Stefan Winckler
Historiker und Buchautor

Verfolgung und Benachteiligung von Christen in der Gegenwart


Von Dr. Stefan Winckler 


Auf Einladung Ungarns kamen Diplomaten und Experten auf einer Konferenz des UNO-Menschenrechtsrates am 3. März 2026 unter dem Titel „An der Seite verfolgter Christen: Verteidigung des Glaubens und christlicher Werte“  zusammen. Das Besondere war: Dieser Kongress war erstmals von einem Staat und nicht wie üblich von einer zivilgesellschaftlichen Vereinigung organisiert worden.
Der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf, Erzbischof Ettore Balestrero, prangerte dort die weltweite Gewalt gegen Christen an:
Christen seien die am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft der Welt, betroffen seien fast 400 Millionen Menschen. Allein im Jahr 2025 seien fast 5.000 Menschen wegen ihres Glaubens getötet worden – ein Durchschnitt von 13 Märtyrern täglich.
Der Apostolische Nuntius rügte, »dass Religionsfreiheit in vielen Kontexten fälschlicherweise als „Privileg“ oder „Konzession“ statt als fundamentales Menschenrecht behandelt werde. Er erinnerte die Staatengemeinschaft an ihre völkerrechtliche Pflicht, dieses Recht nicht nur zu respektieren, sondern aktiv zu schützen und zu fördern.

Die „vornehme Verfolgung“ im Westen

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Erzbischof einer Entwicklung, die er als „vornehme Verfolgung“ (polite persecution) bezeichnete. Damit gemeint sind subtile Formen der Diskriminierung in westlichen Ländern, die oft unter dem Radar der offiziellen Gewaltstatistiken bleiben. Balestrero sprach von einer „schrittweisen Marginalisierung und dem Ausschluss aus dem politischen, sozialen und beruflichen Leben – selbst in traditionell christlich geprägten Ländern“.
Als konkrete Beispiele nannte er die Einschränkung der Meinungsfreiheit: Verurteilungen wegen „stillen Gebets“ in der Nähe von Abtreibungskliniken oder strafrechtliche Verfolgung wegen des Zitierens von Bibelversen in sozialen Netzwerken. Auch die Verletzung religiöser Autonomie sei ein Problem. Als Beispiel nannt er Frankreich, wo derzeit ein Gesetz zur Sterbehilfe diskutiert werde, das christliche Krankenhäuser und Pflegeheime dazu zwingen könnte, Euthanasie-Praktiken gegen ihre Kernüberzeugungen zuzulassen. Bei Verweigerung drohten den Trägern, wie etwa den „Kleinen Schwestern der Armen“, Haftstrafen oder der Entzug öffentlicher Mittel.

Das Kreuz als Symbol der doppelten Bedrohung

In einem theologisch-symbolischen Ausblick deutete Balestrero Angriffe auf Christen als Angriffe auf das Kreuz selbst. Die vertikale Linie des Kreuzes stehe für die Offenheit zum Transzendenten. Werde ein Christ gezwungen, seinen Glauben zu verleugnen oder ins Private zu drängen, sei dies ein Versuch, den Raum zu schließen, in dem sich der menschliche Geist über sich selbst hinaushebt.
Die horizontale Linie wiederum symbolisiere die menschliche Bindung an andere. Persecution zerstöre diese Bindung, ersetze Vertrauen durch Angst und Dialog durch Gewalt. „Es kann keinen Frieden ohne Religionsfreiheit, Gedankenfreiheit und Meinungsfreiheit geben“, zitierte Balestrero abschließend den verstorbenen Papst Franziskus.

Straflosigkeit als globales Problem

Balestrero kritisierte scharf, dass Straflosigkeit nach wie vor eines der schwerwiegendsten Probleme im Bereich der Religionsverfolgung darstelle. Es sei die Pflicht des Staates, Gläubige vor Angriffen Dritter zu schützen – „vor, während und nach einer Attacke“. Die Tatsache, dass physische Gewalt, Enteignung, Versklavung und Mord aufgrund religiöser Überzeugungen weiterhin an der Tagesordnung seien, stelle eine „schreiende Ungerechtigkeit“ dar, die beendet werden müsse“.« (Vaticannews, a.a.0.)
Wie ist die Situation in Westeuropa?
Seit langem ist bekannt: Die Formen der Verfolgung sind vielfältig, die Benachteiligungen greifen noch weiter. Sie reichen von unmittelbaren physischen Angriffen, Zwangsexil, Versklavung und Mord bis hin zu subtileren Formen wie Diskriminierung, Marginalisierung und Einschränkungen sowohl in nichtchristlichen als auch in westlichen Ländern. In Europa verzeichnete die Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung gegen Christen in Europa (OIDAC Europe) 2211 antichristliche Hassdelikte für 2024: „konkrete Fälle von Kirchenvandalismus, Brandstiftung und körperlicher Gewalt, die reale Konsequenzen für das Leben lokaler Gemeinden haben“, so Anja Tang, Direktorin der in Wien ansässigen Nichtregierungsorganisation laut einem Beitrag in der Jüdischen Allgemeinen (JA) vom 17.11.2025. Näheres ist dem Jahresbericht der OIDAC zu entnehmen: _Annual Report 2025 Online.pdf - Google Drive
Weiter heißt es in der JA: „Besonders viele antichristliche Hassdelikte wurden 2024 in Frankreich (770) und Großbritannien (502) dokumentiert. An dritter Stelle rangiert Deutschland: Dort weist die Polizeistatistik für das vergangene Jahr 337 christenfeindliche Straftaten aus - rund 22 Prozent mehr als im Jahr zuvor. OIDAC Europe bemängelt in diesem Zusammenhang, dass nur Delikte mit politischem Hintergrund erfasst würden. Viele christenfeindliche Übergriffe aus anderen Motiven fielen so durchs Raster.
Als überaus besorgniserregend bezeichnet die Organisation, dass in der Bundesrepublik allein 33 Fälle von Brandstiftung an Kirchen registriert worden seien - mehr als in jedem anderen europäischen Land“ (JA, a.a.0.)


Quellen:


https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2026-03/uno-erzbischof-balestrero-prangert-globale-gewalt-gegen-christen.html
https://www.kath.net/news/89786
https://de.catholicnewsagency.com/news/23559/erstmals-staatliche-veranstaltung-zu-christenverfolgung-bei-un-menschenrechtsrat
Beobachtungsstelle: Tausende christenfeindliche Straftaten in Europa | Jüdische Allgemeine

Darüber hinaus sei wieder auf den Weltverfolgungsindex und die „Länderberichte“ der Organisation Open Doors hingewiesen:

https://www.opendoors.de/christenverfolgung/weltverfolgungsindex/weltverfolgungsindex-detailansicht
https://www.opendoors.de/nachrichten/das-neueste-von-verfolgten-christen

Darin geht es bei weitem nicht nur um staatliche Verfolgung, sondern auch um familiäre Ächtung, gesellschaftliche Ausgrenzung oder um  Angriffe durch andere Akteure wie die Rauschgiftkartelle in Mexiko.



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