Stefan Winckler
Historiker und Buchautor

Joachim Fest zum 100. Geburtstag (8. Dezember) und 20. Todestag (11. September) 

Der Publizist Joachim Fest wurde am 8. Dezember 1926 in Berlin-Karlshorst als Sohn von Johannes und Elisabeth Fest geboren.(1) Sein Vater war Rektor einer katholischen Schule, zugleich politisch als Vorstandsmitglied der Zentrumspartei in Berlin (1918 bis 1933) und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold engagiert. Das bildungsbürgerliche Elternhaus schildert Fest mit Blick auf 1933ff. in seiner letzten Monografie „Ich nicht: Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend“. Mit diesem „Ego non“ ist die Selbstbehauptung des Vaters gegenüber dem Nationalsozialismus gemeint. Er wies den Sohn frühzeitig auf den Satz „Etiam omnes, ego non“ aus dem Matthäusevangelium hin: „Auch wenn alle (mitmachen), ich nicht“. Die Nationalsozialisten entfernten Johannes Fest aus dem
Schuldienst.
Nach Krieg und US-Gefangenschaft studierte Joachim Fest in Freiburg, Frankfurt und Berlin Jura, Geschichte, Germanistik, Kunstgeschichte und Soziologie. Eine erste richtungsweisende Anstellung fand er, ein akademischer Schüler der Historiker Gerhard Ritter und Hans Herzfeld, als Redakteur für Zeitgeschichte 1952 beim RIAS in Berlin. 1961 wechselte er zum NDR nach Hamburg, wo er als Chefredakteur für Zeitgeschehen wirkte. Dort wurde er einem breiten Publikum als Redaktionsleiter und Moderator des Fernsehmagazins „Panorama“ in der ARD als Nachfolger von Eugen Kogon bekannt. „Panorama“ galt auch nach Selbsteinschätzung der Redaktion als linker Gegenpol zur CDU-geführten Bundesregierung. Fest, ehemals CDU-Mitglied in Berlin, ließ der Redaktion ihre Freiräume und v.a. ihr politisches Profil, gab sich aber als Moderator im Gegensatz zum eher pathetischen Kogon sachlich-nüchtern. Aber auch er wollte das Publikum zu einer kritischen, respektloseren Haltung gegenüber der Politik ermuntern.
1967 ließ er sich beurlauben, um sich der Erforschung Albert Speers und v.a. Adolf Hitlers zu widmen: Seine stilistisch brillante Aufsatzsammlung „Das Gesicht des Dritten Reiches“ über maßgebliche NS-Politiker war
1963 vorausgegangen. Fests Hauptwerk erschien 1973: „Hitler“, eine (nach seinen Angaben von 2005) über 850.000-fach verkaufte 1190-seitige Persönlichkeitsstudie.

Anschließend wirkte Fest für 20 Jahre als Mit-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein Ressort war das Feuilleton. Fest holte so unterschiedliche Köpfe wie Marcel Reich-Ranicki und Frank Schirrmacher in die Redaktion. Stets bewies er Toleranz gegenüber anderen, freilich kompetenten Beiträgen. So wies er im Historikerstreit die These seines Gastautors Ernst Nolte über einen „kausalen Nexus“ zwischen Leninismus und NS zurück, kritisierte aber eine Tendenz seit ca. 1968, abweichende Meinungen unter Faschismusverdacht zu stellen.
Fests Essayband „Die schwierige Freiheit“ (1993) erscheint derzeit angesichts des Werteverfalls und der damit einhergehenden Regelverstöße und Geschmacksverletzungen noch relevanter als seinerzeit. Andererseits ist heute der Islamismus als neue antidemokratische Herausforderung an die Stelle der alten Utopien (wie ML) getreten, während eine „grüne“ utopie-getriebene Linke viele Kommandohöhen in Staat und Gesellschaft behauptet.
1994 veröffentlichte Fest eine Darstellung des Deutschen Widerstands („Staatsstreich“), die die Vorgeschichte des 20. Juli samt ihres konservativen Impetus hervorhebt.
„Nach dem Scheitern der Utopien“ (2007) ist eine thematisch breit angelegte Anthologie von 34 Kommentaren und Leitartikeln aus den Jahren 1967 bis 1995.
„Im Gegenlicht“ (1988) vereint auf über 400 Seiten Eindrücke aus mehreren Reisen nach Süditalien und Rom. Die Auflistung weiterer Bücher Fests ließe sich verlängern: „Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde“, „Bürgerlichkeit als Lebensform“ u.a.

Was bedeutete „konservativ“ für Fest?

„Werte für wichtig halten, oder das Gegenteil des Mottos ,anything goes'. (…) Es gibt Werte, die das eigene individuelle Leben lenken, wie auch die Entwicklung der ganzen Gesellschaft. Das ist die grundsätzliche These des konservativen Denkens“. Das Neue hat zu beweisen, dass es besser ist als das Alte, das es ersetzen will. Nach Fests Erfahrung haben sich viele vermeintlich segensreichen Fortschritte als Verschlechterungen entpuppt. Die Fähigkeit zum Zweifeln, zum Skeptizismus soll bleiben.  (2)

Honorarprof. Dr. h.c. Joachim Fest verstarb, vielfach geehrt, am 11. September 2006 in seinem Haus in Kronberg i. Ts. an Krebs. Er ist auf dem Friedhof von St. Matthias im Berlin-Tempelhof begraben.
Bundespräsident Horst Köhler schrieb der Witwe Ingrid Fest, in Fests Persönlichkeit „verbanden sich christliches Ethos und Bürgertugend, tiefe Bildung und intellektuelle Redlichkeit, konservative Skepsis und
weltbürgerliche Liberalität zu einem wahrhaft lebendigen Geist. Wir haben wenige seinesgleichen. Umso mehr wird Joachim Fest uns fehlen."
So ist es.




Ein Vortrag und vier Gespräche auf youtube 




Joachim Fest: „Abschied von Utopia“
Willemsen befragt Joachim Fest (Zeugen des Jahrhunderts)
Das Philosophische Quartett |2003| Intimität und Öffentlichkeit (Joachim Fest,Fritz
Raddatz)
https://www.youtube.com/watch?v=N3bI8fGfoYE
Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest (1964)


1 Zu den biografischen Eckdaten: https://frankfurter-personenlexikon.de/node/3399
2 http://www.melazzini.com/de/journalismus/2005.htm


E-Mail
Anruf
Infos