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Friedliche Revolution - 25 jahre später

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Stefan Winckler

1989 – 2014: Was Akteure der Friedlichen Revolution über Vergangenheit und Zukunft aussagen

 

 

Eckhard Jesse rief – und alle, alle kamen. Augenzwinkernd ließe sich mit diesen Worten auf die vier Ringvorlesungen eingehen, die der kürzlich emeritierte Professor für Politikwissenschaft ab 1999 zum Thema Systemumbruch 1989/90 an der TU Chemnitz organisierte. Der im letzten Jahr erschienene Band "Friedliche Revolution und Demokratie. Perspektiven nach 25 Jahren" enthält die Referate der vierten Ringvorlesung. Jeder der Geladenen erhielt einen standardisierten Fragenkatalog, um eine Vergleichbarkeit der seinerzeitigen und heutigen Positionen zu erzielen: "Was war Ihre Haltung gegenüber dem politischen ,System der DDR', und was waren die Gründe für diese Haltung? Welches Ereignis aus der Zeit vom Herbst 1989 bis zum Herbst 1990 hat Sie besonders bewegt? Was hat Sie am meisten überrascht – im positiven wie im negativen Sinne? Schwebte Ihnen im Herbst 1989 eine eigenständige DDR als Modell vor? Oder wünschten Sie eine schnelle Vereinigung Deutschlands? Sind im Wiedervereinigungsprozess gravierende Fehler gemacht worden? Ist Deutschlands ,innere Einheit' auf einem guten Weg? Welchen Herausforderungen muss sich unsere Gesellschaft stärker stellen? Wie schätzen Sie die deutsche Demokratie heute ein? Wo sehen Sie Diskrepanzen zwischen Ihren Demokratievorstellungen im Jahr 1989 und jenen im Jahr 2014? Was hat die deutsche Demokratie aus der Freiheits- und Demokratiebewegung des Jahres 1989 gelernt, was kann bzw. sollte sie Ihrer Meinung nach daraus lernen?“ Darauf sind die einzelnen Redner/Beitragsautoren unterschiedlich stark eingegangen. So ist der Text Stefan Wolles zwar ein sehr bewegendes, lesenswertes Zeugnis seiner Verhaftung im Oktober 1989, gibt aber kaum Antworten auf die gestellten Fragen. Vertreter der Oppositionsbewegung wie Richard Schröder, Stephan Hilsberg, Thomas Krüger, Gerd Poppe, Roland Jahn, Rainer Eckert nehmen Stellung. Ein Dissident war auch Roland Jahn, der sich von den anderen Protagonisten durch seine zwangsweise Abschiebung in die Bundesrepublik 1983 unterscheidet. Der Historiker Peter Brandt hob sich in mancherlei Hinsicht vom bundesdeutschen mainstream seiner Zeit als betont linker, antikapitalistischer Befürworter der deutschen Einheit ab. Auf der Seite der Nomenklatura, wenngleich als „Reformer“ standen Wolfgang Berghofer, seinerzeit Oberbürgermeister von Dresden, und Dietmar Keller, kurzzeitig DDR-Kulturminister. Horst Teltschik ist als hochrangiger Außenpolitiker des damaligen Bundeskanzleramtes präsent. Wolfgang Welsch, politischer Häftling und später Fluchthelfer, war ein Einzelkämpfer, der sich der Zuordnung entzieht. Karl Schwarzenberg unterstützte lange vor 1989 die Bürgerrechtsbewegungen insbesondere in der Tschechoslowakei.

Die Fülle an Erfahrungen und Einsichten der unterschiedlichen Persönlichkeiten imponiert, das Buch ist einer breiten Öffentlichkeit zu empfehlen, zumal hier auch Fragen erörtert werden, die weit über das reine Erleben des Stasi- und Polizeiterrors hinausgehen. Ein Beispiel: Wie bewusst ist vielen Deutschen – nicht nur im „Osten“ - dass die DDR unmittelbar vor dem Mauerfall praktisch zahlungsunfähig und aufgrund vieler struktureller Voraussetzungen des „real existierenden Sozialismus“ reformunfähig war? Und wenn wir über neuere Geschichte, Zeitgeschichte insbesondere, nachdenken – wie gut kennen die Deutschen in den östlichen Bundesländern die Zusammenhänge vor Ort, wie gut wollen sie sie kennen? Anregend wirkt in diesem Band zunächst einmal Wolfgang Berghofers kritische, gerade auch selbstkritische Auseinandersetzung – der schmerzhafte Erkenntnisprozess eines Funktionärs in den 1980er Jahren. Seine Abrechnung mit dem erlebten Sozialismus ist radikal – er erinnert darin an Günter Schabowski, auch wenn er sich wohl kaum derart mit der Philosophie Karl Poppers auseinandersetzte: „Der Sozialismus hat komplett versagt. (…) Als Vertreter der Mangelwirtschaft habe ich hier Ende der 1980er Jahre des 20. Jahrhunderts meine marxistischen, sozialistischen Illusionen begraben und begriffen, dass eine moderne Form des Zusammenlebens der Menschen ohne Freiheit und Demokratie nicht funktioniert“ (S. 200). Die DDR stand laut der Bestandsaufnahme des Politbüromitglieds Gerhard Schürer (Vorsitzender der Plankommission) vor der Zahlungsunfähigkeit, allgegenwärtig und praktisch unumkehrbar war die „Vergeudung von Volkseigentum, Schlamperei und Nachlässigkeit in allen Bereichen der Gesellschaft. Es fehlte an Anreizen, Motivationen und sich selbst regulierenden Leistungssystemen" (S. 203). Völlig zu Recht weist Berghofer auf die Verantwortung der mittleren und höheren Parteikader am politischen Versagen des SED-Staates hin – doch eben dieser „hauptamtliche Apparat“ kam „nahezu ungeschoren“ davon, da es ihm gelang, der Staatssicherheit die Schuld zuzuschieben. Zutreffend – doch wie groß war Berghofers Verantwortung exakt in dieser Beziehung, zumal er doch in jenen Wochen um den Jahreswechsel 1989/90 eine der Hauptfiguren der SED-PDS war? Jedenfalls stimmt Berghofer hier mit Eckert (der sich den Fragestellungen Jesses und Schuberts erfreulich ausführlich widmete) überein, der den Focus verstärkt auf „allgemeine Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen, tatsächliche Funktionsmechanismen der Diktatur“ (S. 196) richten möchte.

Stephan Hilsberg, Gründungsmitglied der DDR-Sozialdemokraten und langjähriger Bundestagsabgeordneter, sieht nach vorne und erkennt einen riesigen Bedarf an Arbeit – weniger für die Regierungen, sondern für die Bürger. So gebe es auf lokaler und regionaler Ebene noch viel Geschichtsforschung zu betreiben, so beispielsweise in Bezug auf SED-Opfer wie Adel, Unternehmer und nicht-marxistische Lehrer, auf die zerstörte Natur (man denke nur an die Braunkohlegebiete) bis hin zu den Vertriebenen von 1945ff., die in der SBZ blieben. „Oral history“ ist möglich, Zeitzeugen leben noch. Einer Nostalgie sei entgegenzuwirken durch ein Mahnmal für die Opfer des Kommunismus, einen „Ort, wo die Betroffenen trauern und wo die Nachgeborenen gedenken können“ (S. 116).

Zahlreiche Denkanstöße liefert, wie oben angedeutet, der Historiker Rainer Eckert, geb. 1950 in Potsdam: welche Fehler oder Versäumnisse von 1990 und danach wirken bis in die Gegenwart? Desweiteren stellt er fest: „Persönlich bedrückt mich besonders, dass der Osten keinen Stolz auf ,seine Revolution' entwickelte oder ihn schnell wieder aufgab“ (S. 194). Die Ostdeutschen müssten die Bewältigung der DDR-Vergangenheit als ihre eigene, nicht als westdeutsche Sache begreifen. „Notwendig ist die Neubelebung eines ostdeutschen Stolzes und Freiheitsbewusstseins, das auf den Traditionen des antikommunistischen Widerstandes und einer erfolgreichen Revolution beruht. Die West- und Süddeutschen müssen endlich begreifen, dass es sich nicht um ostdeutsche Regional-, sondern um deutsche Nationalgeschichte handelt. Darüber hinaus ist an gesamtdeutschen gesellschaftlichen Diskursen zu arbeiten. Es geht heute nicht mehr um Revolution, sondern um Engagement, Widerstehen und gesellschaftliches Mittun im Alltag, um Reformen und um den Kampf für sie. Dabei muss uns allen gegenwärtig sein: Wir besitzen die Freiheit, wir müssen sie nach innen wie nach außen verteidigen, und dies vereint uns mit den anderen Europäern in der Europäischen Union“ (S. 197f.).

 

 

Eckhard Jesse/Thomas Schubert (Hrsg.): Friedliche Revolution und Demokratie. Berlin 2015.