Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
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Historiker und Buchautor
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Erziehung zur persönlichkeit

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Stefan Winckler

Was verursacht Verwahrlosung? Was beugt Verwahrlosung vor?

 

 

Symptome der Verwahrlosung wie Beschädigung fremden Eigentums (nicht nur durch Wandschmierereien), andere Formen der Respektlosigkeit wie Mobbing in der Familie, Vulgarismus und Fäkalsprache sind vielen Menschen gleichgültig, weil sie sich mit dieser Alltagsrealität abfinden. So erklärte die Energieversorgung Offenbach auf Anfrage, sie stelle sogar Flächen für Graffiti-Spraybilder zur Verfügung, damit ihre anderen Wände davon verschont bleiben. Wo fängt Kapitulation an und wo hört sie auf?

Googelt der interessierte Nutzer nach „Verwahrlosung“, stößt er vor allem auf die individualpsychologische Dimension des Problems: ein Mensch vernachlässigt sich und seine engste Umgebung total. Verwahrlosung der Natur durch weggeworfenen Müll am Straßenrand, Verwahrlosung des Stadtbilds, sittliche Verwahrlosung in den Familien (durch unbegründete Respektlosigkeit der Kinder gegenüber den Eltern, seelische Grausamkeit eines Ehepartners gegenüber dem anderen) ist den Medien zu erheblichen Teilen egal, jedenfalls kommt derartiges in den informierenden Medien wenig vor. Hingegen ist es Stoff für bestimmte Fernsehserien, also ein Unterhaltungsangebot, das vermutlich bevorzugt in der Unterschicht wahrgenommen wird.

Wer die Verwahrlosung beschreibt, wird auch an der Frage nach dem „Warum?“ nicht vorbei kommen. In den letzten Jahrzehnten ist das Werte- und Tugendgefüge vieler Menschen auf der Strecke geblieben. In den Zehn Geboten werden wir fündig, dass wir Vater und Mutter zu ehren haben, dass wir das Eigentum respektieren („Du sollst nicht stehlen“), dass wir sorgfältig mit unseren Aussagen umzugehen haben („Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten“). Eine sittliche Verwahrlosung liegt vor, wenn entschiedene Atheisten und ihre Mitläufer in provozierender Manier die Aufhebung des Ruhegebots am Karfreitag fordern („Tanzverbot streichen“ - als ob es nicht 360 Tage gäbe, in denen kein Ruhegebot gilt): das Gebot „Du sollst den Tag des Herrn heiligen“ ist gerade hier vorzuleben oder zumindest zu respektieren. Untreue und Ehebruch sind eindeutig als sittliche Verwahrlosung zu kennzeichnen.

Zu den Tugenden gehört, sich an die Gesetze und die Ordnung im demokratischen Verfassungsstaat zu halten. Wie steht es mit Ehrlichkeit in Sachen Steuer und Abgaben, aber auch: wie steht es mit Verschwendung öffentlicher Gelder, mit der vielgesichtigen Koruption u.ä.? Auch Verfehlungen im Wirtschaftsleben sind ein „weites Feld“, indem sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf vielfältige Art gegenseitig ausnutzen. Zu Wirtschafts- und Sozialbeziehungen lohnt sich der Blick auf die päpstlichen Enzykliken Rerum Novarum und Quadragesimo Anno.

Im Zuge einer nicht zu übersehenden Säkularisierung ist viel an immateriellen Werten und Tugenden verloren gegangen. Der Satz Oskar Lafontaines, mit den „Sekundärtugenden“ Helmut Schmidts wie „Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit und Standhaftigkeit (…) kann man auch ein KZ betreiben“ („Stern“, 15.7.1982), verletzte nicht nur den damaligen sozialdemokratischen Bundeskanzler zutiefst. Lafontaine stand damit im Einklang mit dem betont antibürgerlichen „68er-Denken“, und zwar in einem Zeitabschnitt, in dem sich viele „68er“ einen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft aufgebaut hatten.

Warum sind Richter oft eher zurückhaltend und verständnisvoll gegenüber Tätern (zum großen Schmerz der Opfer)? Auch manche Journalisten neigen zum Verschweigen, Beschwichtigen und Verharmlosen von kriminellen Taten, wenn sie meinen, betont schonend gegenüber Minderheiten auftreten zu müssen.

All das wirkt auf das Bewusstsein der Menschen. Wer kann noch etwas mit „Bürgerlichkeit als Lebensform“ anfangen? Inhaltlich wie stilistisch herausragende Autoren wie Joachim Fest und Johannes Gross konnten das. Aber selbst manche (verwahrloste) Rechte gefallen sich darin, auf ordinäre Art zu pöbeln, mit Trillerpfeifen die Wahlkundgebungen der anderen politischen Seite zu stören, die Bundeskanzlerin in die Zwangsjacke oder die Gefängniszelle zu wünschen. Dieses unterirdische Niveau erinnert an linksradikale Verhaltensmuster vergangener Jahrzehnte.

Hin und wieder wird die Frankfurter Schule verantwortlich gemacht. Das ist zu einfach. Die Professoren Max Horkheimer, Theodor Adorno und andere suchten in jungen Jahren nach einer Anpassung des Marxismus an die Realität und übten zeitlebens eine Kritik an der Gesellschaft, v.a. am Autoritarismus. Aus den Vereinigten Staaten zurückgekommen, waren sie aber in den ersten zwanzig Jahren der Bundesrepublik weit staatsloyaler, als manche ihrer Möchtegern-Nachläufer es gerne gehabt hätten. Adorno sah mit Unbehagen den Aktionismus der linksradikalen Studenten, die möglicherweise sogar zu seinem tödlichen Herzinfarkt beigetragen haben. Jürgen Habermas sprach von „Links-Faschismus“.

Sehr wohl mögen linke, um nicht zu sagen: linksradikale Lehrer ihren Teil zur Verwahrlosung späterer Alterskohorten beigetragen haben. Überforderte Eltern, die mit sich selbst unzureichend zurecht kamen, sind ebenfalls verantwortlich.

Die Wirkung von Gewalt in Film und Computerspiel ist wiederholt untersucht worden. Die meisten Zuschauer werden (selbstverständlich) nicht zu Gewalttätern, wenn sie hin und wieder Action-Filme sehen. Aber auf manche psychisch kranke Menschen mögen derartige Inhalte, bei häufiger Wiederholung, anders wirken als auf gesunde, sittlich gefestigte Menschen.

So bleibt am Ende der schlechte Einfluss der Umgebung, des Freundes- und Bekanntenkreises, Versagen der Eltern oder eines Elternteils. Werte und Tugenden werden oft nicht vorgelebt und weitergegeben, stattdessen zählt der Egoismus. So versuchen manche, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft auszunutzen, so weit es nur geht, bisweilen verbunden mit arg einseitiger, vereinfachter Rechtsauslegung („das steht mir doch zu!“). Andere missbrauchen ihre Positionen gegenüber Personen, die in der Hierarchie unter ihnen stehen. Im Sinne eines einseitigen Shareholder-Value-Denkens und einer kurzsichtigen Geiz-ist-geil-Mentalität pervertierten manche die bewährte Soziale Marktwirtschaft zur „unsozialen Machtwirtschaft“ (Obr. Helmut Seliger). Zwei Weltfinanzkrisen ließen die einstigen Euphoriker in Katzenjammer versinken – ihr (Wertpapier)-Depot glich oft mehr oder weniger einer Deponie.

Materielle Werte sind aus der Arbeit hervorgegangen. Aber auch die (postmaterielle) Entfaltung des Menschen in seinen bildungsbürgerlichen und künstlerischen Interessen, das Kümmern um Mitmenschen und der Schutz der Natur sind werthaltig, nicht zuletzt auch der Respekt vor den Zeugnissen der geschichtlichen Vergangenheit oder ein Engagement für Menschenrechte.

Was Tugenden betrifft, so sollten Christen die sieben Kardinaltugenden kennen (und vor-leben): Weisheit/Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Glaube, Liebe, Hoffnung. Nicht viel anders verhält es sich mit den buddhistischen und hinduistischen Tugendvorstellungen. Zusammen mit diesen „Primärtugenden“ sind die „Sekundärtugenden“ wie Aufrichtigkeit, Berechenbarkeit Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Zurückhaltung (Bescheidenheit), Redlichkeit, Sparsamkeit, Unbestechlichkeit für das Funktionieren einer Gesellschaft unverzichtbar. Sie werden oft auch als Preußische Tugenden bezeichnet und stellen den Gegensatz zur Verwahrlosung dar. Es scheint uns notwendig, dass die Tugenden wieder verstärkt in den Schulen zu gelehrt werden, und zwar nicht nur in Religion oder Ethik, sondern auch in anderen Fächern wie Wirtschaft- und Rechtslehre und Sozialkunde bzw. Gemeinschaftskunde.