Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
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Kommunikation im 21. jahrhundert

Stefan Winckler

Sprachverfall

  

Droht die deutsche Sprache immer mehr zu "verkommen"? Jedenfalls waren einer Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahre 2008 fast zwei Drittel (65 Prozent) der Deutschen dieser Meinung - und beileibe nicht nur die Älteren (über 60), sondern auch die 16- bis 29-Jährigen (53 Prozent: "sehe das so" vs. 23 Prozent ("sehe das nicht so"), 63 Prozent der 30- bis 44-Jährigen und etwa ebenso viele der 45- bis 59-Jährigen. Die Befragten, die von einem Sprachverfall ausgehen, sehen die Ursachen in einer zurückgehenden Lesefreundigkeit (53 Prozent), einem stark zunehmenden Einfluss anderer Sprachen (49 Prozent; hier ist Englisch gemeint), der schwächeren Ausdrucksweise in der sms- und e-mail-Kommunikation (48 Prozent), zu viel Fernsehkonsum (44 Prozent), einem zurückgegangenen Interesse der Eltern an einem guten Gebrauch der deutschen Sprache durch ihre Kinder (41 Prozent). Ferner legen Fernsehen, Zeitungen und Internet immer weniger Wert auf eine gute Ausdrucksweise (33 Prozent) (vgl. http://www.gfds.de/presse/pressemitteilungen/130608-einstellung-der-deutschen-zur-sprache/einstellung-der-deutschen-zum-sprachverfall/). Die Sprache, zweifellos ein zentrales Kulturgut, ist nicht festgefroren, am wenigsten im Zeitalter der Globalisierung. Sie ist vielmehr wie ein langsam sich wälzender Fluss, in Bewegung begriffen: ein Strom, neues Wasser aufnehmend. Daher kann ich gegen einige weltweit übliche technische Ausdrücke aus dem Englischen, wenn sie "eins-zu-eins" übernommen werden, nichts einwenden: e-mail beispielsweise. Wenig kreativ klingt hier die wörtliche Übersetzung "E-Post". Im Jiddischen gibt es dafür den Ausdruck "Blitzpost" (auch: "Blitzbrief", vgl.: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sprachkursus-jiddisch-lernen-wie-meschugge-a-495403.html), die auf dem "Schleptop" getippt wird (vgl.: http://www.n-tv.de/technik/Blitzpost-auf-dem-Schleptop-article623903.html). Das ist Sprachwitz!

Selbstverständlich ist es einfacher, passender und damit naheliegender, von "googeln" zu reden, anstatt die sperrige Phrase "die Suchmaschine benutzen" zu gebrauchen. In den letzten Jahren kam es dagegen aber zu einer Flut an unnötig erscheinenden Anglizismen im öffentlichen Sprachgebrauch. Ein tägliche Einkauf führt uns demnach vorbei an Kosmetika, die „fresh“ sind (warum nicht „frisch“?) und für den „body“ gedacht (wofür denn  sonst – und warum nicht „Körper?“). Selten ist noch von einem "Faltblatt" die Rede, durchweg hingegen von einem "Flyer", obwohl "Handzettel" auch ein brauchbares Synonym wäre, von "Flugblatt" ganz zu schweigen. Es lässt sich nachweisen, dass solche Ausdrücke dann in die Alltagssprache einfließen, obwohl es ebenso gute deutsche Vokabeln dafür gibt: z.B. "Höhepunkt" statt "highlight". Im Sprachgebrauch junger Menschen, die jedermann auch als „kids“ kennt, sind sie dann am häufigsten zu finden, aber auch in SMS und mail-Verkehr – nachweislich in Internet-Foren – finden wir sie zuhauf. Lebensmittel werden auch oft auf diese Weise gekennzeichnet – „chicken“ statt „Hähnchen“ ist auf der Verpackung zu lesen. Warum eigentlich? Verdienstvollerweise hat sich Prof. Walter Krämer, ein Statistiker, mit diesem Problem auseinandergesetzt und zu diesem Zweck den Verein deutsche Sprache gegründet. Er ist nicht der einzige. Der "Spiegel" leitete eine Titelgeschichte zum Thema mit den Worten ein: "Die deutsche Sprache wird so schlampig gesprochen und geschrieben wie wohl noch nie zuvor. Auffälligstes Symptom der dramatischen Verlotterung ist die Mode, fast alles angelsächsisch "aufzupeppen" ("Spiegel", Nr. 40/2006).  Seitdem kam beispielsweise noch die Groteske hinzu, statt "Schlussverkauf" "sale" zu plakatieren. Und wohl jeder kennt den "Coffee to go" - was jedem Engländer lächerlich vorkommen dürfte, weil "Kaffee zum Mitnehmen" und nicht "Kaffee zum gehen" gemeint ist. Was denken sich die Werbetexter eigentlich? Künstliche Anglizismen, auch Pseudo-Anglizismen genannt, kennt ebenfalls jeder: Das "handy" ist eine rein einheimische Sprachschöpfung für das Gerät, das im britischen englisch "mobile (phone)" und in den Vereinigten Staaten "cell(ular) phone" heißt.

Doch greifen wir zu kurz, wenn wir nur unnötige fremdsprachliche Ausdrücke monieren. Wir werden mit einer Fäkalsprache – Beispiele erübrigen sich - in den Medien bombardiert, die m.E. eine Zumutung darstellt. Entsprechende Ausdrücke fehlen in keinem Fernsehkrimi. Einen neuen Höhe- oder besser Tiefpunkt erreichte die sprachliche Perversion (und nicht nur sprachliche!) durch die mittäglichen Talkshows in den 1990er Jahren, in denen Menschen ihre intimsten Probleme öffentlich ausbreiteten, was sich oft auch in aggressiven, lautstarken Auseinandersetzungen, etwa aus Eifersucht und Hass, entlud. Dies wurde mit Recht als "Unterschichten-Fernsehen" bezeichnet. Doch auch die neue Generation der Fernsehmoderatoren wie etwa Stefan Raab fiel durch einen ständigen Fäkaljargon auf. Für Deutsch-Rapper von der Mädchengruppe Tic Tac Toe (1995ff.) bis hin zu Bushido gilt dies mindestens ebenso sehr. Wenn dann noch ein Bundeskanzler a.D. gegenüber seinem Schreibgehilfen Heribert Schwan derartig über seine Kollegen, leider auch noch über die Bundespräsidenten, schimpft, tut das doppelt weh, denn es war derselbe Regierungschef, der einst die "geistig-moralische Wende" gefordert hatte und sich darüber beschwerte, von den meinungsmachenden Medien als "Trottel" gezeichnet worden zu sein (vgl.: Heribert Schwan/Tilman Jens: Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle. München 2014). Vermutlich werden aber auch seine politischen Konkurrenten im kleinsten Kreise gelegentlich diese Stufen hinabsteigen...

Als Verlust empfinde ich auch das allmähliche Vergehen der Redewendungen wiederum bei Jugendlichen. Wer spricht noch davon, „außer Rand und Band“ oder auch nur „gut aufgelegt“ zu sein? Wenn etwas schön, angenehm o.ä. war, wird es als „Wahnsinn“ wiedergegeben, als „geil“ und „super“. Das prollige "boah!" gilt als Zeichen höchster Anerkennung. Sprachverarmung allerorten. 

In letzter Zeit war das sog. "Kiezdeutsch" als eine angeblich von "Migranten" geprägte, reduzierte Variante der deutschen Sprache zum Debattenthema geworden (vgl. Die Welt, 29.6.2014, 30.6.2014). Sätze wie "Ich geh Zoo" oder "Ich war Fußball" werden mittlerweile auch von vielen deutschen Jugendlichen gebraucht, obwohl sie grammatikalisch falsch sind.  Umgekehrt ist es in Wahrheit nur ein Teil der jüngeren Türken, die ein "Kiezdeutsch" bevorzugt. Kiezdeutsch kann nicht mit den türkischen, jugendlichen Migranten oder gar allen Türken zugerechnet werden. Der Autor dieses Beitrags kennt in seinem unmittelbaren Umfeld einige Türken aus unterschiedlichen Generationen, die sich durch ein sehr gutes Deutsch klar und (wie er es empfindet) angenehm von den Deutschen seiner Umgebung abheben. Wem ist geholfen, wenn "Kiezdeutsch" als Bereicherung anerkannt wird und dessen Kritiker als Rassisten beschimpft werden? Niemand. Vielmehr erweckt eine derartige Aufwertung den Eindruck, als brauche sich ein junger Mensch sprachlich nicht zu verbessern, um etwas im Leben zu erreichen, weil sein Sprachstil ja schon so chic sei. Und das ist ein Trugschluss. So kommentierte ein Leser der "Welt online" unter vielfacher Zustimmung auch drastisch: "Ich würde das auch als Sozialhilfesprache bezeichnen, da Menschen mit stark reduzierter und grammatikalisch falscher Ausdrucksweise keinerlei Chancen haben, Lehr- oder gar Arbeitsstellen zu finden. Traurig, dass deutsche Kinder und Jugendliche sich dieser Ausdrucksweise anschließen nur um den vermeintlich körperlich stärkeren und aggressiveren Altersgenossen zu gefallen. Das mangelnde Selbstbewusstsein dürfte zum großen Teil auf fehlende Erziehung und resignierte Lehrer zurückzuführen sein - auf mangelnde Konsequenzen für Fehlverhalten und fehlende Kenntnisse (...)". 

 

 

Literaturhinweis:

 

Andreas Hock: Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache. München 2014

 

 

 

 

© Dr. Stefan Winckler