Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
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Morgenröte der Moderne oder ABSTIEG IN DEN tOTALITARISMUS?

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Das Niedermetzeln der Kinder und vor Allem der Weiber ist ein charakteristisches Merkmal dieser Revolution. Man wird nichts Aehnliches in den Proscriptionen des Altertums finden. In der ganzen Welt hat nur eine philosophische Revolution sich erzeigt, und diese Eine ist die unsrige. Woher kam es nun aber, daß gerade sie durch Verbrechen, die bis dahin dem Menschengeschlechte unbekannt waren, besudelt werden mußte? Hier liegen Tatsachen vor, die man unmöglich in Abrede stellen kann. Erkläret, erläutert, declamiret, wie ihr wollt, die Sache selbst bleibt. Wir sagen es nochmals: Ein allgemeines Gemetzel der Weiber, sey es nun durch Militär-Exekutionen, sey es durch sogenannte richterliche Verurtheilungen, außer in diesem menschenfreundlichen und erleuchteten Jahrhundert, ohne Beispiel. Übrigens, wenn man die Religion läugnet, das Prinzip der moralischen Weltordnung verwirft, dann ist es ganz begreiflich, daß man die Gesetze der Natur verkennet und mit Füßen tritt.

 

Francois-René de Chateaubriand. Was die Vendée für die Monarchie geduldet hat. In: Ders.: Sämmtliche Werke. Ueber den Tod des Königs Ludwig XVIII. Freiburg im Breisgau 1828, S. 86-100, hier S. 97f.               

 

 

 

Stefan Zweig beschreibt in seiner Biografie Joseph Fouchés die geradezu kriegskommunistischen Maßnahmen seiner Titelfigur in Nantes, Nevers und Moulins. Dort wirkte der spätere Polizeiminister als Prokonsul:

Er wettert gegen die Gemäßigten, er überschüttet das Land mit einem Schnellfeuer von Kundmachungen, er bedroht die Reichen, die Zaghaften, die Halbschlächtigen in der grimmigsten Weise, er holt ganze Regimenter Freiwilliger mit moralischem und wirklichem Zwang aus den Dörfern heraus und schickt sie gegen den Feind. An Organisationskraft, an geschwinder Erfassung er Situation ist er jedem anderen seiner Gefährten zumindest gleich, an Verwegenheit des Wortes ihnen allen überlegen. Denn – die eine muß festgehalten werden – Joseph Fouche bleibt nicht wie die berühmten Vorkämpfer der Revolution, Robbespierre und Danton, vorsichtig in der Frage der Kirche und des Privateigentums, das jene respektvoll noch als ,unverletzlich' erklären, sondern stellt entschlossen ein radikalsozialistisches und bolschewistisches Programm auf. Das erste klare kommunistische Manifest der Neuzeit ist in Wahrheit nicht jenes berühmte von Karl Marx, nicht der ,Hessische Landbote', von Georg Büchner, sondern jene sehr unbekannte, von der sozialistischen Geschichtsschreibung geflissentlich übersehene „Instruction“ in Lyon, die zwar von Collot d'Herbois und Fouché gemeinsam gezeichnet, aber zweifellos von Fouché allein verfaßt ist. Dieses energische, der Zeit in seinen Forderungen um hundert Jahre vorausbegehrende Dokument – eins der erstaunlichsten der Revolution – ist wohl wert, aus dem Dunkel herausgeholt zu werden. (…) Immerhin, rein zeitgemäß betrachtet, stempelt ihn dieses sein damaliges Glaubensbekenntnis zum ersten klaren Sozialisten und Kommunisten der Revolution. Nicht Marat, nicht Chaumette haben die kühnsten Forderungend der Französische Revolution formuliert, sondern Joseph Fouché , und heller und greller als jede Beschreibung erleuchte der Originaltext sein sonst immer ins Zwielicht flüchtendes Charakterbild“.

Die Revolution sei für das Volk gemacht, nicht für die Reichen. Zweig zitiert Fouché : „Das Volk ist einzig die Gesamtheit der französischen Bürger und vor allem jene unendliche Klasse der Armen, die die Grenzen unseres Vaterlands verteidigen und die Gesellschaft durch ihre Arbeit ernähren. Die Reichen gehören demnach nicht zum Volk.

Bemerkenswert ist, dass Fouché auch den „neuen Menschen“ fordert: „ Täuschet Euch nicht: um wahrhaft Republikaner zu sein, muß jeder Bürger in sich selbst eine Revolution durchmachen, ähnlich wie jene, die das Antlitz Frankreichs geändert hat. Es darf nichts Gemeinsames zurückbleiben zwischen den Untertanen der Tyrannen und den Bewohnern eines freien Landes. Alle ihre Handlungen, ihre Gefühle, ihre Gewohnheiten müssen darum vollkommen neuartig sein".

Stefan Zweig: Joseph Fouché . Frankfurt 2016, S. 37f.