Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
Historiker und Buchautor
Historiker und Buchautor

 

KONTAKT

Antike und Völkerwanderungszeit in Norditalien

_____________________________________________________________________________

 

Stefan Winckler

Standorte des frühen Christentums: Aquileia und Grado

 

Dort, wo Mitteleuropa endet und in den mediterranen Süden übergeht, herrschte vor 2000 Jahren ein lebhaftes Treiben: In Aquileia beluden Hafenarbeiter Schiffe mit Bernstein von der Ostsee. Glas und Metall, vor Ort produziert, wurde für den Transport verpackt und verladen. Aus Alexandria kamen vielfältige ägyptische Waren. Lateinische und griechische Sprachfetzen, orientalische Laute und germanische Worte vermischten sich, unterschiedlichste Menschen begegneten einander: Händler, Zöllner, Seeleute, Soldaten. Noch heute sind die Löcher in den Steinquadern am einstigen Flusshafen erkennbar, durch die einst die Schiffstaue gezogen wurden. Der Hafen dieser römischen Stadt an der Nordspitze der Adria lag nicht direkt am Meer, sondern an dem kanalartig ausgebauten Fluss Natissa, der an jener Stelle 48 Meter breit war. Fernstraßen kreuzten hier in Sichtweite der Lagune und der Julischen Alpen: die Via Postumia, von Genua nach Aquileia verlaufend, und die Via Iulia Augusta, die nach Norden Richtung Kärnten verlief sowie die Via Gemina, die über das Karstland am Isonzo ins heutige Slowenien führte.

Die Einwohnerzahl kann nur geschätzt werden. Die Angaben reichen von 30.000 (wohl zu gering geschätzt) über mindestens 50.000 bis 100.000. Für Unterhaltung war gesorgt: es gab ein Amphitheater, Theater, Stadion und Thermen. Längst ist nicht alles ausgegraben, auch wenn kaum Hoffnung auf gut erhaltene voluminöse Monumente bestehen dürfte!

181 v. Chr als Militärkolonie insbesondere zur Abwehr der Kelten und als Ausgangspunkt von Feldzügen gegen germanische Stämme gegründet, dehnte sich die Siedlung rasch aus.

Es war nicht nur die Wirtschaftskraft, sondern auch die politisch-militärische Bedeutung der Regionalhauptstadt Aquileia, die manche bekannte Persönlichkeit dorthin kommen ließ: Julius Caesar, die Kaiser Augustus, Marc Aurel und Konstantin der Große und sogar König Herodes. Das Archäologische Nationalmuseum in Aquileia zeigt aufschlussreiche Überreste des „goldenen Zeitalters“ der Stadt und ist von überregionaler Ausstrahlung.

Der Glanz hielt nicht ewig. Der Hafen, einer der bedeutendsten im Imperium Romanum, versandete mehr und mehr, denn der Fluss hatte seinen Lauf verändert. „Barbaren“ griffen vermehrt an. Hunnenkönig Attila plünderte und brandschatzte die Stadt im Jahre 452 (die Oper „Attila“ von Giuseppe Verdi spielt vor diesem Hintergrund). Seuchen wie die Pest und Malaria breiteten sich in der späten Antike mehrfach aus, die Erde bebte.

 

Christentum in Aquileia

 

Doch während das heidnisch-römische Aquileia als Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum allmählich unterging, wuchs das christlich-römische Aquileia in eine ebenfalls sehr bedeutende Rolle hinein. Durch Kaufleute und Sklaven aus dem Orient kam das Christentum im zweiten oder dritten Jahrhundert in die Stadt, wo es erstmals 314 belegt ist – im Jahr zuvor war das Toleranzedikt von Mailand erlassen worden, das die Christenverfolgung beendete.

Um das Jahr 320 entstand jener insgesamt rund 750 Quadratmeter große Mosaikboden der Basilika, der heute mit seinen figürlichen Darstellungen vom Fischfang („Menschenfischer“, Mt 4,19) und dem symbolhaltigen Abbild von Hahn gegen Schildkröte (Licht und Finsternis!) – um nur zwei der zahlreichen Motive zu nennen – zu den bedeutendsten sakral-künstlerischen Zeugnissen des frühen Christentums in Europa gehört (siehe Fotoreihe). Im Jahre 381 verurteilte ein Konzil in Aquileia den Arianismus, jene vor allem auch bei den germanischen Völkern verbreitete Lehre: Christus sei Gott wesensähnlich und nicht wesensgleich. Das Patriarchat von Aquileia war jahrhundertelang von großer Bedeutung weit über Friaul hinaus. Nach dem Hunnensturm flohen die Einwohner auf die rund zehn Kilometer südlich gelegene Insel Grado, um später zumindest teilweise wieder zurückzukehren. Die mittelalterliche Basilika selbst ersetzte den spätantiken Kirchenbau. Das Mosaik wurde im 11. Jahrhundert beim Bau der neuen Basilika mit Erdschichten belegt und erst 1909, von Beschädigungen geschützt, wieder entdeckt! Ein vergleichbares Mosaik suchen wir in Deutschland vergebens.

Nach und nach trugen die Bewohner in den vergangenen anderthalb Jahrtausenden die antiken Bauten (römische Wohnhäuser, Großbauten u.ä.) ab, um die Steine anderweitig zu verwenden, so dass viele Monumente unwiderbringlich verloren sind. Große und kleine Bauherren zerstörten damit das alte Aquileia zweifellos mehr als Attila, dem oft die Schuld an der Zerstörung zugeschrieben wird.

Grado, der zeitweilige Zufluchtsort der Aquileiesi (wie die Bewohner genannt werden) in Zeiten der Bedrängung, erlebte einen Aufschwung, als sich der Patriarch von Aquileia mit dem Domschatz, gefolgt von seiner Gemeinde, dort auf Dauer niederließ (568). Grund war der Einfall der Langobarden, die jedoch Cividale nahe den Julischen Alpen als ihr Zentrum wählten. Die Kirche von Grado wurde sogleich erheblich ausgebaut und mit einem weitläufigen Mosaikboden versehen. Im Gegensatz zu Aquileia fehlen dort weitgehend figürliche Darstellungen, stattdessen finden wir abstrakte Formen (siehe Fotos). Die Basilika zu Grado ist als Bauwerk der Völkerwanderungszeit von hohem kulturgeschichtlichen Wert.

In der Folgezeit konkurrierten die Patriarchate von Grado und Aquileia, zumal sich dort ein Gegen-Patriarch etablierte und das Bistum alleine für sich beanspruchte.

Eine Templerhaus in Grado ist dokumentiert, Indizien verweisen auf Templer in Aquileia.

Schrittweise fiel das südliche Friaul im 15. Jahrhundert an die Republik Venedig.

Nach 1815 zählten Aquileia und Grado als Teil des Kronlandes Küstenland (Gefürstete Grafschaft Görz und Gradisca) zum Kaisertum Österreich, und damit bis 1866 auch zum Deutschen Bund. Nach Beendigung des Ersten Weltkriegs kamen die beiden Orte an das Königreich Italien. Sie gehören heute der Autonomen Region Friaul-Julisch Venetien an; Triest und Udine sind die nahe gelegenen größeren Städte. Grado ist ein beliebtes Seebad, außerdem seit Jahrzehnten Schauplatz von Fortbildungsveranstaltungen deutscher und österreichischer Ärztekammern. Aquileia, Weltkulturerbe seit 1998, verdient einen Besuch vor allem wegen der Basilika mit ihren Mosaiken, dem Frühchristlichen Museum sowie den römischen Fundamenten und Straßen.

 

 

Literatur:

Franz Glaser/Erwin Pochmarski: Aquileia – Der archäologische Führer. Mainz: Philipp von Zabern, 2012

http://www.basilicadiaquileia.it/de

http://homepage.univie.ac.at/dorothea.weber/Exkursion11/Grado.pdf

 

© Dr. Stefan Winckler