Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Vor 100 Jahren entstand der Romanklassiker "Wir"

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Stefan Winckler

Vor 100 Jahren entstand der Romanklassiker „Wir“

 

Eine verwirrende Lektüre“ - das war vor 35 Jahren die wortspielerische Reaktion einer Klassenkameradin, nachdem sie im Roman „Wir“ von Jevgenij Samjatin (1884-1937) gelesen hatte.

In der Tat, „Wir“ ist keine leichte Unterhaltung. Diese Dystopie1, vor genau 100 Jahren verfasst, beschreibt in Tagebuchform das Leben im „einzigen Staat“ lange nach der Beinahe-Selbstausrottung der Menschheit in einem globalen Krieg und nach der Weltrevolution. Personen tragen keine Namen mehr, sondern Nummern, wie z.B. D-503 (Hauptfigur) oder I-330 (der wichtigste weibliche Charakter). Die Entpersönlichung ist so weit fortgeschritten, dass der Erzähler kein „Ich“ mehr kennt, sondern nur noch „Wir“, die Gemeinschaft, das kollektive Bewusstsein. Die uniformierten und mit Nummernschildern gekennzeichneten Menschen marschieren in Kolonnen zu Klängen aus der Musikfabrik. Die Häuser sind aus Glas, damit den „Beschützern“ die Totalüberwachung leichter fällt, und der ins Übermenschliche entrückte Herrscher trägt nicht zufällig die Bezeichnung „Wohltäter“ (die Realität ist zuweilen noch irrer als die Dystopie: Anreden für Kim-Jong Il in Nordkorea lauteten unter anderem: „Lenkender Stern des 21. Jahrhunderts“, „Leuchtende Sonne des Universums“, „Erlöser“, „Höchste Verkörperung der revolutionären kameradschaftlichen Liebe“).2

 

Vergötzung von Technik und Mathematik

 

Diese Kakotopie3 schrieb der russische Schriftsteller (und Schiffsingenieur) Jevgenij Samjatin bereits im Jahr 1920 aus Enttäuschung über die totale Machtergreifung der Bolschewiki, aus Befremden über deren Theorie und Herrschaftspraxis. Die neu geschaffene zentralen Literaturzensur fand in ihr das erste Opfer. Samjatin war somit ein sehr früher Dissident, vielleicht der erste.

Samjatin karikiert die Schaffung des „neuen Menschen“, der nichts anderes ist als ein entindividualisiertes Rädchen im gesellschaftlichen Getriebe, mit großer formaler Virtuosität (D-503 als Ich-Erzähler, der sich wandelt und am Ende wieder in seinen Ausgangszustand zurückfällt bzw. gestürzt wird). Die Begeisterung der Kommunisten für technisch-wirtschaftlichen Fortschritt, ja sogar der Fortschrittsoptimismus im allgemeinen, wird persifliert: „Heute Morgen beispielsweise, da war ich auf der Werft, wo die INTEGRAL gebaut wird. Mein Blick fiel auf die Maschinen: Augen geschlossenen, selbstvergessen, drehten sich die Kugelnder Regulatoren; blitzende Hebel neigten sich nach rechts und nach links, die Balancierstange wiegte sich stolz in den Hüften, der Meißel der Stemmmaschine knirschte im Takt einer unhörbaren Musik. Da ging mir die Schönheit dieses prächtigen, von bläulichem Sonnenlicht überfluteten Maschinenballetts auf“ (Protokollnotiz Nr. 2). Gleiches gilt für die Mathematik: „Ja, wir werden diese herrliche, das ganze Weltall umfassende Gleichung integrieren. Wir werden die wilde, krumme Linie geradebiegen, sie zur Tangente, zur Asymptote machen. Denn die Linie des einzigen Staates ist die Gerade. Die große, göttliche, weise Gerade, die weiseste aller Linien“ (Eintragung Nr. 1).4

Lichtjahre entfernt scheint dieser literarische Klassiker von den Bänden, die in den 1920ern im Bücherschrank deutscher Bürgerfamilien standen. So ist im Buch der Mathematiklehrer Plapa ein humaoider Roboter, und D-503 konstruierte die gerade fertig gestellte Raumstation (!) „Integral“. Die „grüne Mauer“, die den Einzigen Staat von der Wildnis trennt, ist eine Art vorweg genommener Eiserner Vorhang. Hingerichtet wird nicht etwa durch den Strang, sondern durch Strom. Künstliche Nahrung wird vorschriftsgemäß gekaut (jeder Bissen 50 mal, wie das Gesetz es befiehlt).

 

D-503 verfällt der Femme fatale I-330 und „entwickelt eine Seele“, ja er wirkt sogar am Versuch einer Revolution mit: Eine Gruppe verweigert am „Wahltag“, dem „Tag der Einstimmigkeit“ die gewünschte Akklamation. Doch der Versuch scheitert, den Massen wird durch Gehirnoperationen vorsorglich die „Seele“ entfernt. Am Ende herrscht wieder die totale Einheitlichkeit, und D-503 bekennt sich zum Wohltäter, dem Übermenschen: „Heil dem Einzigen Staat! Heil dem Wohltäter! Heil den Nummern!“

 

Der Gesellschaftsentwurf und das genormte „durchmathematisierte“ Alltagsleben erscheinen m.E. noch drastischer als in dem ebenfalls unvergesslichen „1984“, wo die Massen („Proles“) zwar verdummt werden, aber die Überwachung auf die Kaste der Parteimitglieder beschränkt ist.

 

Zwischen H.G. Wells und George Orwell

 

H.G. Wells lässt grüßen, und aus der Ferne winkt Campanella (Der Sonnenstaat) herüber. Trotz dieser Vorläufer ist „Wir“ ein Meisterwerk mit sehr vielen eigenständigen Ideen. „Wir“ beeinflusste nachhaltig die dystopische, antitotalitäre Literatur, auch wenn das Buch nicht sehr viele Leser fand (wo blieb die Nutzung in Fächern wie Deutsch und Sozialkunde/Gemeinschaftskunde?). Spuren bemerkt der Leser sehr rasch in George Orwells „1984“ (1949) und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (1932) sowie in weniger bekannten Werken. Eine Bühnenversion war im vergangenen Jahr am Nationaltheater Mannheim zu sehen. Auch der Film „THX-1138“, das erste abendfüllende Werk von George Lucas (1970), ist eine anspruchsvolle Weiterentwicklung. Eine Verfilmung von „Wir“, abgesehen von einer theaterhaften TV-Bearbeitung in billigen Kulissen, aber immerhin mit Dieter Laser und Heinz Moog (1981) steht noch aus. Ein „Bilderbogen“ unter dem Titel „The Glass Fortress“ (Kurzfilm, 2016) versteht sich gar als Fortsetzung, nicht ohne Reiz. Mag sein, dass sich Stanley Kubrick und v.a. Andrej Tarkowski als Regisseure dafür geeignet hätten. Freilich wären die tatsächlich existierenden Massen, die sich ansonsten an vordergründigen Effekten, Gewaltdarstellungen und Geschmacksverirrungen ergötzen, dafür kaum zu begeistern gewesen (was heute im gleichen Maße gilt wie in den letzten Dezennien).

 

Und heute?

 

In gläsernen Bürohäusern mögen manche arbeiten, aber dort wohnt heutzutage niemand. Zunehmend gläsern droht weniger die Wohnarchitektur als der Mensch selbst zu werden. Künstliche Intelligenz zu Aushorchungszwecken ist eine Option von Staaten und Konzernen zum Nachteil des Einzelnen. Der Hang, Einstellungen, Meinungen u.ä. zu vereinheitlichen, Menschen durch soziale Ächtung zu reglementieren, ist lebendig (wer sich an Sprachregelungen, oder besser: -verhunzungen des Genderismus nicht beteiligt, hat zuweilen mit Nachteilen zu rechnen, v.a. an den Universitäten). Dies ist, zusammen mit dem hundertsten Jahrestag eines originellen, modernen, ja teilweise prophetischen Romans, ein Grund, „Wir“ zu lesen.

 

 

Jevgenij Samjatin: Wir. Utopischer Roman (Phantastische Klassiker). Hemmingen: Ganymed-Edition, 2017. 220 S., €14,00.

 

1Dystopie bedeutet: „übler Ort“ und bezeichnet in der Literaturwissenschaft ein Schreckensszenarioin der näheren Zukunft, etwa ein Land der eine Stadt nach Atomkrieg, Pandemie, politische Tyrranei, Umweltkatastrophe, auch die Herrschaft von künstlicher Intelligenz. Musterbeispiel „!984“ von George Orwell.

2Diese und weitere Bezeichnungen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Titeln_und_Anreden_von_Kim_Jong-il_innerhalb_von_Nordkorea

Kim Jong-il war der Vater des jetzigen Staats- und Parteichefs Kim Jong-un.

3Kakotopie: das gleiche wie Dystopie, also Anti-Utopie

4Ältere Übersetzung von 1958