behauptet am 3.11.2013, der 81-jährige besitze 1500 Kunstwerke, bei denen es sich zu einem erheblichen Teil um „NS-Raubkunst“ handle. Der Wert belaufe sich auf viele Millionen Euro, wahrscheinlich auf über 100 Millionen, vielleicht sogar bis zu einer Milliarde (vgl. FAZ, 4.11.2013). Am Ende ist Gurlitts angeschlagene Gesundheit ruiniert; 2014 stirbt er. Zwischen der misslungen Aktion der Fahnder und des Medienspektakels besteht – gelinde gesagt – ein Zusammenhang.

Es ist davon auszugehen, dass sich in der Öffentlichkeit die falschen Behauptungen des FOCUS und anderer Medien festsetzten: Gurlitt besitze sehr viel, was ihm gar nicht zustehe – während die rechtmäßigen Besitzer (oder ihre Erben) ihr Eigentum nicht zurückerhalten haben.

Der Autor Maurice Philip Remy, Jg. 1962, nahm sich bereits 2014 in einem Dokumentarfilm des Themas Gurlitt an und ist dank seiner jahrelangen Beschäftigung mit der Materie bestens vertraut. Tatsächlich, so Remy, seien gerade einmal fünf Bilder als NS-Raubkunst einzustufen – weniger als ein Prozent der Sammlung. Die reißerische Darstellung des FOCUS, bei Gurlitts Sammlung handele es sich um einen „Nazi-Schatz“, „beruhte auf den vorausgegangenen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die sich im Zusammenspiel mit den in die Untersuchungen eingebundenen Experten total verrannt hatte. Die Falschmeldung vom ,Nazi-Schatz' war eine von zwei Voraussetzungen, die aus dem Fall Gurlitt eine Weltsensation machten. Der zweite entscheidende Faktor war die völlig überhöhte Schätzung der Sammlung auf eine Milliarde Euro; dabei hatten sich die Redakteure des Magazins um das Zehnfache verschätzt (…) Erst die überhöhten Wertangaben in Verbindung mit dem Nazi-Hintergrund brachte der Meldung internationale Aufmerksamekeit, die in ihrer Dimension durchaus mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern des Stern zu vergleichen ist“ (S. 25). Was ist überhaupt unter der „Sammlung Gurlitt“ zu verstehen? Laut Remy handelt es sich um 1300 „Papierarbeiten“, 130 Ölbilder, acht Skulpturen und 60 kunsthandwerklichen Arbeiten (S. 31), eher eine „Ansammlung“ als ein systematisch aufgebauter Bestand, und vor allem das Erbe einer außerordentlich bildungsbürgerlichen Familie, das in großen Teilen lange vor 1933 zusammengestellt wurde. Kaum ein großer deutscher oder französischer Künstler des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, der dort nicht mit einem Werk zu finden ist. Im wesentlichen geht die (An-)Sammlung auf die Käufe von Cornelius Gurlitts Vater, des ehemaligen Museumsdirektors Hildebrand Gurlitt, unter Hitlers Herrschaft zurück. Zwar verdiente Gurlitt senior gut an seinen Verkäufen – aber es gibt keine Belege dafür, dass sein Geschäftsmodell auf dem Ausnutzen seiner bedrängten oder verfolgten Kunden basierte. Auch wenn Gurlitt senior rückblickend nicht immer die Wahrheit sagte und mehrere Bilder aus Arisierungen indirekt in seine Hand gelangten, ist, so Remy, eine pauschale Verurteilung Hildebrand Gurlitts abzulehnen. Zu einem solchen Medienspektakel konnte der Fall Gurlitt letzlich nur werden, weil von einem viel größeren Skandal abgelenkt werden sollte: Noch immer, so Remy, sind zahlreiche Kunstwerke, die sich in öffentlicher Hand befinden, noch nicht ausreichend auf ihre Herkunft geprüft und gegebenenfalls an die Besitzer bzw. ihre Erben zurückgegeben worden.

Die Geschichte von Cornelius Gurlitt und seinem Vater Hildebrand vor dem Hintergrund der Weimarer Republik, der NS-Zeit und der frühen Bundesrepublik beschreibt Remy sehr detailliert und im Stile eines guten Historikers. Die mehr als eintausend Anmerkungen zeigen schon auf dem ersten Blick, wie akribisch Remy gerade auch unveröffentlichte Quellen aus dem Nachlass der Gurlitts gesichtet und aufgearbeitet hat – von der einschlägigen Literatur ganz zu schweigen.

Der Leser erfährt darüber hinaus viele Einzelheiten über die Kunst(raub)politik und den Kunsthandel unter Hitlers Herrschaft, die im wesentlichen nur Experten bekannt sind. Zugleich zeigt das Buch das höchst problematische, nach Überzeugung Remys rechtswidrige Verhalten der Justiz auf, dem (keineswegs zufällig!) eine „Desinformationskampagne“ (Remy) folgte. Ein wertvolles, unbequemes Buch, das angesichts der laufenden Ausstellung von Bildern aus Gurlitts Nachlass in Bonn (samt der Äußerungen von Staatsministerin Monika Grütters und der dazugehörigen Debatte) höchst aktuell ist.

 

Maurice Philip Remy: Der Fall Gurlitt. Die wahre Geschichte über Deutschlands größten Kunstskandal. Berlin: Europa Verlag, 2017. 669 S., € 35,00