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Gustav Stresemann: Leben und Werk eines deutschen Friedenspolitikers
Vor 100 Jahren, am 10. Dezember 1926, erkannte das Norwegische Nobelkomitee dem Reichsaußenminister Gustav Stresemann als erstem Deutschen den Friedensnobelpreis zu, zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand. Das ist unser Anlass, seiner zu gedenken. Grund ist die ihn kennzeichnende Friedens- und Verständigungspolitik.
Bild: Plakat der Deutschen Volkspartei mit Stresemann vor dem Rheintal (gemeinfrei)
Machen Männer (und Frauen) Geschichte? Diese Einstellung ist überholt, vielmehr kommt es nicht zuletzt auf eine „Mannschaft“ an, die einer zu erforschenden Persönlichkeit zuarbeitet: Wer berät diese? Welchen Einfluss hat das Umfeld? Stresemann verfügte jedenfalls über einen hochkompetenten Mitarbeiterstab: Staatssekretär Carl von Schubert gehörte bereits dem Auswärtigen Dienst des Kaiserreichs an, ähnlich verhielt es sich mit Leopold von Hoesch, während sein Vertrauter Ulrich Rauscher (Botschafter in Polen) als ehemaliger Journalist das war, was heute als „Quereinsteiger“ bezeichnet wird. Der notwendige Fachmann für Völkerrecht hieß Friedrich Gaus: Er wirkte an der großen Linie der Verständigungspolitik und an der Formulierung der Verträge wie „Locarno“ maßgeblich mit.
Das mindert die Leistung des Ministers, der auf hochkompetente Mitarbeiter angewiesen war, nicht. Denn ein erfolgreicher Minister muss über hohe Intelligenz, Durchhaltevermögen und Überzeugungskraft verfügen. Stresemann entfaltete an der Spitze des Auswärtigen Amts, als Persönlichkeit in zwischenstaatlichen Verhandlungen, als Parteipolitiker und als Regierungsmitglied seine Überzeugungskraft und widerstand seinen Gegnern.
Glaube
Stresemann war protestantisch getauft. Auch seine Frau, aus einer ursprünglich jüdischen Familie kommend, war evangelisch.
Ein namhafter Geistlicher, der frühere Hof- und Domprediger und seinerzeitige Generalsuperintendent Wilhelm Faber, erteilte ihm Konfirmandenunterricht.
Stresemann schrieb mit knapp 20 Jahren: „Ich glaube an Jesus Christus als Gottes Sohn, insofern sich in ihm das göttliche Wesen am reinsten und ehesten offenbart hat. Seine Worte und Predigten erscheinen mir als die geläutertste und herrliche Offenbarung des göttlichen Willens, deswegen betrachte ich sie als Fundament des Christentums. Wenn es ein Jüngstes Gericht gibt, so glaube ich, daß unser ganzes Leben, insofern es eine Erfüllung oder Nicht-Erfüllung des göttlichen Willens darstellt, zum Maßstabe des Richters dienen wird, nicht aber die Zugehörigkeit oder das Bekenntnis zu dieser oder jener Religionsgemeinschaft oder zu diesen und jenen Dogmen. Die möglichste Toleranz in allen Glaubenssachen halte ich deshalb für durchaus geboten“ (Olden, S. 22f.).
Stresemann war seit 1923 Mitglied der Berliner Freimaurerloge „Friedrich der Große“. Dazu hatte ihn offenbar Pfarrer Karl Habicht aus Alt-Kölln im Bezirk Mitte bewogen. Habicht leitete diese christliche Loge, die zur Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ gehörte, deren Nationalgroßmeister er war. Die Zugehörigkeit zu einer christlichen Konfession war Voraussetzung, um aufgenommen zu werden. Für das Jahr 1924/25 galt: „Die Großloge erreicht mit 22.896 Mitgliedern, verteilt auf 48 freimaurerische Vereinigungen, 169 Johannislogen und 88 Schottenlogen, einen Höhepunkt. Über fünfzig evangelische Geistliche sind Mitglieder“ (https://silberner-schluessel.de/unsere-loge/geschichte-der-grossloge-zu-den-drei-weltkugeln/)
Friedrich der Große veranlasste die Gründung der Großloge, später gehörten ihr Wilhelm I. und Friedrich III. an. Sie kann als betont preußisch und nationalkonservativ eingestuft werden, zumal sie 1922 aus dem Großlogenverband wegen dessen internationaler und pazifistischer Orientierung austrat (vgl. Karl Habicht – Wikipedia ).
Öffentliche Meinung
Politische Meinungsumfragen gab es damals nicht in Deutschland. Außerdem ist zu bedenken, dass viele Deutsche überhaupt keine politische Meinung hatten – aus Desinteresse oder weil der Zugang zu Medien fehlte. Daher wissen wir nicht genau, wie sich die Meinungen zu Stresemann und seiner Politik entwickelten.
Stresemann hatte Feinde: Am Vorabend des Todes sagte er seinem Biografen Rudolf Olden, „wenn ich jetzt sterben sollte, dann sollen Sie wissen, dass ich von meinen Gegnern vergiftet worden bin. Man kann nämlich einen Menschen auch ohne physische Mittel vergiften - -“ (Löwenstein 1952, S. 9)
So ging am nationalistischen Rand des politischen Spektrums die Parole um: „Stresemann, verwese man“.
Unmittelbar nach dem Locarno-Verträgen 1925 verließ die Deutschnationale Volkspartei die Reichsregierung und wandte sich heftig gegen die Politik Stresemanns. Die überregionalen und zahlreichen regionalen Zeitungen aus dem Pressekonzern Alfred Hugenbergs, befeuert von dessen Nachrichtenagentur Telegrafen-Union, schmähten Stresemann als Verzichtspolitiker, im Sinne von Landesverräter.
Doch er hatte auch zahlreiche Anhänger. Zu seiner Trauerfeier versammelten sich ungefähr 200.000 Menschen in Berlin.
Die Nachricht von Stresemanns Tod erschütterte sogar die Öffentlichkeit in Paris.
Stresemann hielt es für nötig, die öffentliche Meinung zu beeinflussen: Er sprach eingehend und häufig mit Pressevertretern und ausländischen Botschaftern, er hielt Reden u.a. vor Verbandsvertretern und den meist republikfeindlichen Studenten.
Herkunft und frühe Jahre
Gustav Stresemann wurde am 10. Mai 1878 in Lichtenberg-Friedrichshain geboren, wo er in der Köpenicker Str. aufwuchs (Bilder siehe: www.köpenicker-straße.de ). Lichtenberg gehörte erst seit 1920 zu Groß-Berlin.
Stresemann kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Niemand konnte sich in der Bismarckzeit vorstellen, dass ein Mann Reichskanzler wird, der dem unteren Mittelstand entstammte.
Sein Vater war Bierhändler. Gustav hatte sieben Geschwister. Als einziger konnte er das Gymnasium besuchen, wo er sich v.a. für Literatur, Geschichte und Politik interessierte. Er entschied sich für ein Studium der Ökonomie an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität (heute: Humboldt-Uni) und der Universität Leipzig, das er dort mit einer Promotion über die „Entwicklung des Flaschenbiergeschäfts in Berlin“ abschloss. Stresemann schloss sich der Reform-Burschenschaft Neo-Germania Berlin an, die sich an den liberal-demokratischen Vor-1848er-Idealen der burschenschaftlichen Bewegung orientierte. Dies sagt einiges über seine politischen Werte und Einstellungen aus. In deren Zeitschrift wandte er sich gegen Antisemitismus und gegen die Bevorzugung des Adels.
Seine erste berufliche Station war die eines Assistenten beim Verband Deutscher Schokoladenhersteller in Dresden, dem eine Anstellung als Syndikus im Verband sächsischer Industrieller folgte. Hier erzielte der 23-Jährige beachtliche Erfolge als Industrielobbyist, messbar am Einfluss auf den sächsischen Landtag, und die Gründung einer Verbandszeitschrift. Im Jahre 1910 zog Stresemann, mittlerweile verheiratet und Vater zweier Söhne, wieder nach Berlin, um im Bund der Industriellen eine maßgebliche Stellung einzunehmen.
Einstieg in die Politik während des Kaiserreichs
Stresemann trat der Nationalliberalen Partei bei. 1906 wurde er zum Stadtverordneten in Dresden gewählt, ein Jahr später zog er für den Wahlkreis Annaberg/Erzgebirge in den Reichstag als jüngster Abgeordneter ein. In dieser Zeit sprach er sich für ein deutsches Kolonialreich aus, da er darin eine Zukunftssicherung erblickte.
Nach seiner Wahlniederlage 1912 gründete er mit dem Großreeder Albert Ballin den Deutsch-Amerikanischen Wirtschaftsverband, als dessen Mit-Geschäftsführer er nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg lebte. Zwei Jahre später kehrte er in das deutsche Parlament zurück, wo er 1917 den Fraktionsvorsitz der Nationalliberalen und den stellvertretenden Parteivorsitz übernahm. Er folgte damit Ernst Bassermann nach, der nach Friedrich Naumann zu seiner politischen Leitfigur geworden war.
Stresemann setzte auf einen Siegfrieden, d.h. auf die Annexion fremdsprachiger Gebiete (ausführliche Zitate Stresemanns in: Olden, a.a.O.). Die künftige Sicherheit Deutschlands erfordere dies. Im Jahre 1917 unterstützte Stresemann eine Ausweitung des Krieges: den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Im Inneren seien Reformen notwendig, v.a. eine Stärkung der Rechte des Reichstags und ein demokratischeres Wahlrecht.
Der Waffenstillstand 1918 mit seinen harten Bedingungen und der ebenso erzwungene und nicht etwa ausgehandelte Vertrag von Versailles mussten für Stresemann wie für fast alle Deutschen wie eine unvorstellbare Katastrophe gewirkt haben.
Spitzenpolitiker in der Republik
Zunächst war Stresemann v.a. Innenpolitiker. Es ging ihm um die Positionierung der neugegründeten Deutschen Volkspartei rechts der Mitte, im nationalen Spektrum, in Konkurrenz zur Deutschnationalen Volkspartei. Wenig Außenpolitisches liegt von ihm anfangs vor, doch ein Zitat über nationale Interessen und den Völkerbund lässt aufhorchen, zumal Stresemann Deutschland 1926 in ebendiese Organisation führen sollte:
„Auch darin sind wir einig, dass wir wieder zu einer geachteten Stellung in der Welt kommen müssen und dass dieses Ziel nur durch Machtpolitik zu erreichen ist. Wir lassen uns nicht beirren durch das Gerede vom Völkerbund. Schon sehen wir den Dreibund England, Amerika, Frankreich, man baut Flotten – was ist das denn anderes, als die Rückkehr zum alten System! Wir haben jetzt schon mit unserem Standpunkt mehr Recht, als wir ahnten. So wird auch in Zukunft wieder Mächtegruppierungen geben, und die Aufgabe für uns ist, wieder bündnisfähig zu werden“ (Stresemann vor es dem Geschäftsführenden Ausschuss der DVP, zitiert in: Wright, S. 156).
Nach 1920 kam Stresemann als Kanzlerkandidat ins Gespräch. In jener Zeit hatte er sich innerlich der Republik angenähert, nicht zuletzt mit Blick auf ihre Fragililtät: Rechtsradikale ermordeten die Minister Matthias Erzberger und Walter Rathenau, von Linksradikalen drohte von Anfang an Gefahr: Der Spartakusaufstand konnte 1919 nur mit Mühe niedergeschlagen werden; 1923 gelang es der KPD, sich an den Landesregierungen in Sachsen und Thüringen zu beteiligen sowie eine paramilitärische Truppe, die „Proletarischen Hundertschaften“ aufzustellen. Da galt es für ihn, sich für das von zwei Seiten bedrohte Staatswesen einzusetzen.
Reichskanzler
Im Jahre 1923 eskalierten die Krisen der vergangenen Jahre. Frankreich nahm angeblich ausgebliebene Reparationslieferungen Deutschlands – es ging um Telegrafenstangen – zum Anlass, zusammen mit Belgien das Ruhrgebiet zu besetzen, während sich die Vereinigten Staaten und Großbritannien heraushielten. Reichskanzler Wilhelm Cuno, ehemaliger HAPAG-Vorstandsvorsitzender, rief zum „passiven Widerstand“ auf – sollen doch die Besatzer sehen, wie sie an die Kohle kommen, wenn die Arbeiter streiken!
Bild „Mich zwingt ihr nicht“. Plakat zum Ruhrkampf (gemeinfrei)
Aber diese Arbeiter und Staatsbediensteten mussten ja bezahlt werden. Folglich liefen die Gelddruckmaschinen heiß, und die Bürger rannten schließlich mit Milliarden Mark in der Tasche zum Einkaufen.
Cuno blieb erfolglos und musste am 12. August 1923 zurücktreten. Sein Nachfolger wurde Stresemann, der zugleich das Auswärtige Amt übernahm und eine wenig stabile großen Koalition aus DVP, Zentrum, DDP und SPD führte. Auffallend war, dass er über keinerlei Verwaltungserfahrungen, wie etwa ein Ministeramt verfügte, und über die Mitwirkung im außenpolitischen Ausschuss des Reichstags hinaus keine Erfahrung in den internationalen Beziehungen vorweisen konnte. Er galt lediglich als „glänzender Debattenredner“ (Rödder, Podcast, a.a.O.).
Im Kabinett bestanden v.a. zwischen der rechtsliberalen, industriellenfreundlichen DVP und der SPD Gegensätze. Schon die Kanzlerwahl zeigte die Schwierigkeiten auf, da die Koalitionsfraktionen von SPD und DVP unvollständig zur Vertrauensabstimmung erschienen waren.
Eine weitreichende Entscheidung Stresemanns war es, im September 1923 den gescheiterten Ruhrkampf bedingungslos abzubrechen. Damit endete aber nicht die Besetzung, so dass das Reich weiterhin der Hoheit an der Ruhr entbehrte. Der passive Widerstand hatte den Reichshaushalt dermaßen aus den Fugen gebracht, dass die Ausgaben in der ersten Augusthälfte 1923 die Einnahmen um das 16-fache übertrafen (vgl. Wright, S. 222). Zaghafte Hoffnungen, Frankreich würde entgegenkommen und ein Abkommen schließen, zerschlugen sich.
Der Freistaat Bayern – ohnehin skeptisch gegenüber Berlin eingestellt – wünschte ebenso wie der rechte Flügel der DVP die Kündigung des Versailler Vertrags, was Stresemann ablehnte. Daraufhin rief Bayern den Ausnahmezustand aus, den Reichspräsident Friedrich Ebert und Stresemann mit der Verhängung eines Ausnahmezustands auf Reichsebene beantworteten. Dem bayerischen Generalstaatskommisar Gustav von Kahr stand damit der Reichswehrminister Otto Geßler als Reichskommissar gegenüber. Eine Konfrontation wurde vermieden, da Zweifel an der Loyalität der Reichswehr bestanden. Es bestand die Gefahr, dass das Reich zerfiele, falls sich Bayern abspaltet und Frankreich an Rhein und Ruhr Separatisten ermutigt.
Das Kabinett Stresemann I zerbrach nach nicht einmal acht Wochen. Grund war die Absicht der Regierung, mit Hilfe eines Ermächtigungsgesetzes u.a. die Arbeitszeit auszuweiten: Seit Ende 1918 galt der Acht-Stunden-Tag. In seinem Rechenschaftsbericht vor dem Reichstag stellte Stresemann fest, die Aufgabe des Ruhrkampfes hätte ihn die Führung der Partei und eventuell das Leben kosten können. Der Mut zur Übernahme von Verantwortung fehle Deutschland.
Erneut vom Reichspräsidenten beauftragt, stellte Stresemann innerhalb weniger Tage eine zweite Regierung zusammen. Wieder war die SPD beteiligt, in Bezug auf den Acht-Stunden-Tag fand sich ein Kompromiss.
Reichsfinanzminister Hans Luther und Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht beendeten die Hyperinflation durch einen Währungsschnitt: Eine Rentenmark ersetzte eine Billion Papiermark. Langfristiges Ziel war es, zum Goldstandard zurückzukehren. Begleitende Maßnahmen: Im Reichshaushalt wurde massiv eingespart, die Zahl der Beamten um ein Viertel gesenkt. Wer Beamter blieb, musste eine Reduzierung der Bezüge auf 60 Prozent des Vorkriegsniveaus akzeptieren.
Im übrigen war die Sanierung der Staatsfinanzen ein mutiges Vorhaben, wie der Vergleich zu zwei anderen mitteleuropäischen Ländern zeigt: In der Tschechoslowakei verübte ein Anarchokommunist 1923 ein Pistolenattentat auf den Finanzminister Alois Rašín, der an den Folgen später verstarb. Rašín verantwortete eine strikte Inflationsbekämpfungspolitik.
1924 schoss ein Mann aus ähnlichen Gründen in Wien auf Bundeskanzler Ignaz Seipel.
Während Stresemann die Konfrontation mit Bayern vermied (zumal die Reichswehr ihm nicht gefolgt wäre), setzte Reichspräsident Ebert auf Initiative der Reichsregierung gegen die SPD-KPD-Regierungen in Dresden am 29. Oktober und Weimar am 6. November die Reichsexekution nach Art. 48 (1) der Reichsverfassung in Gang: „Wenn ein Land die ihm nach der Reichsverfassung oder den Reichsgesetzen obliegenden Pflichten nicht erfüllt, kann der Reichspräsident es dazu mit Hilfe der bewaffneten Macht anhalten“.
Es kam jedoch zum Schusswaffengebrauch der Reichswehrsoldaten gegen linksgerichtete Demonstraten im sächsischen Freiberg: 29 Todesopfer wurden verzeichnet. Auf die SPD-KPD-Regierung folgte rasch ein vom Landtag gewählter sozialdemokratischer Ministerpräsident, der keine Kommunisten in die Regierung nahm.
Für Stresemann und Wehrminister Geßler spricht, dass ein Gewähren der Linksbündnisse die völkische Rechte um so stärker gegen die verhasste Republik aufgebracht hätte, und der Links- und der Rechtsradikalismus unterschiedlicher Natur waren: Die Kommunisten handelten auf Weisung der Kommunistischen Internationalen, also der UdSSR. Demgegenüber war das nationalistische Lager kein homogener Block. Einen Aufstand gab es in Hamburg: Zwischen dem 23. und dem 25. Oktober überfielen Kommunisten einige Polizeistationen, um Waffen zu erbeuten, und besetzten öffentliche Gebäude. Die Rebellion konnte niedergeschlagen werden. Die große Revolution in Deutschland, die Leo Trotzki für den 9. November vorgesehen hatte, blieb aus.
Die bayerische Regierung kündigte im Oktober 1923 aus Empörung über das Ende des Ruhrkampfes dem Reich die Loyalität auf. Sie drang auf die Errichtung eines autoritären Regimes in Berlin. Am 30. Oktober verließen die Sozialdemokraten die Reichsregierung: Sie bemängelten, Stresemann habe einseitig den Schlag gegen links verantwortet, aber auf eine Exekution gegen Bayern verzichtet.
In München eskalierte die Situation, als der Putschist Hitler die führenden bayerischen Politiker als Geiseln nehmen ließ. Sein „Marsch auf Berlin“ scheiterte am 8./9. November 1923 im Kugelhagel der bayerischen Polizei an der Feldherrnhalle.
Stresemann stand nun einer Minderheitsregierung vor. Die SPD erreichte ein Misstrauensvotum des Reichstags am 22. November d.J., der Kanzler scheiterte im Gegenzug mit seiner Vertrauensfrage.
Der preußische Ministerpräsident Otto Braun (SPD) würdigte Stresemann für den bewiesenen Mut. Das deutsche Volk schulde ihm größten Dank (Göhring, S. 29). Ähnlich sah es der britische Botschafter in Berlin, Lord d'Abernon. Es lässt sich konstatieren, dass Stresemann und seine Regierungen einen Staatsbankrott und das Zerfallen des Reiches in Einzelstaaten verhinderten.
Stresemann blieb weiterhin Reichsaußenminister in den Regierungen Marx, Luther und Müller, die sich aus Politikern des Zentrums, der SPD, der DVP, DDP und zeitweise der DNVP zusammensetzten. Stresemanns Leistung bestand sicher darin, dass er die Autorität des Kanzlers im Kabinett ausübte und die Gegensätze innerhalb der Regierung überbrückte.
Reichsaußenminister
Bis 1923 amtierten in vier Jahren vier Außenminister. Stresemann war vom August 1923 bis zu seinem Tode 1929 Reichsminister des Auswärtigen in neun Regierungen unter vier Reichskanzlern (ihm selbst, Marx, Luther, Müller). Mit dieser Kontinuität angesichts rasch wechselnder Regierungen war Stresemann nicht der einzige in Europa: Aristide Briand wirkte in 14 unterschiedlichen Kabinetten von 1925 bis 1929, Edvard Beneš amtierte fast 17 Jahre in 16 Regierungen unter neun Ministerpräsidenten als Außenminister der Tschechoslowakei.
Als Minister verfolgte Stresemann das übergeordnete Ziel, Deutschland wieder zu einer gleichberechtigten Macht in Europa werden zu lassen. Im Einzelnen war eine Lösung des Ruhrproblems, der Abzug der Besatzungstruppen, eine Minderung der Reparationsforderungen und eine Änderung der Ostgrenze Deutschlands (friedliche Überwindung des Polnischen Korridors, Zurückgewinnung von Danzig und Ost-Oberschlesiens) vorrangig. Im Gegensatz zur Zeit unmittelbar nach Unterzeichnung des Versailler Vertrags konnte Stresemann auf eine Unterstützung durch die USA hoffen. Amerika hatte „Versailles“ nicht ratifiziert, stattdessen einen eigenen Friedensvertrag mit Deutschland ausgehandelt: der Berliner Vertrag vom 25. August 1921 legte fest, dass die deutschen Reparationsleistungen nicht einseitig „diktiert“, sondern von einem Schiedsgericht festgelegt werden. (US Peace Treaty with Germany - World War I Document Archive)
Das Deutsch-Amerikanischen Abkommen vom 10. August 1922 regelte die gegenseitigen Ansprüche. Der Deutsch-Amerikanischer Freundschafts-, Handels- und Konsularvertrag vom 8. Dezember 1923 folgte.
Um so weniger Hoffnung boten 1924 die französisch-deutschen Beziehungen, denn Staatspräsident Raymond Poincaré stand für einen kompromisslosen antideutschen Kurs – man denke an die Ruhrbesatzung. Als Poincaré im Mai 1924 die Wahlen verlor, stieg die Hoffnung auf eine Entspannung.
Zunächst eröffnete der Dawes-Plan, benannt nach dem amerikanischen Finanzsachverständigen Charles G. Dawes und seiner Kommission, im Jahre 1924 eine verbesserte Perspektive für die deutsche Wirtschaft. Reparationszahlungen wurden an die deutsche Wirtschaftskraft gekoppelt. Zwar waren die Belastungen weiterhin massiv, doch brachte der darauf aufbauende Vertrag eine internationale Anleihe über 800 Millionen Mark als Grunddeckung der Reichsbank mit sich, was das Vertrauen in die neu geordnete Währung deutlich erhöhte. Bis 1929 flossen 21 Milliarden Mark v.a. aus den USA als Kredite und Investitionen nach Deutschland.
Mehr noch ist Stresemanns Name mit den Verträgen von Locarno (1925) verbunden, der auf seine Vorschläge zurückgeht. In der schweizerischen Stadt am Lago Maggiore verzichtete Deutschland ausdrücklich auf eine gewaltsame Änderung seiner Grenzen zu Frankreich und Belgien: ein maßgeblicher vertrauensbildender Schritt gegenüber Frankreich, dessen Außenminister Aristide Briand wie Stresemann aus kleinen Verhältnissen stammte und sich von Kriegs- zum Friedenspolitiker entwickelte. Umgekehrt verzichteten Frankreich und Belgien auf Interventionen nach Art der Ruhrbesetzung. Streit sollte künftig friedlich beigelegt werden – eine völlige Änderung gegenüber den Nachkriegsjahren. Als Garantiemächte (die im Falle einer Vertragsverletzung zugunsten des Angegriffenen auch militärisch einschreiten konnten) fungierten Großbritannien und Italien. Die Vereinbarung zeigte schon sehr bald nach der Unterzeichnung am 1. Dezember 1925 Wirkung.
Bild rechts: Stresemann, Briand und Chamberlain 1925 in Locarno. Quelle: CC-BY-SA 3.0
Großbritannien, vertreten durch den Konservativen Sir Austen Chamberlain, verließ die Besatzungszone Köln zum 31. Januar 1926. Die Räumung des übrigen besetzten Rheinlands, für 1935 vorgesehen, wurde vorgezogen (trotz Stresemanns Drängen verließen erst 1930 die letzten Franzosen das Gebiet). Es sollte anschließend entmilitarisiert bleiben.
Bilaterale Schiedsverträge über die gewaltlose Beilegung von Streitfällen schloss Deutschland außer mit Frankreich und Belgien mit Polen und der Tschechoslowakei. Doch war damit keine explizite Anerkennung der Ostgrenze verbunden.
Stresemann sah die Verträge ausdrücklich als Anfang einer europäischen Friedenspolitik.
Der Wert dieser Verträge erschließt sich nicht nur aus den Ergebnissen, sondern auch daraus, dass Deutschland ein gleichwertiger Verhandlungspartner war und nicht der Empfänger eines Diktats wie 1918 in Compiègne und 1919 in Versailles. Der atmosphärische Kontrast zu dem repressiven Verhalten Frankreichs im „Ruhrkrieg“ (Stresemann) konnte nicht größer sein.
„Locarno“ ermutigte ausländische Investitionen und Kreditvergaben in Deutschland, denn ein Kriegszustand war unwahrscheinlicher geworden. Es waren die Jahre, in denen General Motors die Aktien der Adam Opel AG (1929/1931) erwarb und in denen Ford ein großes Werk in Köln aufbaute (Grundsteinlegung 1930). Deutschlands Wirtschaft stabilisierte sich bis zur Weltwirtschaftskrise. Stresemann kannte seit seiner Tätigkeit beim Deutsch-Amerikanischen Wirtschaftsverband die ökonomische Stärke der Vereinigten Staaten und war davon beeindruckt.
Bild Regierung Hans Luther kurz nach der Ratifizierung der Locarno-Verträge 1925, Stresemann vorn links sitzend. Quelle: CC BY-SA 3.0 de
In das Jahr 1925 fällt jedoch ein Fehler Stresemanns: Er verhinderte die Kandidatur Otto Geßlers (DDP) für das Amt des Reichspräsidenten, weil er durch einen bisherigen Wehrminister eine Eintrübung der deutsch-französischen Beziehungen befürchtete. Schließlich gewann Paul von Hindenburg, wohl zum Entsetzen Stresemanns.
Stresemann, Briand und Chamberlain vereinbarten den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund, der 1926 vollzogen wurde, wobei Deutschland sofort als festes Mitglied im Ständigen Rat angehörte: Dies entspricht ungefähr dem Status des Ständigen Mitglieds im UNO-Weltsicherheitsrat von heute.
Deutschland zielte v.a. auf die Unterstützung der bedrängten deutschen Minderheiten in Ostmitteleuropa, v.a. in Polen. In seiner Antrittsrede am 10. September 1926 in Genf erklärte Stresemann, es sei von geschichtlicher Bedeutung, dass Deutschland und seine früheren Weltkriegsgegner im Völkerbund
„zu dauernder, friedlicher Zusammenarbeit zusammenfinden. Diese Tatsache zeigt deutlicher, als Worte und Programme es können, daß der Völkerbund berufen sein kann, dem politischen Entwicklungsgang der Menschheit eine neue Richtung zu geben. Gerade in der gegenwärtigen Epoche würde die Kultur der Menschheit auf das schwerste bedroht sein, wenn es nicht gelänge, den einzelnen Völkern die Gewähr zu verschaffen, in ungestörtem, friedlichem Wettbewerb die ihnen vom Schicksal zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen. Die grundstürzenden Ereignisse eines furchtbaren Krieges haben die Menschheit zur Besinnung über die den Völkern zugewiesenen Aufgaben gebracht. Wir sehen in vielen Staaten den Niederbruch wertvollster, für den Staat unentbehrlicher geistiger und wirtschaftlicher Schichten. Wir erleben die Bildung von neuen und das Hinsinken von alten Formen der Wirtschaft. Wir sehen, wie die Wirtschaft die alten Grenzen der Länder sprengt und neue Formen internationaler Zusammenarbeit erstrebt. Die alte Weltwirtschaft (…) beruhte auf dem ungeschriebenen Gesetz des traditionellen Güteraustausches zwischen den Erdteilen. Ihn wiederherzustellen, ist unsere Aufgabe. Wollen wir eine ungestörte weltwirtschaftliche Entwicklung, dann wird das nicht geschehen durch Abschließung der Gebiete voneinander, sondern durch Überbrückung dessen, was bisher die Wirtschaft der Völker trennte.
Bild: Stresemann vor dem Völkerbund 1926. Quelle: CC-BY-SA 3.0
Wichtiger aber als alles materielle Geschehen ist das seelische Leben der Nationen. (…) Die einen vertreten das Prinzip der nationalen Geschlossenheit und verwerfen die internationale Verständigung, weil sie das national Gewordene nicht durch den allgemeinen Begriff der Menschheit ersetzen wollen. Ich bin der Meinung, daß keine Nation, die dem Völkerbund angehört, dadurch ihr nationales Eigenleben irgendwie aufgibt. (…) Der wird der Menschheit am meisten dienen, der, wurzelnd im eigenen Volke, das ihm seelisch und geistig Gegebene zur höchsten Bedeutung entwickelt und damit, über die Grenze des eigenen Volkes hinauswachsend, der gesamten Menschheit etwas zu geben vermag, wie es die Großen aller Nationen getan haben, deren Namen in der Menschheitsgeschichte niedergeschrieben sind. (...)
Die politische Auswirkung dieser Gedanken liegt in einer inneren Verpflichtung der Staaten zu gemeinsamem, friedlichem Zusammenwirken. Diese (…) besteht auch für die großen moralischen Menschheitsfragen. Kein anderes Gesetz darf für sie gelten als das Gesetz der Gerechtigkeit. Das Zusammenarbeiten der Nationen im Völkerbunde muß und wird dazu führen, auch auf diese moralischen Fragen im Völkerleben die gleiche Antwort zu geben. Denn das sicherste Fundament für den Frieden ist eine Politik, die getragen wird von gegenseitigem Verstehen und gegenseitiger Achtung der Völker. Deutschland hat sich schon vor seinem Eintritt in den Völkerbund bemüht, im Sinne friedlichen Zusammenwirkens zu arbeiten. Davon zeugt die deutsche Initiative, die zu dem Pakt von Locarno führte. Davon zeugen die jetzt nahezu mit allen Nachbarstaaten abgeschlossenen deutschen Schiedsverträge. Die deutsche Regierung ist entschlossen, diese Politik mit aller Entschiedenheit weiterzuverfolgen. Sie kann mit Genugtuung feststellen, daß diese Gedanken – anfangs in Deutschland heftig umkämpft – sich allmählich immer mehr das deutsche Volksbewußtsein erobert haben, so daß die deutsche Regierung auch für die große Mehrheit des deutschen Volkes spricht, wenn sie erklärt, daß sie sich an den Aufgaben des Völkerbundes mit voller Hingebung beteiligen wird.
(…)
1926 war ferner das Jahr des Berliner Vertrags zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Stresemann hatte den deutsch-sowjetrussischen Beziehungen eine geringere Bedeutung beigemessen als der Westpolitik, denn in Bezug auf die Rheinlandbesetzung wollte er, wie er sagte, „den Würger erst vom Hals haben“ (Stresemann, Kronprinzenbrief). Der Berliner Vertrag betonte die Kontinuität des Vertrags von Rapallo (Verständigung über politische und wirtschaftliche Fragen) und vereinbarte Neutralität, wenn eine der beiden vertragschließenden Seiten von Dritten trotz friedlichen Verhaltens angegriffen werde. Die Vertragsdauer belief sich auf fünf Jahre.
Aber waren mit „Locarno“ und dem Völkerbund die deutsch-französischen Beziehungen vertrauensvoll und freundschaftlich?
In einem Gasthof zu Thoiry bei Genf vereinbarten Briand und Stresemann unter vier Augen am 17. September 1926 eine Art Gesamt-Bereinigung der Konfliktlinien: Vorzeitige Räumung des Rheinlands, Rückgabe des Saarlands, deutsch-belgische Einigung über Eupen-Malmedy. Als deutsche Gegenleistung war eine Stützung des französischen Francs, für Belgien ein finanzieller Ausgleich vorgesehen.
Widerstand in der französischen Regierung unter dem erneut gewählten Premier Poincaré , das Misstrauen Londons über diese deutsch-französische Übereinkunft und Vorbehalte in der für die Finanzierung notwendigen amerikanischen Bankbranche ließen das „Paket“ scheitern. Der Inhalt einer Rede Stresemanns vor der deutschen Kolonie in Genf, frei nach dem Motto „Wir sind wieder wer“, dürfte obendrein die Öffentlichkeit der ehemaligen Entente verärgert haben.
Am 10. Dezember 1926 entschied das Nobelpreiskomitee in Oslo, Aristide Briand und Gustav Stresemann den Friedensnobelpreis zu verleihen. Er galt ihren Leistungen für die deutsch-französische Annäherung und insbesondere den Locarno-Verträgen. Im Sommer 1927 nahm der deutsche Außenminister die Auszeichnung entgegen. Redetexte: Rundfunkrede vom 3 , S. 350-368 und 369ff.
Die Verbesserung der deutsch-amerikanischen Beziehungen erfüllte Briand mit Misstrauen und veranlasste ihn, ein Abkommen mit den USA anzustreben. US-Außenminister Frank B. Kellogg lehnte einen bilateralen Vertrag ab, vielmehr sollten sich auch Großbritannien, Japan und Deutschland daran beteiligen. Deutschland zeigte Interesse. Inhalt sollte die Kriegsverhütung und Konfliktbeilegung sein:
„Artikel I.
Die Hohen Vertragschließenden Parteien erklären feierlich im Namen ihrer Völker, dass sie den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Streitfälle verurteilen und auf ihn als Werkzeug nationaler Politik in ihren gegenseitigen Beziehungen verzichten.
Artikel II.
Die Hohen Vertragschließenden Parteien vereinbaren, dass die Regelung und Entscheidung aller Streitigkeiten oder Konflikte, die zwischen ihnen entstehen könnten, welcher Art oder welchen Ursprungs sie auch sein mögen, niemals anders als durch friedliche Mittel angestrebt werden soll.
Artikel III.
Dieser Vertrag soll durch die in der Präambel genannten Hohen Vertragschließenden Parteien gemäß den Vorschriften ihrer Verfassungen ratifiziert werden und soll zwischen ihnen in Kraft treten, sobald alle Ratifikationsurkunden in Washington hinterlegt worden sind.
Die Außenminister der genannten Staaten sowie von Polen, der Tschechoslowakei und der britischen Dominions unterzeichneten für ihre Staatsoberhäupter am 27. August 1928 in Paris. Zahlreiche weitere Länder folgten. Das Fehlen von Sanktionen im Falle von Vertragsverletzungen lässt das Abkommen eher als Absichtserklärung denn als „Pakt“ erscheinen.
In jener Zeit war seine Außenpolitik keinesfalls unumstritten. Selbst in der eigenen Partei regten sich immer wieder Zweifel.
1928 verschlechterte sich Stresemanns Gesundheitszustand. Schon zuvor litt er unter Herz- und Stoffwechselproblemen, einer Niereninsuffizienz sowie an der Basedowschen Krankheit. Ein Schlaganfall schränkte seine Lese- und Schreibfähigkeit ein. Er gönnte sich seit Jahren keine ausreichend langen Klinik- oder Kuraufenthalte. Entfernt erinnert sein Ende an Friedrich Ebert, der um seine Ehre nach einem äußerst zweifelhaften Gerichtsurteil kämpfend, eine Operation versäumte und mit 54 Jahren starb.
Auf der Haager Konferenz im August 1929 konnte ein weiterer Fortschritt erzielt werden: Der Young-Plan sah geringere deutsche Reparationsleistungen als zuletzt vor, während die Räumung des Rheinlands auf den Sommer 1930 terminiert wurde. Gegner monierten die lange Laufzeit des Reparations-Abkommens.
Die nationalistischen Parteien forderten Zuchthausstrafen wegen Landesverrats gegen diejenigen, die den Young-Plan annehmen wollten, und bereiteten ein Volksbegehren vor.
In seiner letzten Rede vor dem Völkerbund erklärte der bereits von schwerer Krankheit gezeichnete Stresemann im September 1929 eine vorsichtige Zustimmung zu Briands Idee eines auf die Wirtschaft bezogenen Verbandes europäischer Länder, soweit er gegen keine außenstehende Macht gerichtet sei.
Das Ende
In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1929 erlitt Stresemann zwei Schlaganfälle, nachdem seine Feinde die verleumderische Kampagne gegen den Young-Plan begonnen hatten. Er verstarb am folgenden Morgen mit 51 Jahren.
Bild: Feierliche Ausbahrung Stresemanns. Quelle: CC-BY-SA 3.0
Der Publizist Harry Graf Kessler beschreibt den Staatsakt der Trauerfeier:
„Berlin. 6. Oktober 1929. Sonntag
Stresemanns Beisetzung. Strahlend schöner, warmer Tag, aus dem man in den etwas dunklen, mit Flor verhängten Sitzungssaal des Reichstags wie in eine Gruft hineinkam (...)
Der Sarg war unter einer goldenen, mit dem schwarzen Reichsadler geschmückten Decke aufgebahrt. Da der Adler rote Krallen hatte, war die Decke verschämt Schwarz-Rot-Gold; nicht wie bei Walther Rathenau offen Schwarz-Rot-Gold. Auch unter den Schleifen an den Kränzen waren mehrere Schwarz-Weiß-Rot. Frau Stresemann saß tief verschleiert neben Hindenburg in der früheren Hofloge. Daneben in der Diplomatenloge alle Botschafter in großer Gala mit Orden. [Reichskanzler] Hermann Müller hielt die Trauerrede; gut, aber schwunglos. Er selbst sah wie ein Todeskandidat aus, mager und gelb. Der kleine [Henry] Bernhard, Stresemanns Privatsekretär, der hinter [Finanzminister Rudolf] Hilferding auf der Regierungstribüne stand, wischte sich immerfort die Augen.
Beim Hinausgehen auf den Platz entstand ein furchtbares Gedränge unter den Trauergästen infolge der Absperrung; ich quetschte mich zwischen [den Diplomaten] Langwerth, Bernstorff usw. qualvoll durch. Der Platz war bis ganz hinten dichtgedrängt voll, es müssen Zehntausende gewesen sein. [Siegfried von] Kardorff [DVP] sprach von einer schwarz drapierten Estrade, man verstand aber kein Wort, weil immerfort Flugzeuge laut surrend über dem Platz und dem auf dem Leichenwagen stehenden Sarge kreisten.
Nach der Rede setzte sich der endlose Trauerzug in Bewegung. An der Spitze hinter dem Sarge der greise Hindenburg. Ich schloß mich ihm mit Rauscher an, den ich im Gedränge auf der Freitreppe getroffen hatte. Reichsbanner bildete links und rechts an der Trauerstraße vom Reichstag bis zur Wilhelmstraße Spalier. Vor dem A.A. hielt der Zug. Das Fenster von Stresemanns Arbeitszimmer war schwarz drapiert, und auf der Fensterbrüstung stand ein Korb mit weißen Lilien; das war eigentlich das erschütterndste, menschlichste Bild. Hindenburg verließ hier den Trauerzug und ging ins A.A. hinein; die auswärtigen Diplomaten verschwanden in ihre Autos. Ich fuhr zum Reichstag zurück, wo ich [Staatssekretär a.D. Wilhelm ] Solf traf, der einen Wagen suchte und den ich zu seiner Wohnung in der Alsenstraße hinfuhr. »Ich habe mich mit Stresemann ausgesöhnt,« sagte er, »obwohl wir im Kriege scharfe Gegner waren. Stresemann war ja damals ein Berserker!«
Berlin. 7. Oktober 1929. Montag
Es zeigt sich immer mehr, in welch gewaltigem Ausmaße das Volk an der Trauerfeier für Stresemann teilgenommen hat. Viele Hunderttausende haben sich vor seinem Sarge verneigt. Eine Zeitung sagt mit Recht, es war kein Staatsbegräbnis, sondern ein Volksbegräbnis. Das Kapital an Prestige, das er hinterläßt, ist unermeßlich; (…) “.
Rundfunkreportage zur Trauerfeier im Reichstag mit der Rede von Reichskanzler Hermann Müller: Archivradio - Geschichte im Original · Trauerfeier für Gustav Stresemann im Reichstag · Podcast in ARD Sounds
Gedankenspiel: Präsidentenwahl 1932
Kurz vor seinem Tod weihte Stresemann seinen späteren Nachfolger Julius Curtius ein: Er wolle im Jahre 1930, nachdem er die Befreiungsfeiern im Rheinland geleitet habe, zurücktreten und sich nachhaltig erholen. Er zog eine Kandidatur zur Reichspräsidentenwahl 1932 in Erwägung. Es ist fraglich, ob er angesichts von Wirtschaftselend und Extremismus gesiegt hätte. Gegenthese: Als Kandidat eines breiten Bündnisses von der demokratischen Linken bis zur gemäßigten Rechten hätte er gegen Hitler gewonnen. Wir wissen es nicht. Prinz zu Löwenstein kommt zu dem nicht belegten, spekulativen, gleichwohl bemerkenswerten Schluss:
„Zweifellos wäre er im Jahre 1932 zum Reichspräsidenten gewählt worden. Weder die Cliquen, die die Regierung Brüning erst schufen und dann stürzten, noch der Nationalsozialismus wären unter Stresemann zur Macht gelangt. Noch einige Jahre, und die Wirtschaftskrise war überwunden. Eine Deutsche Republik europäischen Geistes, demokratisch und sozial im Aufbau und in der Gesetzgebung, hätte die moralische Autorität besessen, die abendländische Gemeinschaft zu einigen und ihr die Gesittung des Friedens wiederzugeben“ (Löwenstein 1976, S. 525).
Fazit
Sein Ziel, Deutschland wieder zu einem gleichberechtigten, gleichwertigen, vertrauenswürdigen Staat in Europa zu machen, hat Stresemann in großen Teilen erreicht – es war eine riesige Wegstrecke seit dem gescheiterten Ruhrkampf.
Stresemann verfügte über ritterliche Tugenden: Er sah die katastrophale Realität und versuchte unter dem Vorzeichen der Mäßigung anstelle maximaler Ansprüche zu Lösungen zu kommen, die den betroffenen Menschen nützen: insbesondere, was die Deutschen in der besetzten Rhein-Ruhr-Region anging. Dabei bezog er das Sicherheitsbedürfnis und überhaupt die Interessen der stärkeren Mächte Großbritannien und v.a. Frankreich mit ein. Er zeigte ein hohes Maß an Weisheit in der Konzeption und Besonnenheit in der Durchführung. Dabei unterstützten ihn außerordentlich fachkundige Mitarbeiter.
Stresemann hielt einer jahrelangen Hetze stand, die sogar Morddrohungen beinhaltete (schließlich war das Schicksal der Verständigungspolitiker Erzberger und Rathenau unvergessen). Er ging den Weg weiter, den er für richtig hielt, auch wenn manches langwieriger verlief als vielleicht erwartet. Beständigkeit und Berechenbarkeit lassen sich ebenso erkennen wie Tapferkeit in der geistigen Auseinandersetzung.
Wir erkennen Treue (triuwe) gegenüber dem Staatswesen, der öffentlichen Ordnung, den als richtig erkannten und gelebten Idealen. Die höfischen Tugenden Würde (werdekeit) und Ehre (ere) kommen in seinem beispielhaften Auftreten in der Öffentlichkeit zum Ausdruck.
Der marxistische Historiker Arthur Rosenberg schrieb im Exil 1935 zu Recht:
„Stresemann war der erste deutsche Staatsmann seit Bismarck, der einen wirklichen, umfassenden Plan der Außenpolitik hatte und ihn im Wesentlichen konsequent durchführte. So gewann Stresemann im Ausland ein Vertrauen, wie es ebenfalls seit 1890 kein deutscher Staatsmann genossen hatte. Die Verleihung des Nobel-Friedenspreises an Stresemann, als verantwortlichen Leiter der deutschen Außenpolitik, zeigte, wie sehr sich die internationale Stimmung seit 1919 gewandelt hatte. Stresemann stützte sich in erster Linie auf die Freundschaft Englands und Amerikas, aber er verband damit (…) gute Beziehungen zu Rußland (…) und durchaus korrekte, manchmal sogar freundschaftliche Beziehungen zu Frankreich“ (Rosenberg, S. 188).
Ausblick
Der Tod Stresemanns und die Entlassung Schuberts 1930 schädigten die deutsch-französischen Beziehungen massiv. Stresemanns Linie wurde bereits unter Reichskanzler Brüning abgebrochen. Der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund im Oktober 1933 besiegelte das Ende der Verständigungspolitik.
Literatur
Martin Göhring: Stresemann. Mensch, Staatsmann, Europäer. In: Josef Scheidel (Bearbeiter): Gustav Stresemann. Festschrift zur Wiedererrichtung des Stresemann-Ehrenmals in Mainz am 16. Oktober 1960. Mainz: Arbeitsausschuss für die Wiedererrichtung des Stresemann-Denkmals, 1960, S. 17-54
Hubertus Prinz zu Löwenstein: Stresemann. Das deutsche Schicksal im Spiegel seines Lebens. Frankfurt 1952
Ders.: Deutsche Geschichte. München 1976
Rudolf Olden: Gustav Ernst Stresemann. Berlin 1929 (Quelle)
Hans Heinrich Redlhammer: Stresemann – Briand – Chamberlain. Seite an Seite als Kämpfer für den Frieden Europas. In: Scheidel, S. 55-71 Hierbei handelt es sich um eine wichtige Quelle. Der Autor war Mitarbeiter Stresemanns als in der Locarno-Delegation.
Arthur Rosenberg: Geschichte der deutschen Republik. Karlsbad 1935
Josef Scheidel (Bearbeiter): Gustav Stresemann. Festschrift zur Wiedererrichtung des Stresemann-Ehrenmals in Mainz am 16. Oktober 1960. Mainz: Arbeitsausschuss für die Wiedererrichtung des Stresemann-Denkmals, 1960
Jonathan Wright: Gustav Stresemann 1878-1929. München 2006
Tondokumente
Dr. Anna Kranzdorf befragt Prof. Dr. Andreas Rödder
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Beiträge im Internet
https://silberner-schluessel.de/unsere-loge/geschichte-der-grossloge-zu-den-drei-weltkugeln/
Wikipedia: Karl Habicht, Gustav Stresemann