Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
Buchautor Geschichte, Vergangenheit Literatur, Geschichte Deutschland
Historiker und Buchautor
Historiker und Buchautor

 

KONTAKT

Kommunikation im 21. jahrhundert

 

Stefan Winckler

Sprachverwahrlosung

 

Sprechen und Denken sind eins.

Karl Kraus

 

Die seinerzeit sehr erfolgreiche Rockband The Police veröffentlichte 1980 ein Lied über Sprachverfall und seine gesellschaftliche Folgen. Es beginnt mit der These, Worte seien schwer zu finden, denn im Kopf herrsche Verwirrung:

 

Don't think me unkind

Words are hard to find

They're only cheques I've left unsigned

From the banks of chaos in my mind

And when their eloquence escapes me

Their logic ties me up and rapes me

 

Wer verursachte dieses Chaos? Im weiteren Verlauf des Lieds wird darauf verwiesen, dass die berufsmäßigen Wort-Schmiede – Dichter, Priester und Politiker

– Phrasen nutzen um für ihre Stellungen zu danken und ansonsten alle Risiken, alle

Ecken und Kanten vermeiden. Als hätte der Sänger-Texter Sting (Jg. 1951) seinerzeit schon die politische Korrektheit mit ihren Sprachschablonen vorausgeahnt!

 

Poets, priests and politicians

Have words to thank for their positions

Words that scream for your submission

And no-one's jamming their transmission

And when their eloquence escapes you

Their logic ties you up and rapes you

 

(De Doo Doo Doo De Da Da Da, veröffentlicht auf dem Tonträger „Zenyatta

Mondatta“, 1980)

 

Die gezielte, ja manipulative Wirkung trivialer Worte in der Politik und Publizistik – Absicherung gegenüber den Mächtigen, Machtgewinnung gegenüber dem Machtlosen (um nicht zu sagen: Unterwerfung) - sei fatal, so der ehemalige Englischlehrer Sting. Der Öffentlichkeit werde, überspitzt formuliert, irgendwann ebenso sinnentleert brabbeln: De Doo Doo Doo De Da Da da. Das ist übrigens auch der Titel des Liedes. Oder auf Deutsch: Bla blabla bla.

Politiker vermeiden konkrete und zugespitze Aussagen, um nicht darauf „festgenagelt“ oder einer Entrüstungswelle (neusprech: „shitstorm“) ausgesetzt zu werden.

Der Zuhörer erkennt ähnliches anhand der gestanzten Aussagen der Profifußballer, also auch im Unterhaltungsgeschäft. Die Spieler werden darauf „trainiert“, mit ihren Aussagen nicht arrogant zu wirken, den Gegner nicht zu reizen, den eigenen Arbeitgeber immer gut aussehen zu lassen. Sie sollen sympathisch wirken. Aber was sind sie anderes als: uninteressant, trivial, langweilig. Längst vorbei sind auch in der Sportkommunikation die Zeiten eines Paul Breitner (Karriereende 1983), der stets eine oftmals pointierte Meinung hatte.

 

Was denkt die Bevölkerung?

 

Droht denn die deutsche Sprache immer mehr zu "verkommen"? Jedenfalls waren einer Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahre 2008 fast zwei Drittel (65 Prozent) der Deutschen dieser Meinung - und beileibe nicht nur die Älteren (über 60), sondern auch die 16- bis 29-Jährigen (53 Prozent: "sehe das so" vs. 23 Prozent ("sehe das nicht so"), 63 Prozent der 30- bis 44-Jährigen und etwa ebenso viele der 45- bis 59-Jährigen. Die Befragten, die einen Sprachverfall wahrnehmen, sehen die Ursachen in einer zurückgehenden Lesefreundigkeit (53 Prozent), in einem stark zunehmenden Einfluss anderer Sprachen (49 Prozent; hier ist Englisch gemeint), in der schwächeren Ausdrucksweise in der sms- und e-mail- Kommunikation (48 Prozent), in übermäßigem Fernsehkonsum (44 Prozent) und in einem gesunkenen Interesse der Eltern an einem guten Gebrauch der deutschen Sprache durch ihre Kinder (41 Prozent). Ferner legen Fernsehen, Zeitungen und Internet immer weniger Wert auf eine gute Ausdrucksweise (33 Prozent), mutmaßten die Befragten.

2017 waren die Zahlen kaum verändert (65 Prozent: deutsche Sprache droht zu

verkommen“, 23 Prozent: sehe ich nicht so). So scheint der Konjunktiv angesichts der weitverbreiteten Tendenz zur Vereinfachung und Verkürzung in der Umgangssprache eine aussterbende grammatikalische Form zu sein (der Verfasser dieses Beitrags grüßt aus der Ferne seinen Deutschlehrer, der sich fast sechs Wochen Zeit nahm, um mit uns 1979 in der sechsten Klasse den Konjunktiv durchzunehmen; heute nicht mehr realisierbar). Ist das ein Fortschritt oder nicht eher ein Verlust?

Die Sprache, zweifellos ein zentrales Kulturgut, ist nicht festgefroren, am wenigsten im Zeitalter der Globalisierung. Sie ist vielmehr wie ein langsam sich wälzender Fluss, in Bewegung begriffen: ein Strom, neues Wasser aufnehmend. Nachdenklich macht es allerdings, wenn der Zufluss allzu stark ist: 2004, so stellte eine Studie der Universität Hannover fest, waren unter den 100 am meisten verwendeten Wörtern in deutschen Werbesprüchen 23 englische - 1980 war es noch eines (vgl.

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/137/der-spiegel-kann-fehler-leider-nichtselbst-korrigieren/).

Nun ist nicht jeder englische Ausdruck zu beanstanden. E-mail beispielsweise ist eine technische Phrase und kein unnötiger, gekünstelter Anglizismus aus dem Dunstkreis der Werbetexter. Die wörtliche Übersetzung „E-Post“ erscheint jedenfalls einfallslos. Denn es geht auch kreativer: Im Jiddischen gibt es dafür den Ausdruck "Blitzpost" (auch: "Blitzbrief"), die auf dem "Schleptop" getippt wird . Das

ist Sprachwitz!

Selbstverständlich ist es einfacher, passender und damit naheliegender, von "googeln" zu reden, anstatt die sperrige Phrase "die Suchmaschine benutzen" zu gebrauchen. In den letzten Jahrzehnten kam es aber zu einer Flut an unnötig erscheinenden Anglizismen im öffentlichen Sprachgebrauch. Der täglicher Einkauf führt uns demnach vorbei an Kosmetika, die laut Verpackungsaufschrift „fresh“ sind (warum nicht „frisch“?) und für den „body“ gedacht (wofür denn sonst – und warum nicht „Körper?“). Lebensmittel werden auch oft auf diese Weise gekennzeichnet – „chicken“ statt „Hähnchen“. Warum eigentlich? Wohl jeder kennt den "Coffee to go" - was jedem Engländer lächerlich vorkommen dürfte, weil "Kaffee zum Mitnehmen" und nicht "Kaffee zum Gehen" gemeint ist. Was denken sich die Werbetexter eigentlich? Weltläufigkeit ist doch etwas anderes.

Solche Pseudo-Anglizismen sind verbreitet: Das "handy" ist eine rein einheimische

Sprachschöpfung für das Gerät, das im britischen englisch "mobile (phone)" und in

den Vereinigten Staaten "cell(ular) phone" heißt. Ein weiteres Beispiel für BSE – bad simple English.

Und auch der Schlussverkauf oder Ausverkauf heißt heute sehr oft „sale“ (englisch: Verkauf). Das Wort stößt bei Italienern auf Verwunderung, denn in deren Sprache heißt es „Salz“. Das Salz in der (Sprach-)Suppe ist dieser missbrauchte Anglizismus jedenfalls nicht.

Sehr selten ist von einem "Faltblatt" die Rede, durchweg hingegen von einem "Flyer", obwohl "Handzettel" auch ein brauchbares Synonym wäre, vom "Flugblatt" ganz zu schweigen. Es lässt sich nachweisen, dass solche Ausdrücke dann in die Alltagssprache einfließen, obwohl es ebenso gute deutsche Vokabeln dafür gibt: z.B. "Höhepunkt" statt "highlight". Im Sprachgebrauch junger Menschen, die jedermann auch als „kids“ kennt, sind sie dann am häufigsten zu hören, aber auch in SMS und mail-Verkehr – nachweislich in Internet-Foren – finden wir sie zuhauf. Im August 2006 meinte eine Dreiviertelmehrheit hierzulande, die Deutschen sollten deutsch-englische Mischworte wie „brainstormen“ oder Automaten-Guide im Sprachgebrauch vermeiden.

Der Statistiker Walter Krämer setzte sich mit diesem Problem auseinander und gründete den Verein Deutsche Sprache e.V., der mittlerweile 36.000 Mitglieder zählt – die Hälfte davon außerhalb Deutschlands. Bastian Sick erzielte Bestseller-Erfolge mit seinen Bänden über sprachliche Fehler im deutschen Alltag.

Der "Spiegel" leitete seine Titelgeschichte zum Thema mit den Worten ein: "Die deutsche Sprache wird so schlampig gesprochen und geschrieben wie wohl noch nie

zuvor. Auffälligstes Symptom der dramatischen Verlotterung ist die Mode, fast alles angelsächsisch ,aufzupeppen'“ ("Spiegel", Nr. 40/2006, S. 182).

Verdienstvollerweise übt der Verein Deutsche Sprache nicht nur Kritik daran, sondern setzt den beanstandeten Wortkonstruktionen deutschsprachige Ausdrücke

entgegen.

Zugleich kritisiert der VDS e.V. die sog. „geschlechtergerechte Sprache“ als Angriff auf die Sprachästhetik. Jene „Gendersprache“, eigentlich das Anliegen einiger Feministinnen gelangte innerhalb weniger Jahre in den Rang einer Staatsideologie.

Hier liegt allerdings eher eine gezielte und obendrein teure Sprachverhunzung und weniger eine Sprachverlotterung vor.

 

Vulgarismus im Fernsehen

 

Doch greifen wir zu kurz, wenn wir nur unnötige und unpassende fremdsprachliche Ausdrücke monieren. Wir werden mit einer Vulgärsprache, Fäkalsprache – Beispiele erübrigen sich - in den Medien bombardiert, die m.E. eine Zumutung darstellt. Entsprechende Ausdrücke fehlen in keinem Fernsehkrimi und keinem Psychothriller um 20.15 Uhr. Den Anfang machte die WDR-Serie „Ein Herz und eine Seele“ 1973 mit Heinz Schubert als dem pöbelnden „Ekel“ Alfred Tetzlaff, die im Jahr darauf in der ARD ausgestrahlt wurde. Davon und von manchen Spielfilmen abgesehen, blieben die 1970er und 1980er Jahre aber relativ „sauber“. Einen neuen Höhe- oder besser Tiefpunkt erreichte die sprachliche Perversion (und nicht nur die sprachliche!) erst durch die mittäglichen Talkshows in den 1990er Jahren, in denen Menschen ihre intimsten Probleme öffentlich ausbreiteten, was sich oft auch in aggressiven, lautstarken Auseinandersetzungen, etwa aus Eifersucht und Hass, entlud. Dies wurde mit Recht als "Unterschichten-Fernsehen" bezeichnet. Auch die seinerzeitige Generation der Fernsehmoderatoren des Abendprogramms wie etwa Stefan Raab fiel durch einen ständigen Fäkaljargon auf. Für Deutsch-Rapper von der Mädchengruppe Tic Tac Toe (1995ff.) bis hin zu

Bushido gilt dies mindestens ebenso sehr. Wenn dann noch ein Bundeskanzler a.D. gegenüber seinem Schreibgehilfen Heribert Schwan derartig über seine Kollegen, leider auch noch über die Bundespräsidenten („Arschbackengesichter“), schimpft, tut das doppelt weh, denn es war derselbe Regierungschef, der einst die "geistigmoralische Wende" gefordert hatte und sich darüber beschwerte, von den meinungsmachenden Medien als "Trottel" gezeichnet worden zu sein. Vermutlich werden aber auch seine politischen Konkurrenten im kleinsten Kreise gelegentlich diese Stufen hinabsteigen...

Donald Trump bietet in seinen twitter-Mitteilungen hauptsächlich Beschimpfungen und Abwertungen anderer Menschen und Medien. Wenn Lyndon B. Johnson und Richard M. Nixon dergleichen taten (oft genug!) hielt sich dergleichen in einem engen räumlichen Rahmen, während der jetzige US-Präsident die ganze Welt zum potentiellen Empfänger seiner Schimpfkanonaden macht (beispielsweise indem er Minister und Mitarbeiter per twitter als „unfähig“ kennzeichnet).

In einer Anwandlung von Proll-Humor sagte die abgewählte Bundesministerin für Soziales, Andrea Nahles, nach der Bundestagswahl 2017 lachend über den bisherigen Koalitionspartner, „ab morgen kriegen sie in die Fresse“ (allerdings hat sie ihre Wortwahl wenig später bedauert). Ach ja, dieser Worte hätte es gar nicht bedurft, um gewisse Niveauunterschiede zu Politikern der Aufbaugeneration deutlich zu machen. Adenauer, Erhard, auch Strauß und Brandt hatten in den Fernsehgesprächen mit Günter Gaus („Zur Person“) in den 1960er Jahren ein gänzlich anderes Format bewiesen (auf youtube abrufbar).

 

Verarmung der deutschen Sprache

 

Als Verlust kann auch das allmähliche Vergehen der Redewendungen wiederum bei Jugendlichen aufgefasst werden. Wer spricht noch davon, „außer Rand und Band“ oder auch nur „gut aufgelegt“ zu sein? Wenn etwas schön, angenehm o.ä. war, wird es als „Wahnsinn“ wiedergegeben, als „geil“, „cool“ und „super“. Das prollige "boah!" gilt als Zeichen höchster Anerkennung. Sprachverarmung allerorten. In letzter Zeit war das sog. "Kiezdeutsch" als eine angeblich von "Migranten" geprägte, reduzierte Variante der deutschen Sprache zum Debattenthema geworden (vgl. Die Welt, 29.6.2014, 30.6.2014). Sätze wie "Ich geh Zoo" oder "Ich war Fußball" werden mittlerweile auch von vielen deutschen Jugendlichen gebraucht, obwohl sie grammatikalisch falsch sind. Umgekehrt ist es in Wahrheit nur ein Teil der jüngeren Türken, der ein "Kiezdeutsch" bevorzugt. Wem ist geholfen, wenn "Kiezdeutsch" als Bereicherung anerkannt wird und dessen Kritiker als Rassisten beschimpft werden? Niemand.

Vielmehr erweckt eine derartige Aufwertung den Eindruck, als brauche sich ein junger Mensch sprachlich nicht zu verbessern, umetwas im Leben zu erreichen, weil sein Sprachstil ja schon so chic sei. Und das ist ein Trugschluss. So kommentierte ein Leser der "Welt online" am 30.6.2014 unter vielfacher Zustimmung drastisch: "Ich würde das auch als Sozialhilfesprache bezeichnen, da Menschen mit stark reduzierter und grammatikalisch falscher Ausdrucksweise keinerlei Chancen haben, Lehr- oder gar Arbeitsstellen zu finden.

Traurig, dass sich deutsche Kinder und Jugendliche dieser Ausdrucksweise anschließen nur um den vermeintlich körperlich stärkeren und aggressiveren Altersgenossen zu gefallen. Das mangelnde Selbstbewusstsein dürfte zum großen Teil auf fehlende Erziehung und resignierte Lehrer zurückzuführen sein – auf mangelnde Konsequenzen für Fehlverhalten und fehlende Kenntnisse (...)". Geist und Geschmack bewahren!

 

Über die Sprache hinaus: Geist und Geschmack bewahren!

 

So bleibt am Ende nur der Appell an den einzelnen Bürger, Geist, Bildung, Geschmack zu beweisen. 1981 formulierte Sting, beeinflusst von Arthur Koestler, wiederum mit „Police“ in dem Lied „Spirits in the Material World“:

 

There is no political solution

To our troubled evolution

Have no faith in constitution

There is no bloody revolution

We are spirits in the material world

(Are spirits in the material world

Are spirits in the material world

Are spirits in the material world)

Our so-called leaders speak

With words they try to jail you

They subjugate the meek

But it's the rhetoric of failure

We are spirits in the material world

(Are spirits in the material world

Are spirits in the material world

Are spirits in the material world)

Where does the answer lie?

Living from day to day

If it's something we can't buy

There must be another way

We are spirits in the material world

(Are spirits in the material world)

(Are spirits in the material world...)

(Sting, 1981, veröffentlicht auf dem Tonträger "Ghost in the Machine“ von Police)

 

Zu deutsch heißt es ungefähr:

Es gibt keine politische Lösung für unsere zerrüttete Entwickung. Die Verfassung ist nicht vertrauenswürdig, eine blutige Revolution gibt es nicht. Wir sind Geist in der materiellen Welt (Refrain). Unsere sog. Staatsmänner sprechen mit Worten, die dich einzufangen versuchen. Auch wenn sie die Sanftmütigen unterwerfen, ist es doch eine Rhetorik des Versagens. [Refrain]. Was ist die Antwort? In den Tag hinein leben? Wenn es etwas ist, was wir nicht kaufen können, muss es einen anderen Weg geben. [Refrain].

 

Literatur:

Andreas Hock: Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache. München 2014

Mathias Schreiber: Deutsch for sale. In: Der Spiegel, 40/2006, S. 182-198. Online:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-49067625.html

www.vds-ev.de

 

 

 

 

© Dr. Stefan Winckler