Genter Altar und "Herbst des Mittelalters"
Gent – genauer: das Handel treibende Bürgertum - kam im Spätmittelalter zu großem Reichtum, genoss zeitweise Autonomie und war die zweitgrößte Metropole Westeuropas. Die mit Recht „stolze Stadt“ kann auf eine lange Tradition der Tuchmacherei im Spätmittelalter zurückschauen. Sie ist die Geburtsstadt Kaiser Karl V. (1500), des Urenkels von Herzog Karl dem Kühnen, dem prachtliebenden und zugleich militärisch ambitionierten Landesherrn der Burgundischen Niederlande. In den Kriegen des 16. Jahrhunderts büßte Gent einen Teil seiner Bedeutung ein. Im 19. Jahrhundert erlebte die Hauptstadt Ostflanderns einen wirtschaftlichen Aufschwung und einen starken Bevölkerungszuzug dank der Textilindustrie. Heute gilt Gent wegen der vielen Gärtnereien als die „Blumenstadt“. 9.800 historische Gebäude sind registriert, oft stehen sie unter Denkmalschutz. Gent zählt 265.000 Einwohner und ist damit nach Antwerpen vor Brüssel-Zentrum die zweigrößte belgische Stadt. (1) Der Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Ein praktischer Tip: Wer mit dem Auto, das außerhalb Belgiens registriert ist, in die Innenstadt fährt, muss sich vorher eine Umweltplakette kaufen (sie ist auch in Antwerpen, nicht aber in Brüssel gültig) - 35 Euro für einen Tag. Sonst ist pro genutzten Tag ein Bußgeld von 185 Euro fällig. Mehr: https://https://lez.stad.gent/de/flows/controleertoegang
Das Herzogtum Burgund mit Gent und Brügge stand im 14. und 15. Jahrhundert in seiner wirtschaftlichen und kulturellen Blüte. Hier wuchs Herzog Philipp der Gute auf, ein Förderer von Gewerbe, Handel und Kunst während seiner langen Regierungszeit (1419 bis 1467). Der Reichtum wirkte sich auch auf die sakrale Kunst aus: So stiftete das reiche Ehepaar Joos Vijd und Elisabeth Borluut, adelig und Teil der Genter Elite, mit Blick auf das eigene Seelenheil den berühmten Genter Altar.
Wenn auch die franko-flämische Musik auf dem Gebiet des heutigen Belgiens von hoher Innovation und prägender Kraft gekennzeichnet war (zuerst: Guillaume Dufay), war ansonsten die Renaissance noch nicht wahrzunehmen. Der Niederländer Johan Huizinga beschreibt in seinem Klassiker der burgundisch-nordfranzösischen Kulturgeschichte „Herbst des Mittelalters“ (1919, dt.: 1924) ein Verharren in mittelalterlichem Geist, und sogar Symptome des Niedergangs (etwa in Bezug auf das Rittertum), jedenfalls wenig Erneuerung. Es geht ihm weniger um die politische Geschichte, als vielmehr in das Einfühlen in eine Epoche: Was empfanden die Menschen, das Volk? Wie war das höfische, wie das religiöse Leben? Was die Glaubenspraxis angeht, so macht Huizinga tiefste Frömmigkeit und Aberglaube sowie Vermengung von Geistlichem und Weltlichem bis hin zur Respektlosigkeit aus.
Mit Nachdruck hebt Huizinga die Leistungen in der bildenden Kunst hervor, v.a. wie es Jan van Eyck gelang, Charakter und Stimmung von Personen in seinen Gemälden (Öl auf Eichenholz) zu bannen, während die Literatur im 15. Jahrhundert ohne Originalität, ja konventionell gewesen sei.
Die Genter Kathedrale ist dem heiligen Bavo (Sint Baaf) gewidmet, der seinen Besitz den Armen schenkte und um 655 in Gent als Mönch verstarb. Er ist der Schutzpatron der Bistümer Gent und Haarlem-Amsterdam.
Diese äußerlich gotische Basilica minor entstand in drei Bauabschnitten: Der Chor mit seinen 15 Kapellen entstand in den Jahren zwischen 1300 und 1450. Der Turm wird auf die Zeit zwischen 1462 und 1534 datiert, das Lang- und Querhaus auf die Jahre 1533 bis 1559. Vom romanischen Vorgängerbau blieb nur die Krypta übrig. Sie ist die größte Unterkirche Belgiens. Hier befindet sich die ältesten Bischofsgräber, der Domschatz und das Kalvarientriptychon, ein Altar aus der Zeit um 1365.
Dass das Gotteshaus viele barocke Objekte enthält – etwa die Rokoko-Kanzel, kreiert von 1741 bis 1745 – liegt an der Gegenreformation, die nach den Bilderstürmen der 1560er Jahre das Kircheninnere teilweise neu entstehen ließ.
Der Hauptaltar ist 18 Meter hoch.
Aber als unbestritten wertvollstes Kunstwerk in St. Bavo gilt der weit ältere Flügelaltar, „Anbetung des Lammes“. Der Genter Altar ist das Hauptwerk Hubert van Eycks, das Hofmaler Jan van Eyck im Jahre 1432 (vielleicht zum größeren Teil, jedenfalls im Detail) vollendet hatte. Lange galten Jan und Hubert als Brüder, doch wird dies seit einigen Jahren zunehmend bestritten.(2)
Das Herausragende an den Altartafeln ist die Detailfreudigkeit und präzise Abbildung einer Vielzahl von Personen und sogar von deren Musikinstrumenten. Die Darstellung ist weniger stilisiert, stattdessen realistisch. Es mangelt nicht an Symbolträchtigkeit: Die Pflanzen auf der Lamm-Gottes-Tafel sind naturgetreu gestaltet, und ihre Blätterzahl verweist auf die Religion (dreiblättriges Kleeblatt – Dreifaltigkeit, sieben Blätter des Maiglöckchens – sieben Schmerzen und sieben Freuden Mariens).(3) Van Eyck könnte auch an die sieben Tugenden gedacht haben.
Wichtiger erscheint freilich das Lamm selbst, schon deswegen, weil es sein Blut opfert. Mehr noch: Die Augen des Agnus Dei liegen nicht, wie bei Schafen üblich, etwas seitlich am Kopf. Die Restauration der vergangenen Jahre befreite das Gemälde von Eintrübungen und lässt den Betrachter ein Lamm erblicken, das ihn frontal anschaut. So hat das Gesicht des Lamms einen menschlichen Ausdruck.
Überhaupt ist der Genter Altar ein Musterbeispiel der frühen Ölmalerei, die Jan van Eyck wohl sehr stark, wenn nicht entscheidend, weiter entwickelte.
Baedeker Belgien (2021) nennt den Flügelaltar das „großartigste Werk der altflämischen Malerei und ein Meilenstein in der Kunstgeschichte“.(4) Albrecht Dürer rühmte das Kunstwerk im Tagebuch seiner niederländischen Reise mit den Worten „das ist ein über köstlich, hoch verständig gemähl“. (5)
Filmreif erscheint die Geschichte des Altars. Im Jahre 1566 konnten ihn die katholischen Domwächter in letzter Minute vor den calvinistischen Bilderstürmern und Kirchenplünderern im Glockenturm verstecken. Nach 1581 horteten ihn die Calvinisten für 20 Jahre im Rathaus (symbolträchtig: das politische Zentrum, der steingewordene Bürgerstolz versus Kirche).
Gent-Besucher Kaiser Joseph II. störte sich an den Nackt-Darstellungen von Adam und Eva, die der Bürgermeister daher abnehmen und archivieren ließ.
Französische Revolutionstruppem verschleppten die vier Tafeln des Mittelteils in den heutigen Louvre – nach der Schlacht von Waterloo kehrten sie zurück. Anders die Flügeltafeln, die Friedrich Wilhelm III. von Preußen legal von einem englischen Händler erwarb und die bis 1919 im Alten Museum, dem (heutigen) Bode-Museum und dem Pergamon-Museum in Berlin ihren Platz hatten. Um sowohl die Vorder- wie auch die Rückseiten dem Publikum zu präsentieren, zersägten die Museumsverantwortlichen die Altarflügel. Der Versailler Vertrag ermöglichte die Rückführung. Solange deutsche Truppen Belgien besetzt hielten (1914/18) ließ der Kanoniker der Kathedrale den Altar vorsichtshalber in den Wänden zweier Wohnhäusern einmauern bzw. unter Fliesen verbergen, während er das Gerücht streute, der Altar sei nach England ausgelagert worden! (6)
1934 stahlen Diebe die Tafeln „Gerechte Richter“ und „Johannes der Täufer“. Während die Johannes-Tafel gegen eine Lösesumme zurückkehrte, blieben die „Gerechten Richter“ verschollen: An ihrer Stelle ist heute eine Kopie. Die Evakuierung nach Schloss Pau in Frankreich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs bewahrte den Altar nicht vor einem erneuten Kunstraub. Kurzzeitig war er in Neuschwanstein ausgestellt, anschließend in einem Salzbergwerk in Altaussee (Steirisches Salzkammergut) verborgen. Hitler ordnete am 19. März 1945 nicht nur die Zerstörung der Infrastruktur Deutschlands, sondern auch die Sprengung der Salzmine an („Nero-Befehl“), widerrief dies aber. Der NS-Gauleiter von Oberdonau, August Eigruber, ließ trotzdem mehrere Bomben ins Bergwerk bringen. Es gelang dem Bergwerksleiter mit Hilfe des NS-Täters Ernst Kaltenbrunner, die Sprengung zu verhindern. Kurz nach dem 8. Mai 1945 spürten Kunstsachverständige der US-Army die Schätze auf. Doch damit war die Rückführung noch nicht perfekt, denn ein heftiger Sturm erfasste das Frachtflugzeug auf dem Weg nach Gent...
Tatsächlich gibt es einen US-Spielfilm zum Fund im Alpenbergwerk: „Monuments Men“ (2014), von und mit George Cloony sowie Matt Damon, Bill Murray und John Goodman. Ein deutsch-österreichischer Fernsehfilm über das Kriegsende in Altaussee trägt den Titel „Ein Dorf wehrt sich“ (2019).
An Ostern, Allerheiligen und Weihnachten ist der Altar geöffnet und entfaltet sich in den Ausmaßen von 375 cm × 520 cm. An Werktagen, in geschlossenen Zustand, misst er 375 cm × 260 cm.
Die schrittweise Restaurierung im Museum der schönen Künste zu Gent läuft seit 2012 und soll 2026 abgeschlossen sein. Museumsbesucher können einen Blick durch die Glasscheibe auf die Werkstatt werfen, aber nicht fotografieren.
Die Arbeit an den verschiedenen Farbschichten, die weit mehr Zeit als ursprünglich angenommen absorbiert, erfolgt per Mikroskop und Skalpell. Eine Firnis, in den 1950ern aufgetragen, wirkte im Laufe der Zeit wie ein dunkler Belag, und konnte jetzt entfernt werden. Die Farben strahlen fast wie einst. Die Tafeln, deren Bearbeitung abgeschlossen ist, sind wieder in der Kathedrale zu sehen, die anderen sind vorläufig durch Kopien ersetzt.
Rund 170.000 Besucher des Genter Altars werden jährlich verzeichnet.(7) Im Laden der Kathedrale sind kunstgeschichtliche Bücher über die Kathedrale und den Genter Altar erhältlich.
Eine besonders eingehende Webseite, die eine detaillierte Ansicht des Altars ermöglicht: https://closertovaneyck.kikirpa.be/ghentaltarpiece/#home
1 Vgl. Tourismus: Gent will seine Seele nicht verkaufen - Panorama (stuttgarter-zeitung.de) Die Einwohner von Gent haben Bedenken zu den vielen Touristen in ihrer Stadt | VRT NWS: nachrichten
2 Für Grimme, Baedeker Belgien, a.a.O., S. 136f. sind sie selbstverständlich Brüder. Neue Forschungsergebnisse: Hubert van Eyck – Wikipedia und Jan van Eyck – Wikipedia.
3 Vgl. Ein paradiesischer Garten | Visit Gent
4 a.a.O., S. 175
5 Hutchinson, Janes Campbell: Albrecht Dürer. Frankfurt/New York 1994, S. 204
6 Aber hatte Deutschland im Ersten Weltkrieg wirklich das Ziel, Kunstschätze zu rauben? Es ging dem Reich vielmehr um die Ausnutzung wirtschaftlicher Ressourcen.
7 Vgl. Gent von 1 bis 9 | Visit Gent
St. Bavo-Kathedrale mit dem Denkmal von Geo Verbanck (1913) für die Gebrüder van Eyck, die Schöpfer des Genter Altars, in der Mitte.
St. Bavo
Hoher Chor
Kanzel
Bischofskapelle
Seitenschiff
Auf dem Weg zum Altarbild
Eingang zum Altarbild
Betrachter vor dem Glaskasten mit dem berühmten Altarbild
Genter Altar, Gesamtansicht
Anbetung des Agnus Dei
Obere Tafeln: Christus als Weltenherrscher
Musizierende Engel
Die gerechten Richter (links), die Ritter des Herrn (rechts)
Eremiten
Eva
Genter Altar, Rückseite
© Stefan Winckler















