Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Auflösung einer Demokratie

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Stefan Winckler

Wie kam es zum sprunghaften Anstieg der Stimmen für die NSDAP 1928 bis 1932/33?

 

 

In den 1920er Jahren war die NSDAP ein Randphänomen. So erzielte sie bei den Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 nur 2,6 Prozent (810.127 Stimmen: zwölf Mandate). Sie war eine von mehreren völkischen Kleinparteien, die wenig auffiel.

 

Wahlergebnisse

 

Zwei Jahre später am 14.9.1930 kam sie auf ein Reichstagswahlergebnis von 18,3 Prozent (6.379.672 Stimmen). Ein derartiger Zuwachs war ein Unikum in der deutschen Parlamentsgeschichte. Damit stellte die NSDAP die zweitstärkste Fraktion im Reichstag nach der SPD. Nicht zuletzt hatte die NSDAP die Deutschnationale Volkspartei als führende systemoppositionelle Kraft aus dem nationalistischen Lager geradezu deklassiert (DNVP: 41 Mandate; zuvor: 73). Völlig überraschend war dieses Ergebnis für eine offen staatsfeindliche, totalitäre Partei nicht: Landtags-, Kommunal- und AStA-Wahlen zwischen 1928 und 1930 brachten der NSDAP deutliche Zugewinne (z.B. im bevölkerungsreichen Sachsen).

Bei der Reichstagswahl am 31.7.1932 entschieden sich 37,3 Prozent (13.745.680 Stimmen) der Deutschen für Hitler; fortan bildete die NSDAP die weitaus stärkste Fraktion im Reichstag: 230 Abgeordnete.

Zwar musste die NSDAP in den Novemberwahlen 1932 einen Rückschlag hinnehmen (33,1 Prozent). Doch nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 setzten die Nationalsozialisten auf baldige Wahlen, um mit dem Einsatz sämtlicher Machtmittel vom Versammlungs- und Zeitungsverbot bis zur Rundfunkpropaganda auch im Reichstag eine absolute Mehrheit zu erreichen. Sie gewannen mit 43,9 Prozent (17.277.180 Stimmen) mehr als doppelt so viele Stimmen wie die zweitstärkste Partei: die SPD.

 

Warum entschieden sich so viele Deutsche für die NSDAP?

 

Veranlasst wurde der Trend zur NSDAP durch die Probleme der rechtsradikalen, rechten und liberalen Parteien, deren Bindungskraft seit 1928 gelitten hatte. So war der Zustand jeder dieser Parteien aus Wählersicht wenig attraktiv.

Der Wahl 1930 ging eine Krise der Deutschnationalen Volkspartei, die bereits 1928 von 20,5 auf 14,3 Prozent gefallen war, voraus. Der Streit in der DNVP zwischen dem antidemokratischen, republikfeindlichen Flügel um den Vorsitzenden Alfred Hugenberg und der konstruktiveren Gruppe um Kuno Graf Westarp, der eine Abspaltung zur Folge hatte, begünstigte eine Wählerwanderung zur Hitlerbewegung. Am Wahltag verlor die DNVP die Hälfte ihrer Wähler und 32 Mandate. Der 65-jährige Hugenberg, ein führender Alldeutscher in der Kaiserzeit und erklärter Monarchist, musste mit seinem übermäßig honoratiorenhaften Habitus vielen jungen Wähler als ein Mann von gestern erscheinen.

Die Deutsche Volkspartei, nach seinerzeitigen Verständnis wirtschaftliberal und gemäßigt rechts, hatte den Tod ihres Vorsitzenden Gustav Stresemann (Außenminister ab 1923) 1929 zu verkraften. Der Stimmenanteil der DVP war 1930 geradezu halbiert (von 8,7 auf 4,5 Prozent).

Auch die linksliberale Deutsche Staatspartei (vorher als Deutsche Demokratische Partei an vielen Reichsregierungen beteiligt) verlor 1930 nach internem Streit einen Prozentpunkt auf 3,8 und 1932 auf 1,0 Prozent.

Demgegenüber betrieb die Nazipartei 1930 erstmals einen zentral gesteuerten Wahlkampf, nachdem sie durch ihre Teilnahme am Volksbegehren gegen den Young-Plan Dezember 1929 ihre Bekanntheit hatte steigern können: zusammen mit der etablierten Rechten in diesem Abstimmungskampf gegen Reparationen aufzutreten und in den vielen deutschnationalen Zeitungen genannt zu werden, bedeutete einen Prestige- und Propagandagewinn.

Da sie keine Klientelpartei war, hatte sie ein sehr großes Wählerpotential. Besonders die Jugend war ein Zielobjekt; die geburtenstarken Jahrgänge 1908 bis 1910 waren 1930 wahlberechtigt, die Wahlbeteiligung erhöhte sich um 6,4 Prozent auf 82,0 Prozent. Da die NSDAP zuvor nie einer Reichsregierung angehört hatte, konnte sie als „unverbrauchte“, fundamantaloppositionelle Kraft auftreten. Dazu gehörten umgekehrt auch Lügenkampagnen gegen alle größeren Parteien, denen sie Korruption und Abhängigkeiten nachsagte. Hitlers Demagogie richtete sich an den Erwartungen der Teilnehmer aus, wobei er mit möglichst einfachen Phrasen die Gefühle der Menschen aufputschte. Besonders seine Kritik an „Versailles“ fiel auf fruchtbaren Boden, er wandte sich in einer ungeheuren Zahl von Kundgebungen 1930-1933 gegen den Kapitalismus und schmeichelte den Arbeitern. Der Antisemitismus führte Hitler weitere Wähler zu. Die Worte von Hubertus Prinz zu Löwenstein sollten sich nur allzu bald bewahrheiten: „Antisemitismus als Ersatzreligion des geistigen Pöbels und Instrument der Herrschaft ist stets ein Zeichen für den Verlust der Freiheit aller Staatsbürger“.

Monokausale Erklärungen reichen selten aus, um politikwissenschaftliche Phänomene zu deuten. NS-begünstigend wirkte der starke Vertrauensrückgang in die parlamentarische Demokratie bzw. in das, was Reichsregierungen und Regierungsfraktionen erfolglos praktizierten. Allzuoft kam es zu Selbstblockaden sowie zu immer schnelleren Kanzler- und Ministerwechseln, so dass nicht nur Verfassungsfeinde schon vor 1930 mit einer stärker autoritären Staatsform sympathisierten. Bereits im August 1929 erklärte der Zentrums-Vorsitzende Ludwig Kaas: „Niemals ist der Ruf nach einem Führertum großen Stils lebendiger und ungeduldiger durch die deutsche Volksseele gegangen als in den Tagen, wo die vaterländische und kulturelle Not uns allen die Seele bedrückt“.

Die NSDAP gewann hauptsächlich protestantische bürgerliche Wähler aus den rechtsnational, konservativ und liberal geprägten Mittelschichten, die sich angesichts der zunehmenden Verelendung besorgt zeigten oder gar den eigenen Abstieg ins Proletariat fürchteten. So gab die NSDAP den Ängsten kleinerer Kaufleute vor dem „Großkapital“ und der wachsenden Konkurrenz durch Warenhäuser viel Raum in ihrer Werbung, zumal Angestellte, Selbständige und Bauern in der Mitgliederschaft überproportional vertreten waren. Die Wählerbindung gelang der NSDAP auch mit dem Eindringen bzw. Unterwandern von Wirtschaftsverbänden wie dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband, dem Landbund u.a.

Die beträchtliche Anzahl der oft fanatischen NS-Wahlhelfer dürften sehr wirksam gewesen sein – bürgerliche Honoratiorenparteien waren diesem Einsatz nicht gewachsen. Darüber hinaus faszinierte das Erscheinungsbild der NSDAP mit uniformierten Marschkolonnen, Musik und Fahnen viele Menschen.

Die erdrutschartig anmutenden NSDAP-Wahlerfolge werden oft mit der Massenarbeitslosigkeit in Verbindung gebracht. Tatsächlich wählten erwerbslose Arbeiter (13 Prozent NSDAP Juli 1932, 12 Prozent November 1932) nur selten die Nationalsozialisten, hingegen weit überproportional die Kommunistische Partei (29 und 34 Prozent der arbeitslosen Arbeiter 1932; vgl. Falter S. 311). Manche bürgerliche Wähler kreuzten aus Angst vor der KPD die antikommunistische NSDAP an – so dass sich die beiden Extreme gegenseitig hochschaukelten.

Vor den nur noch halbfreien Märzwahlen 1933 mobilisierte die NSDAP weitere bisherige Nichtwähler. In ihren Hochburgen, v.a. in protestantischen Landgemeinden, übte sie sozialen Druck aus. Die Wahlbeteiligung stieg erstmals auf 88 Prozent. Mord, Totschlag und Körperverletzung durch die Bürgerkriegsarmee SA, permanente Gewaltdrohung und das oft erbärmliche Niveau der „alten Kämpfer“ schreckten die abgestumpften Menschen ab 1930 immer weniger ab.

 

Literatur:

Jürgen W. Falter: Hitlers Wähler. München 1991